Videos

Martin Taylor
„The Music Of Duke Ellington, Arranged For Fingerstyle Guitar“
(Stefan Grossman’s Guitar Workshop)

Natürlich ist Martin Taylors Musik stellenweise phänomenal, und die von Duke Ellington verbreitet als seltener Glücksfall die spritzige Unmittelbarkeit zeitloser Schlager bei gleichzeitig raffiniert-reizvollen Harmonien. Doch schon der Anspruch des Fingerstyle-Jazz als Vorgabe führt den Gitarrenpädagogen in ein schier auswegloses Dilemma: Das technische Rüstzeug zum Nachspielen mitzugeben, reicht für sich nie aus, obwohl allein dessen Vermittlung schon einem Meisterstück gleichkäme. Rasch merkt man, dass es da auch dem wunderbaren Gitarristen Martin Taylor an methodisch-didaktischer Problemlösungskompetenz mangelt: Er spielt wunderschöne Arrangements von Ellington-Klassikern wie „Don´t Get Around Much Anymore“ und „In A Mellow Tone“ einfach vor und erläutert sie dann recht sparsam - wohl in der Hoffnung, dass das von alleine abfärbt und motiviert. Damit liegt er zwar nicht ganz daneben. Nur scheint er auf ärgerliche Weise inkonsequent. Denn wer sich überhaupt an ein solches Niveau wagt, dem muss man statt Banalem zum Jazz (Arrangement als Sicherheitsnetz für Improvisation, Call and Response) den echten handwerklichen Schlüssel zu Taylors Methode an die Hand geben, und zwar detailliert und systematisch. Da dieser aber über all dies nonchalant hinweggeht und bloß sporadisch kleine Samenkörner seiner Weisheit fallen lässt, bleibt zu befürchten, dass bei dem offenbar vorausgesetzten Niveau hauptsächlich die Gitarristen ein paar Licks lernen, die schon so gut sind, dass sie fast auch ohne Video zurechtgekommen wären. Allerdings: Voller Juwele steckt diese Trickkiste schon. Und diese üben vielleicht einen Sog aus, der einen beflügeln kann, sie selbst zu bergen. Dafür bietet Taylors Spiel auf diesem Video gleich selbst das beste Beispiel. Michael Lohr

Bücher, Noten

Jürgen Schwab
„Die Gitarre im Jazz“
(Con Brio Verlag, 339 S.)

Einiges ist schon geschrieben worden über die Jazzgitarre. Biografisches, Historisches, viel über die verwendeten Instrumente. Das Meiste davon ist in englischer Sprache. In Deutschland stand Alexander Schmitz’ Werk „Jazzgitarristen“ bisher recht allein auf weiter Flur. Nun hat es endlich Gesellschaft bekommen. Der Autor Jürgen Schwab ist studierter Musikpädagoge und Musikwissenschaftler. Nicht zuletzt ist er selbst Gitarrist und Jazzgitarren-Fan. Vorweg sei erwähnt, dass sich das vorliegende Buch auf durchaus wissenschaftliche Weise mit seinem Thema auseinander setzt. Trotzdem ist es - Schwab sei Dank - locker zu lesen und nicht nur informativ, sondern sogar durchaus kurzweilig. Einen handfesten Vorteil des wissenschaftlichen Arbeitens gibt es für uns Leser auch: Im Anhang sind ausführliche Notenbeispiele abgedruckt, es gibt explizite Quellenangaben, Platten- und Literaturverzeichnis sowie ein Glossar der häufig verwendeten Fachbegriffe. Das fördert die Verwendung als Nachschlagewerk und langfristige Informationsquelle. Die stilistische Entwicklung von etwa 1920 bis 1960 untersucht Schwabs Werk in insgesamt sechs Kapiteln. Jeder besprochene Musiker wird biografisch vorgestellt, Soli und Begleitungen werden analysiert, und eine musikhistorische Einordnung wird in einer Zusammenfassung vorgenommen. Alles ist äußerst fundiert dargestellt; man spürt sowohl die umfassende Fachkenntnis des Autors als auch seine darüber hinausgehende persönliche Beschäftigung mit der Materie. Hier eine Liste der wichtigsten vorgestellten Gitarristen: Johnny St. Cyr, Lonnie Johnson, Eddie Lang, Django Reinhard, Charlie Christian, George van Eps, Barney Kessel, Tal Farlow, Billy Bauer, Jimmy Raney, Johnny Smith, Kenny Burrell, Wes Montgomery. Sollte Ihr Liebling dabei sein, werden Sie um dieses Buch kaum herumkommen. Wer sich ernsthaft für das Thema Jazzgitarre interessiert und vor gelegentlichen intellektuellen Exkursen nicht zurückschreckt, sollte Schwabs Buch im Regal haben. Andreas Schulz


CDs

Tracy Chapman
„Telling Stories“ (Elektra/WEA)


Auf einen Schlag war sie die berühmteste Gitarre spielende Sängerin der Welt. Für alle, die sich nicht mehr erinnern können: Am 11. Juni 1988 feierte die Welt den 70. Geburtstag von Nelson Mandela. Im Londoner Wembley-Stadium hatten sich einige der bekanntesten Musiker zu einem Megakonzert versammelt, um den unbeugsamen Südafrikaner zu ehren. Dieses Großereignis wurde in 64 Länder übertragen, und der eigentlich als nur kurzes Interludium geplante Auftritt einer unbekannten schwarzen Singer/Songwriterin aus Cleveland, Ohio, wurde für sie zum alles entscheidenden Lebensmoment. Immerhin 80.000 Menschen hörten ihr in der Wembley-Arena zu, wie sie natürlich und gelassen zur akustischen Gitarre sang. Headliner Stevie Wonder sollte folgen, doch sein Keyboard fiel überraschend aus (hieß es jedenfalls), und die damals 24-jährige Studentin kehrte auf die Bühne zurück und spielte Song um Song, alle selbst geschrieben und jeder einzelne von ihnen wohlgerundet und wundervoll. Weltweit wurden dann über drei Millionen Exemplare vom ersten Album „Tracy Chapman“ verkauft. Jetzt ist sie zurück, nach fünf Jahren Pause, und wenn man sich ihre neuen Lieder auf „Telling Stories“ anhört, merkt man plötzlich, dass sie einem irgendwie gefehlt hat - diese sympathisch zurückhaltende Frau mit ihrer versöhnlich und warm klingenden Stimme, die intime („Devotion“) und bedächtig politische („Paper And Ink“) Geschichten singend erzählt, ganz unprätentiös, leise die Saiten der Gitarre streichelnd. Sie hat sich kein bisschen verändert, und das ist gut so. Tracy Chapman weiß, dass sie am besten, dass sie am glaubwürdigsten ist, wenn sie nicht viel Aufhebens um ihre Kunst macht; sie weiß, dass man nicht schreien muss, um die Welt zu verändern. Andreas Fuchs


Marcio Faraco
„Ciranda“
(Universal Music)

Als Erstes ist ein Kompliment für das Äußere dieser CD fällig. Ein wirklich schön aufgemachtes Package, gut designed, schön anzusehen. Das bleibt nicht das einzig Lobenswerte. Rotiert nämlich diese Scheibe im CD-Player, fällt es schwer, weiterhin am Schreibtisch sitzen zu bleiben. Viel angebrachter wäre ein kleiner, gelassener Tanz im Garten. Danach ein Caipirinha gefällig? Die Stimmung dieser Musik ist wunderbar entspannt, ohne je in Langeweile abzugleiten. Wer ein Faible für brasilianische Musik auf der Basis einer sauber gespielten Nylonstring-Gitarre hat, darf hier zuschlagen. Marcio Faraco ist 37 und stammt aus dem Süden Brasiliens. Da seine Familie oft umziehen musste, lernte er die ganze Bandbreite brasilianischer Stile kenne, die Samba des Südens, den Baiao des Nordens und die Toada, die im westlichen Zentralland gespielt wird. Später lebte Marcio in Rio und in Paris, wo er sich am freiesten fühlte, „seine“ Musik zu spielen. Zurück in Brasilien bekam er schließlich die Unterstützung prominenter Kollegen, die zu dieser CD führte. Seine Stimme erinnert entfernt an den Bossa-Nova-Mystiker Joao Gilberto. Faracos Musik allerdings ist ungleich lebhafter und auf dieser Platte dicht und variantenreich instrumentiert. Die Songs bieten alles, was man heute von guter brasilianischer Musik erwarten darf; mit den Traditionen eines Tom Jobim wird behutsam und respektvoll umgegangen. Party-Musik ist das keine, aber selbst beim Schreiben dieser Rezension muss man immer wieder unterbrechen, um sich kurz dem Rhythmus und dem Fluss von Faracos Songs hinzugeben. Andreas Schulz

 

David Johansen
„... And The Harry Smiths“
(Chesky Records/In-Akustik)

Wer ist David Johansen? Und wer ist Harry Smith? Fragen über Fragen. Hört man in die CD rein, erübrigen sich die Fragen, beantworten werden wir sie trotzdem. „Blues & Roots“-Music ist hier aufgenommen worden. Johansen, der auf dem Cover abgebildete breitlippige „Unsympath“, verwandelt sich in einen netten Gesellen, sobald er anfängt zu singen. Dann mag man ihn sogar, genau wie die anderen Bandmitglieder, die mit ihren Fahndungsfotos auf dem Cover abgebildet sind. Die Traditionals auf diesem Album sind irgendwie ganz unspektakulär gespielt, aber sie schleichen sich unweigerlich in die Gehörgänge. Die Instrumentation ist mit akustischen Gitarren, Mandoline, Banjo, Bass und Percussion standesgemäß. Was soll ich sagen, mir wird das Ganze immer sympathischer. Traditionspflege, charmant und unverkrampft. Jetzt sollten wir auch aufklären, wer hier am Werk ist und warum. Also, Johansen war einst ein lippenstiftverschmierter Glam-Punk und gehörte zu den „New York Dolls“. Heute hat er seine Liebe zur amerikanischen Blues- und Song-Tradition entdeckt. Jetzt kommt Harry Smith ins Spiel. Der nämlich war der Herausgeber der „Anthology Of American Folk Music“, veröffentlicht von Folkaways 1952. Diese Aufnahmen gehörten zum Einflussreichsten des Recording-Business überhaupt und prägten die Musik der nächsten 50 Jahre. Hier sind tatsächlich einige neue „Harry Smiths“ zugange, die lustvoll und augenzwinkernd aufspielen, bar jeglicher Virtuosität, abseits von technischen Parametern. Fast hat man das Gefühl, zufällig der Probe eines umherziehenden Blues-Songsters und seiner Band beizuwohnen. Wer möchte, darf gern mitspielen. Mir gefällt das vollkommen Ungekünstelte, ohne jeden Anspruch, bedeutungsschwanger zu sein. Es macht Spaß, ist authentisch gespielt und hat deshalb seine Berechtigung. So, jetzt lassen wir die CD gleich noch mal laufen. -as-

4-2000