Vorgestellt


Country-Preacher

Doyle Dykes

Taylor Guitars ist ein modernes Unternehmen, dessen Hauspostille nicht unwesentlich zu Firmenimage und Kundenpflege beiträgt. In diesem "Wood & Steel" eben tauchten ab 1996 vermehrt Hinweise auf einen unglaublichen Fingerpicker auf, von dem man in Europa noch nie gehört hatte. Der Name: Doyle Dykes.countryx.jpg (10594 Byte)

Das sollte sich auf der Frankfurter Musikmesse 1998 ändern. Von schier unglaublich schnellen und klaren Klangkaskaden einer Fingerpicking-Gitarre wurden Unmengen Zuschauer magisch an den kleinen Stand eines Saitenherstellers gezogen. Wer in der drangvollen Enge überhaupt etwas sah, erblickte an der Gitarre einen typisch strahlenden amerikanischen Boy, der eine geradezu teuflisch gute Bluegrass-Komposition spielte und aus dem Nichts aufgetaucht schien.

Bei diesem Nichts handelte es sich um Jacksonville in Florida, wo der elfjährige Doyle Dykes 1965 erstmals zur Gitarre griff, und zwischen diesem Moment und dem berauschenden Auftritt in Frankfurt lag keineswegs eine zielstrebige Gitarristenkarriere. Charakteristischerweise hatte der junge Doyle von all den potentiellen Motiven hinter dem Gitarrespiel eines Heranwachsen-den das wohl ausgefallenste: ein starkes religiöses Erweckungserlebnis und den daraus resul-tierenden Wunsch, Gott zu danken: "Musik schien mir dabei eine Rolle spielen zu können".

Nun fallen im ländlichen Amerika, wo der blaue Himmel ein gutes Stück blauer ist als hierzulande und das Laub der Bäume ein gutes Stück grüner, auch die religiösen Erlebnisse oft konsequenter aus. In einer seit Generationen tief religiösen Familie aus Jacksonville, Florida erregten die spirituellen Anwandlungen des Jungen wenig Aufsehen. Schwierig allerdings gestaltete sich in diesem Umfeld der Versuch, sich Gott gegenüber musikalisch zu profilieren: Doyles Großvater war bereits Chorleiter gewesen, der Vater musizierte in der Kirche, und in der Familie wurde viel gesungen. Da der zwei Jahre ältere Bruder bereits mit enormen Fortschritten Klavier spielte und Doyle den Tastenunterricht hasste, war dieser Weg versperrt: "Es ist eben schwer, einem so fleißigen und talentierten Bruder nachzufolgen ...". Doyle Dykes entschied sich für die Gitarre, ohne vorher jemals den geringsten Wunsch dazu gehabt zu haben: "Ich war erst elf, aber ich wusste, dass sich da eine bedeutende Wende in meinem Leben vollzogen hatte."

Unterricht oder gar eine Ausbildung auf dem Instrument hat er nie genossen. "Mein Vater hat mir am Anfang geholfen - der war Gitarrist, und zwar ein wirklich guter. Aber er hat kein Fingerpicking gespielt." Das taten Doyles erste Gitarrenhelden Chet Atkins und Merle Travis. "Ich habe mir dann jede Chet-Platte gekauft, die ich kriegen konnte, und habe mir sie stundenlang angehört, wenn ich aus der Schule kam."

Nach der High School ging er nach Nashville, und zwar im Begleittross des "Stamps Quartet", das einerseits auf der Gospelschiene arbeitete, andererseits im weltlichen Bereich als Hintergrundchor für Elvis Presley fungierte. Kurz bevor er den King treffen sollte, riet Dykes´ innere Stimme davon ab, und er fühlte sich allmählich fehl am Platz. Konsequenz: Dykes verließ die Band, ging zurück nach Jacksonville und heiratete. Erst zwei Jahre später verspürte er wieder den Drang, Gitarre professionell zu spielen, und ein Freund, der als Gitarrist an Nashvilles Grand Ole Opry arbeitete, meinte am Telefon: "Wenn du mit den "Stamps" spielen konntest, dann kannst du auch mit jeder Country-Band spielen!"

Doyle Dykes wurde in der Tat sofort engagiert, und zwar vom legendären "Grandpa" Jones.

Mit ihm tourte er drei Jahre um die Welt und spielte seither nie wieder in einer anderen Band. Im Gegenteil - zunächst zog er sich wieder ganz aus dem Musikgeschäft und nach Jacksonville zurück, um sich seiner Familie (vier Kinder zwischen 22 und 10) zu widmen. Nach einigen Jahren als Jugendpfarrer in Jacksonville und nach der Gründung einer eigenen Kirche(!!) zog es ihn wieder auf die Bühne, und er trat zunächst hauptsächlich in Kirchen auf, was ihn nicht ganz zufriedenstellte: "Ich wollte mehr erreichen, ich wollte an Musiker herankommen. Ich habe Gott in diesen Dingen um Rat befragt, und dann kamen die Dinge ins Rollen ..." Dykes wollte allerdings auch mehr als Karriere und Selbstverwirklichung: "Ich würde gerne andere Musiker davon überzeugen, dass man weder Drogen noch Alkohol braucht, um kreativ zu werden."

Der Einstieg zur Kreativität: "Es ist gut, andere Musiker zu imitieren und alles zu lernen, was man überhaupt lernen kann von Leuten wie Chet Atkins, Jerry Reed oder Lenny Breau - das sind so meine Helden. Aber es ist genauso gut Musik zu schreiben. Und wenn man das schon tut, dann sollte man sich auch selbst aufnehmen." Eine selbst produzierte CD leitete in Dykes´ Fall die Wende ein: "Sie hat mir geholfen, eine Plattenfirma zu finden, und sie hat mir Türen geöffnet, z.B. bei Taylor." Dykes wurde ein Taylor "clinician" (ein Gitarrist, der im Firmenauftrag Workshops leitet), eine weitere CD kam zustande, ein größeres Label war interessiert, und inzwischen ist er auf verschiedenen Anthologien vertreten. "Meine Musik geht heute um die Welt, was für mich absolut unglaublich ist."

Inzwischen hat Dykes ein eigenes Gitarrenmodell und seinen eigenen Rivera-Verstärker, zu dessen Entwicklung der Fingerpicker Ideen und Tips beigesteuert hat. Ferner tritt er schon heute mit einer schwarzen Taylor auf, die in diesem Jahr noch als "Doyle-Dykes-Signature-Modell" herauskommen soll."Ich trete in jedem erdenklichen Raum von 100 bis 40.000 Zuhörern auf. Mir schwebte ein Tonabnehmer vor, mit dem ich mich jederzeit wohl fühlen kann - mit einem sehr warmen Klang, aber trotzdem hell und klar genug, um die Charakteristik einer Akustischen wiederzugeben. Zweieinhalb Jahre habe ich mit Lloyd Baggs an dem Tonabnehmer getüftelt. Wir sind dabei von einer Taylor 614 ausgegangen und haben sie dann flacher gebaut; wir haben nun die Tiefe einer Grand Concert bei sonstigen Grand-Auditorium-Maßen und dadurch mehr Kontrolle über den Bass auf der Bühne."

Dykes, der sich inzwischen in Tennessee niedergelassen hat, zwei Stunden südlich von Nashville, wird in der Tat auf den Bühnen herumgereicht - von der Country Music Hall of Fame bis nach Japan. Seine Gitarrenhelden von einst wie Chet Atkins sind Kollegen oder gar gute Freunde geworden. Manchmal schreibt Dykes unterwegs zwischen Auftritten die Stücke, die ihn überhaupt in diese Spitzenliga der Gitarristen katapultiert haben. "Gitarre 2000" etwa entstand, als ihn der CD-Player im Auto auf einer langen Strecke im Stich ließ und er sich im Kopf ein komplettes Instrumental ausdachte, um die Zeit totzuschlagen - ähnlich ging es mit "The Road Back Home". Mitten in der Nacht zu Hause fiel ihm das klagende "Passings" ein, als er nicht schlafen konnte - am nächsten Morgen erfuhr er, dass ein Freund gestorben war. "Bei ‚The Visitation‘ sagen sogar meine Kinder, dass ich mit der Komposition dieses Titels nicht viel zu tun hatte - du hast es nur zum ersten Mal gespielt.

Und heute bedient er seine Taylor, als hätte er nie etwas anderes getan (immerhin hat er nie mit einem Plektrum gespielt). Von mitreißenden Country-Titeln über Latin-Anwandlungen, von feinem Impressionismus bis hin zu rockig-donnernden Crescendi ist er dabei, der amerikanischen Fingerpicking-Gitarre neue Wege zu eröffnen - in Stil, Präzision und Spielfreude. 1999 gab es für ihn in Frankfurt schon deutlich mehr Platz als im Vorjahr - er trat ganz offiziell am Taylor-Stand auf. Was andere aber oft als lästiges Pflichtprogramm auffassen, verwandelt Doyle Dykes mit der inneren Kraft eines Menschen, der andere Werte als Ruhm und Geld schätzt, in unvergessliche Sternstunden. "Das Talent eines Menschen ist größer als er selbst. Deshalb sollte man nicht großspurig werden oder nur spielen, um reich zu werden. Das kann zwar auch passieren - aber wenn nicht, dann sollte man seine Musik eben verschenken und Menschen glücklich machen." Michael Lohr