Vorgestellt


Righteous Babe

Ani DiFranco

Von Andreas Fuchs

"Guck mal! Hier kann nur ich aufrecht stehen", freut sich die kleine Frau, die trotz der hohen Absätze ihrer Stiefel kaum 160 Zentimeter misst. Ani DiFranco führt mich durch ihren gefährlich niedrigen Tourbus zu einem Tisch, setzt sich hin und lächelt. ami.jpg (10559 Byte)

Moment mal. Das soll die gefährliche amerikanische Folk-Punk-Künstlerin sein, die in dem Ruf steht, eine aggressive Feministin zu sein und sogar von ihrem deutschen Schallplattenvertrieb als "unnahbar und explosiv" beschrieben wird? "Ja, ja", zuckt Ani (ausgesprochen: Ah-nie) mit den Schultern, "???". Mit Vorurteilen hatte Ani DiFranco immer schon zu kämpfen.

Sie wurde am 23. September 1970 in Buffalo, New York geboren. Ihre Eltern verstanden sich irgendwann nicht mehr sonderlich gut, die Ehe ging in die Brüche, und Ani wuchs bei ihrer Mutter auf. Im Alter von neun Jahren entdeckte sie die akustische Gitarre. "Ich weiß nicht, warum. Wahrscheinlich, weil ich ein kleines Mädchen war, das ein großes Spielzeug brauchte. Viele Mädchen begeistern sich für Pferde, und die Gitarre war mein Pferd." Als sie zehn war, begegnete sie dem stadtbekannten Sänger Mike Meldrum, den sie zu seinen Auftritten in Bars und Kneipen begleitete, wo sie die Bekanntschaft vieler Folksänger und Künstler machte. Irgendwann ging sie selbst rauf auf die Bühne, sang ihre Lieder und zupfte die Gitarre. Zuerst noch zögerlich, dann immer härter und härter, bis sie ihren eigenen, unverwechselbar brutalen Spielstil entwickelt hatte. "Das war zuerst einfach nur für mein Überleben in den Bars notwendig. Wenn sich keiner sonderlich für das kleine Mädchen mit der akustischen Gitarre in der Ecke interessiert, muss man die Leute eben zum Aufhorchen zwingen."

Mit 15 Jahren zog sie zu Hause aus und begann ihr eigenes Leben. Nachdem sie in Buffalo die Art School abgeschlossen hatte, zog sie nach New York und schrieb sich an der New School for Social Research ein. Tagsüber studierte sie, doch die Nächte verbrachte sie in Clubs. Schnell konnte sie sich eine treue Stammhörerschaft erspielen, die sie nach und nach per Mund-zu-Mund-Propaganda in der ganzen Stadt berühmt werden ließ als die alternative Folksängerin mit dem Punklook. Ein kahl rasierter Kopf oder bunt gefärbte Haare, Piercings und Tattoos prägten ihr Erscheinungsbild und Image, das äußerlich nichts mit dem von bekannten Folk-Künstlerinnen wie Joan Baez oder Joni Mitchell zu tun hatte.

1990 gründete Ani DiFranco ihr eigenes Label "Righteous Babe Records", nachdem sie Angebote von diversen Schallplattenfirmen abgelehnt hatte. "Ich bemerkte bald, dass von unbekannten Musikern erwartet wurde, sich selbst zu prostituieren. Ich schaute mir die Verträge an und dachte: Das ist doch nicht fair! Ich war nie bereit, dieses Spiel mitzuspielen." Heute werden ihr für ihr Label Millionenbeträge geboten, und ihre Platten verkaufen in den USA und in Kanada locker sechsstellige Auflagen. Ani DiFranco wird weltweit respektiert als Protagonistin des neuen Folk — auch von konservativen Fans. 1996 nahm sie mit der lebenden Folklegende Bruce "Utah" Phillips das gemeinsame Album "The Past Didn’t Go Anywhere" auf, und im Oktober 1997 stand sie als Special Guest von Bob Dylan in der ausverkauften Wembley Arena von London auf der Bühne. Kaum waren die Lobgesänge auf ihr Album "Little Plastic Castle" verhallt, erschien im März diesen Jahres mit "Up Up Up Up Up Up" ihr nunmehr zwölftes eigenes Album — dabei ist Ani noch nicht mal 30 Jahre alt. Diese Frau ist mit gewöhnlichen Maßstäben sicherlich nicht zu messen.

Ich weiß noch genau, wann ich zum ersten Mal eine Platte von dir gehört habe. Das war Anfang 1996 — ein Konzertmitschnitt vom Festival "Women In (E)motion" [siehe Akustik Gitarre 2/96]. Kannst du dich an diesen Auftritt erinnern?

Ani DiFranco: Oh ja, ich erinnere mich daran. Das war mein allererstes Konzert in Deutschland. Ich glaube sogar, mein erstes Konzert in Europa.

Seitdem hat sich für dich ja eine Menge verändert. Man könnte sagen, du bist ein richtiger Star geworden, auch wenn du dieses Wort bestimmt nicht mögen wirst.

Ani DiFranco: Ein Star? Meinst du wirklich? Hier in Europa ist es für mich ganz anders als in den Staaten. Ich finde es richtig cool, wieder in kleinen Clubs zu spielen. Fast wie in den alten Zeiten, als ich das Publikum noch riechen konnte (lacht).

Man könnte aber sagen, dass du eine makellose Karriere hingelegt hast.

Ani DiFranco: Ja, aber ich denke nicht über solche Dinge wie eine Karriere nach. Ich sehe meinen Weg eher als meine Arbeit an. Ich schreibe Songs und ich singe für Leute. Ich glaube, der Grund, warum ich hier sitze und Interviews gebe und bekannt bin, ist nicht, dass ich eine großartige Strategie oder so etwas hatte, um unbedingt independend zu sein. Es war viel mehr das, was ich nicht sein wollte. Ich wollte an der industriellen Musikvermarktung nicht teilnehmen.

Gear:

Ani DiFranco spielt – neben einer Tenorgitarre – hauptsächlich auf einer elektroakustischen Gitarre von Alvarez/Yairi, dem Bob-Weir-Modell WY 1, für das sie in amerikanischen Gitarrenmagazinen sogar geworben hat. "Das ist eine gute kleine Gitarre, die auch mal einen Schlag verträgt." Diese Gitarre nimmt sie im Studio normalerweise mit zwei alten Röhrenmikrofonen ab und mischt diesen rein akustischen Klang mit dem Sound des eingebauten Pickups. Für einige Songs (vor allem auf den Alben "Dilate" und "Not A Pretty Girl") splittete sie das Pickup-Signal zusätzlich. Ein Kabel führt direkt ins Mischpult, ein zweites Kabel in einen ihrer diversen elektrischen Verstärker (z.B. einen Silvertone Amp), was ihrer Yairi-Gitarre zum Teil zu einem beinahe elektrischen Sound verhilft. Ani benutzt dicke Medium-Strings von D’Addario, die sie entweder mit einem dreieckigen Fender Heavy Pick, aufgeklebten künstlichen Fingernägeln oder mit Gaffa-Tape befestigten Fingerpicks aus Plastik bearbeitet und – neben der normalen Stimmung – in verschiedenen Tunings spielt: z.B. E-B-B-G-B-D/G-G-C-G-C-D/D-A-C-G-B-D oder D-A-D-G-A-F. Sie schwört auf die Kapodaster von Shubb.