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Neuling

Andreas Perger

Andreas Perger: "Halbtags Jazz und Klassik"

Wahnwitz, kreativer Über- und musikalischer Ausschuss ... Vermutlich von allem etwas steckt in dem Münchener Gitarristen Andreas Perger, der sich vor wenigen Wochen mit einer Veröffentlichungsexekutive von nicht weniger als 10 (!) CDs auf einen Schlag bundesweit ins Gespräch brachte.

Geradezu genial dürfte dieser Schachzug auch inperch.jpg (6092 Byte) vermarktungstechnischer Hinsicht gewesen sein. Der Gitarrist Perger, von dem jahrelang niemand Notiz nahm, ist plötzlich zum Thema in der Fachpresse avanciert. Rundfunkwerbung wird ebenso geschaltet wie zahlreiche Anzeigen von Plattenfirmen und Instrumentenherstellern, die selbstverständlich auch von dem künstlerischen Potenzial dieses Gitarrenaufsteigers überzeugt sind und den Künstler mit den besten Mitteln unterstützen. Andreas Perger: "Ich habe schließlich lange dafür gearbeitet, habe zehn Jahre lang auch Demos an Plattenfirmen geschickt und immer wieder diese beherzten Absagen bekommen - man muss natürlich auch etwas Glück haben, den richtigen Mann im richtigen Moment zu treffen".

Perger hätte tatsächlich Schwierigkeiten gehabt, sein gesammeltes musikalisches Material auf nur eine CD oder auch auf ein Doppelalbum zu bringen. So umfangreich wie das Werk sind schließlich seine musikalischen Interessen: Die klassische Gitarre und der Jazz stehen dabei eindeutig an erster Stelle. Popmusik ist ebenfalls durchaus ein "ernstes" Thema für den 29-jährigen Vielsaiter; schräge Improvisationen mit New Yorker Jazz-Funk-Mentalität mag Perger ebenso wie die intime Kammermusik mit Streichquartett und Konzertgitarre. Die Stationen seiner Ausbildung beinhalten Studien am Richard-Strauss-Konservatorium in München, am Berklee College Of Music in Boston und Privatstunden u.a. bei John McLaughlin, John Scofield und Joe Pass. "Ich habe zwar Klassik studiert - allerdings nur ‚halbtags‘! Die andere Hälfte des Tages habe ich mich dann mit dem Jazz beschäftigt und habe mir meine Lehrer in der Szene gesucht".

Sicherlich ist aber auch Andreas Perger kein solches Universalgenie, das es fertigbrächte, in jeder Disziplin Ergebnisse mit Weltformat zustande zu bringen. So sind die rein klassischen Aufnahmen (Album "spielt Werke von J.S. Bach, M. Giuliani, F.M. Torroba, F. Martin") nicht unbedingt auf dem gleichen künstlerischen Level, auf dem er es versteht, fließend zu improvisieren und kreativ mit der Musik zu jonglieren, wie er es etwa auf "Visions In Multitrack" beweist. Auch dort gibt es Bach zu hören - aber gänzlich anders! Gespielt auf seiner selbst entworfenen elektrisch verstärkten Nylonstring-Gitarre (gebaut von der Münchener Firma Stevens) überlagert er etwa mehrere Gitarrenspuren mit den sakralen Klängen von "Aus tiefer Not schrei ich zu dir", um im nächsten Augenblick die barocken Harmonien in einen lässigen Swing umzukehren. Das Ergebnis ist dabei alles andere als sattsam bekannter Klassik-Jazz der triefenden kommerziellen Ausrichtung, sondern eine höchst interessante, eigene und neue Beschäftigung mit der Verschmelzung dieser eigentlich grundverschiedenen Musiken. Klasse! Perger: "Ich glaube an die Rückführung zur Improvisation auch in der klassischen Musik. Die alten Komponisten im Barock und auch später am Hofe haben schließlich auch improvisiert wie die Weltmeister: Wenn du allerdings so perfekt klassische Gitarre spielen willst, dass du wegen deiner Interpretationen geschätzt wirst, kannst du dich nebenbei nicht mehr mit anderen Dingen beschäftigen, weil dieses Instrument dir sehr viel abverlangt".

Ganz zum Jazzer wird Perger schließlich auf "Standards" - der Titel sagt es - einer Sammlung von Klassikern des Bebob mit schwungvoll virtuosen Singlenote-Improvisationen, flüssigen Linien in klassischer Trio-Besetzung mit Gitarrre, Bass und Schlagzeug. Danach ein weiterer Zeitsprung: Auf "Seelenman" wird Jazzrock gegeben - hier in recht modernem, rockigem Gewand mit Anklängen an John Scofield. Bis in die 90er-Jahre führt die musikalische Reise à la Perger schließlich auf "frühe Bänder", wo eine knallige und funkige Snare-Drum den Beat der Großstadt verkündet. Die Band improvisiert nach Herzenslust über die tanzbaren Grooves und scheut sich auch nicht vor gewagten Dissonanzen, die auf "Happiness Is A Warm Gun" gar mit den ehemals harmonisch harmlosen "Beatles"-Songs wie "Get Back" oder "Back In The USSR" in Einklang gebracht werden.

Als wirklicher Ausrutscher der Serie fällt eigentlich nur der Deutschrock-Epos "Liebe in den Zeiten der Cola" auf. Diesen Silberling mit seinen abgegriffenen Rock-Klischees hätte sich Perger sicherlich schenken können - die innovativen Ideen sind definitiv seine größere Stärke. So zu hören auf "Konzert für Gitarre und Streichquartett", wo wiederum der Grenzgang zwischen moderner "ernster" Musik und Jazz beschritten wird. Anspruchsvoll arrangiert und mit einer höchst eigenen Note interpretiert sind hier die 12 Kompositionen aus der Feder von Andreas Perger - neben der Solo-CD "Big City" (siehe Besprechung in der letzten Ausgabe) vielleicht die interessanteste Einspielung der gesamten Serie. Gregor Hilden