Marc Ducret/Bobby Prevete Unterfahrt, München Marc Ducret ist einer von den Typen, denen man abends, nach 22.00 Uhr, besser nicht auf der Straße begegnet. Jedenfalls sieht er aus wie einer von ihnen: schwere, schwarze Schnürstiefel (bis knapp unters Knie) an den Beinen, kein einziges Haar auf dem kahlgeschorenen Schädel, was ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit dem poststrukturalistischen Denker Michel Foucault verschafft, und ein Blick wie der nette Totschläger aus dem dänischen Thriller Nachtwache" - so hatte ich mir den feinsinnigen französischen Gitarrenkünstler von (détail)" nun nicht gerade vorgestellt.
Doch diese Fragen stellten sich in der Unterfahrt, der ehemaligen Eisenbahnerkneipe beim Ostbahnhof, erst gar nicht. Münchens erster Jazzclub, der heuer 20jähriges Jubiläum feiert, bekam keinen Schiffbruch zu hören. Der 1957 geborene Marc Ducret und der amerikanische Drummer Bobby Prevete spielten keine Stücke von (détail)", wie ich vermutet und gehofft hatte, sondern stellten ihre neue CD In The Grass" vor, die sie erst kürzlich innerhalb von nur zwei Tagen für das Enja-Label (Vertrieb: in-akustik) eingespielt haben. Die zweite Überraschung des Abends! Schnelles Umdenken war also angesagt, als ich nicht die erhofften sechs- und zwölfsaitigen Akustikgitarren auf der dicht umlagerten Bühne stehen sah, sondern einen Roland Jazzchorus-Verstärker und zwei Gitarren, eine davon mit, die andere ohne Bundstäbchen. Tja. Aber warum nicht? Bobby Prevete hatte außerdem einen Synthesizer mitgebracht und saß so, daß er die Tasten drücken und gleichzeitig seine Schlagzeugstöcke schwingen konnte. Becken begannen zu zischeln, erste Trommelschläge dröhnten dumpf durch den Club. Dann machte Marc Ducret sich bereit, schob den Gitarrengurt in eine bequeme Position und ließ die ersten elektrischen Töne vorsichtig irrlichtern. Wie das sanfte Erwachen eines neuen Morgens, wie die ersten Rufe der Nachtigall. Schiffskatastrophe ade. Neue Bilder kamen, zwangsweise. Und Wiederholungen gab es nicht. Alles war einmalig, immer endgültig. Was der eine vorgab, bog der andere in eine neue, unerwartete Richtung, ohne den gemeinsamen Weg aus den Augen zu verlieren. Es blieb nicht friedlich. Frei improvisierte Musik, wie Ducret und Prevete sie wagten, lebt von Veränderungen, von stetigen Zumutungen und quecksilbernen Frechheiten. Das Schlagzeug konnte als erstes nicht mehr an sich halten und galoppierte davon. Zügellos, ungehemmt. Ducret ritt hinterher, trieb seine Saitensporen tief in den Gitarrengaul. Heulen, Fiepen, Ächzen; Husten, Stöhnen, Krächzen - all das kann Marc Ducret mit seinen Fingern aus dem Griffbrett saugen und schlagen, mit manisch entstellten Gesichtszügen. Dabei verrenkt er die Gliedmaßen, tanzt und beugt sich vornüber. Ein Kampf auf Leben und Ton hat begonnen; mit allen Mitteln: Mitten im Stück reißt Ducret das Kabel aus der Klampfe und schließt mit der Kuppe des linken Zeigefingers den brummenden Kontakt zum Verstärker. Avantgarde olé! Und Bobby Prevete? Er grinst und freut sich, wenn er mal wieder einen ganz besonders genialen Groove gefunden hat. Rastlos treibt er das extraordinäre Duett nach vorn, bis sich nach 20 Minuten beide verausgabt haben und das Stück dort endet, wo es begann - mit sanft säuselnden Synthesizersounds. Rauschender Applaus, was sonst. Ein zweites Stück beginnt, wieder mit allerlei Synthesizerspielereien.
Ducret hat sich den zu Schweiß gewordenen Zweikampf mit einem Handtuch
abgewischt und die Gitarre gewechselt, die neue hat keine Bundstäbchen.
Wie herzerweichend knarzt und quengelt es dann aus den zwei Lautsprechern!
Das Spiel beginnt von neuem: Zuerst tasten sich die Protagonisten ab,
schreiten gemessen gravitätisch einher, dann fangen sie an zu rasen, versuchen,
sich links und rechts zu überholen, überschlagen sich mehrfach, um irgendwann
friedfertig nebeneinander zu enden. Erschöpft, aber glücklich reichen
sich Marc Ducret und Bobby Prevete die Hände. Die Unterfahrt bebt. Hat
doch alles geklappt heute, oder? |