Workshop
Modern Blues
von Gregor Hilden

„Zielgenau“

Locker gehen sie von der Hand – die ersten Improvisationen mit Hilfe der A-Moll oder A-Bluestonleiter. „Pentatonik“ ist das Zauberwort, und das Tolle an dieser Skala, mit der wohl jeder Bluesgitarrist arbeitet, ist, dass man so ziemlich jeden Ton an jeder Stelle eines klassischen 12-Takt-Blues spielen kann – und es passt immer! Irgendwie jedenfalls... denn spätestens dann, wenn man sich die großen Improvisatoren der Bluesgitarre anhört, merkt man, dass da noch andere Dinge im Spiel sein müssen als die Auswahl der Töne nach dem Lotto-Prinzip „6 aus 49“ (bzw. 5 aus 12).
Mit dieser Folge möchte ich einige Möglichkeiten vorstellen, „zielgenau“ zu improvisieren. Das heißt, ein austauschbares „Genudel“ mit der Pentatonik zu vermeiden, um auf die einzelnen Akkorde der Bluesform gezielt hinzuspielen. Grundlage dafür ist freilich erst einmal die Kenntnis der 12-taktigen Bluesform, hier ein Beispiel für einen typischen Chorus (Abb. 1):


Bereits die simple Grundform der Moll-Pentatonik in der ersten Position (Abb. 2) eröffnet einem nun ungeahnte Möglichkeiten, wenn man sich einmal intensiv mit der ersten Übung auseinandersetzt. Ziel soll es zunächst sein, mit jedem Akkordwechsel (2. Takt, 5. Takt, 7. Takt usw.) exakt den Grundton des jeweiligen Akkordes zu spielen, und dies genau auf der Zählzeit „1“ des entsprechenden Taktes. Also: Es wird mit Hilfe der A-Moll-Pentatonik frei drauflos improvisiert – einzige Vorgabe ist etwa im zweiten Takt auf dem ersten Schlag den Ton „D“ zu spielen, im dritten Takt ein „A“, im fünften Takt ein „D“, im siebten Takt ein „A“ im neunten Takt ein „E“, im zehnten ein „D“, im elften Takt ein „A“ und im zwölften Takt wieder ein „E“. Das hört sich erst einmal einfach an, wird aber sicherlich dem ein oder anderen Gitarristen schon einiges abverlangen, denn es gibt ja schließlich diverse Möglichkeiten, den jeweiligen Grundton zu spielen: in verschiedenen Positionen/Oktavlagen, gezogen, geslidet etc... Wie das nun klingen kann, ist auf dem ersten Beispiel (ohne Abb.) der Begleit-CD zu hören.
Der Effekt ist: Man kann schon mit dem unbegleiteten Solo hören, welche Akkorde sich im „Hintergrund“ abspielen! Dies erfordert die genaue Kenntnis zunächst einmal der jeweiligen Grundtöne innerhalb der Am-Pentatonik.
In der zweiten Übung geht es dann darum, sich eine weitere Position dieser Tonleiter auf dem Griffbrett vorzunehmen, etwa die zweite Position (Abb. 3), um dort genau das gleiche Spiel zu treiben. Da wird’s schon schwieriger, weil hier die Kenntnis über die Töne bei vielen Gitarristen weitaus weniger geläufig sind als noch in der vertrauteren 1. Position. Eine wichtige und lohnende Sache ist es, sich dies zu erarbeiten. Wo sind die Grundtöne für die Subdominante (D-Akkord) in der zweiten Position der Am-Pentatonik?, wo die Grundtöne der Dominate (E), der Tonika (A)? Wie kann ich sie spielen, wie verbinde ich sie mit der Improvisation?
Hier einige praktische Beispiele: in Abb.4 wird auf den Grundton „A“ hingespielt, in Abb. 5 auf das „D“ (Subdominante) und in Abb. 6 auf das „E“ (Dominante):
Hausaufgabe ist es nun, sämtliche verschiedenen Positionen der Am-Pentatonik zu „ergründen“, d.h. in jeder Lage, die entsprechenden Grundtöne der drei Akkorde des Blues ohne viel Überlegung (oder gar „abzählen“) zielgenau anzusteuern. Auf diese Weise bekommt ihr schon einmal ein gutes „Grundgerüst“ für ein aufgeräumtes Spiel, bei dem „mit Punkt und Komma“ improvisiert wird – und eben nicht nur wahllos irgendwelche Töne gespielt werden.
Freilich gibt es darüber hinaus noch viele weitere Möglichkeiten, Akkorde mit Sololinien treffend zu skizzieren. Versucht, wenn ihr mit dem ersten Teil dieses Workshops Sicherheit bekommen habt, anstelle des Grundtons auf der Zählzeit „1“, die große Terz des jeweiligen Akkordes zu spielen. Bei einem Blues in A wäre dann also der Zielton für den ersten Akkord das Cis, für die Subdominante (Akkord D) das Fis und für die Dominante (Akkord E) das Gis.
Und auf die gleiche Weise lassen sich nun die großen Terzen des jeweiligen Akkordes innerhalb der Bluestonleiter in jeder Lage mehrfach ansteuern, und auch auf die unterschiedlichste Art intonieren (hin-sliden, ziehen, mittels pull-off), um einen schönen Fluss in das Geschehen zu bringen. Probiert einfach mal, die Licks von den Abb. 4-6 nicht auf dem Grundton enden zu lassen, sondern auf der entsprechenden großen Terz des Akkordes (Abb. 7, Abb. 8, Abb. 9). Wenn man dann in der Lage ist, sämtliche Terzen für jeden Akkord, in jeder Griffbrettposition spontan und sicher zu erreichen (die hier aufgezeigten Möglichkeiten waren ja nur einige wenige Beispiele), dann hat man bereits eine Menge von dem gelernt, was man immer wieder in den Soli der großen modernen Bluesmeister hört. Viel Spaß beim Probieren, und bis zur nächsten Ausgabe!

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2 / 03