Ausgabe 3 / 2003
Vom Fach
Christian Stoll

Bronze und Stahlsaiten


Zur Entstehung der Stahlsaitengitarre – und der Bezeichnung „Westerngitarre“ - erzählt man sich die folgende Geschichte: Die freigelassenen und entflohenen Sklaven afrikanischer Abstammung, die in Amerikas „wilden“ Westen gingen, um dort als Kuhhirten, also Cowboys, zu arbeiten, brachten natürlich auch ihre Musikinstrumente mit. Eines davon war das Banjo. Die Banjos waren wesentlich lauter als die mit Darmsaiten bespannten Gitarren der weißen Cowboys. Um gemeinsam musizieren zu können, musste man sich also etwas einfallen lassen. Der Legende nach fingen die Gitarristen im Westen darum an, verschieden dicke Drähte auf ihre Gitarren zu spannen. Dies erhöhte die Lautstärke der Gitarren erheblich, (senkte wahrscheinlich aber auch ihre Lebensdauer). Wenn nun in den Städten im Osten eine mit solchen Drähten bespannte Gitarre auftauchte, bezeichnete man diese als „western guitar“. Diese Bezeichnung hat sich bis in unsere Zeit gehalten.

Heute spannt man keine einfachen Drähte mehr auf die Western- oder neudeutsch Steelstring-Gitarre, sondern mit Bronze umwickelte Stahlsaiten, wobei je nach Saitenstärke die ersten 2 oder 3 Saiten blank, das heißt nicht umwickelt sind. Bronzesaite ist natürlich nicht gleich Bronzesaite. Man unterscheidet hier zwischen verschiedenen Legierungen, die die Gitarre auch unterschiedlich klingen lassen.
Am populärsten ist die Legierung Bronze 80/20. 80/20 bedeutet: 80% Kupfer und 20% Zinn.
Das klingt herrlich brillant und hält die Stimmung gut. Die Kehrseite der Medaille ist, dass die Brillanz nicht sehr lange anhält und das Material relativ schnell oxidiert. Das ist aber von mehreren Faktoren, wie zum Beispiel der Luftfeuchtigkeit und der Menge und Zusammensetzung des Handschweißes des Gitarristen abhängig, so dass man nicht generell sagen kann, 80/20 sei eine Liebe für einen Tag.

Fast ebenso häufig wird Phosphor-Bronze verwendet. Der Kupferanteil ist in dieser Legierung höher, bis zu 92%, und außer Zinn ist noch ein Phosphoranteil von ca. 0,3 % enthalten. Phosphor-Bronze klingt „heller“ als Bronze und bleibt länger „frisch“, erreicht aber, auch wenn die Saiten ganz neu sind, nie diesen crispen, brillanten Ton wie Bronze 80/20. Eine weitere Eigenschaft der Phosphor-Bronze-Saiten ist, dass der Saitenzug bei gleicher Stimmung höher ist. Sie fühlen sich also beim Spielen straffer gespannt an und ziehen stärker an der Gitarrendecke. Bei sensiblen Instrumenten mit „scallopped bracing“ (Deckenbeleistung, mehr dazu in einer der nächsten Ausgaben) sollte man also Vorsicht walten lassen und im Zweifelsfall den Hersteller fragen, wieviel Saitenzug die Gitarre aushält. Durch den hohen Zug eignen sich Phosphor-Bronze-Saiten übrigens ausgezeichnet für open tunings, oder generell zum Tieferstimmen.
Beim Saitenzug ähnlich verhalten sich Saiten aus Red Bronze (85/15). Diese Legierung enthält 85% Kupfer und 15% Zinn. Der Ton geht mehr in Richtung herkömmlicher Bronzesaiten, da sie nicht phosphorisiert sind; das Spielgefühl erinnert aber stark an Phosphorbronze.

Den meisten Bronzesaiten gemeinsam ist, dass der Stahlkern, auf den der Bronzedraht gewickelt wird, im Querschnitt sechseckig ist. So hält die Wicklung bombenfest auf dem Kern und die Saite kann sauber schwingen.
Silk-and-Steel-Saiten haben einen deutlich geringeren Saitenzug als Bronzesaiten. Der Kern dieser Saiten besteht aus mit Stahl verstärktem Nylon, die Umwicklung wie bei der klassischen Gitarre aus sehr feinem, versilbertem Kupferdraht. Der Ton liegt irgendwo zwischen der Klassischen und der Westerngitarre. Man verwendet diese Saiten auf allen Gitarren, die nicht so viel Saitenzug vertragen, oder weil man einfach den anderen Klang haben möchte. In diesem Fall kann es nötig werden, den Hals neu zu justieren.

In den letzten Jahren gab es Bemühungen, die Lebensdauer der Saiten deutlich zu verlängern. Als erste überzog die Firma Gore, sonst eher bekannt für wind- und wetterfeste Sportbekleidung, Mitte der 90er Jahre ihre Saiten mit einer Feuchtigkeit und Schmutz abweisenden Membran. Inzwischen haben einige Saitenhersteller diese Methode übernommen oder variiert, so dass man heute schon aus einem relativ großen Angebot verschiedener „longlife“ Saiten wählen kann. Wer nicht gerne Saiten wechselt, sollte es einmal damit probieren.

Das Aufziehen der Saiten auf eine Steelstring-Gitarre sieht auf den ersten Blick sehr einfach aus, und das ist es auch. Wenn man einige Feinheiten beachtet, wird es sogar noch einfacher, und die Gitarre wird sich dafür mit weniger Verstimmungen bedanken. Sie haben bestimmt schon erlebt, dass Sie neue Saiten aufgezogen haben und während Sie noch am Stimmen waren, rutschten die Stegstecker ein Stück nach oben und die betreffende Saite war auf einen Schlag 3 Halbtöne zu tief. Sie haben den Stecker wieder hineingedrückt und nachgestimmt, plötzlich fliegt der Stecker wie ein Geschoß durch den Raum. Dies passiert immer dann, wenn sich das Ball-End, also die kleine Messingrolle am Ende der Saite, an der Spitze des Steckers verhakt und deshalb nicht in seine richtige Position, den Winkel zwischen Decke und Stecker rutschen kann. Dem können Sie mit einem ganz einfachen Mittel abhelfen: Schrägen Sie den Stecker an der Spitze einfach mit einer Feile oder etwas Schleifpapier leicht an (Bild 1). Das Ball-End kann sich dann nicht mehr an der Kante festhängen und rutscht sofort in die richtige Position. (Manche Hersteller präparieren ihre Stegstecker schon ab Werk auf diese Weise). Danach fädeln Sie die Saite in die Bohrung der Mechanikenwelle, und zwar so weit, dass Sie noch ungefähr 3 Finger breit (5,5 cm) auf die Welle aufwickeln können. Bei der tiefen E-Saite wickeln Sie – wegen der Dicke der Saite - nur ca. 4 cm ( 2 Finger breit) auf die Mechanikenwelle. Achten Sie hierbei darauf, dass die Wicklungen ordentlich untereinander liegen (Bild 2). Dadurch wird ein gleichmäßiger Saitenandruck im Sattel gewährleistet, und außerdem verstimmt sich die Gitarre weniger, wenn die Saiten nicht kreuz und quer übereinander liegen. Die überstehenden Saitenenden kneift man besser ab, um einer Verletzungsgefahr vorzubeugen.
Wenn Sie es besonders gut meinen, biegen Sie die Saitenenden mit einer kleinen Rundzange um (Bild 3). Wem sich schon einmal so ein frech hervorstehendes Saitenende schmerzhaft in die Fingerkuppe gebohrt hat, der weiß wovon ich rede.

Welche Bronzesaiten Sie letztendlich benutzen, ist natürlich immer eine Frage des individuellen Hörempfindens. Scheuen Sie also nicht davor zurück, verschiedene Sorten auszuprobieren, wenn Sie mit dem Klang Ihrer Gitarre nicht hundertprozentig zufrieden sind.
Eines ist jedoch allen Bronze- bzw. Stahlsaiten gemeinsam: Ziehen Sie sie niemals nach Art der oben erwähnten Kuhhirten auf Ihre klassische Gitarre. Der Saitenzug eines durchschnittlichen Satzes Bronzesaiten ist um ungefähr 60% höher als der eines Satzes Nylonsaiten. Konstruktionsbedingt kann eine klassische Gitarre diesem Zug nicht lange standhalten!

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2 / 03