Ausgabe 3 / 2003
New Scene

David Poe
Bissiger Poet

„Ich bin gerne in Europa“, sagt David Poe, „denn hier findet noch künstlerische Auseinandersetzung statt; im Gegensatz zu den USA, wo viele Acts gekauft, gepushed und vermarktet werden, um möglichst viel Geld zu machen, egal mit was für Mist.“ Und damit wird auch das Dilemma klar, mit dem der Singer-Songwriter aus Dayton, Ohio, leben muss. Einerseits liegt ein beachtlicher Teil seiner Folk-Wurzeln in Amerika, einem Land, in dem dieses Genre nur noch Untergrundstatus besitzt. Da musiziert es sich schon besser in Europa, wo das viel zitierte „New Acoustic Movement“ mit Acts wie Turin Brakes, Kings Of Convenience und Sigur Ros gerade total angesagt ist. Da kann selbst Oasis-Entdecker Alan McGee über „Bettnässer-Musik“ wettern wie er will, es lässt Poe kalt. Außerdem: Der sympathische Mittdreißiger nennt sowieso eher The Clash und Paul McCartney als Einflüsse statt Nick Drake und Simon & Garfunkel. Auch wenn der amerikanische Rolling Stone meint, Poe schließe die Lücke zwischen Elvis Costello und Jeff Buckley.
1991 tingelte Poe mit einem Freund als akustisches Gitarrenduo durch die New Yorker Clubs, bis er im legendären CBGB's hängen blieb, wo er indes als Tontechniker jobbte. Drei Jahre später gründet er mit Sim Cain, (Schlagzeuger der Rollins-Band) und John Abbey (Bassist von John Cale) „The Christ Brothers“ und spielte 1997 mit Unterstützung von Gitarrist Marc Ribot (Elvis Costello, Tom Waits) sein Debüt ein.

Seitdem tourte er als Support für Tori Amos, Lloyd Cole, Bob Dylan, They Might Be Giants und Holly Cole, und er absolvierte exakt 695 Konzerte, bevor er sich an sein zweites Werk „The Late Album“ machte. Auf dem Cover ist er mit einer „Gibson J-200“ zu sehen, die ihn Live und im Studio begleitet. „Sie ist mein Lieblingsinstrument“, gesteht er, „weil sie einen wundervollen, warmen, tiefen Ton hat. Viele akustische Gitarren klingen nach meinem Geschmack zu dünn und schrill. Selbst bei der J-200 nehme ich am EQ die hohen Frequenzen fast vollständig raus.“
Auf der Bühne spielt der Mann schon gern mal Solo, und er beherrscht diese Disziplin mit Kompetenz und Charme. Als Songwriter, der diese Bezeichnung nur äußerst ungern hört („das klingt so nach Träumer mit Strickpullover“), demonstriert er allerdings genau hier seine Stärke. Da stehen Songs wie „The Drifter“ in der Tradition von Crosby, Stills, Nash & Young neben gut gelaunten Uptempo-Rockern wie „Echo Box“, die an Matchbox Twenty erinnern. Nicht umsonst wurde bereits Poes Debüt mit dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik in der Rubrik „Bestes Pop-Album“ dekoriert, weil er ein sicheres Gespür für schöne Melodien besitzt, die allerdings erst im Kontrast zu seinen bissigen Texten so richtig wirken. Vor allem aber überzeugt die Produktion des Albums, was bei Poes vorherigem Job kaum verwundert. „Wer mich kennt, weiß, dass ich beim Sound keinen Kompromiss eingehe“, beteuert er. „Beim ersten Album haben wir versucht, eine Live-Performance im Studio abzubilden. Aber diesmal wollte ich ausloten, was bei einer Produktion alles möglich ist“. Glänzend in Szene gesetzt von Produzent Brad Jones (u.a. Jess Klein, Randy Travis, Steve Forbert) steht am Ende ein Album, das für Poe „nach einer Samstagnacht“ klingt. Was sollte daran schon verkehrt sein?

Howie Day
Klangkünstler

Viele Künstler erklären sich über ihre Platten. Manche muss man aber erst Live gesehen zu haben, um zu begreifen was genau sie da machen. Howie Day ist so ein Fall. Auf den ersten Blick ist der 22-Jährige zunächst mal ein Singer-Songwriter aus dem amerikanischen Provinznest Bangor, irgendwo zwischen Boston und Portland. Doch die Performance des jungen Mannes hat es in sich. Mit ein paar kreativ eingesetzten Effekten und einem Loop-Sampler wird aus dem Sänger und Gitarristen auf der Bühne ein Ein-Mann-Orchester. „Meine Philosophie ist, dass man mit einer akustischen Gitarre eine Menge machen kann. Ich mache Beats, indem ich auf den Korpus der Gitarre klopfe oder indem ich über die Saiten wische. Ich spiele dazu Bass-Linien, indem ich ein Oktave-Pedal benutze, und so entsteht ein Bett aus Beats, Bass und Sounds. Darüber spiele ich dann Akkorde und singe dazu. Publikum staunt da jedes Mal“, freut sich Day. Selbst Musiker, die wissen was man mit der Kombination von einem Line 6-Loop-Sampler, einem Oktaver und etwas Delay anstellen kann, staunen, welche Klangkathedralen der Newcomer aufbaut, in denen er sich zudem mit erstaunlicher Leichtigkeit bewegt. Days Perfomance basiert auf einem verblüffend raffinierten System aus Organisation, Koordination und Perfektion.
Seit er 15 ist, tingelt der ambitionierte Gitarrist durch die Coffee-Shops und Colleges der amerikanischen Ostküste. „Mit 18 begannen mich Akkordspiel und Gesang zu langweilen. Ich empfand diese Gitarrenmusik als dröge, eindimensional und reizlos.“ Und das, obwohl Day bereits als Support für Acts wie die Wallflowers, David Gray und Edwin McCaine gebucht wurde. Die Initialzündung kam, als Day eine Performance des New Yorker Songwriters Joseph Arthur sah. Der Mann machte bei seinen Bühnenshows genau das, wovon Day träumte: Selbst generierte Klangskulpturen - die One-Man-Band als Konzept. „Das hat mich total umgehauen“, erinnert sich Day. „Am nächsten Tag habe ich mir einen Loop-Sampler gekauft.“
Damals spielte Day Hunderte von Konzerten im Jahr und reiste mit seinem klapprigen Minibus allein durch die USA. „Ich war ganz gut beschäftigt, und daraus entstand das Gefühl, dass ich meinem Publikum ein paar Songs auf CD geben müsse, auch als Werbung für meine Auftritte.“ Einziger Nachteil: Day hatte keine finanziellen Reserven. So buchte er immer dann, wenn ein paar Dollar hängen geblieben waren, ein Studio und nahm zwei, drei Songs auf, bis irgendwann genügend zusammen waren, um unter der Überschrift „Australia“ veröffentlicht zu werden. Was nach zwei Jahren in den unterschiedlichsten Studios (und auf den unterschiedlichsten Gitarren) erklärt, warum die Stücke auf dem Album so unterschiedlich klingen. „Ich erkenne das am deutlichsten bei meiner Stimme und an den Studioatmosphären. Deshalb haben wir die Songs auch nicht chronologisch aufs Album gepackt, sondern gemixt, damit es eher nach einer Vielzahl an Sounds klingt statt nach einer künstlerischen Entwicklung.“
Inzwischen mit einem Major-Plattenvertrag ausgestattet und dem Titel „Bestes Debüt“ bei den Boston Music Awards ausgezeichnet, wird „der Typ, der mit etwas Glück mit seiner Gitarre einmal um die Welt gekommen ist“, als einer der interessantesten Newcomer im Genre akustischer Rockmusik gehandelt, von dem auch in Zukunft noch Einiges zu erwarten sein wird.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2 / 03