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1978:
Gute neue Popmusik (leicht, charmant und doch geistreich) sucht
man vergebens. Es regieren hässliche Primitivattitüde
(Punk), blutleerer Intellekt (Bombast-Rock) und Ideenrecycling
(Mainstream). Bis SWF-Moderator Frank Laufenberg eine völlig
unbekannte britische Band vorstellt. Und was er als Appetithappen über
den Äther schickt, ist ein sparsames, luftiges, berückend
präzises Kleinod („Water Of Love“) übers
Alleinsein („Once I had a woman, now my woman is gone./ Once
there was a river, now there´s a stone.”), veredelt
von einer herrlich flirrenden akustischen Bottleneck-Gitarre.
Wer sich den Bandnamen „Dire Straits“ notiert und
die Platte besorgt, stößt auf acht weitere Meisterwerke: „Down
To The Waterline“, einen akustischen Film noir über
hastige Liebe im Hafen; zum Thema Psychoterror/mentale Abhängigkeit
das schleichend-bedrohliche „Six-Blade Knife“ und das
groovende „Setting Me Up“; einen wortkargen Nordengland-Blues
(„Southbound Again“), das augenzwinkernde „Wild
West End“, das prägnant-verrätselte „Lions“.
Und da sind zwei Megasongs: zum einen die Story eines vom Kunstbetrieb
ignorierten Amateurbildhauers, dessen Werke posthum in den Trend-Galerien
landen, weil „die Geier nun vom Baum runter kamen“ („In
The Gallery“); zum anderen das spätere Markenzeichen: „Sultans
Of Swing“, das Porträt einer guten Amateurjazzband ohne
Zuspruch in Londons Kneipen, für Billboard „einer der
klassischen Songs der 70er Jahre“, rundet einen ganz großen
Wurf ab. Dieses Debüt bietet schlichtweg alles, was gute Popmusik
kann, und das zu einem bislang ungehörten cleanen Gitarrensound.
Vorgeschichte
Diese beginnt 1964, als der spätere Songwriter Mark Knopfler
in Newcastle mit 15 eine rote Solidbody-Höfner V-2 bekommt,
ohne Amp. Als Jugendlicher im tristen nordenglischen Hafen- bzw.
Industriemilieu („fast ideal, um eine Besessenheit für
amerikanische Musik zu entwickeln“) sog Knopfler Rhythm & Blues
aus Radiosendern auf, kannte mit 16 jeden Blueser von Blind Blake
bis Lonnie Johnson („wahrscheinlich mein größter
Einfluss“) und „versuchte nie, deren Licks Ton für
Ton nachzuspielen“, sondern eher deren Geist zu absorbieren.
Fürs sein Spiel schnappte er ohne jeden Unterricht auf was
er brauchte - bei den Shadows, Duane Eddy, Elvis – und speziell
wegen des Blues auch Grundlagen des Fingerpicking – alles
auf der unverstärkten Höfner. Sollte er in einer seiner
Schülerbands Folk spielen, musste er sich eine Akustikgitarre
borgen – was sich erst in seiner Journalistenzeit in Leeds
(bei der Yorkshire Evening Post) änderte: 1968 traf er auf
einen Reporter namens Steve Philips – Hobbygitarrist, Besitzer
mehrerer Dobros. Im bald aktiven Duo mit Philips („Country
und Blues in winzigen Clubs“) „lernte ich mein Handwerk“ auf
einer 1928er National Tricone: „Wenn ich beispielsweise Western
Swing hörte, dann hab ich mir im Kopf etwas ausgedacht und
auf meiner National gespielt – es war zwar nicht der gleiche
Song, aber es fing schon das Feeling ein.“ Nach Journalismus,
abgeschlossenem Englischstudium und einem gescheiterten ersten
Versuch als Profimusiker brachte ein Job, als Englischlehrer an
einem College in Essex zu unterrichten, Ordnung in Knopflers Leben;
er jammte mit Kollegen und spielte, statt ständig unterwegs
zu sein, mit seiner Rockabilly-R & B-Band „The Cafe Racers“ nur
in Londoner Kneipen.
Fortschritte
Bald aber schien ihm diese Band ungeeignet „für die
Songs, die ich geschrieben hatte“ - Songs, die journalistische
Präzision und Straßenbeobachtungen clever mit dem Instinkt
des lakonischen Beat-Poeten verbanden; Songs, die Dylans hingemurmelten
Sprechgesang mit J.J. Cales lässigen Leadgitarrenlicks kombinierten.
Als Bruder David 1977 nach London zog und man mit John Illsley
zusammen spielte, ergab sich ein Vehikel dafür: „Alle
waren bereit, und die Zeit war reif.“ Man gewann Pick Withers
als Schlagzeuger und goss die ganze Mixtur in die Form einer kompakten
Kneipenband nach Knopflers Geschmack: alles in einem Auto, binnen
20 Minuten auftrittsbereit. Mit ihrem mitreißend schlackenlosen
Groove wie einst die Beatles oder CCR, und mit Knopflers Repertoire
trat man auf, bis Geld genug da war für eine Demo-Produktion.
Danach wiederum ging alles wie von selbst: Manager, Plattenvertrag,
Albumproduktion.
Das „Dire Straits“ betitelte Traumdebüt zündete spät,
aber so gewaltig, dass der Nachfolger „Communique“ 1979, sehnsüchtig
erwartet, gleich körbeweise verkauft wurde. Die neuen Titel waren von
höchster Güte („Once Upon A Time In The West“, “News”, „Single-Handed
Sailor“), verfehlten die Klasse des Vorgängers knapp (“Ladywriter”, „Portobello
Belle“) oder fielen deutlich ab („Communiqué“, „Angel
Of Mercy“). Heute bedauert Mark Knopfler, dass er sich damals dazu hat
drängen lassen: „Die vielen Tourneen hindern dich, zu dir selbst
zu kommen (.....) Du findest nie Zeit, das Beste zu machen wozu du fähig
wärest.“ Für das dritte Album ging er das Wagnis ein, das Erfolgskonzept
zu verändern.
Hatte Jerry Wexler (Produzent von „Communiqué“) die Einzigartigkeit
der Dire Straits in einer „offenporig atmenden, südlichen Qualität
ihrer Musik“ erkannt, die man z.B. nicht durch Bläsersätze
verschließen dürfe, so prägten nun ein rockigeres Klangbild
(Keyboards, kraftvollere Gitarrensounds) und großzügiger inszenierte
Songepen „Making Movies“ (1980, nach dem Ausstieg von David Knopfler)
und „Love Over Gold“ (1982, nach dem Weggang von Pick Withers).
Damit gaben Dire Straits ihren unnachahmlich kompakten Stil auf, festigten
sich aber als überdurchschnittlich intelligenter („Romeo And Juliet“, „Telegraph
Road“), lukrativer Mainstream-Act. Inzwischen betätigte sich Mark
Knopfler erfolgreich als einfühlsamer Filmmusikkomponist, gefragter Sessionmusiker
(„Ich darf mit Musikern spielen, die ich schon immer bewundert habe.“)
und geschmackvoller Produzent - sein Touch machte Bob Dylans „Slow Train
Coming“ zu dessen „best-sounding“ Album.
Superstars
Ein weiteres Dire-Straits-Album sollte es erst wieder 1985 geben – aber
dafür krempelte es gleich die Medienwelt um. Auf „Brothers
In Arms“ (das Titelstück etwa verschmilzt keltischen
Folk grandios mit Soul), breitete Mark Knopfler eine opulente Palette
aus die jedem etwas bot: Freunde nichtssagender Pop-Massenware
bekamen „So Far Away“, Fans unkomplizierten Rock ´n
Rolls die fröhliche Kirmesorgel-Hymne„Walk Of Life“,
Kuschelrockhörer das schmuseweiche „Why Worry“,
Intellektuelle die vielschichtige Lyrik von „Your Latest
Trick“, politisch Interessierte das Psychogramm eines Kriegsverbrechers
(„The Man´s Too Strong“), Friedensbewegte gleich
zwei Monologe todesbereiter Kämpfer (Titelsong und „Ride
Across The River“), HiFi-Freaks eine perfekte audiophile
Produktion; und Gitarrenfreaks bekamen ein breites Spektrum prägnanter
Riffs auf diversen elektrischen und akustischen Instrumenten. Fast
unverschämt balancierte Mark Knopfler auf einem rasiermesserschmalen
Grat zwischen Genialität und Trivialität sicher ins Ziel.
Der überwältigende Verkaufserfolg verwandelte die CD
vom exotischen Eingeweihtentipp zum Standardformat des globalen
Musikkonsums; „Money For Nothing“ (eigentlich eine
Kritik an der MTV-Plastikwelt) machte den Sender erst richtig berühmt,
so wie das Cover (eine dahinschwebende National) eine plötzliche
Nachfrage nach den fast vergessenen Stahlgitarren auslöste.
Die Dire Straits, nun endgültig Megastars, spielten auf einer
endlosen Welttournee vor Millionen Zuschauern, was Mark Knopfler
am Ende steinreich zurückließ - und desillusioniert:
90.000 Menschen wegen Dire Straits in einem Stadion? Das empfand
er als „lächerlich“: „Die Leute kauften
meine Platten, weil wir Mode waren. Die Musik war ihnen egal.“ Daher
begann er wieder, mit Freunden aus Leeds aufzutreten; unter dem
selbstironischen Namen „Notting Hillbillies“ machten
sie eine altmodisch schöne (überraschend erfolgreiche)
Platte voll Country, Blues und Rockabilly, die vor Dobros nur so
glänzte. Ein letztes Dire-Straits-Projekt stieß Knopfler
1990 bei einem Abendessen mit Bassist John Illsley eher beiläufig
an; „On Every Street“ (1991) bot neben Preziosen wie
den bluesigen „Fade To Black“ und „You And Your
Friend“ voll unvergleichlicher Gitarrenparts auch Überflüssiges.
Live-CD und –Video der obligatorischen Welttournee dokumentierten,
wie weit man sich von der tragbaren Kneipenband entfernt hatte:
Auf dem Cover winken neun (!) Musiker vor zwei Keyboard-Batterien
in die prall gefüllten Ränge eines Fußballstadions.
Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2 / 03
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