Sultan Of Swing
Mark Knopfler
Von Michael Lohr


1978: Gute neue Popmusik (leicht, charmant und doch geistreich) sucht man vergebens. Es regieren hässliche Primitivattitüde (Punk), blutleerer Intellekt (Bombast-Rock) und Ideenrecycling (Mainstream). Bis SWF-Moderator Frank Laufenberg eine völlig unbekannte britische Band vorstellt. Und was er als Appetithappen über den Äther schickt, ist ein sparsames, luftiges, berückend präzises Kleinod („Water Of Love“) übers Alleinsein („Once I had a woman, now my woman is gone./ Once there was a river, now there´s a stone.”), veredelt von einer herrlich flirrenden akustischen Bottleneck-Gitarre.

Wer sich den Bandnamen „Dire Straits“ notiert und die Platte besorgt, stößt auf acht weitere Meisterwerke: „Down To The Waterline“, einen akustischen Film noir über hastige Liebe im Hafen; zum Thema Psychoterror/mentale Abhängigkeit das schleichend-bedrohliche „Six-Blade Knife“ und das groovende „Setting Me Up“; einen wortkargen Nordengland-Blues („Southbound Again“), das augenzwinkernde „Wild West End“, das prägnant-verrätselte „Lions“. Und da sind zwei Megasongs: zum einen die Story eines vom Kunstbetrieb ignorierten Amateurbildhauers, dessen Werke posthum in den Trend-Galerien landen, weil „die Geier nun vom Baum runter kamen“ („In The Gallery“); zum anderen das spätere Markenzeichen: „Sultans Of Swing“, das Porträt einer guten Amateurjazzband ohne Zuspruch in Londons Kneipen, für Billboard „einer der klassischen Songs der 70er Jahre“, rundet einen ganz großen Wurf ab. Dieses Debüt bietet schlichtweg alles, was gute Popmusik kann, und das zu einem bislang ungehörten cleanen Gitarrensound.

Vorgeschichte
Diese beginnt 1964, als der spätere Songwriter Mark Knopfler in Newcastle mit 15 eine rote Solidbody-Höfner V-2 bekommt, ohne Amp. Als Jugendlicher im tristen nordenglischen Hafen- bzw. Industriemilieu („fast ideal, um eine Besessenheit für amerikanische Musik zu entwickeln“) sog Knopfler Rhythm & Blues aus Radiosendern auf, kannte mit 16 jeden Blueser von Blind Blake bis Lonnie Johnson („wahrscheinlich mein größter Einfluss“) und „versuchte nie, deren Licks Ton für Ton nachzuspielen“, sondern eher deren Geist zu absorbieren. Fürs sein Spiel schnappte er ohne jeden Unterricht auf was er brauchte - bei den Shadows, Duane Eddy, Elvis – und speziell wegen des Blues auch Grundlagen des Fingerpicking – alles auf der unverstärkten Höfner. Sollte er in einer seiner Schülerbands Folk spielen, musste er sich eine Akustikgitarre borgen – was sich erst in seiner Journalistenzeit in Leeds (bei der Yorkshire Evening Post) änderte: 1968 traf er auf einen Reporter namens Steve Philips – Hobbygitarrist, Besitzer mehrerer Dobros. Im bald aktiven Duo mit Philips („Country und Blues in winzigen Clubs“) „lernte ich mein Handwerk“ auf einer 1928er National Tricone: „Wenn ich beispielsweise Western Swing hörte, dann hab ich mir im Kopf etwas ausgedacht und auf meiner National gespielt – es war zwar nicht der gleiche Song, aber es fing schon das Feeling ein.“ Nach Journalismus, abgeschlossenem Englischstudium und einem gescheiterten ersten Versuch als Profimusiker brachte ein Job, als Englischlehrer an einem College in Essex zu unterrichten, Ordnung in Knopflers Leben; er jammte mit Kollegen und spielte, statt ständig unterwegs zu sein, mit seiner Rockabilly-R & B-Band „The Cafe Racers“ nur in Londoner Kneipen.


Fortschritte
Bald aber schien ihm diese Band ungeeignet „für die Songs, die ich geschrieben hatte“ - Songs, die journalistische Präzision und Straßenbeobachtungen clever mit dem Instinkt des lakonischen Beat-Poeten verbanden; Songs, die Dylans hingemurmelten Sprechgesang mit J.J. Cales lässigen Leadgitarrenlicks kombinierten. Als Bruder David 1977 nach London zog und man mit John Illsley zusammen spielte, ergab sich ein Vehikel dafür: „Alle waren bereit, und die Zeit war reif.“ Man gewann Pick Withers als Schlagzeuger und goss die ganze Mixtur in die Form einer kompakten Kneipenband nach Knopflers Geschmack: alles in einem Auto, binnen 20 Minuten auftrittsbereit. Mit ihrem mitreißend schlackenlosen Groove wie einst die Beatles oder CCR, und mit Knopflers Repertoire trat man auf, bis Geld genug da war für eine Demo-Produktion. Danach wiederum ging alles wie von selbst: Manager, Plattenvertrag, Albumproduktion.
Das „Dire Straits“ betitelte Traumdebüt zündete spät, aber so gewaltig, dass der Nachfolger „Communique“ 1979, sehnsüchtig erwartet, gleich körbeweise verkauft wurde. Die neuen Titel waren von höchster Güte („Once Upon A Time In The West“, “News”, „Single-Handed Sailor“), verfehlten die Klasse des Vorgängers knapp (“Ladywriter”, „Portobello Belle“) oder fielen deutlich ab („Communiqué“, „Angel Of Mercy“). Heute bedauert Mark Knopfler, dass er sich damals dazu hat drängen lassen: „Die vielen Tourneen hindern dich, zu dir selbst zu kommen (.....) Du findest nie Zeit, das Beste zu machen wozu du fähig wärest.“ Für das dritte Album ging er das Wagnis ein, das Erfolgskonzept zu verändern.
Hatte Jerry Wexler (Produzent von „Communiqué“) die Einzigartigkeit der Dire Straits in einer „offenporig atmenden, südlichen Qualität ihrer Musik“ erkannt, die man z.B. nicht durch Bläsersätze verschließen dürfe, so prägten nun ein rockigeres Klangbild (Keyboards, kraftvollere Gitarrensounds) und großzügiger inszenierte Songepen „Making Movies“ (1980, nach dem Ausstieg von David Knopfler) und „Love Over Gold“ (1982, nach dem Weggang von Pick Withers). Damit gaben Dire Straits ihren unnachahmlich kompakten Stil auf, festigten sich aber als überdurchschnittlich intelligenter („Romeo And Juliet“, „Telegraph Road“), lukrativer Mainstream-Act. Inzwischen betätigte sich Mark Knopfler erfolgreich als einfühlsamer Filmmusikkomponist, gefragter Sessionmusiker („Ich darf mit Musikern spielen, die ich schon immer bewundert habe.“) und geschmackvoller Produzent - sein Touch machte Bob Dylans „Slow Train Coming“ zu dessen „best-sounding“ Album.


Superstars
Ein weiteres Dire-Straits-Album sollte es erst wieder 1985 geben – aber dafür krempelte es gleich die Medienwelt um. Auf „Brothers In Arms“ (das Titelstück etwa verschmilzt keltischen Folk grandios mit Soul), breitete Mark Knopfler eine opulente Palette aus die jedem etwas bot: Freunde nichtssagender Pop-Massenware bekamen „So Far Away“, Fans unkomplizierten Rock ´n Rolls die fröhliche Kirmesorgel-Hymne„Walk Of Life“, Kuschelrockhörer das schmuseweiche „Why Worry“, Intellektuelle die vielschichtige Lyrik von „Your Latest Trick“, politisch Interessierte das Psychogramm eines Kriegsverbrechers („The Man´s Too Strong“), Friedensbewegte gleich zwei Monologe todesbereiter Kämpfer (Titelsong und „Ride Across The River“), HiFi-Freaks eine perfekte audiophile Produktion; und Gitarrenfreaks bekamen ein breites Spektrum prägnanter Riffs auf diversen elektrischen und akustischen Instrumenten. Fast unverschämt balancierte Mark Knopfler auf einem rasiermesserschmalen Grat zwischen Genialität und Trivialität sicher ins Ziel. Der überwältigende Verkaufserfolg verwandelte die CD vom exotischen Eingeweihtentipp zum Standardformat des globalen Musikkonsums; „Money For Nothing“ (eigentlich eine Kritik an der MTV-Plastikwelt) machte den Sender erst richtig berühmt, so wie das Cover (eine dahinschwebende National) eine plötzliche Nachfrage nach den fast vergessenen Stahlgitarren auslöste. Die Dire Straits, nun endgültig Megastars, spielten auf einer endlosen Welttournee vor Millionen Zuschauern, was Mark Knopfler am Ende steinreich zurückließ - und desillusioniert: 90.000 Menschen wegen Dire Straits in einem Stadion? Das empfand er als „lächerlich“: „Die Leute kauften meine Platten, weil wir Mode waren. Die Musik war ihnen egal.“ Daher begann er wieder, mit Freunden aus Leeds aufzutreten; unter dem selbstironischen Namen „Notting Hillbillies“ machten sie eine altmodisch schöne (überraschend erfolgreiche) Platte voll Country, Blues und Rockabilly, die vor Dobros nur so glänzte. Ein letztes Dire-Straits-Projekt stieß Knopfler 1990 bei einem Abendessen mit Bassist John Illsley eher beiläufig an; „On Every Street“ (1991) bot neben Preziosen wie den bluesigen „Fade To Black“ und „You And Your Friend“ voll unvergleichlicher Gitarrenparts auch Überflüssiges. Live-CD und –Video der obligatorischen Welttournee dokumentierten, wie weit man sich von der tragbaren Kneipenband entfernt hatte: Auf dem Cover winken neun (!) Musiker vor zwei Keyboard-Batterien in die prall gefüllten Ränge eines Fußballstadions.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2 / 03