Improvisiert
While My Guitar ... Von Franz Holtmann


George ist ja nun nicht mehr unter uns, und alles was uns bleibt ist die Erinnerung an eine gute Zeit blutvoller Musik. Aus dem traurigen Anlass nehmen wir heute einen Ausschnitt aus einem der bekanntesten Harrison Songs „ ... Gently Weeps“ zur Grundlage unserer harmonisch-melodischen Untersuchungen. Das Stück basiert vornehmlich auf einer absteigenden Akkordfolge mit wechselnder Endung. Die letztere sparen wir uns, wie auch die nachfolgende Bridge, und nehmen nur die vier zentralen Akkorde mit denen der Song anfängt. Diese lauten: Am, Am/G, D9/F#, F, und sie werden in fortlaufenden ganztaktigen Wechseln gespielt. Man könnte auch sagen, wir halten den Am-Akkord und wechseln nur den Bass dazu.

Das gilt bis zum F-Dur Akkord und auch hier ist ein Teil davon noch erhalten. Harmonisch betrachtet lassen sich alle Akkorde von der C-Dur Tonleiter ableiten, nur der sich auf die vorbeschriebene Art ergebende Durchgangsakkord D9/F# will nicht recht in dieses Bild passen. Es ist der Ton F#, der aus der Reihe tanzt, und das können wir melodisch nicht wirklich ignorieren. OK, wir können natürlich so tun, als ob uns das nicht weiter interessiert, und mit etwas Glück oder Erfahrung vermeiden wir den riskanten Ton und alles ist soweit gut. Spielen wir aber ein F zum F#, so klingt das schlicht falsch und tut schon etwas weh. Machen wir uns also ruhig die begrenzte Mühe und schauen, ob wir nicht möglichst leicht aus der Sache herauskommen. Beziehen wir das D-Dur auf den Am-Akkord, so stellt sich heraus, dass eigentlich tatsächlich nur das fiese F# nicht in C-Dur, bzw. in der davon abgeleiteten Parallele a-Moll vorkommt. Die Töne D (Grundton), A (Quinte) und E (None) sind allesamt kompatibel mit C-Dur.

Was also tun? Wir wählen als Ausgangsposition für unsere angestrebte Improvisation über die gegebenen Akkorde die 5. Lage und den hierauf passenden natürlichen (äolischen) Am-Fingersatz, der von der tiefen E-Saite zur hohen e-Saite gespielt in vollem Umfang folgendermaßen aussieht: V. Lage: 1, 3, 4, 1, 3, 4, 1, 3, IV. Lage 1, 2, 4, V. Lage 1, 2, 4, 1, 3, 4. Wir erreichen also noch die Terz über dem zweiten Oktavton auf der hohen e-Saite ohne Probleme. Mit diesem Fingersatz lässt sich weitgehend trefflich arbeiten, nur beim D-Dur müssen wir einen Schwenk in den leicht veränderten FS Am dorisch vornehmen: V. Lage 1, 3, 4, 1, 3, VI. Lage 1, 2, 4, 1, 2, 4, V. Lage 1, 3, 4, 1, 3, 4. Ein kleiner, aber wirkungsvoller Unterschied von nur einer Note, denn damit modulieren wir im Grunde die Harmonik kurzzeitig in den G-Dur-Raum (dessen II. Stufe dieses Am dorisch ist, welches wir zu D9/F# spielen - Gott, wie kompliziert sich das in der Theorie doch immer darstellt). Wir spielen also in einer Akkord-Parallele, die sozusagen zur Familie gehört. Das ist aber nicht so wichtig, wenn wir nur die richtigen Töne dem entsprechenden Akkord zuordnen (haha).
Verkürzen wir also unser Tun auf folgende praktische melodische Spielanweisung für den repetierten Viertakter: 2 Takte Am äolisch (natürlich), 1 Takt Am dorisch und 1 Takt Am äolisch. Zwei Beispiele zur Erläuterung. Und los geht’s mit Beispiel 1 (Abb.1):

In Takt 3 passiert nichts Störendes, wenn ich den äolischen Moll-Fingersatz beibehalte und einfach nur den Ton F vermeide. Will ich aber harmonisch den gesetzten Akkord ausleuchten, so ist die Terz F# das prägende Element, wie in Takt 7 zu sehen, bzw. zu hören ist.
In Abb. 2 sind die Akkorde nicht zerlegt, sondern gedämpft gespielt (zu hören auf unserer Begleit-CD); dafür legen wir den Handballen leicht an die Saiten.

Der zu Takt 3 gehörende Ton F# hängt wirkungsvoll in den Folgetakt F-Dur über und wird erst gegen Taktmitte in das F aufgelöst. Das gibt einen netten vorhaltenden Effekt, der bis zum E weiter durchgeführt wird. Die absteigend drängende Linie F#, F, E besitzt einen komprimierenden, einen steigernden Charakter, der mit der Quinte als Auftaktnote für das Ziel a-Moll endet und von der rhythmischen Verdichtung in Achteln unterstützt wird.
Das sollte zur Demonstration reichen. Versuche eigenständige Melodien mit den beiden Tonleitern zu finden. Höre dir selbst gut zu und lerne die richtigen Noten zu wählen, die falschen oder nicht so gut klingenden zu vermeiden. Das ist allerdings nur ein Anfang, denn es bleibt noch der Weg zur „richtigen“ Melodie mit gut tönenden Intervallen, schönem Timing und wirkungsvollen Pausen zu erkunden. Also, nur Mut: das Glück gehört dem Tüchtigen...
P.S.: Ironischerweise vermeidet übrigens auch Eric Clapton, der das Solo auf der Originalaufnahme spielt, den Melodieton F# hartnäckig; also keine Sorge, des passt scho!