George ist
ja nun nicht mehr unter uns, und alles was uns bleibt ist die
Erinnerung an eine gute Zeit blutvoller Musik. Aus dem traurigen
Anlass nehmen wir heute einen Ausschnitt aus einem der bekanntesten
Harrison Songs ... Gently Weeps zur Grundlage unserer
harmonisch-melodischen Untersuchungen. Das Stück basiert
vornehmlich auf einer absteigenden Akkordfolge mit wechselnder
Endung. Die letztere sparen wir uns, wie auch die nachfolgende
Bridge, und nehmen nur die vier zentralen Akkorde mit denen der
Song anfängt. Diese lauten: Am, Am/G, D9/F#, F, und sie werden
in fortlaufenden ganztaktigen Wechseln gespielt. Man könnte
auch sagen, wir halten den Am-Akkord und wechseln nur den Bass
dazu.
Das gilt bis zum F-Dur Akkord und auch hier ist ein Teil davon
noch erhalten. Harmonisch betrachtet lassen sich alle Akkorde
von der C-Dur Tonleiter ableiten, nur der sich auf die vorbeschriebene
Art ergebende Durchgangsakkord D9/F# will nicht recht in dieses
Bild passen. Es ist der Ton F#, der aus der Reihe tanzt, und das
können wir melodisch nicht wirklich ignorieren. OK, wir können
natürlich so tun, als ob uns das nicht weiter interessiert,
und mit etwas Glück oder Erfahrung vermeiden wir den riskanten
Ton und alles ist soweit gut. Spielen wir aber ein F zum F#, so
klingt das schlicht falsch und tut schon etwas weh. Machen wir
uns also ruhig die begrenzte Mühe und schauen, ob wir nicht
möglichst leicht aus der Sache herauskommen. Beziehen wir
das D-Dur auf den Am-Akkord, so stellt sich heraus, dass eigentlich
tatsächlich nur das fiese F# nicht in C-Dur, bzw. in der
davon abgeleiteten Parallele a-Moll vorkommt. Die Töne D
(Grundton), A (Quinte) und E (None) sind allesamt kompatibel mit
C-Dur.
Was also tun? Wir wählen als Ausgangsposition für unsere
angestrebte Improvisation über die gegebenen Akkorde die
5. Lage und den hierauf passenden natürlichen (äolischen)
Am-Fingersatz, der von der tiefen E-Saite zur hohen e-Saite gespielt
in vollem Umfang folgendermaßen aussieht: V. Lage: 1, 3,
4, 1, 3, 4, 1, 3, IV. Lage 1, 2, 4, V. Lage 1, 2, 4, 1, 3, 4.
Wir erreichen also noch die Terz über dem zweiten Oktavton
auf der hohen e-Saite ohne Probleme. Mit diesem Fingersatz lässt
sich weitgehend trefflich arbeiten, nur beim D-Dur müssen
wir einen Schwenk in den leicht veränderten FS Am dorisch
vornehmen: V. Lage 1, 3, 4, 1, 3, VI. Lage 1, 2, 4, 1, 2, 4, V.
Lage 1, 3, 4, 1, 3, 4. Ein kleiner, aber wirkungsvoller Unterschied
von nur einer Note, denn damit modulieren wir im Grunde die Harmonik
kurzzeitig in den G-Dur-Raum (dessen II. Stufe dieses Am dorisch
ist, welches wir zu D9/F# spielen - Gott, wie kompliziert sich
das in der Theorie doch immer darstellt). Wir spielen also in
einer Akkord-Parallele, die sozusagen zur Familie gehört.
Das ist aber nicht so wichtig, wenn wir nur die richtigen Töne
dem entsprechenden Akkord zuordnen (haha).
Verkürzen wir also unser Tun auf folgende praktische melodische
Spielanweisung für den repetierten Viertakter: 2 Takte Am
äolisch (natürlich), 1 Takt Am dorisch und 1 Takt Am
äolisch. Zwei Beispiele zur Erläuterung. Und los gehts
mit Beispiel 1 (Abb.1):
In Takt 3 passiert
nichts Störendes, wenn ich den äolischen Moll-Fingersatz
beibehalte und einfach nur den Ton F vermeide. Will ich aber harmonisch
den gesetzten Akkord ausleuchten, so ist die Terz F# das prägende
Element, wie in Takt 7 zu sehen, bzw. zu hören ist.
In Abb. 2 sind die Akkorde nicht zerlegt, sondern gedämpft
gespielt (zu hören auf unserer Begleit-CD); dafür legen
wir den Handballen leicht an die Saiten.
Der zu Takt
3 gehörende Ton F# hängt wirkungsvoll in den Folgetakt
F-Dur über und wird erst gegen Taktmitte in das F aufgelöst.
Das gibt einen netten vorhaltenden Effekt, der bis zum E weiter
durchgeführt wird. Die absteigend drängende Linie F#,
F, E besitzt einen komprimierenden, einen steigernden Charakter,
der mit der Quinte als Auftaktnote für das Ziel a-Moll endet
und von der rhythmischen Verdichtung in Achteln unterstützt
wird.
Das sollte zur Demonstration reichen. Versuche eigenständige
Melodien mit den beiden Tonleitern zu finden. Höre dir selbst
gut zu und lerne die richtigen Noten zu wählen, die falschen
oder nicht so gut klingenden zu vermeiden. Das ist allerdings nur
ein Anfang, denn es bleibt noch der Weg zur richtigen
Melodie mit gut tönenden Intervallen, schönem Timing und
wirkungsvollen Pausen zu erkunden. Also, nur Mut: das Glück
gehört dem Tüchtigen...
P.S.: Ironischerweise vermeidet übrigens auch Eric Clapton,
der das Solo auf der Originalaufnahme spielt, den Melodieton F#
hartnäckig; also keine Sorge, des passt scho!
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