Blaublütig
Duke Robillard
Von Hans-Jürgen Lenhart


Ein Duke ist bekanntlich ein Herzog und kommt in der Adelshierarchie gleich unter dem König. Könige gibt es nur im Pop, Herzöge dafür in den einzelnen Stilarten der U-Musik wie z. B. dem Blues. Duke Robillard hat seinen „Titel“ wahrlich verdient, denn kaum ein anderer Blueser beherrscht ein derart breites Spektrum des Blues wie er. Aber vielleicht hat sein blue(s) blood auch Verbindungen zu Duke Ellington, denn Robillard hat sich zusätzlich einen Namen als Swing-Gitarrist im Rahmen von Blues-Combos gemacht. Mit seinem Gitarrensound bringt er auch die Zeit zurück, als die akustische Jazzgitarre zum Soloinstrument wurde. Ist Robillard nun ein bluesiger Jazzer oder ein jazziger Blueser?

Der Blues ist nicht nur einer der wichtigsten Ausgangspunkte für die meisten Stile der heutigen Popmusik, auch dass Blues- und Jazzmusiker zusammen in einer Band spielen oder vielmehr beides in ihrer Musikerrolle vereinen, war in den 30er bis 50er Jahren eine völlig natürliche Angelegenheit. Genau gegen eine Wahrnehmung des Blues als orthodoxe Angelegenheit nur für die eigenen Fans richtet sich Duke Robillard. Immer wieder spielte der bekannte Blues-Gitarrist Swing-Alben ein, etwa mit Jazzmusikern wie dem betagten Herb Ellis und in der Spielart von Musikern wie Louis Jordan, ein ehemaliger Swing-Musiker, und er integriert häufig Bläser in seiner Band. Dadurch erinnert sein Blues auch oft an den in den 40ern entwickelten bluesverwurzelten Jump-Stil, der sehr viel vom späteren Rock ’n’ Roll vorwegnahm. Andere Stücke orientieren sich wiederum an Blues-Arrangements aus der Rockszene der Spät-60er (wie etwa Paul Butterfields Electric Flag). Und im Konzert erlebt man Robillard als Improvisator von jazziger Epik, der gleitend in eine Rockabilly-Atmosphäre hinein wandert. Genau an diesem Punkt merkt man, dass Sound und Spielweise der semi-akustischen Swing-Gitarre in der Frühzeit des Rock ’n’ Roll durchaus adaptiert wurden.

Ab dem 1994er Album „Duke’s Blues“ präsentierte er seine stilistische Vielfalt innerhalb der Alben selbst, gleichzeitig gelang ihm ein deutlich identifizierbarerer Sound, im Gesangsstil wie in der Ausschmückung traditioneller Riffs. Seit seinen Veröffentlichungen mit dem Jazz-Gitarristen Herb Ellis von 1999 mit etlichen Nummern z. B. von Benny Goodman lässt Robillard seiner Liebe zur Swing-Zeit insofern mehr Raum, als viele seiner Improvisationen größere Raffinesse aufweisen und weniger auf die aggressiven Gesten des rockigen Blues setzen. Doch bereits Ende der 80er nahm Robillard Swing-Alben auf, die zudem auch Eigenkompositionen beinhalteten. Dass Robillard semiakustische Gitarren aus der Frühzeit der elektrifizierten Jazzgitarre bevorzugt und gerne auch akustische Stücke aufnimmt, wundert daher nicht.

Seine stilistische Vielfalt ist auch seiner Umtriebigkeit zu verdanken. Er ist ein gefragter Gastmusiker und wurde u.a. von Bob Dylan engagiert. Doch ist sein Name auch mit etlichen renommierten Bluesbands verbunden. So gründete er 1967 die Blues-Bigband Roomful of Blues, ersetzte 1990 Jimmie Vaughan bei den Fabulous Thunderbirds und spielte auch bei der Legendary Blues Band, bis er ab 1981 unter seinem eigenen Namen aufzutreten begann. Den begehrten W.C. Handy Award für den besten Blues-Gitarristen erhielt er die letzten beiden Jahre in Folge. Auch als Produzent hat er sich inzwischen einen Namen gemacht.


Du hast ein Album namens „New Blues For Modern Man“ gemacht. Damit assoziiert man eine sehr zeitgemäße Spielweise des Blues. Was genau verstehst du darunter?

Duke Robillard: Blues ist in seiner Art zunächst mal eine traditionelle Musik. Ich selbst denke da auch nicht nur innerhalb des Maßstabs des ständig Neuen. Man lernt zumeist von Kollegen oder klaut gar voneinander. Mir geht es nicht um das Revolutionieren dieses Stils. Es besteht dann die Gefahr, dass man dabei den Blues verlässt. Es werden heute sehr viele Musikstile auf eine Art modernisiert, die sie eher Teil eines anderen Stiles werden lassen, als dass sie sich aus sich selbst heraus entwickelt hätten. Entwicklung muss aus der Tradition kommen. Darum geht es letztlich. Das heißt z. B., alte Songs in einer Spielweise präsentieren, die sich erst später entwickelt hat. Oder ein bestimmtes Element des Blues mit einem speziellen Instrumental-Sound zu kombinieren. Oder den Blues überall dort aufspüren, wo er eine Rolle gespielt hat. Den Blues mit Fremdeinflüssen kombinieren, ohne nur modische Sounds hinzu zu geben. Viel mit Kollegen spielen, um sich gegenseitig zu inspirieren. Aber es ist schon so viel im Blues probiert worden, dass es schwierig ist, etwas wirklich Neues zu finden. Der Blues ist nicht mehr derart populär wie in der Vergangenheit. Die Weltmusik hat da viel vom Bluespublikum abgezogen. Trotzdem gibt es immer ein weltweites Publikum. Derzeit kann ich auch keine eindeutig neue Entwicklung im Blues erkennen, die zu einem neuen Jahrtausend passen würde.

Du hast neben deiner Blues-Karriere etliche Swing-Alben, z. B. mit Herb Ellis eingespielt. Wie kam es zu dieser Orientierung zum Jazz?
Duke Robillard: Auf den Swing kam ich eben durch das Blues-Spiel. Viele Leute kennen heute nicht mehr die enge Verbindung zwischen Blues und Jazz, die in den Anfängen bestanden hat. Bluesnummern haben immer zum Repertoire eines guten Jazzers gezählt. In den 40er und 50er Jahren gab es viele Jazzbands mit einem Bluessänger als Frontman, daraus hatte sich der Rhythm & Blues entwickelt. Diese Zeit interessiert mich. Vergessen wir auch mal nicht, beide Stilarten waren Tanzmusik. Gerade der Übergang zum Rock’n’Roll zeigt für mich eine sehr unterhaltsame Seite des Blues. Ich möchte einen Blues mit Stimmung zum Tanzen vermitteln, nicht nur was für Spezialisten. Und diese Entertainment-Einstellung hatten die Swingmusiker ja genauso.

Benutzt du verschiedene Gitarren bei Blues- und Swing-Stücken?
Duke Robillard: Durchaus. Ich spiele Jazz meistens auf einer Hohlkörper-Gitarre, wie es die ersten Jazzgitarristen getan haben. Ich finde den Sound der Zeit Charlie Christians angemessen dafür. Natürlich kann auch der umgekehrte Fall sehr reizvoll sein. Auf dem Album „Explorer“ benutze ich aber wiederum eine Gibson aus den 50er Jahren. Sie ist aus sehr sanftem Korina-Holz und so kann man mit ihrem warmen Sound Jazz-Tunes spielen, aber sie taugt auch für Rock-Stücke und da trauen viele ihren Ohren nicht. Das Gitarrenholz kann also eine große Rolle spielen.

Es gibt auf fast allen Alben auch Stücke mit der akustischen Gitarre. Welche Rolle spielt sie für dich?
Duke Robillard: Die akustische Gitarre ist mir zunächst erst mal am Nächsten, auch wenn mir das viele Leute nicht abnehmen. Auf ihr probiere ich Ideen aus oder komponiere damit. Auf der akustischen Gitarre bevorzuge ich Country-Blues-Sachen, bei Jazz-Aufnahmen im Studio setze ich die akustische bei Stücken im 4/4-Takt als Klangfüllung oder Rhythmusgitarre im Hintergrund ein, wie es z. B. Freddie Green in der Count Basie-Bigband getan hat. Ich bin mit der akustischen Gitarre über die Musik von Hank Williams aufgewachsen. Später ging ich oft auf das Newport Folk Festival. Das spielte später eine Rolle für mein Empfinden, dass all die amerikanischen Roots-Stile Teile des Blues sind oder ihn umgekehrt aufnahmen.

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