"Vintage"-Gitarren
Von Ralf Bauer

Diese Kolumne beschäftigt sich in erster Linie mit den unterschiedlichen Bauformen der Akustikgitarre. Da deren Entstehungsgeschichte in den allermeisten Fällen auf den relativ begrenzten Zeitraum der 20er, 30er und 40er Jahre zurückgeht und dahingehend immer wieder allgemeine Fragen auftauchen, wollen wir uns in dieser Ausgabe einmal generell mit dem Thema "alte" Gitarren, deren historischer Bedeutung und ihrem allgemeinen Stellenwert beschäftigen.

Allgemein
Die Meinungen gehen gerade bei diesem Thema weit auseinander und sind dabei so vielfältig wie die unterschiedlichsten Spieltechniken, Klangvorstellungen und stilistische Vorlieben des Einzelnen - kein Wunder also, dass hier oft Welten aufeinander treffen, vom subjektiven Blickwinkel geprägt und konträr diskutiert. Wenig verständlich teilen sich dabei immer wieder die Lager in vorrangig zweckorientierte Spieler sowie Sammler/Liebhaber auf. Die "Spieler" sind entsetzt darüber, dass vermeintlich gute Instrumente in Händen von Sammlern/Liebhabern ihrer eigentlichen Bestimmung entzogen und dadurch auf dem freien Markt nicht verfügbar sind. Der "Sammler/Liebhaber" hingegen bangt mit Schmerz, könne die "gegnerische" Fraktion womöglich, ungeachtet der kulturell historischen Bedeutung, die Originalität des Instrumentes beeinträchtigen oder gar Modifikationen oder konstruktive Änderungen vornehmen. Doch Polemik beiseite, gilt es der Materie mit Objektivität und Sachlichkeit näher zu kommen.

"Vintage"
Unter den allgemeinen Begriff "Vintage" fallen zwischenzeitlich Instrumente eines schwerlich einzugrenzenden Qualitätsniveaus. Faktoren wie beispielsweise der Seltenheitswert, die Verfügbarkeit oder die Besonderheit einer einzelnen Gitarre fließen, auch nach der eigentlichen Definition des Begriffes "Vintage", ergänzend ein und lassen somit keine prinzipielle Altersabhängigkeit für einen "Vintage-Status" zu. Ein ganz besonderer Status hingegen entfällt auf Instrumente der oben definierten "Golden Era" (20er bis 40er Jahre), der Epoche, die für die Entwicklung eines weitreichenden Industriestandards der akustischen Stahlsaitengitarre steht. Bedeutende Modelle dieses Zeitraums werden auch künftig einen übergeordneten historischen Stellenwert gegenüber den meisten folgenden Vintage-Gitarren einnehmen. Modernen Abmessungen, Spieleigenschaften oder Klangvorstellungen entsprechen diese "Originale" sicherlich nicht immer, spiegeln sie vielmehr den musikalischen wie kulturellen Zeitgeist ihrer Epoche wider. Nicht nur die Güte der verwendeten Tonhölzer, auch traditionell angewandte Verarbeitungstechniken und Materialien bestimmen den Charakter und die Qualität dieser Zeit. Der Zusammenhang von Alter und Qualität lässt sich dabei unmöglich pauschal bestimmen. Der Alterungsprozess von Holz, Leim und Lack oder das Spielen einer Gitarre als solches schlagen sich insgesamt komplex, abhängig von äußeren Umständen und der gesamten Konstruktion, nieder. Die Magie und klangtypischen Eigenarten des charakteristischen "Vintage Sound" lassen sich dennoch für viele auf eine gewisse Art und Weise eingrenzen, ebenso wie das gesamte "Feeling" und die Ausstrahlung einer "alten" Gitarre. In den vergangenen Jahren konnte eine zunehmende Rückbesinnung auf Designs und Konstruktionsmerkmale "alter" Gitarren festgestellt werden. Als Folge dessen haben nun auch renommierte Hersteller wie Martin oder Gibson ihre eigene Geschichte wieder entdeckt. Aktuelle Beispiele zeigen sich in Martins Vintage Serie oder Gibsons Historic Line, welche zu Beginn ohne die tatkräftige Unterstützung der Sammler/Liebhaber kaum möglich gewesen wäre. Kompetentes Personal nämlich war in eigenem Hause nicht mehr verfügbar, das eigene Know-how, dies unschätzbare Kapital, hatte sich verflüchtigt. Darüber hinaus haben sich auch etliche kleinere Hersteller in ihrer Angebotspalette an Vintage-Modellen der "Golden Era" orientiert, Baudetails wieder entdeckt und zwischenzeitlich längst in Vergessenheit geratene Verarbeitungsweisen erneut angewandt. Gerade sie gehören, neben den reinen Liebhabern, Forschern und Sammlern, zu den treibenden Kräften der gesamten Entwicklung.


Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 3/2001