Vorgestellt


 

Sound Of Silence
Paul Simon, Teil 1

Von Michael Lohr

Als die Sonne an jenem Bilderbuch-Juniabend 1991 jenseits des Rheins über Hügeln versinkt, erreicht die Stimmung auf den Rängen ihren Höhepunkt. Ein kleiner Mann mit Gitarre vor einem multikulturell bunten Ensemble aus Sängern, Perkussionisten, Bläsern und Gitarristen zählt, kaum dass der Beifall für den letzten Titel verklungen ist, eine treibende Samba vor. Der Text - auch wenn die „Loreley“ eine Freilichtbühne ist - soll am Ende der dritten Strophe genau das aussprechen, was sich gerade abspielt: „It was late in the evening,/and I blew that room away!“

Diesen Effekt konnte Paul Simon während des folgenden Songs auskosten. Und vielleicht angesichts der gelöst hin- und herwogenden Menge kurz daran denken, dass er „Loreley“ als Frauenname schon einmal in einem Song benutzt hat - in „Was A Sunny Day“, einem jener kleinen subtilen Meisterstücke, die seinen Weg säumen von den „Sounds of Silence“ zum „Rhythm Of The Saints“ (Tournee-Titel).
Am Anfang von alldem stand jemand, dem solch lyrische Wortfolgen nicht im Traum eingefallen wären: „Ich wusste nicht, was ich mal werden wollte, und dann habe ich Elvis gehört, und ich wusste es“, erinnert sich der 1941 geborene Paul Simon an sein Schlüsselerlebnis 1955. Ungefähr damals war dem Sohn eines musizierenden College-Professors und einer Grundschullehrerin auch der gleichaltrige Art Garfunkel aus der Nachbarschaft im New Yorker Vorort Forest Hills aufgefallen, dessen Engelsgesang in der Synagoge die Mädchen betörte. Bald entwickelte sich eine symbiotische Beziehung: Der junge Paul Simon sah in Garfunkels Gesangsgabe den Schlüssel zum Erfolg (auch bei Mädchen), und Garfunkel brauchte Pauls Energie und Antrieb, um aus seinem Talent etwas zu machen.

Ein einzelner Hit schon mit 16
Familie Simon, die ihren beiden Söhnen laut Paul eine absolut glückliche Kindheit wie aus einer amerikanischen Fernseh-Bilderbuchidylle bot, unterstützte die musikalischen Ambitionen ihres älteren Sohnes, unterschätzte aber dessen Eifer auf der Gitarre, die er zum 14. Geburtstag bekommen hatte. Im Duo mit Garfunkel entwickelte Paul Simon bald eine beträchtliche Auftrittsroutine, und nach monatelangen Experimenten mit Mehrspur-Aufnahmen auf den beiden Tonbandgeräten von Arts Eltern verfügten die Freunde praktisch auch über Erfahrungen im Komponieren und Produzieren.
Die Selbstvermarktung folgte auf dem Fuße: Mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein klapperten Paul Simon und Art Garfunkel die Produzentenbüros in Manhattans Brill Building ab, wo damals die Komponisten in fensterlosen Kleinstzimmern am Klavier zu Fließbandbedingungen Hit auf Hit heraushauten. Ein Manager, der dort zufällig einen ihrer Songs mithörte, erklärte die beiden sofort zum „Größten seit den Everly Brothers“ und produzierte mit ihnen tatsächlich einen Top-100-Hit („Hey Schoolgirl“), der sie unter dem Namen „Tom & Jerry“ sogar ins Fernsehen brachte: „Man kann sich das gar nicht ausmalen, dieses Gefühl, mit 16 schon einen Hit gehabt zu haben ...“
Es sollte trotz weiterer Bemühungen der einzige bleiben; mit 19 schien „ich meinen künstlerischen Höhepunkt längst hinter mir zu haben.“ Immerhin sorgten die stabilen Familienverhältnisse dafür, dass sich Simon und Garfunkel mit einem bürgerlichen Werdegang abfanden: Garfunkel studierte Mathematik, Simon englische Literatur am Queens College, während er sich unter Pseudonymen 1960-62 als Songwriter, Produzent und Sänger versuchte - für 25 Dollar Demos zu produzieren hieß immerhin, im Musikgeschäft zu bleiben und vom Sound bis zum Geld alles allein zu regeln. Nach dem Studium drängte seine Mutter ihn zu Jura: „Musik ist ja gut und schön“, sagte sie, „aber davon wirst du nie leben können.“
Dieser Einschätzung hätte er sich wohl auch trotz eines drögen Semesters gefügt, hätte nicht ein blasser junger Mann aus Minnesota, der sich nach einem genialen walisischen Dichter benannte, praktisch im Alleingang der Popmusik eine echte „Stimme und Lyrik gegeben“ (Patrick Humphries). Ohne jenen Bob Dylan, räumte Paul Simon 1968 ein, „wären wir alle heute nicht da.“ Doch auch Dylan war nur möglich, weil die kurze Rebellion des Rock´n‘Roll in süßem Schmalz erstickt (worden) war, weshalb die durch Kennedy und die Bürgerrechtsbewegung politisierte College-Jugend Widerstand und Substanz woanders suchte - und im Folk fand.

Elektrisiert durch Bob Dylan
Paul Simon hatte nicht die Genialität gezeigt, selbst etwas Neues anzuzetteln, und auch sein Literaturstudium hatte auf seine Texte nicht abgefärbt - doch von Dylans Ansatz war er wie elektrisiert. Fast augenblicklich begann er dem „original vagabond“ (Joan Baez) nachzueifern. Erste dementsprechende Versuche 1964 verliefen in Clubs im New Yorker Greenwich Village allerdings enttäuschend. Dies und Amerikas Depression nach dem Kennedy-Mord trieben Paul Simon nach Europa, wo er unter Seine-Brücken schlief - mit der Sicherheit des American-Express-Büros im Rücken. Auf Vermittlung eines Freundes bekam Simon Auftritte in Londons Folk-Clubs und hatte, kaum angekommen, eine Freundin (Kathy, die Muse hinter einigen klassischen späteren Songs), reguläre Auftritte, recht hohe Gagen, billiges Essen, aufmerksame Zuhörer, einen Exotenbonus als New Yorker und keinen nervenden Vergleich mit Bob Dylan - es war „bei weitem die beste Zeit in meinem Leben.“


Dabei wurde er zum sehr guten Interpreten seines ernsten Materials, mit einer Gitarrenbegleitung, die mit ihrem Hauch von Swing eine Klasse über den meisten Zeitgenossen stand. Das neue Selbstbewusstsein nutzte Simon, um in Amerika Kontakte zu pflegen, die zu einem Plattenvertrag führten - mit Garfunkel, und zwar unter den bürgerlichen Namen. Schon der erste Versuch mit „Wednesday Morning 3 a.m.“ trug die künstlerische Handschrift des späteren Erfolgs: Das Duo sprang auf den Folk-Zug auf, borgte den sozialen Protest bei Dylan und unterlegte ihn mit dem Harmoniegesang der „Everly Brothers“ - es machte also die städtische Singer/Songwriter-Protestbewegung kommerziell annehmbar. Doch der theoretisch geniale Schachzug floppte: Nach nur 3.000 abgesetzten Alben im ersten Jahr ging Paul Simon wieder zurück nach England.
Dort schwärmte immerhin der junge Songwriter Harvey Andrews „von dieser erstaunlichen Ein-Mann-Band, diesem tollen Gitarristen“, der unendlich oft Davey Grahams „Anji“ spielte und Andrews wie „der nächste Dylan“ vorkam; und dort nervte ein eifriger Fan, Judith Piepe, BBC und Plattenfirmen so lange, bis es irgendwie zu einem Soloalbum kam: In einer Stunde und mit einem einzigen Mikrofon aufgenommen, enthält „The Paul Simon Songbook“ einige der Klassiker, mit denen Paul Simon mit Garfunkel zusammen später weltweiten Erfolg haben sollte. Inzwischen machte in den USA ein PR-Mann von Columbia die Firma darauf aufmerksam, dass ein Radiosender in Boston „The Sounds Of Silence“ häufig spielte, dass in dem Song also vielleicht doch noch Potenzial steckte. Ohne Simon & Garfunkel zu konsultieren, ließ man ihn daraufhin in Folk-Rock-Richtung aufmotzen. In einem dänischen Folk-Club spielend las Paul Simon im September 1965 „Billboard“ und fand plötzlich sein Lied in den Top 100; auf sofortige Anfrage bei Columbia in New York prophezeite man dem Titel dort sogar die baldige Nummer-1-Position. Als dies sich Weihnachten 1965 bewahrheitete, hörten Paul und Art es in New York im Autoradio, und Garfunkel meinte: „Simon & Garfunkel - bei den Typen muss doch jetzt so richtig was abgehen!“

Nummer 1
In charakteristischem Geschäftssinn ließ Paul Simon nun in England alles liegen und stehen, griff in New York das schon abgeschriebene Duo wieder auf und strickte um den Hit herum ein Album, um den Erfolg zu zementieren - „Sounds Of Silence“ entstand, während der Titelsong noch Nummer 1 war, als eine Art „Paul Simon Songbook“ im Duoformat, elektrifiziert natürlich, um im aktuellen Folk-Rock-Trend mit abzusahnen. Und tatsächlich warf das Album mit „Homeward Bound“ und „I Am A Rock“ binnen Jahresfrist drei Hits ab - wenn auch danach erst das erste echte „Simon & Garfunkel“-Album Gestalt annahm: „Parsley Sage Rosemary & Thyme“ wurde sorgfältiger komponiert und produziert, und beide Musiker begannen, auf ihre gemeinsamen Werke wirklich stolz zu sein. Die Hits rollten nur so dahin, und Paul Simon hielt jene Jahre auch später noch für „great“. „Mrs. Robinson“ wurde durch den grandiosen Film Die Reifeprüfung zum Mega-Hit, der blendende Harmoniegesang der beiden New Yorker weltweit zum Markenzeichen, obwohl sie im Grunde nur wenige Minuten Musik zum Soundtrack beigesteuert hatten - die friedliche Innerlichkeit von „Scarborough Fair“ (die in der fantastisch klaren Produktion so beeindruckend zum Vorschein kam) kontrastierte mehr als effektvoll mit den hohlen Ritualen der Wohlhabenden.


Paul Simon schien sich nun kontinuierlich zu steigern - mit „America“ schuf er einen der stimmungsvollsten und intelligentesten Road-Songs aller Zeiten auf dem Konzeptalbum „Bookends“, für das er mit den Möglichkeiten eines Studios spielte wie mit einer Gitarre. Für das Folgealbum zog er indes noch mehr Register: Es gab frechere Songs wie „Keep The Customer Satisfied“ und „Baby Driver“ mit kräftigerem Groove, es gab erste Flirts mit lateinamerikanischer Musik (die Jobim-inspirierte Architekten-Hommage „So Long, Frank Lloyd Wright“, den Quasi-Reggae „Why Don´t You Write Me“). Und es gab zwei alles überragende Titel: „The Boxer“ baute sich aus einer akustisch begonnenen Gitarrenballade zur grandiosen „Wall of Sound“ à la Phil Spector auf; das moderne Gospel „Bridge Over Troubled Water“ sollte dem Komponisten schon allein Unsterblichkeit sichern - und dank zweistelliger Millionenverkäufe auch finanzielle Sorglosigkeit bis ans Lebensende.
Doch nachdem das Duo bei den Aufnahmen, wie Paul Simon sich erinnert, gerade mal vier Stücke zusammen gesungen hatte („Der Rest war sein oder mein Solo“) und sich auf einen zwölften Song partout nicht mehr hatte einigen können, wurde live der geniale Titelsong zum Symbol einer Entfremdung. Für Art Garfunkels großartige Interpretation, nur von Larry Knechtel am Piano begleitet, also ohne jede Mitwirkung des Komponisten, hatte Paul Simon neben sprachloser Bewunderung („Ich stand hinter der Bühne und dachte nur: Arthur, Arthur....“) auch stillen Groll übrig: „Die klatschten, und ich dachte: Vielen Dank, das ist eigentlich mein Song, ich habe ihn geschrieben.“ Auch Neidkomplexe traten hervor: „Art hatte blondes, flauschiges Haar, war groß und schlank, und dann diese Stimme“, sagte der kleinwüchsige Simon, und das hat Artie wohl auch im Innersten bedrückt.“ Und dieser erinnert sich: „In den ganzen „Simon & Garfunkel“-Jahren schien Paul Simon zu leiden.“

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Das vollständige Interview finden Sie in AKUSTIK GITARRE 3-2000