Vorgestellt


Dagobert Böhm: „Einfach drauflosgespielt ...“
Von Andreas Schulz

Mit seiner Band „Acoustic Unit“ ist der Gitarrist Dagobert Böhm längst kein Unbekannter mehr. Unter dem Motto „New Acoustic World Jazz“ fand diese Formation seit ihrer Gründung 1994 bei Publikum und Kritik gleichermaßen Gefallen. Vor kurzem hat Böhm zudem seine erste reine Solo-CD veröffentlicht. Gute Gründe, diesen Musiker bei uns einmal vorzustellen.

Einiges hat sich getan bei Dagobert Böhm. Der norddeutsche Saitenzupfer hat anlässlich der CD „Circle Around“ (Besprechung in AG 1-2000) sein eigenes Label „Ozella Music“ gegründet und marschiert mit großen Schritten in die Unabhängigkeit. Sein bisher größter Erfolg hat schon einige Jahre auf dem Buckel: 1986 erschien seine damals zweite LP/CD „Acoustic Moods“, die ihn international in recht erfolgreiche Regionen katapultierte. 1992 wurde „Morning Flight“ veröffentlicht, die in Spanien in ihrer Sparte zur besten CD des Jahres gewählt wurde. Zwei Jahre darauf kam es zur Gründung der schon erwähnten „Acoustic Unit“, bei der Böhm seine Steelstring-Gitarren in einen größeren Bandkontext stellte. Mitstreiter sind die ungarischen Jazzer Tony Lakatos (Saxofon und Flöte), Bela Lattmann (Bass) und Zoltan Lantos (Violine). Ein weiteres aktuelles Projekt ist die „String Unit“, ebenfalls mit Lantos und Markus Reuter an der futuristischen 8-saitigen „Touch Guitar“. Dagobert Böhm ist also ein aktiver Musiker, der das Schicksal in die eigenen Hände nimmt und seine musikalischen Vorlieben ganz konsequent in verschiedenen Formationen auslebt.


Dein Projekt „Acoustic Unit“ ist in Deutschland recht bekannt. Nun hast du deine erste Solo-CD „Circle Around“ veröffentlicht.
Dagobert Böhm: Genau genommen war es gar nicht meine Idee. Ich genieße es, mit guten Musikern zusammenzuspielen, und so lag es mir eigentlich immer fern, solistisch zu arbeiten. Bei Konzerten habe ich allerdings schon immer einige Solostücke gespielt, die sehr gut ankamen. Viele Leute haben dann konkret nach einer Solo-CD gefragt. Da ist sie nun. In meiner Schublade lagen viele geeignete Kompositionen. Außerdem konnten viele Stücke der „Unit“ solistisch arrangiert werden. Die Gitarrenparts, die im Bandzusammenhang etwas in den Hintergrund treten, kommen allein ebenfalls sehr gut zur Geltung.

Wie bist du bei der Auswahl der Tunes vorgegangen?
Dagobert Böhm: Im Grunde nach Lust und Laune. Die typischen Solostücke wie „Open Air“ und „Bigfoot“ waren natürlich Pflicht. Ansonsten habe ich einfach drauflosgespielt.

Die Atmosphäre der Aufnahmen ist ziemlich ruhig und besinnlich ausgefallen. Reflektiert das deine Stimmung?
Dagobert Böhm: Ich bin schon eher ein ruhiger Typ, insofern entsprechen mir diese Stücke. Ich liebe es, Akkorde ausklingen zu lassen. Mit technischer Virtuosität habe ich nichts am Hut. „Acoustic Unit“ spielt im Grunde ebenfalls solche Musik, doch durch die Instrumentierung mit Perkussion und Sopransaxofon wirkt es viel druckvoller und energetischer. Manchmal explodiert es geradezu.

Hast du dich gezielt auf eine solche solistische Platte vorbereitet?
Dagobert Böhm: (lacht) Da sprichst du einen wunden Punkt an. Im Grunde übe ich nur in der Entstehungsphase eines Stückes. Manchmal kommt das Ergebnis ganz schnell, manchmal wird an einzelnen Passagen lange getüftelt. Wenn eine Komposition abgeschlossen ist, übe ich eigentlich nicht mehr. Ich bin ja kompletter Autodidakt und habe bestimmt einige Umwege eingeschlagen, indem ich nur nach dem Gehör gegangen bin. Ohne zu wissen, dass es Open Tunings gibt, habe ich Verschiedenes ausprobiert und ganz verrückte eigene Stimmungen entdeckt, eine zum Beispiel C-G-C-g-g-c. Eine spezielle Vorbereitung für „Circle Around“ gab es jedenfalls nicht.

Ein Teil dieser Platte ist bei dir zu Hause entstanden.
Dagobert Böhm: Die neueren Stücke sind bei mir aufgenommen worden. Es ist ideal, wenn man zu Hause aufnehmen kann; die Zeiteinteilung ist völlig frei, man hat alle Möglichkeiten. Außerdem herrscht dort eine gute Atmosphäre, es ist relaxt, und man muss nicht ständig die teure Studiozeit im Hinterkopf haben.

Deine CD „Acoustic Moods“ aus dem Jahr 1987 war richtig erfolgreich und hat dich zum ersten Mal ins Rampenlicht gerückt.
Dagobert Böhm: Diese Platte hat sich weltweit gut verkauft. Ein solcher Erfolg lässt sich momentan wohl nicht so einfach wiederholen. Das war die erste Platte, bei der die musikalische Richtung klar war. Vorher gab es immer noch Songs, die mehr nach Neil Young oder James Taylor klangen. Ein Grund für den Erfolg lag sicher beim Vertrieb. „Acoustic Moods“ wurde sogar über die Club-Center von Bertelsmann verkauft, was ganz neue Absatzchancen eröffnete. Sogar in Südamerika lag die CD in den Läden.

Das klingt, als wärest du selbst erstaunt gewesen.
Dagobert Böhm: Na ja, das war der Beginn einer so genannten Profikarriere, und aus diesem Blickwinkel lief es sehr gut. Ich konnte meinen Job als Bäcker aufgeben. Das war damals mein Day-Job, da ich schon früh eine Familie hatte. Es war ein anstrengendes Leben, eine 40-Stunden-Woche, abends irgendwo spielen und die Wochenenden in Süddeutschland auf Tour ... Damit konnte ich 1987 endlich aufhören. Die nächste CD „Morning Flight“ von 1993 war ebenfalls recht erfolgreich und wurde sogar in Spanien zur besten Platte des Jahres in diesem Genre gewählt.

 

Das vollständige Interview finden Sie in AKUSTIK GITARRE 3-2000