In Concert


Ian Melrose
Trier, Tuchfabrik

Die Zeiten des Folk-Booms sind Geschichte, und einen akustischen Sologitarristen ohne einen über zwei Jahrzehnte hinweg fest zementierten Kultstatus zu engagieren, ist fast schon ein unternehmerisches Risiko. Und so geht die Geschichte in der heutigen Realität meist auf Kosten des Musikers aus - er muss sich darauf einlassen, für den Eintritt bzw. einen Anteil daran zu spielen, und dabei ergibt sich für ihn in aller Regel ein Stundenlohn, der einem vernünftig kalkulierenden Geschäftsmann die Tränen in die Augen treiben würde.

Es gibt allerdings Tage, an denen alles stimmt und der Fingerpicker an einem Ort spielt, wo das Ambiente passt, der Sound steht wie eine Eins, ein sachkundiges und doch begeisterungsfähiges Publikum den Saal zum Bersten füllt und genau wegen seiner Musik und nichts anderem gekommen ist - und wo auch der Musiker am nächsten Morgen gut gelaunt die Heimfahrt antreten wird. Der 9. Februar 2000 war ein Vorfrühlingstag wie aus dem Traum eines Dichters, und als Ian Melrose unweit der Trierer Fußgängerzone seinen Gitarrenkoffer in die Tuchfabrik trug, mag er trotz allem kaum geahnt haben, dass es ein besonderer Abend werden könnte. Schon fast 20 Jahre lebt er nun in Deutschland, der Schotte, bei dessen Gitarrenspiel man die Anreger Jansch und Renbourn deutlich wie bei keinem anderen heraushört und der dennoch über die Jahre zu einem eigenständigen Stil gefunden hat.
Die Jahre - das heißt auch Hunderte von Auftritten in kleinen Kneipen. All diese Abende haben deutliche Spuren auf der Decke von Melroses gut zwölf Jahre alter Lowden hinterlassen.

Auch ein Ausdruck einer dankbaren Verbundenheit mit diesem Instrument, wie das Publikum bald spürte. Der Kleine Saal der Tuchfabrik war bis auf den allerletzten Platz ausverkauft, als Melrose die Bühne betrat, und dennoch hätte er die gut 100 absolut aufmerksamen Zuschauer fast einzeln ansprechen können in der Intimität dieses feinen, kleinen Raumes, der an ein Dorfkino erinnert. Und wie in einem leicht nostalgischen Saal erzählte Ian Melroses Gitarre bald die Geschichten von rauen Küstenmorgen, nebligen Nachmittagen und bierseligen Abenden bei Menschen voller kantigem Mutterwitz und uralter Mystik - Celtic Fingerpicking eben, Klänge von archaischer Simplizität und aufgeschlossener Modernität. Diese Mischung könnte - das muss man sich immer vor Augen führen - genauso gut in supermarkttauglicher New-Age-Berieselung enden, wäre da nicht jemand, der bei aller Offenheit und zeitgenössischer Bildung die durchaus glaubwürdige Illusion eines Barden vermittelt, eines Kunsthandwerkers im besten Sinne, dem zuallererst an so etwas Altmodischem wie Qualität gelegen ist.

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Michael Lohr

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 3/2000