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Gibson „Herb Ellis“ ES-165
Von Wolfgang Niemann

Gerade ein so renommiertes Unternehmen wie Gibson mit einer mehr als hundertjährigen Geschichte hat es leicht, in einen nahezu unermesslichen geschichtlichen Fundus zu greifen und sich selbst zu zitieren. Doch beschränkt man sich nicht nur auf die oft bemühte Praxis, verschiedene Komponenten miteinander zu verbinden und so neue Modelle zu schaffen.

Tradition ist es auch immer gewesen, für einflussreiche und stilbildene Musiker eigene Modelle zu kreieren. Besonders seit dem Eigentümerwechsel im Jahre 1986 und dem Ende der Norlin-Ära befindet sich Gibson in einer konstanten Aufwärtsentwicklung und ist so kreativ wie zuletzt in den „goldenen 30ern“. Und so wie der Gitarrist Herb Ellis (*1921) mittlerweile zu einer Legende geworden ist, hat sein „Signature“-Modell die Gibson ES-175 als Basis. Ein Klassiker der Jazzgitarre mit einer Qualität in Konzeption und Ausführung, die Maßstäbe setzte und in einer Stückzahl von bald 40.000 Exemplaren seit ihrer Vorstellung im Jahre 1949 verkauft wurde. Wie viele andere begeisterte auch Herb Ellis sich für dieses Modell und hält seit 1953 dieser Gitarre die Treue. Und seine Wichtigkeit bei der weiteren Popularisierung der ES-175 kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn seine Zusammenarbeit mit „Giganten“ wie z.B. Coleman Hawkins oder Billie Holiday und die Abbildung auf vielen LP-Cover dieser Zeit förderten sehr stark das Image der ES-175.

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Handling und Ton
An Bequemlichkeit ist dieses Korpusmaß (16 Zoll) für eine Jazzgitarre wohl kaum zu übertreffen. Für jedes Körpermaß geeignet! Natürlich kann die „Herb Ellis“ nicht die akustische Präsenz einer L-5 oder einer vergleichbaren Jazzgitarre bieten - nicht nur wegen der Korpusgröße, sondern auch wegen der laminierten Hölzer. Doch dieses Modell nur allein nach seinen akustischen Qualitäten beurteilen zu wollen, würde ihm einfach nicht gerecht werden. Denn letztlich ist es doch mehr für eine elektrische Verstärkung konzipiert. Dass erstklassiges Material zur Herstellung der laminierten Hölzer Verwendung findet, kann man allerdings auch rein akustisch gespielt gut hören. Ein ausgewogener, eher mittig orientierter Klang, der alle Saiten in einem gleichen Lautstärkeverhältnis abbildet, erklingt beim ersten Anspielen. Sehr rund und warm. Unterschiede in der Dynamik, bedingt durch Position und Stärke des Anschlags, werden gut abgebildet. Sehr überzeugend ist nach meiner Meinung der Hals. Obgleich mit ausreichender Masse versehen, liegt er angenehm in der Hand. Mit einem optimal abgerichteten Griffbrett und mittelbreiten, hohen Bünden, die einen definierten Ton unterstützen, überzeugt er in allen Lagen. Denn auch die letzten Bünde sind durch den weit eingezogenen Cutaway (Handausschnitt) gut zu erreichen. Doch nun wollen wir die „Herb Ellis“ einmal unter Strom setzen! Die Klinkenbuchse in der unteren Zarge ist schnell gefunden, alle Regelknöpfe am Verstärker auf „zwölf Uhr“ gestellt, und schon kann es losgehen! Schön rund und jazzig klingt es aus dem Lautsprecher, und Mainstream-Standards fließen einem nur so aus den Fingern. Im Vergleich zu einer ES-175 mit zusätzlichem Stegtonabnehmer klingt es etwas akustischer und perkussiver. Man sollte die Auswirkung einer zweiten Ausfräsung in der Decke und die zusätzlichen ca. 200 Gramm eines Tonabnehmers nicht unterschätzen! Um Lautstärke und Ton zu regeln, sind zwei Potis griffgünstig auf der Decke montiert, deren Knöpfe durch das „Hatbox“-Design gut zu greifen sind.

Fazit
Dass gerade das Weglassen oft den Unterschied macht, zeigt die „Herb Ellis“ ES-165 in sehr schöner Weise. Viele Details, wie z.B. der Hals und die Wahl der Bundstäbchen, tragen eine deutliche Vintage-Handschrift, die dieser Gitarre zu einer sehr persönlichen Note verhilft. Der Spaß, den man unwillkürlich beim Spielen bekommt, und die Qualität in Material und Ausführung belegen eindrucksvoll, dass Gibsons Klassiker zu Recht einen untadeligen Ruf genießt. Und neben den genannten Unterschieden sowie der persönlichen Note der „Herb Ellis“ sollte auch ein Preisunterschied von etwa DM 1.000,- gegenüber der ES-175 Anreiz genug sein, sich mit dieser Gitarre einmal zu beschäftigen. Kurz: „a good player“!

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 3/2000