Vorgestellt


Klassik, Worldmusic & Jazz: Fareed Haque

Von Andreas Schulz

Deutsches Jazzfestival Frankfurt, 12.09.98, Eröffnungskonzert: Angekündigt ist der kubanische Saxophonist und Klarinettist Paquito D´Rivera. Doch als erster auf die Bühne kommt ein kleiner, stämmiger und quirliger Mittdreißiger mit einer klassischen Gitarre: Fareed Haque. Entschuldigend lächelt er ins Publikum, zeigt nach hinten, zuckt mit den Schultern und beginnt das Konzert mit einem der Präludien des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos, mit streng klassischem Anschlag, aber sehr tänzerisch und mit südländischem Temperament interpretiert.

Zum zweiten Stück des Abends ist dann natürlich auch Paquito da, und das gutgelaunte Duo spielt sich durch ein abwechslungsreiches Repertoire, das wie ein Kompendium der amerikanischen Musik dieses299fred.jpg (14701 Byte) Jahrhunderts anmutet: folkloristische Traditionals, gefolgt von einem Gershwin-Medley, Klassisches aus der Feder von Leo Brouwer oder Villa-Lobos, Tangos von Piazolla und natürlich Originale von D´Rivera. Die beiden sind in der Lage, weite Teile der nord- und südamerikanischen Musikgeschichte authentisch und durchaus humorvoll zum Klingen zu bringen.

Geschichte

Das populärste Projekt, an dem Fareed Haque bisher beteiligt war, ist "Nothing Like The Sun" von Sting aus dem Jahr 1987. Seitdem hat er als Sideman viele Produktionen veredelt und fünf Alben unter eigenem Namen veröffentlicht. Das Interessante an diesem Gitarristen sind sicherlich sein breites musikalisches Spektrum und sein multi-ethnischer Hintergrund, der deutlich in seinem Spiel zum Vorschein kommt. "Meine Mutter ist aus Chile, mein Vater aus Pakistan. Aufgewachsen bin ich in Chicago, doch wir sind eine Menge gereist, mit längeren Aufenthalten in Pakistan, in Spanien, Frankreich, im Iran. So habe ich die verschiedenen Kulturen und besonders ihre Musik kennengelernt. Mit elf habe ich angefangen, parallel mit akustischer und elektrischer Gitarre. Zu der Zeit habe ich Leute gehört wie McLaughlin, Paco de Lucia oder John Williams. Während der High-School spielte ich meistens Jazz, später studierte ich klassische Gitarre an der Universität, sehr ernsthaft, mit einem akademischen Abschluß." Heute hat Haque selbst eine angeschlossene Professur für Jazz und klassische Gitarre an der Northern Illinois University inne. Ein steifer Pädogoge ist er keineswegs, vielmehr ein gelassener, dennoch energiegeladener Mensch, der seine Aussagen mit großen Gesten unterstreicht, Rhythmen singt oder trommelt und sogar ein kleines Tänzchen in der Garderobe aufführt. "Ich bin ein begeisterter und auch sehr guter Salsatänzer. Wenn ich eine Musik wirklich verstehen will, muß ich in der Lage sein, dazu zu tanzen und die Melodien zu singen." Sein Ziel ist es, Musik und besonders das Gitarrenspiel nicht nur gedanklich zu erfassen, sondern vor allem sinnlich und körperlich zu erfahren. Sein Sprung ins Profilager verlief vergleichsweise reibungslos. "Auf dem College begann ich, professionell zu spielen, mit Howard Levy, Dave Holland und Paquito. Ich hatte die Chance, mit Sting zu spielen, auf seinem Label Pangaea sind auch meine ersten beiden Platten erschienen." In jüngster Zeit hat Fareed Haque mit Bob James, Javon Jackson, Bob Belden und Joe Zawinul zusammengearbeitet. Als Leader ist er seit 1994 bei Bluenote und hat bisher drei Produktionen vorgelegt. Besonders interessant ist die letzte Platte, "Deja Vu", ein instrumentales Remake der berühmten "Crosby, Stills, Nash &

Young"-Aufnahme von 1970, veröffentlicht im Rahmen der Bluenote-Coverserie. "Auf dieser CD spiele ich viele verschiedene Stile und auch ganz unterschiedliche Instrumente, die Anregung dazu kam von der Plattenfirma. Auf "Opaque" aus dem Jahr 1995 sind meine eigenen Stücke vertreten."

Einflüsse

Fareed Haque besitzt ein außergewöhnliches Gespür für die Tradition in der Musik. "Wenn es um Jazz geht, sind meine Einflüsse klar: Charlie Christian, Wes Montgomery, Tal Farlow und ganz besonders Pat Martino. He‘s my man! Ich bewundere ihn, er spielt so melodisch und mit einem solchen Swing. Ich habe viel transkribiert, aber am meisten habe ich auf Jam-Sessions gelernt." Hört man Haque im Konzert, kann man oft einen gewissen verschmitzten Charme in seinen Linien feststellen. Auch der häufige Einsatz von verminderten Arpeggien läßt unwillkürlich an Django Reinhard denken. "Ich liebe Django! Viele Leute meinen, Django kam geradewegs aus dem Nichts, aber vieles, was er spielt, kommt aus der Tango-Tradition. Die musikalische Verbindung zwischen Argentinien und Paris war einmal sehr stark; wenn man sich Aufnahmen aus dieser Zeit anhört, wird man vieles wiederentdecken." Bei der offensichtlichen Verbindung von Klassikgitarre und Jazz liegt auch die Frage nach Ralph Towner nahe, dem wohl bekanntesten Grenzgänger dieses Genres. "Ralphs Musik ist großartig. Vor einiger Zeit war geplant, daß Ralph, Egberto Gismonti und ich eine Trio-Aufnahme machen, aber das mußte leider verschoben werden. Das wäre ein echtes Gitarrentrio gewesen."

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Déjà Vu

Im Rahmen der Bluenote-Coverserie veröffentlichte Fareed Haque letztes Jahr sein persönliches Remake von "Crosby, Stills, Nash & Young"s "Déjà Vu" (1970). Zu seiner Zeit war das Original ein Hit-Album mit mehr als zwei Millionen verkauften Exemplaren, ein musikalischer Ausdruck des Flower-Power-Idealismus schlechthin. Fareed war damals übrigens gerade sieben Jahre alt. Interessant ist es zu hören, was er aus den eingängig komponierten Popsongs macht. "Carry On" wird zum funkigen Folkrocker mit einer an Pat Martino orientierten Jazzgitarre, "Teach Your Children" behält seine simple I–IV–I–V–Struktur über lebendigen Percussion-Loops, "Almost Cut My Hair" wieder mit fließenden Percussion-Grooves und einer deftigen 12-String-Gitarre, gespielt mit einem "Bic Lighter Slide" (gemeint ist ein Plastikfeuerzeug!); Joni Mitchells Hymne "Woodstock" schließlich erklingt mit treibenden Acid-Jazz-Drums und rasanten jazzigen, gelegentlich "schrägen" Licks von Fareed. "Déjà Vu" ist ein richtiges Gitarrenalbum, mit einer Vielzahl verschiedener Instrumente, Grooves und Atmosphären. Es hat eine Art von orchestralem Akustikgitarren-Sound, den man in dieser Konsequenz und Virtuosität selten zu hören bekommt.

Auf die Frage nach einer Selbsteinschätzung und weiteren Plänen antwortet Fareed Haque: "Ich denke, ich kann ohne Arroganz sagen, daß meine Musik, meine Art zu spielen, etwas Besonderes ist. Ich weiß, daß ich noch viel Zeit brauche, mich organisch dahin zu entwickeln, wo meine wirklichen Stärken liegen. Was ich mache, ist schwierig - nicht in einem intellektuellen Sinne, eher von der Bandbreite her. All die Stilistiken auf natürliche Weise zu verstehen und zusammenzuführen, ist nicht einfach. It takes a long time."

 

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2/99