Querdenker
Adrian Legg
Von Stefan Woldach

„Akustische Gitarrenmusik ist heute sehr künstlich geworden. Ich halte es für einen Fehler, sie anders klingen zu lassen als es eigentlich klingt.“


Den Albumtitel könnte man mit etwas Fantasie auch als „Der Gitarre bis auf die blanken Knochen geschaut“ übersetzen, denn der 54-jährige Londoner hat sein Konzept für diesen Longplayer bewusst einfach gestaltet. Auf technische Tricks oder gar eine aufwändige Produktion wurde gänzlich verzichtet. „Guitar Bones“ liegt Purismus und Traditionsverbundenheit zugrunde, und scheut sich auch nicht vor vermeintlichen „Störgeräuschen“ wie Atmen, Rascheln und Fußstapfen. Was der Zuhörer erhält, ist die ungeschminkte Performance eines Musikers, der auf elf Tracks eine bewundernswerte stilistische Bandbreite demonstriert, irgendwo zwischen Folk, Ragtime, Roots, Swing, Moderne und Rhythm & Blues. Legg - ohnehin oft mit dem Schalk im Nacken – liebt es, Regeln zu brechen. Und so genießen wir wunderbare Melodien und spannungsreiche Harmoniebögen des Fingerpicking-Style-Meisters auch mal auf einer Dobro, wenn es eine Komposition verlangt. Am meisten überzeugt jedoch die Lebendigkeit der Performance, bei der der Zuhörer förmlich fühlen kann, welchen Spaß der Musiker dabei hatte. Eine große kleine Platte.


Zweifellos zählt der 54-jährige Londoner zu den kreativsten Akustikgitarristen der Welt. Lange Zeit allerdings auch zu den meist Verkannten. Anfang der Neunzigerjahre noch galt der sympathische Brite für das „Guitar Player Magazine“ als das „best gehütete Geheimnis der Gitarrenwelt“. Das hat sich nach seinen Lehrbüchern, Videos und seiner Tour im Rahmen der G3-Formation mit Joe Satriani und Steve Vai längst geändert. Vor allem jedoch durch seine Alben, die stets künstlerische Statements eines Mannes sind, der Humor und Spaß mindestens genauso wichtig findet wie Ton und Charakter.

Adrian, du hast vor Jahren die These formuliert: „Ich glaube an die Idee der Inkompetenz als Mutter der Originalität.“ Hat die angesichts des hohen Niveaus, auf dem du dich bewegst, noch Bestand?
Adrian Legg: Sicher, das finde ich heute auch noch. Je mehr wir an Kompetenz arbeiten, desto weniger Charakter und Individualismus gibt es. Die meisten Musiker legen zu viel Wert auf ihre Technik. Nimm die Leute, die Bach interpretieren. Es ist faszinierend ihnen zuzuhören. Ich kann Bach nicht spielen. Aber warum sollte mich das grämen? Wenn wir Musik machen, sollten wir kommunizieren, Leidenschaft zeigen und Spaß haben, nur darauf kommt es an. Und nicht auf eine tolle Technik - die ich sowieso nicht habe.

Jetzt untertreibst du aber.
Adrian Legg: Nein, wirklich. Eine gute Technik haben nur Musiker, die Bach spielen. Leute die sich durch die Klassik graben und ihre Zeit an Universitäten verbringen, um Werke mit sehr hohen technischen Anforderungen spielen zu können, während wir Nicht-Akademiker in der Regel darauf bedacht sind, Spaß zu haben.

Das sieht man an deinen Einflüssen, zumeist britische Blues-, Beat- und Rock & Roll-Gitarristen. Wer ist dir heute noch wichtig?
Adrian Legg: Sicherlich Hank Marvin von den Shadows, weil er die elektrische Gitarre als Melodieinstrument begriffen hat. Eine spannende Zeit. Denn unser Weg war damals, Musiker zu kopieren. Durch das Kopieren hat jeder ein wenig anders gespielt. Und durch diesen Prozess hat jeder seinen individuellen Stil entwickelt. Nimm heute das G.I.T. in Kalifornien: Es gibt sehr viele Gitarristen, die ziemlich perfekt - aber um ehrlich zu sein - auch sehr langweilig sind
Welche Rolle spielt Humor in deinen Kompositionen? Du bist ja das beste Beispiel, dass man sehr wohl anspruchsvolle Musik machen und trotzdem eine Menge Spaß dabei haben kann.
Adrian Legg: Weißt du, uns sind vielleicht siebzig Jahre auf dieser Erde zugedacht. Welchen Sinn macht es da, ernst zu sein?! Ich glaube, die meisten großen Wissenschaftler und Künstler kamen irgendwann an den Punkt, an dem sie merkten, dass man einfach Spaß haben sollte. Das Leben ist nicht witzig - wohl aber, wie man es „überlebt“. Abgesehen davon macht Kreativität einfach Spaß.

Ich vermute, den hattest du mit „Guitar Bones“. Dein Album überzeugt aber auch durch seine stilistische Vielseitigkeit. Wie hast du es geschafft, dich in so viele verschiedene Stilistiken einzuarbeiten und auf einem so hohem Niveau zu halten?
Adrian Legg: Ich denke, weil ich sie nie als Stile betrachtet habe. Ich sehe sie einfach als Musik. Ich habe auch nie bewusst irgendwelche Stile gelernt. Ich höre Musikern einfach zu wie sie „sprechen“. Sie alle benutzen bestimmte Dialekte, Phrasen, Formulierungen. Diese Vielseitigkeit ist ein natürlicher Teil des menschlichen Lebens.

Was glaubst du, welche Gefühle transportiert Guitar Bones?
Adrian Legg: Keine Ahnung! (lacht), das sollen andere Leute befinden. Vielleicht krümmen sich die Leute vor Lachen, oder sie finden es grauenhaft? Es liegt alles in ihrer Vorstellungskraft, also in ihrem Kopf und nicht in meinem. Wenn ich das ausdrücken könnte, wäre ich Autor geworden. Bin ich aber nicht. Ich bin Musiker. Und es steckt alles in der Musik. Manchmal lässt sie die Leute lächeln, und manchmal brauchen sie 'ne Packung Taschentücher.

„O´Malley & Delacey“ (übrigens die Namen zweier irischer Musiker, mit denen Adrian mal gespielt hat) klingt, als wolltest du ein paar Geschwindigkeitsrekorde brechen.
Adrian Legg: Ach, das ist einfach eine Sache der Technik der rechten Hand. Als ich anfing Gitarre zu spielen, begann ich mit Flat-Picking und lernte außerdem von einem Freund, mit Daumen und Zeigefinger zu zupfen. Dann habe ich begonnen mit drei Fingern zu spielen. Zu der Zeit habe ich mit Fingerpicks gespielt, weil meine Nägel sehr weich waren. Ich habe damals 14 Tage lang acht Stunden täglich damit verbracht, einen einfachen Merle Travis-Song zu lernen! (lacht) Eigentlich mag ich den Bass-Wechselschlag überhaupt nicht. Ich stehe eher auf die Banjo-Technik. Aber ich spiele nun mal Westerngitarre. Doch wenn wir die Gitarre einfach nur als Saiteninstrument betrachten und uns unter dieser Perspektive andere Instrumente anhören, können wir bestimmte Techniken von Banjo- und Bouzouki-Spielern adaptieren und für die Gitarre weiter entwickeln.

Benutzt du eigentlich noch Talkum für die Hände?
Adrian Legg: Nur, wenn es wirklich heiß ist und ich stark schwitze. Wenn ich von der Bühne komme, sehe ich meist aus, als wäre ich gegrillt worden! (lacht) Besonders nach Gigs in Südamerika, wo die Clubs wirklich heiß sind. Da brauche ich Talkum, sonst bleiben meine Hände am Hals kleben. Das sieht zwar merkwürdig aus, riecht aber gut.

Welche Gitarren kamen auf „Guitar Bones“ zum Einsatz?
Adrian Legg: Die ersten sechs Tracks entstanden auf einer Brook Creedy Gitarre. Sie hat einen sehr kleinen Korpus, wie die Salon-Gitarren des frühen 19. Jahrhunderts, die ich sehr mag. Ich mag keine großen akustischen Gitarren. Ich halte diese Konstruktionsweise für einen Fehler. Ich denke, die Gitarrenbauer waren schon früh auf dem richtigen Weg. Gerade die ausgeprägten Höhen und Mitten eines kleinen Instruments geben dir einen charakteristischen Ton. Aber dann hat man versucht, lautere Gitarren zu bauen und dieses Konzept funktioniert nicht. Groß bedeutet auch nicht gleich laut. Und das Instrument ist dadurch auch nicht besser bespielbar. Da wir heute sowieso meist mit Mikrofonen und Tonabnehmern arbeiten, sind Korpusgröße und Bassverluste sowieso kein Thema. A big body guitar is just a bloody waste of time! Aber ich schweife ab. Die zweite Gitarre auf dem Album ist meine Bühnengitarre, die mir Bill Puplett gebaut hat. Ihre Konstruktionsmerkmale beruhen darauf, dass British Airways die Boing 777 auf Transatlantikflügen eingeführt hat (lacht). Man hat die Kabine komfortabler gestaltet, dadurch wurde aber das Gepäckfach kleiner. Ich habe es ausgemessen: es ist 37,5 inch (entspricht 95,25 cm) lang. Wenn ich also meine Gitarre nicht im Gepäckraum verstaut haben, sondern mit in die Kabine nehmen will, darf sie nicht länger als 36 inch (91,44 cm) sein. Das war der erste Grundsatz. Der zweite war, dass ihr Korpusmaß den Größenbestimmungen für Handgepäck entsprechen musste. Denn eine hochwertige Gitarre als Gepäckstück aufzugeben bedeutet, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann sie von irgendeinem Gepäckabfertiger zerstört wird. Der dritte – musikalische - Grundsatz lautete, dass sie auch bei hoher Lautstärke resistent gegen Feedback sein muss. Der einfachste Weg das zu verhindern, ist, den Korpus auszustopfen. Im Grunde ist doch alles, was du brauchst, nur ein Hohlraum in der Gitarre, der eine möglichst gute Abbildung des Klangs darstellt. Und der wird dann von einem Tonabnehmer abgebildet. Den Rest drum herum braucht man eigentlich nicht. Der verursacht nur Probleme und passt nicht ins Flugzeug! Deswegen: meine Reisegitarre ist sehr klein und leicht. Der Korpus ist aus Esche, der Hals ist aus Walnussholz, das hervorragende Resonanzeigenschaften besitzt. Ein großer Teil der Energie kommt vom Hals. Zu der seltsamen Form: Ich habe im Laufe der Jahre vom vielen Spielen Beschwerden in meiner Armmuskulatur bekommen. Ein Orthopäde hat mir empfohlen, aufrechter zu sitzen. Eine Lösung wäre im Stehen zu spielen, aber das geht mit der Zeit auf den Rücken. Daher die Lösung, die Gitarre so dem Körper anzupassen, dass der Headstock relativ hoch ist und ich komfortabel spielen kann.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2/2003