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„Akustische
Gitarrenmusik ist heute sehr künstlich geworden. Ich halte
es für einen Fehler, sie anders klingen zu lassen als es eigentlich
klingt.“

Den Albumtitel könnte man mit etwas Fantasie auch als „Der
Gitarre bis auf die blanken Knochen geschaut“ übersetzen,
denn der 54-jährige Londoner hat sein Konzept für diesen
Longplayer bewusst einfach gestaltet. Auf technische Tricks oder
gar eine aufwändige Produktion wurde gänzlich verzichtet.
„Guitar Bones“ liegt Purismus und Traditionsverbundenheit
zugrunde, und scheut sich auch nicht vor vermeintlichen „Störgeräuschen“
wie Atmen, Rascheln und Fußstapfen. Was der Zuhörer erhält,
ist die ungeschminkte Performance eines Musikers, der auf elf Tracks
eine bewundernswerte stilistische Bandbreite demonstriert, irgendwo
zwischen Folk, Ragtime, Roots, Swing, Moderne und Rhythm & Blues.
Legg - ohnehin oft mit dem Schalk im Nacken – liebt es, Regeln
zu brechen. Und so genießen wir wunderbare Melodien und spannungsreiche
Harmoniebögen des Fingerpicking-Style-Meisters auch mal auf
einer Dobro, wenn es eine Komposition verlangt. Am meisten überzeugt
jedoch die Lebendigkeit der Performance, bei der der Zuhörer
förmlich fühlen kann, welchen Spaß der Musiker dabei
hatte. Eine große kleine Platte.

Zweifellos zählt der 54-jährige Londoner zu den kreativsten
Akustikgitarristen der Welt. Lange Zeit allerdings auch zu den meist
Verkannten. Anfang der Neunzigerjahre noch galt der sympathische
Brite für das „Guitar Player Magazine“ als das
„best gehütete Geheimnis der Gitarrenwelt“. Das
hat sich nach seinen Lehrbüchern, Videos und seiner Tour im
Rahmen der G3-Formation mit Joe Satriani und Steve Vai längst
geändert. Vor allem jedoch durch seine Alben, die stets künstlerische
Statements eines Mannes sind, der Humor und Spaß mindestens
genauso wichtig findet wie Ton und Charakter.
Adrian,
du hast vor Jahren die These formuliert: „Ich glaube an die
Idee der Inkompetenz als Mutter der Originalität.“ Hat
die angesichts des hohen Niveaus, auf dem du dich bewegst, noch
Bestand?
Adrian Legg: Sicher, das finde ich heute auch noch.
Je mehr wir an Kompetenz arbeiten, desto weniger Charakter und Individualismus
gibt es. Die meisten Musiker legen zu viel Wert auf ihre Technik.
Nimm die Leute, die Bach interpretieren. Es ist faszinierend ihnen
zuzuhören. Ich kann Bach nicht spielen. Aber warum sollte mich
das grämen? Wenn wir Musik machen, sollten wir kommunizieren,
Leidenschaft zeigen und Spaß haben, nur darauf kommt es an.
Und nicht auf eine tolle Technik - die ich sowieso nicht habe.
Jetzt untertreibst
du aber.
Adrian Legg: Nein, wirklich. Eine gute Technik
haben nur Musiker, die Bach spielen. Leute die sich durch die Klassik
graben und ihre Zeit an Universitäten verbringen, um Werke
mit sehr hohen technischen Anforderungen spielen zu können,
während wir Nicht-Akademiker in der Regel darauf bedacht sind,
Spaß zu haben.
Das sieht
man an deinen Einflüssen, zumeist britische Blues-, Beat- und
Rock & Roll-Gitarristen. Wer ist dir heute noch wichtig?
Adrian Legg: Sicherlich Hank Marvin von den Shadows,
weil er die elektrische Gitarre als Melodieinstrument begriffen
hat. Eine spannende Zeit. Denn unser Weg war damals, Musiker zu
kopieren. Durch das Kopieren hat jeder ein wenig anders gespielt.
Und durch diesen Prozess hat jeder seinen individuellen Stil entwickelt.
Nimm heute das G.I.T. in Kalifornien: Es gibt sehr viele Gitarristen,
die ziemlich perfekt - aber um ehrlich zu sein - auch sehr langweilig
sind
Welche Rolle spielt Humor in deinen Kompositionen? Du bist ja das
beste Beispiel, dass man sehr wohl anspruchsvolle Musik machen und
trotzdem eine Menge Spaß dabei haben kann.
Adrian Legg: Weißt du, uns sind vielleicht siebzig Jahre auf
dieser Erde zugedacht. Welchen Sinn macht es da, ernst zu sein?!
Ich glaube, die meisten großen Wissenschaftler und Künstler
kamen irgendwann an den Punkt, an dem sie merkten, dass man einfach
Spaß haben sollte. Das Leben ist nicht witzig - wohl aber,
wie man es „überlebt“. Abgesehen davon macht Kreativität
einfach Spaß.
Ich vermute,
den hattest du mit „Guitar Bones“. Dein Album überzeugt
aber auch durch seine stilistische Vielseitigkeit. Wie hast du es
geschafft, dich in so viele verschiedene Stilistiken einzuarbeiten
und auf einem so hohem Niveau zu halten?
Adrian Legg: Ich denke, weil ich sie nie als Stile
betrachtet habe. Ich sehe sie einfach als Musik. Ich habe auch nie
bewusst irgendwelche Stile gelernt. Ich höre Musikern einfach
zu wie sie „sprechen“. Sie alle benutzen bestimmte Dialekte,
Phrasen, Formulierungen. Diese Vielseitigkeit ist ein natürlicher
Teil des menschlichen Lebens.
Was glaubst
du, welche Gefühle transportiert Guitar Bones?
Adrian Legg: Keine Ahnung! (lacht), das sollen
andere Leute befinden. Vielleicht krümmen sich die Leute vor
Lachen, oder sie finden es grauenhaft? Es liegt alles in ihrer Vorstellungskraft,
also in ihrem Kopf und nicht in meinem. Wenn ich das ausdrücken
könnte, wäre ich Autor geworden. Bin ich aber nicht. Ich
bin Musiker. Und es steckt alles in der Musik. Manchmal lässt
sie die Leute lächeln, und manchmal brauchen sie 'ne Packung
Taschentücher.
„O´Malley
& Delacey“ (übrigens die Namen zweier irischer Musiker,
mit denen Adrian mal gespielt hat) klingt, als wolltest du ein paar
Geschwindigkeitsrekorde brechen.
Adrian Legg: Ach, das ist einfach eine Sache der
Technik der rechten Hand. Als ich anfing Gitarre zu spielen, begann
ich mit Flat-Picking und lernte außerdem von einem Freund,
mit Daumen und Zeigefinger zu zupfen. Dann habe ich begonnen mit
drei Fingern zu spielen. Zu der Zeit habe ich mit Fingerpicks gespielt,
weil meine Nägel sehr weich waren. Ich habe damals 14 Tage
lang acht Stunden täglich damit verbracht, einen einfachen
Merle Travis-Song zu lernen! (lacht) Eigentlich mag ich den Bass-Wechselschlag
überhaupt nicht. Ich stehe eher auf die Banjo-Technik. Aber
ich spiele nun mal Westerngitarre. Doch wenn wir die Gitarre einfach
nur als Saiteninstrument betrachten und uns unter dieser Perspektive
andere Instrumente anhören, können wir bestimmte Techniken
von Banjo- und Bouzouki-Spielern adaptieren und für die Gitarre
weiter entwickeln.
Benutzt
du eigentlich noch Talkum für die Hände?
Adrian Legg: Nur, wenn es wirklich heiß ist
und ich stark schwitze. Wenn ich von der Bühne komme, sehe
ich meist aus, als wäre ich gegrillt worden! (lacht) Besonders
nach Gigs in Südamerika, wo die Clubs wirklich heiß sind.
Da brauche ich Talkum, sonst bleiben meine Hände am Hals kleben.
Das sieht zwar merkwürdig aus, riecht aber gut.
Welche Gitarren
kamen auf „Guitar Bones“ zum Einsatz?
Adrian Legg: Die ersten sechs Tracks entstanden
auf einer Brook Creedy Gitarre. Sie hat einen sehr kleinen Korpus,
wie die Salon-Gitarren des frühen 19. Jahrhunderts, die ich
sehr mag. Ich mag keine großen akustischen Gitarren. Ich halte
diese Konstruktionsweise für einen Fehler. Ich denke, die Gitarrenbauer
waren schon früh auf dem richtigen Weg. Gerade die ausgeprägten
Höhen und Mitten eines kleinen Instruments geben dir einen
charakteristischen Ton. Aber dann hat man versucht, lautere Gitarren
zu bauen und dieses Konzept funktioniert nicht. Groß bedeutet
auch nicht gleich laut. Und das Instrument ist dadurch auch nicht
besser bespielbar. Da wir heute sowieso meist mit Mikrofonen und
Tonabnehmern arbeiten, sind Korpusgröße und Bassverluste
sowieso kein Thema. A big body guitar is just a bloody waste of
time! Aber ich schweife ab. Die zweite Gitarre auf dem Album ist
meine Bühnengitarre, die mir Bill Puplett gebaut hat. Ihre
Konstruktionsmerkmale beruhen darauf, dass British Airways die Boing
777 auf Transatlantikflügen eingeführt hat (lacht). Man
hat die Kabine komfortabler gestaltet, dadurch wurde aber das Gepäckfach
kleiner. Ich habe es ausgemessen: es ist 37,5 inch (entspricht 95,25
cm) lang. Wenn ich also meine Gitarre nicht im Gepäckraum verstaut
haben, sondern mit in die Kabine nehmen will, darf sie nicht länger
als 36 inch (91,44 cm) sein. Das war der erste Grundsatz. Der zweite
war, dass ihr Korpusmaß den Größenbestimmungen
für Handgepäck entsprechen musste. Denn eine hochwertige
Gitarre als Gepäckstück aufzugeben bedeutet, dass es nur
eine Frage der Zeit ist, wann sie von irgendeinem Gepäckabfertiger
zerstört wird. Der dritte – musikalische - Grundsatz
lautete, dass sie auch bei hoher Lautstärke resistent gegen
Feedback sein muss. Der einfachste Weg das zu verhindern, ist, den
Korpus auszustopfen. Im Grunde ist doch alles, was du brauchst,
nur ein Hohlraum in der Gitarre, der eine möglichst gute Abbildung
des Klangs darstellt. Und der wird dann von einem Tonabnehmer abgebildet.
Den Rest drum herum braucht man eigentlich nicht. Der verursacht
nur Probleme und passt nicht ins Flugzeug! Deswegen: meine Reisegitarre
ist sehr klein und leicht. Der Korpus ist aus Esche, der Hals ist
aus Walnussholz, das hervorragende Resonanzeigenschaften besitzt.
Ein großer Teil der Energie kommt vom Hals. Zu der seltsamen
Form: Ich habe im Laufe der Jahre vom vielen Spielen Beschwerden
in meiner Armmuskulatur bekommen. Ein Orthopäde hat mir empfohlen,
aufrechter zu sitzen. Eine Lösung wäre im Stehen zu spielen,
aber das geht mit der Zeit auf den Rücken. Daher die Lösung,
die Gitarre so dem Körper anzupassen, dass der Headstock relativ
hoch ist und ich komfortabel spielen kann.
Den vollständigen
Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2/2003
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