Report
Studiengang „Gitarre Weltmusik“
Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“, Dresden

Von Franz Holtmann (Text & Fotos)

Keine Frage: Musikhochschulen sind in gewisser Weise verpflichtet die Traditionen zu pflegen, bewährte Methoden und Techniken weiterzugeben und das große Erbe zu wahren. Andererseits laufen Institutionen immer Gefahr, der Last der Konventionen in Theorie und Praxis zu erliegen und darüber das Lebendige, das Heutige zu vernachlässigen. „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“ Diese Mahnung Gustav Mahlers sollte nicht nur jedem Studenten aufs Studienbuch gedruckt werden, vielmehr gilt es, dieses Feuer auch in manchem von Routine abgekühlten Kopf auf Seiten der Lehrenden wieder neu anzufachen.

Längst allerdings hat sich einiges getan an deutschen Hochschulen, das geeignet scheint, alte Zöpfe wenn schon nicht abzuschneiden, so doch immerhin neu zu flechten. Jazzabteilungen haben sich etabliert, Improvisation ist Thema geworden in unseren akademischen Bildungstempeln, auch wenn bei näherem Blick manch modern firmierendes Label sich als ein eher traditionell ausgerichtetes Unterfangen entpuppt. Wir wollen künftig an dieser Stelle regelmäßig deutsche Ausbildungsstätten vorstellen, um den interessierten Leser verschiedene Möglichkeiten eines Gitarrenstudiums zu veranschaulichen


Dass es moderne Tendenzen lebendiger Hochschulpraxis gibt, zeigt z.B. die Musikhochschule Dresden eindrucksvoll mit dem Studienfach „Gitarre Weltmusik“. Mitte der 90er Jahre wollte man die Tradition an der Dresdner Hochschule, Jazz-, Rock-, Popgitarristen obligatorisch im Spiel auf der Konzertgitarre zu unterweisen, um die Möglichkeiten grundsätzlicher stilistischer Offenheit erweitern und fand in Thomas Fellow einen Grenzgänger, der sich als ausgebildeter Konzertgitarrist in der eigenen Aufführungspraxis bereits den rhythmischen und improvisatorischen Zugang zur Musik der Welt erschlossen hatte. Schon nach kurzer Zeit wurde auf Wunsch der Studenten hin der Studiengang Weltmusik als 2. Hauptfach eingerichtet. Der Ansatz in diesem Fach ist geradezu aufregend konträr zur traditionellen Ausbildung: der Student wird nicht einfach vorgegebenen Klischees und Ausbildungsrastern unterworfen, sondern flexibel in seinen persönlichen Tendenzen, seiner von Vorlieben geprägten Stilistik gefördert. Das Ziel ist die Entfaltung von Talent im Rahmen individueller Stärken und Möglichkeiten. Dabei sind die Grenzen grundsätzlich sehr weit gesteckt; möglichst wenig soll ausgeschlossen bleiben, und entsprechend bunt ist die stilistische Vielfalt der zur Zeit unterwiesenen Studenten.

Ausbildungsinhalte/-Philosophie
Die Gitarre/Worldmusic-Ausbildung umfasst ein breites Repertoire an Inhalten und Zielen, wie der Katalog aufzeigt: Europäische Konzertmusik für Gitarre/Laute/Vihuela und gängige Übertragung aller Epochen; traditionelle Volksmusik und durch diese beeinflusste Musik aus allen Kulturen der Welt, vornehmlich Nord- und Südamerika, Europa, arabischer und indischer Raum; Schulung der Fähigkeiten im Arrangieren, Improvisieren, Komponieren, Transkribieren; Gitarre als Begleitinstrument als wesentlicher Focus; Schule des Übens und Lernens; traditionelle sowie unkonventionelle Spieltechniken und Tongebung; Vermittlung der Lösungswege statt der Lösungen; sehr praxisorientierte Ausbildung mit Promotion/Management-Infos; allgemeine Mentorenschaft und Konzertvermittlung; Unterstützung kreativer eigener Projekte und Entwicklung einer eigenen Sprache auf der Grundlage eines breiten fundamentalen Wissens und Könnens. Das alles steht unter der Maxime: „Förderung der individuellen Stärken und Interessen, sowie gezielte Arbeit an den Schwächen. Motivation zur Kreativität.“ Thomas Fellow nennt die musikalische Neugier, die individuelle Suche nach Persönlichkeit und Ausdruck, die kreative und zugleich selbstkritische Grundhaltung, als auch die Fähigkeit und Neigung, sich mit verschiedenen Stilen auseinander zu setzen als wesentliche Voraussetzungen für ein Studium in der Sparte Weltmusik. Das unerhörte Talent (in der Doppelsinnigkeit des Wortes) soll gefördert werden. Die Inhalte sind grundsätzlich fließend, richten sich an der Studentenschaft aus und sind Ergebnis ständigen Austausches zwischen allen Beteiligten.

Das Team
Der komplexe und interaktive Ausbildungsanspruch des Studiengangs Gitarre Weltmusic der Dresdener Hochschule geht zurück auf den Veteranen der DDR-Unterhaltung und später zum Hochschullehrer berufenen Gerhard Hiensch. Der weitsichtige Musiker erkannte früh die Bedeutung der fachübergreifenden Orientierung einer zeitgerechten instrumentalen Ausbildung und der daraus folgenden Öffnung für populäre Spielweisen. Heute schaut er, in dessen Obhut auch inzwischen erfolgreiche Musiker wie das Duo Naßler/Schneider schon ihre Ausbildung absolviert haben, mit Freude und Befriedigung auf die von ihm angestoßene „Strategie der Vielfalt“ zurück. Aufrecht erhalten und erweitert werden diese grundlegenden Ansprüche auf selbständige, kreative und individuell geprägte Spieler durch das ihm nachgefolgte Team, vertreten durch Thomas Fellow, Ralf Beutler und Stephan Bormann. Die Dozenten unterrichten ihre Hauptfachstudenten im wöchentlichen Wechsel. E-Gitarristen erhalten Unterricht auf der akustischen Gitarre bei Thomas Fellow oder Sina Neumaerker (künstlerische Mitarbeiterin, Gitarre Nebenfach) bzw. David Sick (dto./m). Weltmusikstudenten erhalten Unterricht bei Stefan Bormann oder Ralf Beutler, die ihre persönlichen Akzente mit Fusion-Jazz und Weltmusik, bzw. Mainstream-Jazz einbringen. Die sich daraus ergebenden Erfolge einzelner Studenten sind somit nicht mehr unmittelbar der pädagogischen Arbeit nur eines Dozenten zuzuordnen, sondern Ergebnis der teamgeprägten Ausbildungsstrategie. Inhaltlich steht die Ausbildung auf der Basis einer breitgefächerten praktischen Erfahrung aller Ausbilder als Musiker und langjähriger Unterrichtstätigkeit.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2/2003