Keck
Gibson „Small Body Line L 140“
Von Franz Holtmann

Na, was lacht mich denn da so herausfordernd keck aus dem Gitarrenkoffer heraus an? Zierlich, doch irgendwie drall und schmuck dazu wie Dolly Parton, traut man auch dieser Kleinen auf Anhieb eine kräftige Stimme zu.

Mit den Neuzugängen in der L-Linie - eigentlich sollte man eher von Erweiterungen dieser alt-ehrwürdigen Serie sprechen - hat Gibson optisch wie klanglich ein paar sehr interessante neue Trümpfe aus dem Ärmel gezogen. Das „L“ steht bei den amerikanischen Traditionsbauern bekanntlich schon seit eh und je für eine Reihe von Gitarren mit kleinem Korpus, wie etwa die L-1, die L-00 oder das Nick Lucas Modell. Die aktuelle „Small Body Line“, die bereits seit 1999 lieferbar ist, umfasst drei Modelle: die L-130, die vorliegende L-140 und das Topmodell L-150. Das Bauprinzip ist jeweils identisch, die hübschen Schwestern sind unterschieden nur durch Holzauswahl und Zierarbeiten.

Konstruktion
Neu an der Reihe ist im Verhältnis zur alten L-Serie vor allem ein leicht vergrößerter Korpus (advanced 00-Body). Das Instrument nimmt damit in dieser Hinsicht eine interessante Zwischenposition ein: unterhalb der beliebten und vom Format her imposanten Singer-Songwriter Gitarren J-200, Dove etc., aber oberhalb der genannten kleinen Blues- und Fingerpicking-Gitarren; es füllt quasi eine Lücke. Da sie sich somit aus beiden Welten etwas zu eigen macht, könnte sie im Kompromiss auch durchaus Freunde in beiden Lagern gewinnen.
Aber der Reihe nach: So handlich unsere Hübsche auf den ersten Blick auch ausschaut, immerhin liegt ihre Zargentiefe je nach Messpunkt zwischen 10 und guten 12 cm, da ist also wider Erwarten ganz schön was dran, denn solche Maße stehen auch einer ordentlichen Dreadnought gut an. Der gewölbte Boden und die Zargen sind aus sehr gleichmäßig gewachsenem und attraktiv gezeichnetem ostindischen Palisander gefertigt. Ein dezent geschmackvoll gestalteter Zierspan (Holzmosaik) trennt die spiegelbildlich gelegten Bodenplatten, und mehrfach unterlegte Bindings aus Kunststoff schützen rundum die Stoßkanten. Massive Fichte von feinstem, parallelem Wuchs und schöner seidiger Querstruktur ist, mit dem Auge kaum erkennbar, über die Mitte aufgeschlagen und zu einer fabelhaften Decke gefügt. Eine bunt schillernde Rosette aus Abalone, eingerahmt von weiteren Zierringen, betont die Wertigkeit des Instruments. Aus einem gediegenen Stück Mahagoni ist der geschmeidig profilierte einteilige Hals geformt. Selbst der Halsstock ist hier nicht wie sonst üblich angesetzt, sondern tatsächlich zusammen mit dem Hals aus einem einzelnen Block gefräst. Für das nicht eingebundene Griffbrett wurde bestes Ebenholz verarbeitet und mit ungewöhnlichen Flügelmotiven (Wings) aus hellem Abalone zur Bundmarkierung ausgestattet. 20 schlanke Bünde zeigen perfekte Verarbeitung und hochglänzende Politur. Die abgewinkelte Kopfplatte ist mit Palisander verblendet, in das eine Krone (Crown-Inlay) und das Firmenlogo aus feinem Abalone intarsiert sind. Würdige „Gold Kidney“ Mechaniken aus dem Hause Grover runden den Kopf ab - aber ja, die Kontermutter für den eingelegten Stahlstab ist natürlich wie bei Gibson üblich auch hier hinter der kleinen Glocke aus Kunststoff erreichbar. Der dicke „Schnurrbart“-Steg besteht wie das Griffbrett aus pechschwarzem Ebenholz und trägt eine gut befeilte Stegeinlage aus einem Knochenmaterial, dem auch der Sattel entstammt. Ein aufgeklebtes Schlagbrettchen aus Perloid schützt die Decke unterhalb des Schalllochs gegen üppige Schlagmanöver. Der forschende Blick in das Schallloch zeigt durchaus kräftige, zu den Rändern hin ausgearbeitete saubere Beleistung (X-Bracing) und den kräftigen Halsblock. Lieferbar ist das Modell mit oder ohne Elektronik - an dem besagten Halsblock ist dann in der elektroakustischen Variante eine Batterie vor einem „Active Transducer“ montiert. Die L-140 kommt in einem „Antique Natural“ Finish, was nichts anderes meint als eine leichte „antike“ Eintönung der seidig schimmernden Decke. Alle technischen Arbeiten zeigen das erwartet hohe und detailgenaue Fertigungsniveau.

Klang- und Spieleigenschaften
Die kleine und doch so anschmiegsam gerundete Gitarre liegt überraschend komfortabel am Körper. Die breite Zarge bietet dem rechten Arm gute Auflage und bringt die Finger in beste Spielposition. Mit elegantem Shaping, also irgendwie ganz und gar Gibson, lädt der Hals überdies ein zu zwanglosem Spiel. Die ersten Akkorde vermitteln zunächst einmal genau das, was man von einer Gibson Acoustic auch erwartet: einen großen, leicht topfig/bluesigen Sound, der so typisch amerikanisch ist. Aber so einfach wollen wir es uns nun auch wieder nicht machen, denn da schlummert tatsächlich deutlich mehr. Überraschend ist der imposante Schalldruck zwar allemal, der dieses kleine Wesen verlässt (also doch Dolly Parton), doch hinter dem dicken Strahl gibt es noch so etwas wie eine feine Auflösung, ein seidiges Höhenspektrum, das den vordergründig kräftigen Sound durchflort. Die Bässe zeigen die gewohnt trockene Artikulation, und dieses leichte „humpen“ und „rumpeln“, das man mag oder eben nicht. Nach dem Anschlag scheint sich die Saite jedoch aufzuschwingen, der Ton atmet förmlich tief durch und farbige Obertöne gesellen sich in den glatten, langen Abklang. Mit einem solch stattlichen Sustain kann sie in fast jeder Stilistik ohne weitere Umstände Punkte machen. Der gut ausgebaute Mittenbereich gibt dem Klangdesign eindrucksvolle Wärme zu, ohne jedoch in Dominanz abzugleiten. Das wäre auch denkbar schade, da der glockenreine Diskant der allgemein guten klanglichen Gewichtung erst noch die strahlende Krone aufsetzt. Bei Fingerpickings kommt das in Bereitschaft stehende volle Farbenspektrum bestens zur Geltung. Dynamisch und anschlagssensibel lassen sich wunderbar durchsichtige Teppiche legen. Der Ton kommt schnell, ist leicht formbar und obertonreich, zeigt eindrucksvolle Transparenz. Ebenso springlebendig, aber auch gutherzig reagiert die L-140 auf das Flatpicking, mit der Einschränkung allerdings, dass dank der flach gehaltenen Saitenlage bei kräftigem Anschlag im mittleren Griffbrettbereich leicht Nebengeräusche provoziert werden. Das ist aber wie immer eine Frage der Anschlagsstärke und -position , wohl auch der gespielten Stilistik, Saitenstärken etc.. Grundsätzlich aber herrscht Freude vor dank des festen, gut modellierbaren Tons, der fabelhaften Ausgeglichenheit und der flinken Tonentfaltung. Die Gibson Mensur von ca. 63 cm macht im übrigen auch etwas härtere Saiten noch gut bespielbar.

Fazit
Treffer! Mit der wohlgeformten L-140 landet Gibson einen Coup, der die Lücke zwischen den beiden Hauptlinien schließt. Dank der gehörigen Zargentiefe bewegt die Gitarre trotz ihrer zierlichen Erscheinung eine ordentliche Luftsäule und macht erstaunlichen Druck. Neben den typischen Gibson-Sounds bietet sie darüber hinaus aber auch noch eine beeindruckend transparente Auflösung und feingliedrige Obertonkultur, ohne den warmen Mittenbereich zu vernachlässigen. Gute Dynamik, schönes Farbspektrum, schnelle Tonentfaltung und ein wonnevolles Sustain machen die gut spielbare Gitarre für Finger- als auch Flatpicker interessant. Na, und dass sie dazu noch gut aussieht, das macht die Sache ihrem Wert entsprechend auch optisch rund. Was will man eigentlich mehr.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2/2002