| In
Europa zählt der italienische Gitarrist Beppe Gambetta zur Elite
der virtuosen Flatpicker-Gemeinde. Doch wenn jemand gut werden
will, dann kommt es nicht auf die Fingerfertigkeit alleine an,
sagt Gambetta. Er muss anders klingen wollen, eine andere Technik
spielen, nach neuen Melodien recherchieren.
Gambetta ist
ein Zeitreisender, ein Wiederbeleber, jemand der dadurch der amerikanisch
geprägten Szene
mit seinem Akzent einen Gegenpol setzt. Mit dem neuen Album Traversata
ist er nun zusammen mit den Mandolinen-Cracks David Grisman und
Carlo Aonzo den musikalischen Einflüssen italienischer Einwanderer
in den USA nachgegangen und hat gleichzeitig ein vergessenes Instrument
dabei wieder ausgegraben: die Harfengitarre - von der Form her die
vielleicht spektakulärste akustische Gitarre überhaupt.
Vergessene Traditionen auszugraben war auch schon das Interesse
seiner vorherigen Arbeit mit der Flatpicker-Legende Dan Crary. Mit
ihm belebte er die Tradition der Brother-Duets wieder. Dies wurde
auf dem Album Synérgia zur gemeinsamen Tour im
Januar 2000 lebhaft dokumentiert. Aber die Bluegrass-Musik ist nicht
sein einziges Interesse. Zu Beginn seiner Karriere stand das Spiel
verschiedener, mit dem Plektrum gespielter Instrumente in klassischen
Orchestern im Vordergrund.
Doch schon bald
faszinierte ihn die traditionelle amerikanische Musik, deren Botschafter
er schließlich in Europa wurde. Seine Anerkennung reicht von
den Staaten bis in den Ostblock, wo er auch viele Gitarrenworkshops
hält. In seinen Konzerten zeigt er - trotz der Tatsache, dass
er als fanatischer Doc Watson-Fan gilt - eine Bandbreite, die man
in der Bluegrass-Szene normalerweise eher vermisst. Von alten Folk-Traditionals
bis zu irischer Musik, der Musik Italiens, Mazurkas, Stücken
aus der Songwriter-Ecke, Klassik, bis hin zu bulgarischer oder spanischer
Musik reicht sein Repertoire, insbesondere wenn er mit seinem Sohn,
dem talentierten Akkordeon-Spieler Filippo Gambetta, spielt. Beppe
gründete zudem Italiens bekannteste Bluegrass-Band Red
Wine. Auf seinen Konzerten ist er nicht nur ein gewitzter
Entertainer, er traut sich auch an Traditions-Stücke wie Rollin
In My Sweet Babys Arms heran, um den Zuhörern durch
neue Arrangements ein anderes Gefühl darüber zu geben.
Derzeit arbeitet er an seiner Serenata-Show, benannt
nach seinem Album mit dem klassischen Mandolinisten Carlo Aonzo,
bei der er Musik, Tanz, Oper und Theater verbinden will. Doch zunächst
beschäftigt ihn noch sein neues Album Traversata.
Dieses Wort
bedeutet Überfahrt und das Album beschäftigt
sich mit den Auswirkungen italienischer Musik in den Staaten und
ihren Auswirkungen mit ihrer Rückkehr nach Italien selbst.
Das Repertoire von Traversata reicht von italienischen
Opernmelodien bis zur Musik großer amerikanischer und italienischer
Mandolinisten, geht auf die Ursprünge amerikanischer Jazzgitarristen
in der italienischen Musik ein und nimmt auch Kompositionen großer
italienischer Komponisten der Neuzeit wie die des Filmkomponisten
Nino Rota und seine Titelmelodie zum Film Der Pate mit.
Vor allem aber ist das historische Instrumentarium das Highlight
des Albums. Gambetta spielt auf der einzigen existierenden 14-saitigen
Harfengitarre, einer Nachbildung, und auch Grisman und Aonzo benutzen
traditionelle, so genannte Bowl-back-Mandolinen.
Wie kam es eigentlich zur Begegnung mit David Grisman?
Beppe Gambetta: Carlo Aonzo und ich trafen ihn bei einem
Auftritt seines Quintetts 1999. Wir schlichen uns hinter die Bühne
und spielten ihm nach dem Konzert einfach etwas vor. Er war so begeistert,
dass er uns anbot, dieses gemeinsame Album zu machen. Er konnte
damit seine Arbeit fortsetzen, die er mit dem Album Songs
Of Our Fathers bezüglich traditioneller jüdischer
Musik zusammen mit Andy Statman begonnen hatte.
Du spielst
auf Traversata eine Harfengitarre, ein schon immer sehr
seltenes Instrument. Wird dies denn noch in Italien selbst gespielt?
Beppe Gambetta: Leider nein. Für Traversata
mussten wir diese spezielle Harfengitarre erst einmal völlig
neu bauen lassen. Das Original stammt von dem Instrumentenbauer
Settimir Gazzo und der Nachbau wurde jetzt von Antonello Saccu vorgenommen.
Es lassen sich zwar viele dieser Gitarren auffinden, aber ihre Spannung
ist so groß, dass es im Prinzip keine mehr gibt, die man noch
spielen kann. Wir mussten also die Struktur anhand vorhandener,
aber unbrauchbarer Exemplare erkunden. Man muss leider die Erforschung
solcher Instrumente als interessierter Musiker selbst ausführen.
Die Harfengitarre kommt aus Österreich und gelangte um 1870
über Süddeutschland nach Norditalien, wo eigene Versionen
entstanden. Die auf Traversata benutzte Harfengitarre
entspricht der von Pasquale Taraffo, einem italienischen Gitarrenvirtuosen,
der in den USA zwischen 1929 und 1934 damit 27 Stücke aufnahm.
Das Original steht im Konservatorium von Genua und wurde von Taraffos
Familie dort zur Verfügung gestellt, aber man würdigt
in der Forschung dort nicht unbedingt diese italienische Musiktradition,
man konzentriert sich da eher auf das Werk Paganinis. Der Gitarrenteil
dieses Instrumentes war normal gestimmt, dazu kamen normalerweise
vier zusätzliche Saiten, meine hat allerdings acht. Bei der
Viersaitigen vermuten wir, dass sie C - D - A - G oder D - C - H
- A gestimmt waren. Diese Saiten wurden mit Fingern gespielt, um
ihr einen fülligeren Klang zu geben.
Wurde mit
ihr mehr klassische Musik oder eher Folklore gespielt?
Beppe Gambetta: Sagen wir mal so, der Unterschied war zur
damaligen Zeit zwischen beidem nicht so groß wie heute. Taraffo
spielte in seinem Programm Sonaten genauso wie Mazurkas und Traversata
bietet genauso etwas für beide Zielgruppen. Ich hoffe sowieso,
dass sich die Abstände zwischen diesen musikalischen Kategorien
auch wieder verringern. Es gibt durchaus Anzeichen dafür. Dan
Crary und ich wurden z. B. schon einmal zu einem Klassik-Festival
nach Bath in England eingeladen. Umgekehrt gibt es inzwischen etliche
klassische Musiker, die sich der Folklore zuwenden, in Clubs spielen,
wie unser dritter Mann Carlo Aonzo, der an der Mailänder Scala
Mandoline spielt. Aber die Regel ist es zurzeit dennoch, dass Musik
wie auf Traversata den Klassikern nicht seriös
genug ist und den Folkies ist es umgekehrt zu akademisch, wenn wir
im Smoking spielen.
Welchen Einfluss
auf die amerikanische Musik hat denn die italienische Musik der
Einwanderer anfangs des letzten Jahrhunderts?
Beppe Gambetta: Mich hat fasziniert zu entdecken, dass italienische
Musik einen sehr frühen Einfluss auf die Musikkultur Amerikas
hatte. Einer der Väter der Jazzgitarre, Eddie Lang, hieß
eigentlich Salvatore Massaro. Auf ihn gingen frühe Swing-Rhythmen
zurück. Wir spielen auf unserem Album April Kisses
von ihm, weil es am ehesten die italienischen Akzente seiner Stücke
wiedergibt. Er wurde 1902 als Sohn italienischer Einwanderer im
Süden Philadelphias geboren und spielte mit Louis Armstrong
und Bing Crosby zusammen. 1933 starb er an den Folgen einer Operation.
Seinen Neffen spielte er immer italienische Walzer vor, um sie an
ihre Herkunft zu erinnern. Auch Nick Lucas, berühmter Swing-
und Ragtime-Gitarrist, der in Wirklichkeit Domenico Lucanese hieß,
machte z. B. eine der ersten auf Schallplatte dokumentierten Gitarre-Soli.
Von ihm stammt der berühmte Evergreen Tiptoe Through
The Tulips. Der große Meister der Harfengitarre, der
schon erwähnte Pasquale Taraffo, war in den Staaten kein Unbekannter
und auch unabhängig von uns kann man Stücke von ihm noch
heute auf Alben von Gitarristen wie Norman Blake finden. Taraffos
Harfengitarre war so mächtig, dass er sie nur im Stehen spielen
konnte. Er spielte in den größten Theatern und hatte
etliche, italienisch-stämmige Nachfolger in den Staaten wie
Sergio Reguzzoni. Überall gibt es Revivals von Instrumenten
wie die der Zither in Österreich, warum nicht auch eines über
die Harfengitarre und damit verbunden die italienische Musik der
Emigranten? Diese Musik kann zeigen, dass Italien noch mehr zu bieten
hat als das, was man weltweit kennt: Schnulzen wie Volare
usw. Es gibt so viele Stereotypen über Italiener in der Welt,
Filme wie The Sopranos, den ich neulich gesehen habe,
wo man glauben machen will, dass Italiener nichts Besseres zu tun
haben als sich alle Viertelstunde abzuknallen. Die Stücke der
Harfengitarre werden heute leider von niemandem mehr in Italien
gespielt. Sie sind höchstens in einige Tänze oder Opern
eingegangen. Eine Wiederentdeckung wäre wünschenswert.
Verstehst
du eigentlich deine Zuwendung zu historischer Musik und akustischen
Instrumenten als Gegenreaktion auf die rapide Zunahme von elektronischen
Klängen in der heutigen Musik?
Beppe Gambetta: Ein Musiker sollte, auch wenn er bestimmte
Stile nicht mag oder versteht, sich dazu bringen, sich mit anderer
Musik zu beschäftigen. Es ist halt so: Wenn man, wie ich für
sein Publikum in die Folklore eindringt und spezielle Entdeckungen,
die man dort machen kann, versucht mit neuer Energie zu versehen,
dann ist man schon allein dadurch derart zeitlich eingebunden, dass
wenig Zeit übrig bleibt, sich mit zeitgemäßen Strömungen
zu befassen. Trotzdem, wenn ich zu Freunden gehe, dann sage ich
ihnen, lege bitte die verrückteste Musik auf, die du hast.
Aber man hat ja oft auch noch andere künstlerische Interessen.
So gehe ich z. B. unheimlich gerne auf Ausstellungen.
Wie gehst
du an Fremdkompositionen heran, um sie nach einer eigenen Fassung
klingen zu lassen?
Beppe Gambetta: Du sprichst eine der wichtigsten Fragen an,
denn zum Arrangieren führt ein recht umständlicher Weg.
Wenn man einmal mit Doc Watson begonnen hat, macht man es wie die
meisten, man hört ab, transkribiert die Stücke und spielt
sie so perfekt wie möglich nach. Ich habe so die vielleicht
umfangreichste Notensammlung von Flatpicking-Musik der Welt zusammen
bekommen. Ich traf die größten Meister, wie z. B. George
Shuffler, der den Crosspicking-Style erfand, mit dem man eine unerhörte
Flüssigkeit im Spiel gewinnt. Aber er hatte seine eigenen Arrangements
alter Stücke vergessen, ich konnte sie ihm so wieder vorspielen.
Aber wenn irgendwann der Punkt erreicht ist, wo man Note für
Note sein Idol nachspielen kann, dann kommt es automatisch, dass
man einen persönlichen Stil entwickelt, weil es sonst langweilig
wird. Meistens geschieht dieser Moment in Konzerten. Man improvisiert
und wenn ich einige Dinge gut finde, dann notiere ich sie mir, versuche
diese Ideen miteinander zu verknüpfen. Aber auch, indem ich
in alle Formen von Flatpicking-Musik hinein höre, kommen Inspirationen,
sei es keltische Musik oder auch das Spiel auf der arabischen Oud.
Es gibt da noch viele Techniken zu ergründen. Ich lerne gerade
eine Technik, mit der ich beim Crosspicking vorwärts und rückwärts
gehen kann, also die Tonleiter auf zwei Bünden mit Bewegungen
im Ablauf runter, hoch oder auch spiegelverkehrt spiele. Eine sehr
komplizierte Angelegenheit, die aber eine interessante rhythmische
Lösung ergibt.
Den vollständigen Artikel
finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2/2002
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