Botschafter
Beppe Gambetta
Von Hans-Jürgen Lenhart
In Europa zählt der italienische Gitarrist Beppe Gambetta zur Elite der virtuosen Flatpicker-Gemeinde. „Doch wenn jemand gut werden will, dann kommt es nicht auf die Fingerfertigkeit alleine an“, sagt Gambetta. „Er muss anders klingen wollen, eine andere Technik spielen, nach neuen Melodien recherchieren.“

Gambetta ist ein Zeitreisender, ein Wiederbeleber, jemand der dadurch der amerikanisch geprägten Szene mit seinem Akzent einen Gegenpol setzt. Mit dem neuen Album „Traversata“ ist er nun zusammen mit den Mandolinen-Cracks David Grisman und Carlo Aonzo den musikalischen Einflüssen italienischer Einwanderer in den USA nachgegangen und hat gleichzeitig ein vergessenes Instrument dabei wieder ausgegraben: die Harfengitarre - von der Form her die vielleicht spektakulärste akustische Gitarre überhaupt. Vergessene Traditionen auszugraben war auch schon das Interesse seiner vorherigen Arbeit mit der Flatpicker-Legende Dan Crary. Mit ihm belebte er die Tradition der Brother-Duets wieder. Dies wurde auf dem Album „Synérgia“ zur gemeinsamen Tour im Januar 2000 lebhaft dokumentiert. Aber die Bluegrass-Musik ist nicht sein einziges Interesse. Zu Beginn seiner Karriere stand das Spiel verschiedener, mit dem Plektrum gespielter Instrumente in klassischen Orchestern im Vordergrund.

Doch schon bald faszinierte ihn die traditionelle amerikanische Musik, deren Botschafter er schließlich in Europa wurde. Seine Anerkennung reicht von den Staaten bis in den Ostblock, wo er auch viele Gitarrenworkshops hält. In seinen Konzerten zeigt er - trotz der Tatsache, dass er als fanatischer Doc Watson-Fan gilt - eine Bandbreite, die man in der Bluegrass-Szene normalerweise eher vermisst. Von alten Folk-Traditionals bis zu irischer Musik, der Musik Italiens, Mazurkas, Stücken aus der Songwriter-Ecke, Klassik, bis hin zu bulgarischer oder spanischer Musik reicht sein Repertoire, insbesondere wenn er mit seinem Sohn, dem talentierten Akkordeon-Spieler Filippo Gambetta, spielt. Beppe gründete zudem Italiens bekannteste Bluegrass-Band „Red Wine“. Auf seinen Konzerten ist er nicht nur ein gewitzter Entertainer, er traut sich auch an Traditions-Stücke wie „Rollin’ In My Sweet Baby’s Arms“ heran, um den Zuhörern durch neue Arrangements ein anderes Gefühl darüber zu geben. Derzeit arbeitet er an seiner „Serenata“-Show, benannt nach seinem Album mit dem klassischen Mandolinisten Carlo Aonzo, bei der er Musik, Tanz, Oper und Theater verbinden will. Doch zunächst beschäftigt ihn noch sein neues Album „Traversata“.

Dieses Wort bedeutet „Überfahrt“ und das Album beschäftigt sich mit den Auswirkungen italienischer Musik in den Staaten und ihren Auswirkungen mit ihrer Rückkehr nach Italien selbst. Das Repertoire von „Traversata“ reicht von italienischen Opernmelodien bis zur Musik großer amerikanischer und italienischer Mandolinisten, geht auf die Ursprünge amerikanischer Jazzgitarristen in der italienischen Musik ein und nimmt auch Kompositionen großer italienischer Komponisten der Neuzeit wie die des Filmkomponisten Nino Rota und seine Titelmelodie zum Film „Der Pate“ mit. Vor allem aber ist das historische Instrumentarium das Highlight des Albums. Gambetta spielt auf der einzigen existierenden 14-saitigen Harfengitarre, einer Nachbildung, und auch Grisman und Aonzo benutzen traditionelle, so genannte Bowl-back-Mandolinen.


Wie kam es eigentlich zur Begegnung mit David Grisman?
Beppe Gambetta: Carlo Aonzo und ich trafen ihn bei einem Auftritt seines Quintetts 1999. Wir schlichen uns hinter die Bühne und spielten ihm nach dem Konzert einfach etwas vor. Er war so begeistert, dass er uns anbot, dieses gemeinsame Album zu machen. Er konnte damit seine Arbeit fortsetzen, die er mit dem Album „Songs Of Our Fathers“ bezüglich traditioneller jüdischer Musik zusammen mit Andy Statman begonnen hatte.

Du spielst auf „Traversata“ eine Harfengitarre, ein schon immer sehr seltenes Instrument. Wird dies denn noch in Italien selbst gespielt?
Beppe Gambetta: Leider nein. Für „Traversata“ mussten wir diese spezielle Harfengitarre erst einmal völlig neu bauen lassen. Das Original stammt von dem Instrumentenbauer Settimir Gazzo und der Nachbau wurde jetzt von Antonello Saccu vorgenommen. Es lassen sich zwar viele dieser Gitarren auffinden, aber ihre Spannung ist so groß, dass es im Prinzip keine mehr gibt, die man noch spielen kann. Wir mussten also die Struktur anhand vorhandener, aber unbrauchbarer Exemplare erkunden. Man muss leider die Erforschung solcher Instrumente als interessierter Musiker selbst ausführen. Die Harfengitarre kommt aus Österreich und gelangte um 1870 über Süddeutschland nach Norditalien, wo eigene Versionen entstanden. Die auf „Traversata“ benutzte Harfengitarre entspricht der von Pasquale Taraffo, einem italienischen Gitarrenvirtuosen, der in den USA zwischen 1929 und 1934 damit 27 Stücke aufnahm. Das Original steht im Konservatorium von Genua und wurde von Taraffos Familie dort zur Verfügung gestellt, aber man würdigt in der Forschung dort nicht unbedingt diese italienische Musiktradition, man konzentriert sich da eher auf das Werk Paganinis. Der Gitarrenteil dieses Instrumentes war normal gestimmt, dazu kamen normalerweise vier zusätzliche Saiten, meine hat allerdings acht. Bei der Viersaitigen vermuten wir, dass sie C - D - A - G oder D - C - H - A gestimmt waren. Diese Saiten wurden mit Fingern gespielt, um ihr einen fülligeren Klang zu geben.

Wurde mit ihr mehr klassische Musik oder eher Folklore gespielt?
Beppe Gambetta: Sagen wir mal so, der Unterschied war zur damaligen Zeit zwischen beidem nicht so groß wie heute. Taraffo spielte in seinem Programm Sonaten genauso wie Mazurkas und „Traversata“ bietet genauso etwas für beide Zielgruppen. Ich hoffe sowieso, dass sich die Abstände zwischen diesen musikalischen Kategorien auch wieder verringern. Es gibt durchaus Anzeichen dafür. Dan Crary und ich wurden z. B. schon einmal zu einem Klassik-Festival nach Bath in England eingeladen. Umgekehrt gibt es inzwischen etliche klassische Musiker, die sich der Folklore zuwenden, in Clubs spielen, wie unser dritter Mann Carlo Aonzo, der an der Mailänder Scala Mandoline spielt. Aber die Regel ist es zurzeit dennoch, dass Musik wie auf „Traversata“ den Klassikern nicht seriös genug ist und den Folkies ist es umgekehrt zu akademisch, wenn wir im Smoking spielen.

Welchen Einfluss auf die amerikanische Musik hat denn die italienische Musik der Einwanderer anfangs des letzten Jahrhunderts?
Beppe Gambetta: Mich hat fasziniert zu entdecken, dass italienische Musik einen sehr frühen Einfluss auf die Musikkultur Amerikas hatte. Einer der Väter der Jazzgitarre, Eddie Lang, hieß eigentlich Salvatore Massaro. Auf ihn gingen frühe Swing-Rhythmen zurück. Wir spielen auf unserem Album „April Kisses“ von ihm, weil es am ehesten die italienischen Akzente seiner Stücke wiedergibt. Er wurde 1902 als Sohn italienischer Einwanderer im Süden Philadelphias geboren und spielte mit Louis Armstrong und Bing Crosby zusammen. 1933 starb er an den Folgen einer Operation. Seinen Neffen spielte er immer italienische Walzer vor, um sie an ihre Herkunft zu erinnern. Auch Nick Lucas, berühmter Swing- und Ragtime-Gitarrist, der in Wirklichkeit Domenico Lucanese hieß, machte z. B. eine der ersten auf Schallplatte dokumentierten Gitarre-Soli. Von ihm stammt der berühmte Evergreen „Tiptoe Through The Tulips“. Der große Meister der Harfengitarre, der schon erwähnte Pasquale Taraffo, war in den Staaten kein Unbekannter und auch unabhängig von uns kann man Stücke von ihm noch heute auf Alben von Gitarristen wie Norman Blake finden. Taraffos Harfengitarre war so mächtig, dass er sie nur im Stehen spielen konnte. Er spielte in den größten Theatern und hatte etliche, italienisch-stämmige Nachfolger in den Staaten wie Sergio Reguzzoni. Überall gibt es Revivals von Instrumenten wie die der Zither in Österreich, warum nicht auch eines über die Harfengitarre und damit verbunden die italienische Musik der Emigranten? Diese Musik kann zeigen, dass Italien noch mehr zu bieten hat als das, was man weltweit kennt: Schnulzen wie „Volare“ usw. Es gibt so viele Stereotypen über Italiener in der Welt, Filme wie „The Sopranos“, den ich neulich gesehen habe, wo man glauben machen will, dass Italiener nichts Besseres zu tun haben als sich alle Viertelstunde abzuknallen. Die Stücke der Harfengitarre werden heute leider von niemandem mehr in Italien gespielt. Sie sind höchstens in einige Tänze oder Opern eingegangen. Eine Wiederentdeckung wäre wünschenswert.

Verstehst du eigentlich deine Zuwendung zu historischer Musik und akustischen Instrumenten als Gegenreaktion auf die rapide Zunahme von elektronischen Klängen in der heutigen Musik?
Beppe Gambetta: Ein Musiker sollte, auch wenn er bestimmte Stile nicht mag oder versteht, sich dazu bringen, sich mit anderer Musik zu beschäftigen. Es ist halt so: Wenn man, wie ich für sein Publikum in die Folklore eindringt und spezielle Entdeckungen, die man dort machen kann, versucht mit neuer Energie zu versehen, dann ist man schon allein dadurch derart zeitlich eingebunden, dass wenig Zeit übrig bleibt, sich mit zeitgemäßen Strömungen zu befassen. Trotzdem, wenn ich zu Freunden gehe, dann sage ich ihnen, lege bitte die verrückteste Musik auf, die du hast. Aber man hat ja oft auch noch andere künstlerische Interessen. So gehe ich z. B. unheimlich gerne auf Ausstellungen.

Wie gehst du an Fremdkompositionen heran, um sie nach einer eigenen Fassung klingen zu lassen?
Beppe Gambetta: Du sprichst eine der wichtigsten Fragen an, denn zum Arrangieren führt ein recht umständlicher Weg. Wenn man einmal mit Doc Watson begonnen hat, macht man es wie die meisten, man hört ab, transkribiert die Stücke und spielt sie so perfekt wie möglich nach. Ich habe so die vielleicht umfangreichste Notensammlung von Flatpicking-Musik der Welt zusammen bekommen. Ich traf die größten Meister, wie z. B. George Shuffler, der den Crosspicking-Style erfand, mit dem man eine unerhörte Flüssigkeit im Spiel gewinnt. Aber er hatte seine eigenen Arrangements alter Stücke vergessen, ich konnte sie ihm so wieder vorspielen. Aber wenn irgendwann der Punkt erreicht ist, wo man Note für Note sein Idol nachspielen kann, dann kommt es automatisch, dass man einen persönlichen Stil entwickelt, weil es sonst langweilig wird. Meistens geschieht dieser Moment in Konzerten. Man improvisiert und wenn ich einige Dinge gut finde, dann notiere ich sie mir, versuche diese Ideen miteinander zu verknüpfen. Aber auch, indem ich in alle Formen von Flatpicking-Musik hinein höre, kommen Inspirationen, sei es keltische Musik oder auch das Spiel auf der arabischen Oud. Es gibt da noch viele Techniken zu ergründen. Ich lerne gerade eine Technik, mit der ich beim Crosspicking vorwärts und rückwärts gehen kann, also die Tonleiter auf zwei Bünden mit Bewegungen im Ablauf runter, hoch oder auch spiegelverkehrt spiele. Eine sehr komplizierte Angelegenheit, die aber eine interessante rhythmische Lösung ergibt.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2/2002