Poet
Bruce Cockburn

Von Michael Lohr

Manche Songwriter sind begabte Poeten, andere einfallsreiche Komponisten, wieder andere brillante Gitarristen (Bert Jansch). Einer jedoch bietet alles zugleich: Seit über 30 Jahren schreibt Bruce Cockburn bildkräftige, intelligente Songlyrik, die unvergleichlich vertont als Folk, Weltmusik, Reggae, Ska, Jazz, Fusion, Funk, Rock und New Wave in funkelnder Schönheit und zeitloser Tiefe erstrahlen.

Doch das Schönste ist: Der Kanadier kann als hervorragender Fingerstyle-Gitarrist all diese Grooves auch alleine auf sechs Saiten hervorzaubern - und hat nebenher, von „Sunwheel Dance“ (1972) bis „Down To The Delta“ (1999), immer wieder Solostücke von seltener Qualität und emotionaler Kraft eingespielt. Man könnte ewig mit dem 56jährigen reden, ohne alle Aspekte seines Schaffens auszuschöpfen!

Bruce, wer hat dich zu deinem Gitarrenspiel angeregt?
Bruce Cockburn: Das ist eine ziemlich lange Liste. Also, meine musikalischen Einflüsse liegen woanders - aber Fingerpicking habe ich in den 60ern gelernt, beeinflusst von Folk-Bluesern wie Mississippi John Hurt und Bill Broonzy, die ich zu imitieren versuchte. Gleichzeitig habe ich auch viele Jazz-Gitarristen gehört (Wes Montgomery, Gabor Szabo), John Coltrane und die ganze damalige Speerspitze des modernen Jazz - viel frei improvisiertes Material. Auch das ist in meine Musik eingeflossen. Außer phasenweise mal andere Songwriter höre ich auch heute nicht viel Musik, die meiner ähnelt, sondern elektronische, klassische, ethnische von überall, Jazz. Und beeinflusst werde ich immer noch - wenn mir eine Gitarrenmusik gefällt, klaue ich etwas...

....und bei wem?
Bruce Cockburn: Bill Frisell, besonders mit seinem älteren, abenteuerlicheren Material, wäre mein erstes heutiges Vorbild. Ich höre auch gerade eine CD von Pat Metheny und Derek Bailey, absolut frei improvisiert, zum großen Teil sogenannter „noise“ - toll! Liebend gerne würde ich in einer solchen Band spielen. Aber ich habe keine solche Band und schreibe keine Songs mit Platz dafür. Und deshalb wird man so etwas von mir so schnell nicht hören....

....und die Akustikgitarre ist dir wichtig.....
Bruce Cockburn: Sie ist schon mein Fundament. Bei Aufnahmen benutze ich normalerweise die Gitarre, auf welcher der Song entstanden ist - bei manchen die elektrische, bei anderen die akustische. Eine Reihe neuer Songs ist jetzt umständehalber komplett auf einer akustischen entstanden: Ich war viel auf Reisen. Dann ist eben nur die Akustikgitarre immer greifbar.....Und außerdem hat sich auf ihr ja auch mein Stil zu spielen, diese ganze Fingerpicking-Sache, entwickelt. Deshalb ist sie auch ein wichtiger Teil dessen, wo ich musikalisch gelandet bin.

Spielst du immer noch eine Linda-Manzer-Gitarre?
Bruce Cockburn: Ja. Die blaue hat Linda für mich in den 80ern gebaut, auf meinen Wunsch hin besonders tief, weil ich viel Bass wollte. Aber über die zehn Jahre, wo ich die gespielt habe, hat sie - wegen dem tiefen Körper und meiner Gitarrenhaltung - auf einen Nerv im Arm gedrückt, was dann Fingerprobleme auslöste. Deshalb brauchte ich eine flachere Gitarre und hatte Glück: Bei Linda war gerade eine fertig - mit einem Körper, der sie nach der Oberseite (wo die Bass-Saiten verlaufen) etwas flacher werden lässt. Und das hat meine Bedürfnisse hervorragend bedient. Und dann war Linda noch so freundlich, die Gitarren mit mir einfach zu tauschen.

Wie hast du dein perkussives Spiel entwickelt? Bei deinen Solokonzerten vermisst niemand ein Schlagzeug ...
Bruce Cockburn: Das kommt eigentlich von Big Bill Broonzy und Mississippi John Hurt, wo nur der Daumen den Takt hält. Ich habe die beiden nie völlig nachahmen können, aber dafür etwas Komplexeres hinzugegeben. So kam irgendwann etwas raus wie mein eigener Stil. Die Grundlage bildet aber der Daumen - normalerweise mit Viertel-Drones, manchmal auch Wechselbass. Und was immer man auf den Melodiesaiten dazu spielt, lässt eine Art akustischen Raum darüber entstehen. Als ich anfing, mich wirklich mit Songwriting und Fingerpicking zu beschäftigen, war einer der für mich interessanten Aspekte, so zu spielen, dass man kein Schlagzeug vermisst. Ich habe „Penny Lane“ mit Bass und allen Stimmen darüber so spielen wollen, dass sich das möglichst genauso anhörte wie auf Platte. Und dieser Vorsatz hat die Entwicklung ins Rollen gebracht.

Du stützt dabei auch den kleinen Finger der rechten Hand auf der Decke auf ...
Bruce Cockburn: Das schien Bestandteil des Stils zu sein. Ich habe es bei anderen Folk-Gitarristen gesehen und gewissermaßen auch beigebracht bekommen - wenn ich fragte, wie man Fingerpicking spielt, bekam ich gesagt, dass das dazugehört. Aber gegenüber Flamenco oder klassischer Gitarre bringt man so einen Druck hinter das Daumenspiel, der ansonsten unmöglich wäre. In diesem Sinn gehört das schon zum Stil. Natürlich machen es viele anders, aber ich habe es so nun einmal gelernt. Was mir niemand beigebracht hat, war allerdings alle drei übrigen Finger zu benutzen - statt nur Daumen und Zeigefinger. Und das hat mir mehr Flexibilität verschafft.

Du bist also Autodidakt?
Bruce Cockburn: Nein. Ich hatte anfangs ein paar Jahre Unterricht und habe dann auch an der Berklee School of Music studiert - im Hauptfach Komposition, daneben Gitarre. Das heißt, ich habe sehr viel über die Gitarre mitbekommen - aber dort nie Fingerpicking gespielt, eher Flatpicking. Der Einfluss von Berklee steckt eigentlich nur in der linken Hand.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2/2002