Grenzgänger
Ferenc Snétberger
Von Andreas Schulz

Klammheimlich hat sich der in Berlin lebende ungarische Gitarrist Ferenc Snétberger in den letzten Jahren zu einem der ausdrucksvollsten akustischen Gitarristen in unserem Land entwickelt. Seine aktuelle CD "For My People" zeigt eine ganz neue Seite dieses grandiosen Nylonstringers: das "Concerto For Guitar And Orchestra" stellt den Komponisten Snétberger vor.

Die musikalische Welt des Ungarn ruht auf drei Säulen: Folklore (die seine Wurzeln und seine Jugend repräsentiert), Klassik (die er als Teenager kennen lernte und die bis heute seinen Klang und seine Spielweise bestimmt) und Jazz (seine große Liebe, die ihm die Freiheit der Improvisation schenkt). So ist es kein Wunder, dass Snétberger Musiker wie Egberto Gismonti, Jim Hall oder Johann Sebastian Bach bewundert und sich von ihnen Anregungen für seinen individuellen musikalischen Mikrokosmos holt. Die letzten drei CD-Veröffentlichungen Snétbergers markieren den aktuellen Stand seines Wirkens und zeigen gleichzeitig seine Vielseitigkeit. "The Budapest Concert" von 1996 ist die Live-Aufnahme eines Solo-Konzertes, dessen Bandbreite von ungarischer Gypsy-Folklore über südamerikanische Sambas und Bossas bis zu modern-jazzigen Improvisationen reicht. Es folgte 1998 die Trio-Platte "Obsession" mit Musik zwischen Nord- und Südamerika, zwischen östlichen Ethno-Anklängen und westlich-strengem Formbewusstsein. Die neue "For My People" könnte nun zu einer gänzlichen Neueinordnung Snétbergers führen. Zentraler Teil dieser Aufnahme ist ein dreisätziges Konzert für Gitarre und Orchester, das einen ganz eigenen Stil dokumentiert und mit seiner nahtlosen Verschmelzung von ausnotierter, festgelegter Musik und Improvisation großartige neue Wege beschreitet. Auch die als "Landscapes" zusammengefassten Duos von Gitarre und Trompete mit Markus Stockhausen bezeugen seine Vielschichtigkeit.

Hattest du Vorbilder, die dich spürbar geprägt haben?
Ferenc Snétberger: Früher hatte ich keine Gelegenheit, andere Musiker außer meinem Vater zu hören. Was ich von ihm lernte, kannst du auf keiner Akademie lernen. Er war Autodidakt und hatte eine wunderbare Art, mit der Gitarre umzugehen. Als ich später studierte, merkte ich erst, wie gut mein Vater wirklich war. Er hat alles richtig gemacht, die richtigen Fingersätze, die richtige Technik, die richtigen Töne - ohne je Unterricht gehabt zu haben. Heute höre ich mir kaum andere Gitarristen an, eher Pianisten oder Saxofonisten. Ich habe immer versucht, all meine Einflüsse umzusetzen und einen eigenen Weg zu finden - irgendwo zwischen Klassik, Jazz, Folklore und ethnischer Musik.

Wie würdest du dich heute einordnen?
Ferenc Snétberger: Ich bin einfach ein Gitarrist. Ich möchte mich nicht auf eine Richtung festlegen lassen, dazu mag ich zu viele verschiedene Sachen. In der klassischen Welt bin ich allerdings vollkommen unbekannt. Zum Glück. Die Klassiker spielen so perfekt nach Noten, so kalt. Ich höre ganz selten etwas, das mich wirklich berührt, außer manchmal von den südamerikanischen Gitarristen.

Du wirst inzwischen oft in die Weltmusik-Sparte eingeordnet und zu entsprechenden Projekten eingeladen.
Ferenc Snétberger: Das Wichtigste beim Musikmachen ist für mich: ich muss improvisieren können. Nimm einem klassischen Gitarristen die Noten weg, und er ist verloren. Setz dich mit einem Klassiker hin und sage: "Lass uns zusammen etwas spielen". Das wird nur ganz selten funktionieren. World-Music ist in den letzten Jahren zur Mode geworden. Wenn du gewohnt bist, mit einer gewissen Freiheit zu spielen, kannst du dich auch der Musik aus anderen Teilen der Welt anpassen. Um es noch mal zu sagen: ich bin ein Jazzgitarrist. Ich spiele und übe zu Hause nur Jazz, arbeite an Stücken von Coltrane oder Charlie Parker. Ich liebe es, akustische Gitarre zu spielen. Dieser wunderbare Ton! Es gibt im Moment zwei Gitarristen, die meine absoluten Lieblinge sind - beide sind Jazzgitarristen. Es sind Pat Metheny, den ich in Budapest bei einem Gitarrenfestival kennen lernen konnte, und Allan Holdsworth, ihn habe ich in Berlin getroffen. Beide sind Musiker, die mit einer großen Natürlichkeit spielen und sich nicht anhören, als wären sie nur gut ausgebildet.

Mit der letzten CD "For My People" hast du ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen. Was für ein Konzept steckt hinter dieser Platte?
Ferenc Snétberger: Ausgangspunkt war ein Bekannter, ein Komponist aus Israel. Er hatte die Möglichkeit, eine Komposition im Andenken der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus zu schreiben. Das war eine Art Anregung für mich, die konzertanten Teile von "For My People" zu komponieren. Die Idee, etwas für Gitarre und Orchester zu schreiben, gab es schon lange, wie eine Art Traum. Bei Solokonzerten habe ich oft eine Zugabe gespielt, sie beruhte auf einer Melodie, die ich von meiner Großmutter kannte. Mit dieser Melodie beginnt das ganze Konzert, sie wird immer weiter ausgearbeitet. Ich habe zunächst alles für Gitarre geschrieben, dann ausharmonisiert und die Parts für die Streicher arrangiert. Ich bin sehr stark von der Gitarre ausgegangen und wusste bis zur ersten Aufführung nicht, wie es klingen wird. Das "Concerto" wurde mit dem Orchester in Ungarn live aufgenommen, ich spielte dabei in einer getrennten Schallkabine. Es gab keinen Dirigenten, sondern ich habe die Musik mit Kopfbewegungen dirigiert. Wir hatten eine Probe vor dem Aufnahmetag und alles funktionierte perfekt. Das Ganze war auch für mich sehr aufregend. Die Musik beginnt mit langen Rubato-Teilen, wo man nicht einfach die Takte auszählen kann. Dafür muss ein bestimmtes Gefühl da sein.

Möchtest du in Zukunft mehr in dieser Richtung arbeiten?
Ferenc Snétberger: Sehr gern, natürlich. Wir haben zusammen mit Markus Stockhausen ein Stück aufgeführt, ein Trompetenkonzert mit Orchester, etwas jazziger. Ich würde mich freuen, wenn in Zukunft mehr solcher Sachen möglich wären. Die ökonomische Situation ist aber nicht einfach, die Kosten für derartige Projekte sind riesig.

Ein zweiter Teil von "For My People" sind drei Stücke im Duo mit dem Trompeter Markus Stockhausen. Wie habt ihr eigentlich zusammengefunden?
Ferenc Snétberger: Er ist ein wunderbarer Musiker. Wir haben uns auf einem Festival kennen gelernt. Als ich überlegte, wen ich als Gast für die neue CD einladen könnte, fiel er mir wieder ein. Ich habe ihm meine Solo-CD geschickt, und er meldete sich zurück. Als der Studiotermin feststand, probten wir nur einen Tag. Ich hatte keine festen Stücke vorbereitet, sondern wir improvisierten gemeinsam. Wir merkten sofort, dass wir uns gut ergänzen würden. Das Verständnis und die gemeinsamen harmonischen Vorlieben waren sehr stark, die Themen kamen fast wie von selbst. Am nächsten Tag waren wir im Studio und nahmen die drei Stücke für die CD auf. Inzwischen spielen wir als Duo auch Live-Konzerte.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2/2001