Klammheimlich
hat sich der in Berlin lebende ungarische Gitarrist Ferenc Snétberger
in den letzten Jahren zu einem der ausdrucksvollsten akustischen Gitarristen
in unserem Land entwickelt. Seine aktuelle CD "For My People"
zeigt eine ganz neue Seite
dieses grandiosen Nylonstringers: das "Concerto For Guitar And
Orchestra" stellt den Komponisten Snétberger vor.
Die musikalische Welt
des Ungarn ruht auf drei Säulen: Folklore (die seine Wurzeln
und seine Jugend repräsentiert), Klassik (die er als Teenager
kennen lernte und die bis heute seinen Klang und seine Spielweise
bestimmt) und Jazz (seine große Liebe, die ihm die Freiheit
der Improvisation schenkt). So ist es kein Wunder, dass Snétberger
Musiker wie Egberto Gismonti, Jim Hall oder Johann Sebastian Bach
bewundert und sich von ihnen Anregungen für seinen individuellen
musikalischen Mikrokosmos holt. Die letzten drei CD-Veröffentlichungen
Snétbergers markieren den aktuellen Stand seines Wirkens
und zeigen gleichzeitig seine Vielseitigkeit. "The Budapest
Concert" von 1996 ist die Live-Aufnahme eines Solo-Konzertes,
dessen Bandbreite von ungarischer Gypsy-Folklore über südamerikanische
Sambas und Bossas bis zu modern-jazzigen Improvisationen reicht.
Es folgte 1998 die Trio-Platte "Obsession" mit Musik zwischen
Nord- und Südamerika, zwischen östlichen Ethno-Anklängen
und westlich-strengem Formbewusstsein. Die neue "For My People"
könnte nun zu einer gänzlichen Neueinordnung Snétbergers
führen. Zentraler Teil dieser Aufnahme ist ein dreisätziges
Konzert für Gitarre und Orchester, das einen ganz eigenen Stil
dokumentiert und mit seiner nahtlosen Verschmelzung von ausnotierter,
festgelegter Musik und Improvisation großartige neue Wege
beschreitet. Auch die als "Landscapes" zusammengefassten
Duos von Gitarre und Trompete mit Markus Stockhausen bezeugen seine
Vielschichtigkeit.
Hattest du Vorbilder,
die dich spürbar geprägt haben?
Ferenc Snétberger: Früher hatte ich keine Gelegenheit,
andere Musiker außer meinem Vater zu hören. Was ich von
ihm lernte, kannst du auf keiner Akademie lernen. Er war Autodidakt
und hatte eine wunderbare Art, mit der Gitarre umzugehen. Als ich
später studierte, merkte ich erst, wie gut mein Vater wirklich
war. Er hat alles richtig gemacht, die richtigen Fingersätze,
die richtige Technik, die richtigen Töne - ohne je Unterricht
gehabt zu haben. Heute höre ich mir kaum andere Gitarristen
an, eher Pianisten oder Saxofonisten. Ich habe immer versucht, all
meine Einflüsse umzusetzen und einen eigenen Weg zu finden
- irgendwo zwischen Klassik, Jazz, Folklore und ethnischer Musik.
Wie würdest du
dich heute einordnen?
Ferenc Snétberger: Ich bin einfach ein Gitarrist. Ich möchte
mich nicht auf eine Richtung festlegen lassen, dazu mag ich zu viele
verschiedene Sachen. In der klassischen Welt bin ich allerdings
vollkommen unbekannt. Zum Glück. Die Klassiker spielen so perfekt
nach Noten, so kalt. Ich höre ganz selten etwas, das mich wirklich
berührt, außer manchmal von den südamerikanischen
Gitarristen.
Du wirst inzwischen
oft in die Weltmusik-Sparte eingeordnet und zu entsprechenden Projekten
eingeladen.
Ferenc Snétberger: Das Wichtigste beim Musikmachen ist für
mich: ich muss improvisieren können. Nimm einem klassischen
Gitarristen die Noten weg, und er ist verloren. Setz dich mit einem
Klassiker hin und sage: "Lass uns zusammen etwas spielen".
Das wird nur ganz selten funktionieren. World-Music ist in den letzten
Jahren zur Mode geworden. Wenn du gewohnt bist, mit einer gewissen
Freiheit zu spielen, kannst du dich auch der Musik aus anderen Teilen
der Welt anpassen. Um es noch mal zu sagen: ich bin ein Jazzgitarrist.
Ich spiele und übe zu Hause nur Jazz, arbeite an Stücken
von Coltrane oder Charlie Parker. Ich liebe es, akustische Gitarre
zu spielen. Dieser wunderbare Ton! Es gibt im Moment zwei Gitarristen,
die meine absoluten Lieblinge sind - beide sind Jazzgitarristen.
Es sind Pat Metheny, den ich in Budapest bei einem Gitarrenfestival
kennen lernen konnte, und Allan Holdsworth, ihn habe ich in Berlin
getroffen. Beide sind Musiker, die mit einer großen Natürlichkeit
spielen und sich nicht anhören, als wären sie nur gut
ausgebildet.
Mit der letzten CD
"For My People" hast du ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen.
Was für ein Konzept steckt hinter dieser Platte?
Ferenc Snétberger: Ausgangspunkt war ein Bekannter, ein Komponist
aus Israel. Er hatte die Möglichkeit, eine Komposition im Andenken
der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus zu schreiben. Das
war eine Art Anregung für mich, die konzertanten Teile von
"For My People" zu komponieren. Die Idee, etwas für
Gitarre und Orchester zu schreiben, gab es schon lange, wie eine
Art Traum. Bei Solokonzerten habe ich oft eine Zugabe gespielt,
sie beruhte auf einer Melodie, die ich von meiner Großmutter
kannte. Mit dieser Melodie beginnt das ganze Konzert, sie wird immer
weiter ausgearbeitet. Ich habe zunächst alles für Gitarre
geschrieben, dann ausharmonisiert und die Parts für die Streicher
arrangiert. Ich bin sehr stark von der Gitarre ausgegangen und wusste
bis zur ersten Aufführung nicht, wie es klingen wird. Das "Concerto"
wurde mit dem Orchester in Ungarn live aufgenommen, ich spielte
dabei in einer getrennten Schallkabine. Es gab keinen Dirigenten,
sondern ich habe die Musik mit Kopfbewegungen dirigiert. Wir hatten
eine Probe vor dem Aufnahmetag und alles funktionierte perfekt.
Das Ganze war auch für mich sehr aufregend. Die Musik beginnt
mit langen Rubato-Teilen, wo man nicht einfach die Takte auszählen
kann. Dafür muss ein bestimmtes Gefühl da sein.
Möchtest du in
Zukunft mehr in dieser Richtung arbeiten?
Ferenc Snétberger: Sehr gern, natürlich. Wir haben zusammen
mit Markus Stockhausen ein Stück aufgeführt, ein Trompetenkonzert
mit Orchester, etwas jazziger. Ich würde mich freuen, wenn
in Zukunft mehr solcher Sachen möglich wären. Die ökonomische
Situation ist aber nicht einfach, die Kosten für derartige
Projekte sind riesig.
Ein zweiter Teil von
"For My People" sind drei Stücke im Duo mit dem Trompeter
Markus Stockhausen. Wie habt ihr eigentlich zusammengefunden?
Ferenc Snétberger: Er ist ein wunderbarer Musiker. Wir haben
uns auf einem Festival kennen gelernt. Als ich überlegte, wen
ich als Gast für die neue CD einladen könnte, fiel er
mir wieder ein. Ich habe ihm meine Solo-CD geschickt, und er meldete
sich zurück. Als der Studiotermin feststand, probten wir nur
einen Tag. Ich hatte keine festen Stücke vorbereitet, sondern
wir improvisierten gemeinsam. Wir merkten sofort, dass wir uns gut
ergänzen würden. Das Verständnis und die gemeinsamen
harmonischen Vorlieben waren sehr stark, die Themen kamen fast wie
von selbst. Am nächsten Tag waren wir im Studio und nahmen
die drei Stücke für die CD auf. Inzwischen spielen wir
als Duo auch Live-Konzerte.
Den vollständigen
Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2/2001
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