Vorgestellt


Bourgeois-Blues

Eric Bibb
von A. Wolfen

Eric Bibb! Ein Blueslexikon bescheinigt seiner Musik, sie sei „a rich blend of the blues with elements of folk, country, gospel and soul!“ Ein anderes stellt ihn in eine Reihe mit Corey Harris und Alvin Youngblood Hart. Zusammen mit ihnen, Keb' Mo' und Guy Davis, so ein drittes Nachschlagewerk, bilde er die „first line“ des Acoustic Blues Revivals.

Zumindest in den Lexika ist Eric Bibb mit seiner Musik angekommen. Doch wie kommt er in Deutschland an? Ziemlich allein, so kommt er am Flughafen an. Der einzige Schwarze, nur einen riesigen gelben Gitarrenkoffer und sein Handgepäck tragend. „Typisch!“, denke ich, diese Musiker leben ganz für die Kunst und brauchen weder neue Hemden, noch Hosen oder Schuhe. Doch dann klärt er mich auf. Sein Gepäck sei irgendwo abhanden gekommen, irgendwo zwischen Stockholm, Amsterdam und Münster. Aha! „Wie gut, dass du wenigstens Zahnbürste und das Nötigste gerettet hast!“, sage ich und deute auf sein Handgepäck, wo Gewohnheitsreisende normalerweise den Notvorrat für derlei Gepäckmalheur bereithalten. „Oh, sure ... normally I too do so, ... doch diesmal habe ich in meiner Tasche nur Kassetten!“ Eine ganze Tasche voll mit Musik. Aber keine Zahnbürste. Kann ja auch niemand Musik mit einer Zahnbürste machen. Eric Bibb hat aber nicht nur gepflegte Umgangsformen, er pflegt sich auch und erweist sich im Gespräch als ein gebildeter Mann, dessen geistiger Horizont bedeutend mehr umfasst als die sechs Saiten, die für manche allein die Welt ausmachen.

Im Hotel packt er die Gitarre aus. Ich schaue sie mir an, er erklärt und schreibt es dann für die Nachwelt in mein Notizbuch. Also, Eric Bibb spielt eine Jumbo, 1999 gebaut für ihn von Andras Novak; Rücken und Seiten aus Kirschholz, Decke aus Rottanne. Außerdem spielt er auf der Tour noch eine '61er Gibson J-45. Für beide Gitarren benutzt er Tomastik „Bronze Spectrum“ 13-56-Saiten, angeschlossen wird das Instrumentarium an einen Trace-Elliot Acoustic-Verstärker, und zudem benutzt er Sunrise-Pickups. Und zu Hause, in Stockholm, da besitze er noch eine ganze Menge Gitarren. Er sammle alte Gitarren, sagt er, alte 12-saitige Stellas. „Oh, so many, ich kann sie gar nicht alle nennen!“
Nach diesen Erklärungen schaue ich mir ihn genauer an. Knapp 50-jährig, sieht er eher aus wie 25. Liegt das an dem Hautöl, das wir angesichts der kalten Witterung kaufen? Oder liegt‘s daran, dass er, wie er sagt, ein „late blossomer“, also ein Spätentwickler sei? Das allerdings hat ihm nicht sonderlich viel geschadet. Denn anscheinend kommt Bibb, der, 1951 in New York geboren, in den Siebzigern in Paris wohnte, seit einigen Jahre aber - von einer kurzen New-York-Auszeit abgesehen - in Stockholm lebt, als Spätentwickler mit seiner Musik diesmal gerade zur rechten Zeit, um zu den wichtigsten Vertretern des Acoustic Blues Revivals gezählt zu werden.

Kollegen
Fragen nach dem Verhältnis zu den Kollegen drängen sich geradezu auf, und am späten Abend, während des Essens, werden sie denn auch gestellt. „Oh ja, wir kennen uns alle ganz gut. Guy Davis ...“ - Sohn des Schauspielers Ossie Davis - „... ist ein alter Freund. Bereits unsere Väter waren befreundet.“ Es ist Davis, der Songs vor allem mit sozialkritischer Botschaft schreibt, Bibb mag ihn, aber er mag auch Keb' Mo', ihn wesentlich wegen der Melodiösität seiner Songs. „Keb' Mo' schreibt gute Songs. Weißt du was? Es sind die Songs, die wichtig sind. Und gute Songs zu schreiben, das ist sicherlich eines meiner Hauptziele für die Zukunft!“ Und er bewundert Alvin Youngblood Hart: „Alvin ist ein fantastischer Gitarrist. Er kann alles. Außerdem ist er ein sehr spaßiger Typ. Wenn er gut drauf ist, dann spielt er dir all die TV-Jingles der Serien aus den sechziger Jahren vor, von ‚Bezaubernde Jeannie‘ über ‚Lassie‘ und ‚Mission Impossible‘ bis hin zu ‚Bonanza‘!“ Besonders bei der Erwähnung des Namens Corey Harris blitzen sein Augen freudig auf: „Hast du sein letztes Album ‚Greens In The Garden“ (Alligator/Edel-Contraire) gehört? Ein Meisterwerk! Fantastisch!“ Was ihm an Harris gefällt, ist vor allem dessen immense Kenntnis afrikanischer Musik. „Harris hat eine Richtung eingeschlagen, die sehr interessant ist. Ich versuche ja auch, mich einerseits als Songwriter und Sänger weiterzuentwickeln, andererseits aber auch als Gitarrist. Gerade die Kora-Klänge aus Mali, die sind so wunderschön, die würde ich gern in mein Gitarrenspiel integrieren!“

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Der Blues
Dabei rührt die Bewunderung für Mahal und Touré tiefste Gründe des Verstehens an, die deutlich werden, als ich ihm die berühmte Farbenfrage des Blues stelle, nicht zuletzt auch, weil er gleich drei Alben mit schwedischen bzw. britischen Musikern eingespielt hat, die weißer nicht sein könnten. Also: „Können Bleichgesichter den Blues singen?“ Eric Bibb lehnt sich zurück. Atmet tief durch. Setzt sich gerade hin. Beugt sich nach vorn. Sagt dann, sehr ernsthaft und deutlich artikulierend: „Now listen! Es ist ein für allemal sehr wichtig festzuhalten, dass der Blues von Afroamerikanern in die Welt gebracht wurde. Das ist das Erbe. Unwiderruflich. Aber die Situation hat sich verändert. Weder Alvin noch Keb', weder Corey noch ich haben auf den Baumwollfeldern gearbeitet. Wir alle, sogar Taj Mahal, wir alle haben unseren Universitätsabschluss. Wir sind Bourgeois-Kids. Wir können nur von unseren heutigen Erfahrungen singen und spielen. Singen und erzählen von dem, was heute passiert. Und um das zu können, da spielt die Hautfarbe keine Rolle. Das ist eine Sache der Sensibilität, der Ernsthaftigkeit, der Awareness!“
Später führt er aus, was er darunter versteht: „Ich habe jahrelang auf der Straße gespielt. Der direkte Kontakt mit dem Publikum, das ist das Wichtigste. Du musst wissen, wie und womit du die Menschen ansprichst, worauf sie reagieren. Du musst auf die Menschen hören lernen. Wenn du es nicht schaffst, sie anzurühren mit deinem Spiel, wenn sie weitergehen und dir kein Geld in den Hut schmeißen, dann verhungerst du. Dann bist du auch kein guter Musiker. Ein guter Musiker muss zuhören können. Ob du nun einen einfachen oder sehr komplizierten Akkord greifst, egal, du musst zuhören können auf das, womit du dein Publikum emotional greifen kannst. Du musst fähig sein, Stimmungen zu vermitteln, auf Stimmungen einzugehen. Da bedarf es der Sensibilität, einer wahren Musikalität.“

Das vollständige Interview finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2-2000