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History
Von Ralf Bauer
Mance Lipscomb
(1895-1976)
Die ersten Plattenaufnahmen
der 20er Jahre dokumentieren in aller Regel lediglich einen von kommerziellen
Gesichtspunkten
bestimmten Auszug des Repertoires eines bestimmten Künstlers. Der
Blues war es, der den Plattenfirmen vermeintlich hohe Absätze in
Aussicht stellte, und so wurde dementsprechend diese Stilistik vorrangig
produziert und vermarktet.
Sicherlich waren Musiker wie
Robert Johnson, Blind Lemon Jefferson oder Charley Patton ganz hervorragende
Vertreter dieses Genres, doch gingen ihre musikalischen Aktivitäten
im Alltag weit darüber hinaus und beinhalteten stilistisch vielfältige
Variationen damals populärer Musik. Zum Tanze und zur Unterhaltung
wurde weitgehend musiziert, egal ob in den Jook-Joints der Schwarzen oder
zu feinen Abendessen und Partys der weißen Bevölkerung. In
vielen Gemeinden des amerikanischen Südens gab es so genannte Songsters,
Musiker, die bei allen möglichen gesellschaftlichen Anlässen
für Unterhaltung sorgten, Geschichten erzählten und meist auch
in der Lage waren, die aktuellen Hits zu interpretieren. Keine Seltenheit,
dass sich solche Jobs über Stunden hinweg, wenn nicht gar die ganze
Nacht hindurchzogen und dem entsprechenden Musiker, der zumeist am nächsten
Tag wieder seiner regulären Arbeit nachzugehen hatte, einiges abverlangten.
Von geradezu unschätzbarem Wert sind aus späterer Betrachtungsweise
die Fülle und die Vielfalt dieser Repertoires - ein auf seine Art
einzigartiges musikalisches Erbe negroamerikanischen Kulturgutes.
Da aus der Zeit vor dem
Krieg dieses Gut nur auszugsweise auf Tonträgern festgehalten ist,
war es ein außerordentliches Glück, dass im Zuge des Blues-Revivals
Musiker der ersten Generation diese Tradition erneut aufleben ließen
und es uns ermöglichten, diese sozusagen aus erster Hand und in großem
Umfang zu erleben.
Mance Lipscomb aus Navasota, Texas war einer dieser besonderen Glücksfälle,
als er 1960, fast zufällig, von den beiden Ethno-Musikologen Mack
McCormick und Chris Strachwitz entdeckt wurde. Diese waren eigentlich
auf dem Weg zu Lightning Hopkins, der jedoch gerade an der West Coast
auf Tour war, und sie beschlossen spontan, sich auf dem texanischen Land
nach eventuellen No Names umzusehen. Sie fragten unterschiedliche
Leute nach Gitarristen aus der Region, und als immer wieder der Name Mance
fiel, beschlossen sie, diesen am selben Abend aufzusuchen. Es war eine
außergewöhnlich warme und gastfreundliche Aufnahme, die ihnen
der damals schon 65-jährige Lipscomb bereitete. Und es war eine -
aus heutiger Sicht - äußerst bedeutende Begegnung - entstanden
doch sogleich die ersten Aufnahmen dieses großartigen Gitarristen
und Sängers, erschienen im Original auf Arhoolie No. 1001.
Auch Lipscomb sah sich keineswegs als reiner Bluesmusiker, und wie diese
als auch spätere Aufnahmen demonstrieren, umfasste sein Programm
Rags, Breakdowns, Cakewalks, Balladen und Blues, die er sich souverän
auf seine eigene Art und Weise zurechtlegte. Ausgestattet mit einem ausgefuchsten
Fingersatz, beschränkte er sich in seiner Anschlagtechnik auf Daumen
und Zeigefinger, die er, vergleichbar mit Blind Gary Davis, zu abwechslungsreichen
Arrangements zusammenfügte. Geschichten aus dem Leben, Traditionals
und eine Vielzahl eigener Kompositionen prägten seinen Stil, der
sehr stark von einem durchlaufenden Rhythmus und Groove, von eingängigen
Melodielinien und unverwechselbaren Licks gekennzeichnet war. Die Ausstrahlung
eines Mannes, dessen Lebensphilosophie von Weisheit und Nächstenliebe
gekennzeichnet war, spiegelt sich eindrucksvoll in vielen Stücken
wieder - und diese Stücke sind es, die die Zeitspanne eines halben
Jahrhunderts musikalisch dokumentieren, ohne dabei je an Glaubwürdigkeit
zu verlieren.
Den vollständigen Artikel
finden Sie in AKUSTIK GITARRE 2/2000
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