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Martina

Martin 00-16 DBR

Von Jürgen Richter

Wußtet ihr, daß früher die Mehrzahl der Gitarrenspieler Frauen waren? Wußtet ihr, daß das heute nicht viel anders ist? Glaubt ihr nicht? Dann werft doch mal einen Blick in ein Jugendzentrum. Aber auch ein Blick in die Charts beweist: Frauen spielen mehr Gitarre denn je. Nur die Industrie hat’s noch nicht gemerkt.

Diese Feststellungen hatte die amerikanische Gitarristin Diane Ponzio gemacht. Und als Endorserin von Martin Guitars fing sie unverzüglich an, diesem Umstand ein Ende zu bereiten. Es wurde also flugs eine Gesellschaft gegründet, die sich „The Woman & Music Comittee of the Martin Guitar Company" nannte. In diesem unseren Lande wäre es vielleicht dabei geblieben (abgesehen natürlich von meterweisemartin.jpg (9682 Byte) Aktenordnern), in Amerika dagegen wurde sogleich ein auf Frauen zugeschnittenes Gitarrenmodell entworfen, gebaut und sogleich erfolgreich verkauft.

Konzept

Ein auf Frauen zugeschnittenes Gitarrenmodell wird natürlich keine Jumbo sein; auch eine Dreadnought wird in den meisten Fällen zu klobig sein. Es sind also eher die kleinen Korpusformen gefragt. Dazu müssen die Firmen lediglich ein paar Jahre in die eigene Vergangenheit zurückblicken: Vor etwa 70 bis 80 Jahren galt zum Beispiel eine „000" als groß. Heute stellt sie eher die Unterkante dessen dar, was bei Musikern in der Regel noch akzeptiert wird. Aber es gibt noch kleinere Modelle. Sie führen zumeist ein Nischendasein - völlig zu Unrecht, denn eigentlich haben kleine Gitarren einige Vorteile. Sie klingen ausgewogen, haben einen eigenen, sehr modulationsfähigen Ton (sofern die Konstruktion entsprechend ist), und sie sind etwas leiser als große Gitarren. Das hat bei der Abnahme mit einem Piezo enorme Vorteile, denn es pfeift nicht so schnell. Dennoch kann man den Ton groß gestalten, wenn man weiß wie. Martin weiß es. Bei dem Sondermodell 00-16 DBR wurde dieses Wissen in die Tat umgesetzt. Die Zutaten sind schnell aufgezählt: beste Hölzer (selbstverständlich massiv!), eine ausgeklügelte Beleistung der Decke und ein im Verhältnis zur Decke passendes Korpusvolumen. Gerade bei letzterem hat Martin etwas experimentiert. Zwar ist die „00" von der Deckenfläche her kleiner als eine „000", aber diese „00" hat dafür einen wesentlich tieferen Korpus als eine durchschnittliche „000" oder „OM". Tatsächlich ist es gerade mal einen halben Zentimeter weniger als bei einer Dreadnought. Der Sound - so ist es jedenfalls zu erwarten - wird ähnlich tief gehen.

Die Decke besteht aus bestem, feingemasertem Fichtenholz, welches zudem optimal aufgeschnitten wurde. Das Balkensystem ist das bewährte X-Bracing, das Martin-typisch „scallopped" ausgeführt wurde. Das kann man bei abgenommenen Saiten ertasten, aber man kann es auch am Stempel „Use Medium Gauge Or Lighter Strings Only" (0.13) erkennen. Alles Härtere würde die Martin vermutlich zerreißen. Da so harte Saiten aber völlig aus der Mode sind, zumal bei einem Frauenmodell, ist diese Gefahr relativ gering.

Für Boden und Zargen hat Martin Palisander gewählt. Das Modell gibt es allerdings auch in Mahagoni und mit Cutaway. Hier dürfte dann der Ton etwas weicher sein. Bemerkenswert sind noch die Einlagen um die Korpusränder sowie um das Schalloch. Entgegen der sonstigen Gepflogenheit findet man dort nämlich Holzmosaik, wie man es auch bei klassischen Gitarren findet. Sehr schön und unbedingt eine Aufwertung! Allerdings ist das eigentliche Binding wiederum aus Kunststoff.

Der Hals der „00-16" besteht aus Mahagoni - und zwar, wie sich das gehört, aus einem einzigen Stück. Die Kopfplatte ist dabei durchstochen, die Mechaniken sind von der Seite montiert. Auch hier findet man an allen Ecken und Enden Anklänge an die alten Zeiten. So sind die Mechaniken offene Exemplare mit entsprechend altmodischen Knöpfen. Der Hals allerdings geht gerade in die Kopfplatte über; eine Verdickung zur Verstärkung ist also nicht vorhanden.

Das Griffbrett ist aus Ebenholz und ohne die Zugabe eines Bindings direkt auf den Hals geleimt. Darin befinden sich 20 sauber eingesetzte und abgerichtete Medium-Bünde. Mit Verzierungen ist Martin ungeheuer sparsam umgegangen, lediglich im 5., im 7. und im 9. Bund befinden sich kleine, rechteckige Einlagen. Dennoch gibt es die kleinen, hilfreichen Dots in der Griffbrettkante, die eine problemlose Orientierung ermöglichen. Das ist bei einem Hals-Korpus-Übergang am 14. Bund auch notwendig.

Bespielbarkeit

Eigentlich selbstverständlich, oft aber leider nicht der Fall: Die Martin ist nicht nur perfekt und liebevoll verarbeitet, sie ist ab Werk bzw. ab Vertrieb absolut perfekt eingestellt. Die Saitenlage stimmt, die Halskrümmung stimmt - hier gibt es kaum einen Grund zur Nachbesserung (es sei denn, jemand hat völlig andere Vorstellungen von Saitenstärke und -lage). Da die 00-16 DBR ein für Frauen zugeschnittenes Modell ist, kann man von vornherein davon ausgehen, daß sie sich wesentlich einfacher bespielen läßt als beispielsweise eine Dreadnought. Das stimmt natürlich zum einen, zum anderen fordert der doch recht tiefe Korpus seinen Tribut. So liegt eine normale „000" besser am Körper an, hat aber natürlich die entsprechend größere Deckenfläche. Überraschenderweise ist der Hals der 00-16 DBR nicht schlanker oder dünner als ein Standardhals. Auch die Mensur ist eine ganz normale Standardmensur. Das ist auch gut so, denn diese Gitarre soll ja auch klingen. Und einer der Faktoren, der eine Gitarre mit ziemlicher Sicherheit besser klingen läßt, ist eben ein dicker Hals. Außerdem liegt ein solcher Hals auch in einer nicht ganz so großen Hand gut.

Das Halsprofil wird von Martin als „flaches D" beschrieben, hat aber einen ganz leichten „V-Anteil". Für vollgriffige Akkordarbeit ist das die ideale Form, aber auch filigraner Fingerstyle ist gut zu realisieren - nicht zuletzt aufgrund des nicht zu schmalen Halses.

Klang

Die griffige Formel „kleine Gitarre = kleiner Klang" geht hier eindeutig nicht auf. Die Martin 00-16 DBR hat einen vollen und sehr ausgeglichenen Ton. Natürlich spielen hier die verwendeten Materialien eine Rolle. Der Klang ist ungeheuer dynamisch und wird sich mit Sicherheit im Laufe der Jahre noch weiter entwickeln. Die Höhen sind klar und brillant im Gesamtsound vertreten, die Mitten sind sauber, vielleicht auch etwas dominant (das aber ist stilabhängig und zudem eine Frage der Saiten), die Bässe kommen weich, warm und durchaus nicht unterrepräsentiert. Allerdings hört man an ihnen das Konstruktionskonzept mit der kleinflächigen Decke und dem dennoch großvolumigen Korpus: Die Bässe klingen nämlich ein wenig wie aus einer kleinen HiFi-Box mit extrem weich aufgehängten Tieftönern. Bei bestimmten Tönen neigen sie ganz leicht zum Dröhnen.

Das aber schränkt die hohe Qualität der Martin nicht ein. Es macht ungeheuren Spaß, die kleine Martin zu spielen, denn sie liegt einfach gut in der Hand und spricht dynamisch, exakt und sensibel an. Das ist einer der großen Vorteile von kleinen Gitarren, denn eine großes Instrument ist um einiges träger. Besonders gut lassen sich alle schnellen und trennsensiblen Spielweisen wie Fingerstyle und Picking realisieren. Beim Flatpicking neigt hingegen der Baß ein wenig zum Untergehen. Das wiederum ist beim Musizieren in einer Band von Vorteil, denn somit wird man mit dieser Gitarre nie dem Bassisten in die Quere kommen.

Fazit

Wenn ich nun schreibe: „Nicht nur für Frauen", dann spricht aus mir die blanke Anerkennung. Die 00-16 DBR ist eine großartige Gitarre. Sie ist dynamisch in der Ansprache und ausgeglichen und sensibel im Ton - mehr kann man kaum verlangen. Hier wurde ein gelungener Kompromiß zwischen Bespielbarkeit und großem Ton gesucht und gefunden. Zwar ist die Martin nicht wirklich billig (das kann sie als limitiert aufgelegtes Modell auch gar nicht sein), aber sie ist ihr Geld wert und damit im besten Sinne des Wortes „preiswert".

 

TECHNISCHE DATEN
Herkunft......................................USA
Form............................................„00"
Body............................................Palisander, massiv
Decke..........................................Fichte, massiv
Randeinlagen................................
(Binding)......................................Kunststoff und Holz
Schallochrosette...........................Holz
Hals..............................................Mahagoni, einteilig
Kopfplatte....................................Mahagoni, Palisanderfurnier
Griffbrett......................................Ebenholz
Halsbreite Sattel............................43 mm
Halsbreite 12. Bund......................54 mm
Bundstäbchen................................Medium
Hals-Korpus-Übergang................14. Bund
Mensur..........................................64,5 cm
Steg.............................................Ebenholz
Sattel/Stegeinlage.........................Kunststoff
Stegpins.......................................Kunststoff
Gurtknöpfe...................................1
Pickguard....................................Kunststoff, schwarz
Mechaniken..................................Waverly, offen, vernickelt
Optionen.........................................keine
Werkssaiten.................................. .012
Preis.............................................ca. 4.900,- DM inkl. Koffer