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The Octopus

Tal Farlow (1921-1998)

Man nannte ihn „The Octopus", die Krake. Und die Krake aus Greensboro, North Carolina, wo sie am 07. Juni 1921 das Licht der Welt erblickte, ist - wie wir allzu spät erst erfuhren - bereits am 25. Juli 1998 im Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in Manhattan gestorben, an Speiseröhrenkrebs.

Der Musiker

Hinter diesem Musiker verbirgt sich - so der Unisono-Chor zahlloser Weggefährten wie Tony Mottola, Gene Bertoncini, Joe Puma, John Pisano, Charlie Byrd, Sal Salvador, Lou Mecca, Barney Kessel oder Mundell Lowe wie auch der vielen jüngeren Virtuosi vom Schlage Jimmy Brunos, Jack Shermans, Jack Wilkins' oder Mark Elfs - ein menschlich kaum hoch genug zu schätzender, so geist- wie humorvoller, hauptberuflicher Schildermaler(!) mit gewaltigen, riesigen Händen. Sein Name ist Talmadge Holt Farlow. Man kannte ihn als Tal, Tal Farlow. Und dieser Name war Synonym für ein Jazzgitarre-Spiel - fast ausschließlich auf speziellen „Tal Farlow"-Modellen der Gibson L5, immer mit dem „Schnecken"-Cutaway, anfangs gar mit kürzerer Mensur. Ein Spiel, das sich kaum mehr vergleichen ließ mit alldem, was man (manchmal allzu vereinfachend) gemeinhin unter dem Rubrum der Generation nach Charlie Christian zu summieren pflegte.

Spielweisen

Tal, erst spät im Leben souveräner Notist, jedoch seit eh ein gewiefter Kenner exotischster Tiefen der tafa.jpg (8087 Byte)Jazzharmonik, spielte unglaublich und unerschöpflich kreativ, war nie zum Epigonen seiner selbst geworden und hat der Bop-Gitarre ein geistesfrisches Vokabular geschenkt, das freilich zu keiner Zeit in der Eiseskälte purer Intellektualität erstarrte. Sein Spiel war unvergleichlich virtuos, originell, ständig überraschend und immer - sowohl im Singleline- als auch im harmonischen Bereich - ein Born frappierend unerschöpflicher Kreativität. „Seine Wahl von Intervallen statt Skalen", attestierte ihm Kollege Sal Salvador noch 1982, „unterscheidet ihn von jedem anderen". Kaum verwunderlich in der Konsequenz, daß seine Einzelton-Improvisationen sich auf Akkordstrukturen und ebenfalls nicht über die sonst zwingenden Skalen aufbauten. „Weil ich Autodidakt war", sagte er später, „und mich nicht um das Notenlesen geschert habe, gehe ich vor allem visuell heran. Anders gesagt: Ich kann die Formen oder Muster von Skalen und Akkorden visualisieren, indem ich mental kleine Merkpunkte aufs Griffbrett projiziere ... Die visuelle Methode eignet sich ebensogut für komplexe Konzepte: indem man etwa Linien für Dominantsept-Akkorde entwickelt, die sich in einem Quartenzirkel voranbewegen". Und so fort.

Sein Spiel war nie wirklich einfach und nie gefällig, aber dennoch ständig im Fluß und durchsetzt von einem Zeitgefühl, das vielleicht am ehesten an Schlagzeuger à la Max Roach oder Joe Morello erinnert: Es swingt unglaublich, aber es bügelt auch jede Glätte aus dem Fluß der Dinge heraus. Und seine Akkorde waren oft ganz anders als die des nur ein Jahr jüngeren Jazzgitarre-Lyrikers Johnny Smith, der fast eben solche Pranken sein eigen nennen darf - buchstäblich „un-erhörte" Phänomene: Seine ungewöhnliche Reichweite gestattete ihm das auf dem Griffbrett für normal Sterbliche Unmögliche. Und seine Flageolett-Technik - auf ganze, oft blitzartig arpeggierte Akkorde und Akkordverbindungen ausgeweitet - gilt als nicht minder sensationell. Mit anderen Worten: Tal Farlow war nichts weniger als eine Lebendlegende, ein Faktum, mit dem er unprätentiös und bescheiden umging in seinem langjährigen Wohnsitz bis zum Schluß, dem Küstenort Sea Bright, New Jersey.

Karriere und Profession

Und er war neben Herb Ellis der Älteste der Riege der „Great Guitars" (Kessel, Ellis, Byrd und so fort). Barney Kessel (s. letzte Ausgabe) ist gerade 75 geworden; Tal wurde noch 78. Er war der Doyen, der Einsiedler, der seiner ursprünglichen Profession, dem vererbten Beruf des Schildermalers, auch noch zu Hochzeiten seiner Karriere treu blieb und jahrelang und „verschollen" lediglich für lokale Gigs in Sea Bright und Umgebung die Gitarre herauszuholen pflegte. Querkopf, Eigenbrötler, Individualist - all das war er und ein Meister dazu, ein Doyen, ein Mythos und ein „guitarists‘ guitarist".

Mit acht hatte er zu spielen begonnen, aber erst mit 22 wurde er Profi, der Christians Läufe bei Benny Goodman in- und auswendig beherrschte. Damals bekam Greensboro einen neuen Luftwaffenstützpunkt, damit ungewohnt heftigen Zulauf und - natürlich - auch Klubs, die Musik wollten - Tals große Chance. Er nutzte sie, spielte mit Jimmy Lyons, mit Dardanelle, die ihn ins New Yorker „Copacabana" lotste, zu einer Zeit wohlgemerkt, in der New York mit Jazz eins war, mit Namen wie Bird Parker, den er 1946 kennenlernte, mit Dizzy, Miles, mit Bebop und bald Hardbop, mit Red Norvo auch. 1948 jobbte er bei Buddy DeFranco, der ohne Drummer spielte, wie Vibraphonist Norvo auch. Und den hatte Mundell Lowe gerade verlassen; Farlow stieg ein, für Red Kelly kam am Baß Charles Mingus. Trios waren ohnehin noch Mangelware, und das „Norvo Trio" landete einen Hit nach dem anderen, und es war Tal, der in diesem schlagzeuglosen Trio lernte, aus der Not eine Tugend zu machen und der Gitarre bis dato völlig unmöglich scheinende rhythmische Dinge zu entlocken - der Anfang des „Octopus"-Mythos - des Mythos des Eremiten, der sich an die Atlantikküste zurückzog und zum Pilgerziel unzähliger junger wie bewährter Jazzgitarristen wurde. 1968 tauchte er kurzzeitig wieder in die New Yorker Jazzszene ein, um in dem East-Side-Klub „Frammis" im Trio sieben Wochen lang zu spielen. 1975 - seine Verve-Alben wie „Plays Harold Arlen", „Recital" oder „Tal" waren längst gesuchte Sammlerstücke - signalisierte die einzigartige LP „The Return Of Tal Farlow" tatsächlich des „Oktopus"‘ wahrhaftige Rückkehr ins Jazzgeschehen. Dem Druck der Anhänger und dem Drang, wieder hinauszugehen, gab er nach. Gottlob.

Carl Jeffersons notorisch gitarrefreundliches Jazzlabel Concord saugte auch ihn zeitweilig auf (vor allem sein Debütalbum „A Sign Of The Times"); er unterrichtete. Stieg nach Barney Kessels krankheitsbedingtem Ausscheiden eine Zeitlang bei den „Great Guitars" ein. 1982 wurde über ihn eine TV-Dokumentation, heute ein rares, begehrtes Video mit dem Titel „Talmadge Holt Farlow", erstausgestrahlt. Er reiste mehr als je zuvor - ein neuer Zenith dieser Karriere, die keine Zeit, kein Alter zu kennen schien und im Spiel allenfalls durch etwas mehr Langsamkeit charakterisierbar war. 1996 feierte den 75jährigen in New York die Crème de la crème der internaionalen Jazzgitarristik.

Kraken aber sind sterblich. Unsterblich hingegen wird das Werk des „Octopus" bleiben. Denn ein Sonderplatz im Pantheon der Jazzgitarre-Götter ist ihm ebenso sicher wie ein untilgbarer Eintrag im Big Book amerikanischer Jazzgeschichte.
Alexander Schmitz