sammlerstück

Folksholz

Guild F-30, 1964

Von Wilhelm Henkes und Rudolph Blazer, Antique Acoustics

In der Nachkriegszeit beherrschten mehr oder weniger nur die beiden Traditionsfirmen Martin und Gibson den Flattop-Markt. Obgleich die Produktionszahlen bis Anfang der siebziger Jahre kontinuierlich stiegen, gab der angebotene Qualitätsstandard immer weniger Grund zur Begeisterung. Als der Folk-Boom die Spitze dieser Berg- bzw. Talfahrt einläutete, hatte sich auf dem Flattop-Sektor (und nicht nur dort) längst eine dritte Marke breit gemacht, die in Sachen „Qualität zu gutem Preis" durchaus die Nase vorn hatte.

Die Rede ist von der Firma Guild, die seit den fünfziger Jahren einen beispiellosen Aufstieg absolvierte. Bezeichnenderweise wählte sich die junge und aufstrebende Firma ihren Namen in Anlehnung an die traditionelle Bedeutung des alten Begriffes mit der Assoziation von handwerklicher Verarbeitungsqualität. Der Werdegang der Guild Musical Instrument Company ist eng verknüpft mit dem Namen Alfred „Al" Dronge, der die Firma 1952 in Manhattan, New York, gründete. Geboren 1911 als Avram Dronge in Warschau, emigrierte er als Fünfjähriger mit seiner Familie in die USA - wie auch viele andere jüdische Familien. Mitte der dreißiger Jahre eröffnete er ein Musikgeschäft und handelte vor allem mit Archtops und importierte italienische Akkordeons. Während dieser Zeit baute er seine Kontakte zu Epiphone und Gibson auf, und als ambitionierter Jazz-Gitarrist fand er unschwer Zugang zu der regen Musikszene in New York. Die Idee der Gründung einer eigenen Gitarrenbaufirma entstand, als Epiphone nach viermonatigem Produktionsstillstand aufgrund von Streikunruhen das Feld räumte und nach Philadelphia umzog; einige langjährige Epiphone-Mitarbeiter italienischer Abstammung wollten ihr italienisches Viertel in Manhattan nicht verlassen und bildeten daraufhin Guilds erste fünfköpfige Belegschaft. Die Produktionsräume lagen unweit von Als Musikgeschäft in Manhatten und umfassten ca. 150 qm Fläche. Es dauerte einige Zeit, bis die ersten Gitarren fertiggestellt waren, und erst 1954 erschien der erste Katalog mit elektrischen Archtops und drei Flattops: Mit 17 Zoll war die größte und teuerste die Navarre F-50, gefolgt von der 16 Zoll breiten Valencia F-40 und der billigsten 15-Zoll-Aragon F-30 für 125 Dollar (1964: 185 Dollar).

Bald schon boten die beengten Verhältnisse keinen ausreichenden Platz mehr, so daß neue Räumlichkeiten gefunden werden mußten. Außerdem spürte Al am eigenen Leibe, was kurz zuvor Epiphone das Weite suchen ließ. Die Gewerkschaften waren in New York sehr stark und konfrontierten die Unternehmen mit recht energischem Verhalten. Alfreds Sohn Mark, der schon in jungen Jahren in der Manhattan-Fabrik aushalf, erinnerte sich an ein bezeichnendes Erlebnis gewerkschaftlicher Aktionsform. Die Gewerkschaften wollten die Betriebe bzw. deren Belegschaft notfalls mit Druck „organisieren". So versuchten z.B. Gewerkschaftsmitglieder, die Versandanschriften von Gitarrenpaketen, die fertig verpackt im Hof auf ihren Abtransport warteten, zu notieren, um die Empfänger zu veranlassen, die Geschäftsbeziehungen zur Guild Company abzubrechen. Mark mußte mit aller Mühe die Gewerkschaftler an ihrem Vorhaben hindern.

Der neue Firmensitz wurde nach Hoboken, New Jersey, verlegt, gegenüber von Manhattan auf der anderen Seite des Hudson-Rivers. In den folgenden Jahren stellte Al eine Reihe motivierter und kompetenter Leute ein, die wesentlich an der enormen Expansion der Firma beteiligt waren. 1956 zählte die Truppe 15 Mitarbeiter, die im Monat 100 bis 150 Gitarren mit dem neuen Hoboken-Label fertigten. Bis Ende der sechziger Jahre erhöhte sich die Gitarrenproduktion nicht nur mengenmäßig immens, die Qualität stieg ebenfalls auf ein hohes Niveau. Darüber hinaus vergrößerte sich die Modellpalette, wobei die Solidbodys ähnlich erfolgreich waren wie die akustischen und elektrischen Archtops. Die Flattops, erweitert um diverse Dreadnoughts und die sehr erfolgreichen Twelve-Strings, drängten in die unterschiedlichsten Stilrichtungen. Ihre wachsende Popularität unterstützten neben Musikern der Folk- und Bluesszene wie Dave van Ronk (F-50), Mississippi John Hurt (F-30) oder Howlin Wolf (F-212) vor allem die zahllosen Vertreter moderner oder progressiver Musik der sechziger Jahre: John Denver, Van Morrison, John B. Sebastian, Richie Havens, Ry Cooder, Eric Clapton, Jimi Hendrix usw. Wichtigster Endorser der F-30 war Paul Simon, der wohl seine gesamte Simon-&-Garfunkel-Zeit mit Guild-Gitarren bestritt. 1967 wurden für ihn gleich mehrere F-30-Sondermodelle in Rosewood gebaut, die später als F-30R in Serie gingen. Das Modell befindet sich seit einiger Zeit als Reissue wieder im aktuellen Guild-Katalog und wird mit Erfolg verkauft.

Die abgebildete Sunburst F-30 ist eine Mahagoni-Gitarre, in bezug auf Maße und Charakter vergleichbar mit einer Sechziger-Jahre-Martin 000-18. Die Ausstattung ist ähnlich schlicht - mit Ausnahme der Pearloid-„Chesterfield"-Kopfeinlage, die vom Motiv her an die gleichnamige Zigarrettenmarke erinnert. Auffallend ist das Deckenholz: Während Martin und Gibson seit zwei Jahrzehnten fast ausschließlich Sitka-Fichte für ihre Decken verarbeiteten, erinnert die der F-30 deutlich an Adirondack-Fichte. Andere Hoboken-Guilds hatten eine Decke aus Alpenfichte. Auch die Lackierung ist nicht unbedingt Standard für die Zeit. Während bei Martin die übliche Kunststoffgrundierung Einzug gehalten hatte, haben die Guilds noch den altmodisch aufgebauten Nitrolack. Die Hoboken-Guild-Flattops waren beliebte Gitarren, die heute einen besonderen Stellenwert besitzen. Trotz der wachsenden Stückzahl und der voranschreitenden maschinellen Fertigung boten sie solide Verarbeitungs- und Materialqualität zu einem vergleichbar günstigen Preis. Ihr markanter, fester und klarer Ton ist in erster Linie verantwortlich für die hervorragende Eignung als Bühnen- und Studiogitarre.

Die Hoboken-Ära endete in den späten Sechzigern mit dem Umzug der Firma nach Westerly, Rhode Island, da der Platzbedarf wiederum das vorhandene Angebot überstieg. Guilds Urvater Alfred Dronge konnte den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg seiner Firma nicht mehr lange miterleben, er verunglückte 1972 auf tragische Weise tödlich mit seinem Privatflugzeug auf dem Weg in seine neue Fabrik in Westerly.