vorgestellt 1

Michael Sagmeister - Acoustic Guitarist

Von Andreas Schulz

Vor nunmehr 20 Jahren erschien das Debütalbum des Frankfurter Gitarristen Michael Sagmeister, der zu diesem Zeitpunkt gerade mal 19 Jahre alt war. Publikum und Kritik waren gleichermaßen begeistert, und fortan war das deutsche Jazzgitarren-Wunderkind der 80er Jahre geboren.

Schlagworte wie "spieltechnisches Genie" fielen in diesem Zusammenhang, kritische Stimmen titulierten ihn dagegen gern als "Vielspieler". Er selbst gesteht ein, daß er nicht gerade der ökonomischste odersag.jpg (7568 Byte) zurückhaltendste seiner Zunft ist, genauso klar ist aber auch, daß er bei aller technischen Virtuosität ein sehr ausdrucksstarker Musiker mit höchst kultiviertem Ton und eigenständiger Stimme ist. Sagmeister war von Anfang an auch immer ein akustischer Gitarrist, bereits auf dem Nachfolgealbum "Ganshy" von 1980 sind zwei akustische Titel vertreten. Mit der neuesten Produktion "Here And Now" - seiner elften übrigens - hat er zum ersten Mal eine konsequent akustische Platte eingespielt. Höchste Zeit also, diesen Musiker in AKUSTIK GITARRE ausführlich vorzustellen.

Biographisches

 

Mit dreizehn habe ich zum Ausprobieren mit einem Freund getauscht: seine Gitarre gegen mein Fahrrad. Irgendwann mußte ich sie zurückgeben, aber da hatte ich schon Spaß daran gefunden und meine Großeltern so lange beschwatzt, bis ich endlich eine eigene hatte. Angefangen habe ich mit Leuten wie Hendrix oder Santana. Auf einer Platte war ein Hinweis auf John Coltrane, also habe ich mir eine seiner Platten gekauft, aber die ist mir damals nicht so gut bekommen. Ich bin recht schnell bei den Mainstream-Leuten gelandet - Wes Montgomery, Joe Pass oder Charlie Parker - und habe angefangen, exzessiv zu üben. Dann war ich irgendwann in der Frankfurter Szene drin und bin von Volker Kriegel entdeckt worden. Er und Peter Coura (Frankfurter Gitarrenbauer) haben mir in der Anfangszeit unheimlich geholfen, was dann auch die erste CD hervorgebracht hat, die direkt für Furore sorgte." Ein standesgemäßer Einstieg also in eine Szene, die heute gern als "Frankfurter Schule" bezeichnet wird, die zweite Nachkriegsgeneration deutscher Jazzgitarristik in den Fußstapfen eines Volker Kriegel. "Als ich richtig anfing, so Ende 70er/Anfang 80er, gab es eine richtig gute Szene mit vielen Clubs, Jam-Sessions, Spielmöglichkeiten allgemein. In meinem besten Monat habe ich es damals auf 27 Konzerte gebracht. Es war sehr intensiv und inspirierend, davon kann heute keine Rede mehr sein. Für uns war Jazz nicht nur eine Stilistik, sondern mehr noch ein Lebensgefühl." Die Bewährungsprobe für Sagmeister waren unzählige durchspielte Nächte im Frankfurter Jazzkeller, an die er sich heute noch gern erinnert. Er hatte von Anfang an eine starke Vorstellung von seiner eigenen Musik und rutschte sofort in die Leader-Funktion hinein, die gemeinhin üblichen Lehrjahre als Sideman überspringend. Stilistische Orientierung und gitarristisches Vorbild ist die Linie Montgomery - Martino - Benson, lineare Spieler, mit denen man lange swingende Melodiebögen verbindet. "Wes Montgomery kommt mir immer näher, sicherlich auch mit zunehmendem Alter. Ich ertappe mich oft dabei, daß ich mit den Fingern spiele. Diese Art zu spielen macht einen Riesenspaß, diese Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit in Melodik und Timing kommt von Wes. Was das energetische Spielen angeht, ist mein Haupteinfluß sicher Pat Martino. Generell ist mir der Respekt vor den älteren Herren sehr wichtig, sie haben die Grundlagen dessen aufgebaut, was wir heute machen, was jeder Jazzgitarrist weltweit heutzutage spielt."

Sagmeister und Martino

Einer der Höhepunkte in Sagmeisters musikalischem Leben war sicherlich das gemeinsame Konzert mit dem großen Vorbild Pat Martino beim deutschen Jazzfestival 1996. Eine Bestätigung für fast zwei Jahrzehnte harter Arbeit, darüber hinaus auch ein sehr persönliches und emotionales Highlight. Diese Begegnung hallt immer noch in ihm nach, und im direkten Gespräch ist eine sympathische Mischung aus Begeisterung, Selbstbewußtsein und Bescheidenheit spürbar. "Es war wirklich ein Abenteuer, mit seinem großen Idol Musik zu machen. Ich habe ja schon mit vielen guten Leuten gearbeitet, aber als ich mit ihm geprobt habe, das war ein echter ‚Thrill‘. 15 Jahre hörst du die Musik deines Lieblingsgitarristen immer von Platte und auf einmal steht neben dir dieser Mann, schaltet seinen Verstärker an, und dann kommen diese Linien. Es war ein faszinierendes Erlebnis." Ein "Thrill" ein spannendes Erlebnis, auf jeden Fall. Auf die naheliegende Frage, ob er sich dem gewachsen fühlte, antwortet Sagmeister: "Ich bin mit gemischten Gefühlen an die Sache herangegangen, weil ich das Gefühl vermeiden wollte, daß quasi der Schüler mit seinem Idol auf der Bühne sein durfte. Ich möchte nur auf die Bühne mit dem Gefühl, der Musik einen zusätzlichen Schub geben zu können. Pat ist ein unglaublicher Musiker und ein sehr komplexer Komponist. Seine Musik ist sehr schwierig, weil sie total auf seine Person zugeschnitten ist, die Akkorde, die ganze Denkweise. Man muß in kürzester Zeit sein eigenes Konzept umstellen, weil er sehr freundlich, aber bestimmt sagt, er spiele nur seine Musik. Da waren Sachen dabei, wo jedes Denken im System von Harmonie und Skala aufhört, so persönlich und individuell, daß du selbst immer in Gefahr bist, wie ein Fremdkörper zu klingen. Pat ist inzwischen 54, und er hat seinen Stil über 30 Jahre konsequent entwickelt. Als ich dann mitspielte, hat die Band einen Kick bekommen, weil ich weniger linear spiele. Er ist ja ein Melodiespieler, er fängt an, du hörst seine Linien und Bögen, die Rhythmusgruppe begleitet, und dann hört er wieder auf. Ich bin eher der kommunikative Typ, mehr ein ‚Teamplayer‘. Vor allem mit dem Drummer habe ich mich extrem gut verstanden." Im Vorfeld des Konzertes hatte Martino erst abgelehnt, mit einem zweiten Gitarristen zusammenzuarbeiten (das hat er zuletzt Ende der 60er Jahre gemacht). Nachdem er aber Aufnahmen von Sagmeister gehört hatte, meldete er sich jedoch eigener Initiative zurück. "Er hat angerufen und gesagt, er möchte wissen, wer dieser Gitarrist ist und mit ihm spielen. Das war das größte Kompliment, das ich je bekommen habe. Und der Typ ist kein Schwätzer, er ist äußerst höflich, aber ganz klar in seinen Aussagen. Als wir dann wirklich anfingen zu spielen, begann Pat mit einem Thema seiner Platte ‚The Return´, die anderen hatten gerade ihr Setup aufgebaut, und auf einmal spielte dieses Quartett. Keiner schaute auf mich, es wurde einfach erwartet, daß du mitmachst. Die Changes kannte ich, als ich dann die Melodie mitspielte, hat Pat schon gelacht. Er spielte das erste Solo, schaute mich an, und ich dachte: Na ja, mal sehen, was ich alles von dir gelernt hab‘. Er hat sich köstlich amüsiert, ich habe Lines von ihm gespielt, ganze Chorus-Auszüge, und er hat nur gelacht. Nach dem Stück hat er mich in den Arm genommen und geküßt. Ich habe über ihn so viele schöne Momente in meinem Leben als Musiker gehabt, daß ich einfach dankbar war, das erleben zu dürfen." Danach war klar, daß die beiden als emanzipierte Musiker zusammenarbeiten können und sich auch auf der menschlichen Ebene überaus gut verstehen. Bei einem Aufenthalt Sagmeisters in Philadelphia wurden auch schon Pläne für eine gemeinsame Platte angesprochen ...

Sagmeister akustisch: Here And Now

Populär ist Sagmeister als elektrischer Gitarrist, seine heimliche Liebe aber ist das akustische Instrument. Auf fast jeder Platte gab es akustische Nummern, und auch die Kritiker, die ihm sonst Geschwätzigkeit und überbetonte Spieltechnik vorwarfen, würdigten diese Titel, bei denen Ökonomie, Ausdruckstiefe und Klang im Vordergrund standen. "Die akustische Gitarre ist das, was mir am meisten Spaß macht. Früher war es kaum möglich, live einen guten Sound hinzukriegen, also habe ich, im Unterschied zu den Platten, darauf verzichtet." Heute verwendet Sagmeister einen AER Acousticube-Combo plus Satellit (um stereo spielen zu können) und beteuert, daß er sich damit extrem wohl fühlt. Ist der Sound in einem Club besonders gut, kann es passieren, daß der überwiegende Teil des Konzertes akustisch über die Bühne geht. Zur aktuellen CD: "Die Musik dieser Aufnahme hat sich im Studio entwickelt, da wir in dieser Konstellation noch nie zusammen gespielt hatten. Ich hatte alles vorbereitet, fertige Arrangements, habe dann aber im Studio gemerkt, daß der Geist der Musik genau in diesem Moment zustande kam, daher der Titel. Manche Titel sind ‚First Takes‘, wir haben einfach gespielt, und das war‘s. Der Aufbau im Studio war komplett getrennt, das Drumset und der Baß in einem Raum, Dave (Samuels) im großen Aufnahmeraum und ich ganz woanders in einer kleinen Kabine, ohne Sichtkontakt. Das klingt seltsam, aber es war ein tierisches Feeling, du konntest während des Spielens mit geschlossenen Augen eigentlich schon hören, wie die fertige Platte klingt." Für die Gitarre wurden zwei Großmembran-Kondensatormikrofone verwendet, ein AKG und ein Electro Voice, für die Nylonstring sogar nur eines. Das Hauptmikrofon wird auf den Bereich der Decke zwischen Schalloch und Steg ausgerichtet, das zweite Stützmikrofon in Richtung Hals. Weitere Raummikrofone waren nicht im Einsatz. Mehr noch als auf eine hochkomplizierte Mikrofonierung vertraut Sagmeister auf die variablen Register seiner Instrumente, um den Sound zu bekommen, der für die jeweilige Mikrofonierung optimal ist. "Ich liebe die natürliche Dynamik der Akustikgitarre und die Anforderung, ganz allein mit dem Instrument den Klang machen zu müssen. Du spielst Gitarre, und das war‘s, den Sound machen die Finger, ein gutes Voicing oder eine Melodie." Mit dem Repertoire von "Here And Now" gab es bereits eine Tour im Duo mit Dave Samuels (Marimba und Vibraphone), die sehr gut angenommen wurde. Im intimen Rahmen einer kammermusikalischen Kleinstbesetzung war eine Musik mit hohem Interaktionslevel zu hören, gelegentlich zart-balladesk, dann wieder melodisch verspielt oder von packender rhythmischer Intensität, bei der die beiden ihre spieltechnische Virtuosität voll ausreizen konnten. Die Zusammenarbeit mit Dave Samuels, eine musikalisch wie menschlich fruchtbare Kombination, kam durch eine Sendung des Schweizer Fernsehens zustande, bei der Sagmeister das Angebot bekam, seine Lieblingsgruppe weltweit zusammenzustellen. Die Besetzung, die letzten Endes gespielt hat, bestand aus Lyle Mays (Piano), Steve Rodby (Baß, beide "Pat Metheny Group"), Will Kennedy (Drummer von den "Yellow Jackets") und eben Dave Samuels an den Mallets. "Mit diesen hochkarätigen amerikanischen Kollegen habe ich die besten Erfahrungen gemacht. Wir haben drei Tage intensiv geprobt und dann ein tolles Konzert abgeliefert, mit einem echten Bandsound. Zwischen David und mir hat sich eine Freundschaft entwickelt, und musikalisch kann ich mit ihm die Aspekte des Duo-Spielens voll ausloten. Wir sind beide sehr time-orientiert, da wird nicht viel geschwebt oder so. Von ihm habe ich viel gelernt, was Timing angeht und lateinamerikanische Stile. Das hat mir viel gebracht für mein gestalterisches Bewußtsein und für meine Phrasierung, vor allem im Umgang mit Pausen." Und genau das ist auch auf der Aufnahme zu hören. Selten konnte man Sagmeister so entspannt und ökonomisch erleben, er schafft Raum und läßt die Musik atmen.

Guitar Talk

Sagmeister ist ein richtiger "Schaffer", will sagen, sein spielerisches und musikalisches Niveau kommen nicht von ungefähr. Dahinter stecken kontinuierliches Üben und Arbeiten über 20 Jahre. Auch heute noch fühlt er sich mit Gitarre wohler als ohne, und er arbeitet täglich sein Pensum ab. Somit dürfte er sowohl zum Thema Talent als auch zum Thema Üben einiges zu sagen haben. "Beides ist sehr wichtig. Ich denke, ich habe ein gesundes Maß an Talent, aber der Großteil meines Erfolges als Gitarrist und Musiker resultiert aus der Arbeit. Was nutzt eine schnelle Auffassungsgabe, wenn man es nicht auf dem Instrument umsetzt? Ich habe ein sehr gutes fotografisches Gedächtnis, kann mir Melodien und harmonische Abläufe schnell merken. Das ist das Talent, danach kommt die Arbeit, dies auf das Instrument zu transportieren. Wenn man motorisch begabt ist, läßt sich das gut spieltechnisch umsetzen, man kann mit intensiver Artikulation spielen. Für mich ist Üben das Nonplusultra! Ich möchte mich dem Zuhörer gegenüber noch besser verständlich machen, ich möchte auf der Bühne nicht nachdenken müssen. Das Üben von Coltranes Musik hat mir am Anfang das Gefühl gegeben, ständig gegen eine Wand zu rennen, heute sind seine Stücke selbstverständlich für mich. Verständnis für die Musik zu entwickeln ist der erste Schritt, um sie interpretieren zu können. Die einzige Chance, sich als Musiker zu entwickeln, ist zu üben." Wohl wahr ... Dabei unterscheidet sich Sagmeisters Spieltechnik auf der Elektrischen nicht generell von der auf der Akustischen. Bewegungsabläufe und Anschlag (mit Plektrum) bleiben weitgehend gleich, akustisch wird allerdings definitiv mehr Fingerstyle gespielt. Die bevorzugte Spieltechnik ist die Kombination von Plektrum plus Mittel-/Ringfinger, da so alle Möglichkeiten offenbleiben und man für Linien wie für Akkorde gerüstet ist. Besonders wichtig ist das für die beliebte Kombination von Baßlinien und Akkordteilen in der Oberstimme. Das jahrelange Engagement im pädagogischen Bereich legt es nahe, das zusammengetragene und in der Praxis bewährte Material in Buchform zu konzentrieren, und tatsächlich ist ein solches Werk schon in Vorbereitung. "Die Probleme sind immer die gleichen: Orientierung auf dem Griffbrett, keine bevorzugten Bereiche zu haben, und das Verständnis für Tonleitern. Auf Skalen kann ich nicht verzichten, ich muß ihre spezifischen Klänge und Stimmungen kennen. Ich selbst denke recht einfach und versuche, unnötige Kompliziertheit zu vermeiden. Mir sind die Modes und alles bekannt, aber ich denke sehr grundton-orientiert. Ich weiß, daß es in der Live-Situation nur einen Anhaltspunkt gibt, nämlich den visuellen Kontakt mit dem Akkord und das Wissen um die Position auf dem Instrument. Das Wichtigste in meinem Buch wird sein, die einzelnen Bereiche miteinander zu verbinden, Skalen und Akkorde aufs Griffbrett zu übersetzen, und zwar in allen Lagen." Sagmeisters Konzept bei der Konstruktion von Akkord-Voicings geht von der "einfachstmöglichen" Struktur aus, die dann mit leitereigenen Optionstönen ausgeschmückt wird. Er arbeitet daran, die einzelnen Umkehrungen auf den verschiedenen Saitengruppen spielen zu können. Ein explizites Ziel ist es, pianistisch zu klingen und eine enge und dichte Verbindung von Linien und Akkorden auf der Gitarre realisieren zu können.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 1/99