Emotional
James Taylor
Von Michael Lohr


James Taylor: „Leb mit deinem Instrument, leb mit deinen Songs“


„October Road“
Ein Kritiker hat James Taylors Songs einmal mit (guten) Flanellhemden verglichen. Gemeint war, dass sie nichts sensationell Neues bieten, sondern sich einfach bequem anfühlen, überaus solide Qualität vorweisen können und sich so Jahrzehnte tragen lassen. Dass der Amerikaner keinen Anlass sieht, von seinem unnachahmlichen Stil abzuweichen, beweist seine aktuelle Produktion eindrucksvoll: Eingeleitet von drei klasse Songs mit einer heiter-melancholischen Aura, zeigt sie anschließend mit „Whenever You´re Ready“ funky Biss und mit dem dezenten Swing von „Mean Old Man“ funkelnde Selbstironie. Und so geht es denn auch weiter: glänzende Mitspieler, eine Gitarrenstimme im Mittelpunkt, nach der sich vom Sound wie von den Arrangements her Tausende von Songwritern die Finger lecken würden, Songs von großer handwerklicher Gediegenheit in einem einfach überragenden Klangbild und transparenter Natürlichkeit. Bei James Taylor also nichts Neues – nur mehr von dem gewohnt guten Alten.


Pat Metheny ist sein größter Fan. Dabei ist er gar kein hoch gehandelter Jazz-Instrumentalist, sondern ein Mann, dessen sensible Folk-Rock-Songpoesie ihn seit 1970 zum guten Begleiter für Millionen Menschen gemacht hat. Dass das auch nach fünf Jahren Pause und mit dem neuen Album „October Road“ so bleibt, bewies die enthusiastische Publikumsreaktion bei James Taylors Auftritt in Frankfurts Alter Oper.

Im Umfeld der neuen Veröffentlichung und der Tournee ergab sich die Gelegenheit zum folgenden Gespräch mit dem legendären Songwriter.

Wie bewahrst du deine Kreativität beim Musikmachen – nach all den Jahren?
James Taylor: Nun... Es lässt sich einfach kein Gefühl mit dem vergleichen, wenn ein Song sich ergibt und Form annimmt. Und es ist wunderbar, eine Idee anderen Musikern mitzuteilen und zu erleben, wie das Ganze dann beim Arrangieren heranreift. Das ist das Kreativste das ich kenne. Und ich spüre immer noch den starken inneren Antrieb Songs zu schreiben.

Und die Inspiration kommt aus deinem eigenen Leben?
James Taylor: Ja, sehr viele meiner Songs haben einen engen persönlichen Bezug zu mir selbst. Ich schreibe auf eine sehr emotionale Weise - über Dinge aus meinem Leben und Projektionen davon, über Phantasien. Z.B. geht es in „The Frozen Man“ darum, dass ein im Eis eingefroren aufgefundener Mann ins Leben zurückfindet. Das ist aber eigentlich ein Bild für mein eigenes Aufwachen damals, als ich aus meiner Sucht in der Wirklichkeit ankam – nach 17-18 Jahren des Eingefrorenseins. Obwohl die Schilderungen nicht im faktischen Sinn zutreffen, haben meine Songs neben einer Phantasiekomponente auch eine direkte, bedeutende emotionale Brücke zu mir selbst. Manchmal werden die Zuhörer die gleiche Verbindung spüren und den Song auf die gleiche Art wie ich verwenden....


Siehst du dich eigentlich auch als regional verwurzelt? Immerhin taucht „Carolina“ bei dir oft auf.....
James Taylor: Es gibt wirklich eine Reihe von Songs, die sozusagen einen bestimmten Punkt in der Landschaft abstecken. „Copperline etwa. Und „Carolina In My Mind“. Oder – auf meinem jüngsten Album – „October Road“.

Ist das wirklich ein Straßenname?
James Taylor: Kein offizieller. Ich habe mal an einer Straße auf Marthas Vineyard gewohnt, die keinen Namen hatte, weil ich sie selbst gebaut habe. Und dann habe ich sie immer October Road nennen wollen. Ein Nachbar, der später kam, hat der Straße dann ihren amtlichen Namen gegeben - ich verrate ihn lieber nicht, sonst kommen demnächst jede Menge Deutsche angerauscht um zu sehen wo ich wohne.... Na, jedenfalls mag ich „October Road“ lieber, als Klang und Idee...und so taucht das in diesem Song auf.

Und „Copperline“, das in keinem Autoatlas zu finden ist?
James Taylor: (lacht) Also - nicht weit von meinem Haus im ländlichen North Carolina gibt es an einem Bach namens Morgan´s Creek diesen Steinbruch, den wir „Copperline“ nannten. Es geht um die Landschaft in der ich aufgewachsen bin und die etwas ganz Besonderes hat. Diese Berge um Asheville, North Carolina, wo meine Familie väterlicherseits herkommt, auf der Grenze zu Tennessee, die mag ich sehr.

Das bringt mich auf Musiktraditionen, in denen du dich selbst siehst.
James Taylor: Na ja... ich kann meine frühen Einflüsse aufzählen. In North Carolina haben wir im Radio immer eine gute Dosis Country & Western mitbekommen: Hank Williams, Flat & Scruggs, etwas Grand Ole Opry aus Nashville. Meine Eltern mochten Show-Tunes – Rodgers & Hammerstein, Rodgers & Hart, Cole Porter - und diese ganzen wunderbaren alten Musicals: „My Fair Lady“, „Oklahoma“ usw. Und selbst spielten sie Folk – Pete Seeger, die Weavers, Woody Guthrie, Leadbelly - und leichtere klassische Musik und Satire-Songs – vielleicht kennst du Tom Lehrer....

... „Poisoning Pigeons In The Park“ (Vorbild für Georg Kreislers „Tauben vergiften im Park“)....
James Taylor: (lacht) Ja, genau! So etwas habe ich also als Kind gehört – bis mein älterer Bruder mich auf Elvis gebracht hat, Ray Charles, James Brown, Jackie Wilson, das Kingston Trio. Und daraus wurde dann, noch als ich Teenager war, eine Beschäftigung mit Folk und Blues – hauptsächlich Country Blues: Reverend Gary Davis, Sonny Terry & Brownie McGhee, John Lee Hooker, Lightnin´ Hopkins. Und natürlich Tom Rush, Bob Dylan, Joan Baez. Und dann kamen die zwei Gitarristen ins Spiel, die ich mehr als alle anderen zu imitieren versucht habe. Einer war Ry Cooder mit „Paradise & Lunch“. Und dann gab es da noch ein Album namens „Music Of The Bahamas“. Und nun fällt mir der Gitarrist nicht ein....

Joseph Spence?
James Taylor: Natürlich! Dieser Steinmetz von den Bahamas spielte einen ganz bemerkenswerten Gitarrenstil. Spence und Cooder haben mich auf ein völlig neues Niveau gebracht. Eine dritte Person gehört vielleicht noch dazu: ein Trace-Spieler namens Arsenio Rodriguez. Der öffnete sozusagen den Deckel zu meinem musikalischen Erleben. Auch Salsa, Samba und Bossa Nova haben mich beeinflusst - ich habe wohl eine für damals ziemlich typische Musikprägung bekommen.....

Sind das teils Dinge, die du entdeckt hast, als du selbst schon berühmt warst?
James Taylor: Nein. Spätestens mit 20 hatte ich all das gehört. Und natürlich spielen auch die eine Rolle, die mir persönlich begegnet sind: Carole King, Joni Mitchell, Bonnie Raitt und viele so genannte Studiomusiker ohne große Namen, aber mit beeindruckendem Können.

Der Unterschied zwischen ihnen und dir ist ja die Motivation des Songwriters, ganz persönliches Material zu schreiben. Wie schreibst du? Suchst du bewusst Inspiration?
James Taylor: Meine Methode besteht darin, mich mit meiner Gitarre zurückzuziehen und geduldig abzuwarten, bis sich die Musik einstellt. Was sich dann einstellt, enthält gewöhnlich schon eine emotionale Komponente, die eine Richtung andeutet, also meist Themen, die ich immer wieder angehe, aus verschiedenen Blickwinkeln. Das nehme ich mir nicht vor – es passiert einfach. Die Gitarre deutet also die emotionale Bindung zum Thema an, und die Worte die mir dazu einfallen, haben einen Sprachfluss, der schon Bedeutung enthält und den Song mit entstehen lässt. Es kommt eine Idee ins Spiel, und der Song beginnt darum herum Form anzunehmen. Ich muss dann nur immer wieder daran arbeiten; nach und nach fügen sich die Teile an der richtigen Stelle ein, und das Puzzle ist fertig. Manchmal kann man auch aus zwei völlig verschiedenen Ideen einen Song machen - „The Fourth Of July“ auf meinem neuen Album besteht aus zwei unterschiedlichen musikalischen Einfällen, die nicht gleichzeitig auftauchten, aber gut zusammenpassten.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 01/03