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Herzlich willkommen
zu meinem ersten Workshop in der AKUSTIK GITARRE. Und erst einmal
sorry für die Verspätung... Seit dem Erscheinen dieses
Magazins im Jahre 1994 werde ich immer wieder gebeten, doch auch
mal einen Workshop einzurichten, um darin Spieltechniken vorzustellen,
wie sie auf meinen CDs oder auch ganz allgemein im modernen Blues/Jazz
zu hören sind. Nun denn – hat etwas gedauert, aber jetzt
ist es so weit. Angespornt durch meinen letztjährigen Gitarrenkurs
für die Mediterranen Music School in Südfrankreich und
die vielen Nachfragen wird künftig in der AKUSTIK GITARRE an
dieser Stelle ein Workshop eingerichtet, der sich mit dem Thema
Improvisation in Blues und Blues-verwandtem beschäftigen wird.
Sehr viele Fragen kamen in letzter Zeit zu einem Thema, welches
ich persönlich auch als hochinteressant betrachte: „Wie
improvisiere ich "outside’“? Mit „outside“
sind diese Art von Solo-Licks gemeint, die sich mit ihrem zunächst
etwas "schrägen“
Klangcharakter deutlich von den typischen pentatonischen oder diatonischen
Läufen unterscheiden, vor allem aber wegen ihrer harmonischen
Komplexität auch schwerer zu entwickeln oder herauszuhören
sind als gängige Blues- oder Rock-Licks.
Um kreativ „outside“ spielen zu können, sollte
man sich zunächst einmal folgende wichtige Grundregeln verinnerlichen,
ohne die eine solche Improvisation schnell „in die Hose gehen“
kann, sprich: dass unsere herrlichen „Aufhorcher-Licks“
einfach nur „falsch“ klingen.
1.Auch wenn dieser Grundsatz
zunächst banal klingen mag: Die „Outside“-Passagen
müssen 100 % „souverän“ eingebracht werden!
Und das bedeutet nicht etwa, dass man beim Spielen eines solchen
Parts nur besonders cool aussehen soll (wenngleich dies sicherlich
auch nicht schadet). Nein, die „falschen“ Töne
müssen mit der gleichen Selbstverständlichkeit gespielt
werden wie die melodischen Linien, was vor allem auch den Anschlag
der rechten Hand betrifft.
2.Gerade zu Anfang (aber
auch wenn man bereits mehr Routine mit der Materie besitzt) ist
es wichtig, zunächst nur kurze Strecken „outside“
zu spielen, um dann wieder punktgenau in der Grundtonart zu landen.
Auf diese Weise wird der Verblüffungs-Effekt noch mehr verstärkt,
als wenn man kontinuierlich „outside“ spielt (wenngleich
auch dies für geübte Spieler durchaus möglich und
interessant ist...).
3.Das eigene Ohr muss
sich an die ungewohnten Melodien erst einmal gewöhnen, der
Zuhörer selbstverständlich auch. Deswegen: Nicht übertreiben.
Eine feine Würze, gekonnt eingebracht, ist allemal besser als
eine zu stark gesalzene Suppe.
Doch wie geht es denn nun? Wie komme ich auf solche Tonfolgen? Die
zumindest theoretisch einfachste Formel lautet: „Spiele einfach
in der falschen Tonart“... Ich hoffe mal, dass die „Akademiker“
unter den Lesern jetzt nicht empört aufschreien werden. Ich
werde in dieser Workshop-Reihe grundsätzlich versuchen, komplizierte
theoretische Sachverhalte aus der Harmonielehre außen vor
zu lassen, und nicht etwa mit „hyper-mixolydisch alterierten
Substitutionen“ zu quälen, sondern versuchen die Dinge
so zu vermitteln, wie ich sie selbst gelernt habe, durch probieren,
hören und praktizieren – dabei auch mehr mit einem visuellen
Ansatz auf dem Griffbrett als mit einem akademischen! Der besagte
Satz mit der „falschen Tonart“, stammt im Übrigen
auch gar nicht von mir, sondern von dem großartigen US-Gitarristen
Danny Gatton, bei dem ich diesen Tipp vor Jahren zum ersten Mal
gehört hatte.
Doch nun konkret: Jeder,
der sich schon mal mit einer Improvisation beschäftigt hat,
kennt die simple Moll-Pentatonik, bzw. die „Blues-Tonleiter“
(Moll-Pentatonik mit weiteren Tönen). Das erste, einfache „Inside-Outside-Inside-Lick“
(Abb. 1) wird nach diesem Rezept gespielt: wir beginnen mit Tönen
aus der A-Moll-Pentatonik in der fünften Lage (Zeigefinger
der rechten Hand ist am 5. Bund des Griffbretts positioniert) und
verlassen „zwischenzeitlich“ diese Position, um ganz
dreist einen Bund weiter in der Bb-Moll-Pentatonik zu spielen, und
kehren zum Schluss dieses kleinen Licks zurück zur A-Moll-Pentatonik.
Damit sich diese Frechheit nicht nach einem „Fehler“
anhört, müssen sämtliche der oben aufgeführten
Grundsätze erfüllt werden!! Einen optimalen Eindruck bekommt
man daher auch erst, wenn ihr euch dieses und die folgenden Beispiele
auf der AG-Begleit-CD anhört, wo ich sie eingespielt habe.
Dieses erste Beispiel kann man im Übrigen immer dann schön
einsetzen, wenn man im Blues von dem ersten (Tonika-) Akkord zum
zweiten (Subdominant-) Akkord wechselt. In diesem Lick kann man
sich auch gleich mit den verschiedenen Verzierungsformen bekannt
machen, die ich gerne einsetze und die ein flüssiges, leicht-elegantes
Spiel (legato) unterstützen: „S“ gleich „slide“,
„H“ gleich „hammer-on“; „P“
gleich „pull-off“.
„Wissenschaftlich gesehen“ sind in diesem Lauf eigentlich
nur zwei Noten tatsächlich nicht in der A-Bluestonleiter vertreten:
dass Bb und das F. Aber wie schon gesagt, ich möchte hier lieber
„praktisch orientiert“ und visuell herangehen. Somit
gleiten wir in dem Abschnitt, der mit „Outside“ gekennzeichnet
ist, einfach mit dem Ringfinger in die Bb-Moll-Pentatonik und gehen
am Ende der Outside-Passage mit dem Zeigefinger per Slide zurück
zu Am – landen mit dem letzten Ton übrigens vorbildlich
auf dem „D“, dem Grundton für die Subdominante.
Das nächste wichtige
Ziel ist nun, mit diesem einen gelernten Lick, bzw. mit dieser Methode
(!) eigene Linien zu kreieren. Naheliegend wäre z.B., diesen
oder einen ähnlichen Lauf mal in einer Oktav-Position mit einem
anderen Fingersatz zu probieren (Abb. 2). Oder aber: mit anderen
Tönen anfangen - aber zum gleichen Zeitpunkt in die „falsche
Tonart“ gehen (Abb. 3), hier mal im Shuffle-Rhythmus. Oder
aber: die gleichen Töne in einem anderen harmonischen Kontext
zu probieren (z. B. im parallelen Dur). Oder aber: Nicht zum Bb
(einen Halbton höher) zu wechseln, sondern einen Halbton tiefer
zum Ab (Abb. 4). Und und und…
Hier kommt im Übrigen die vierte wichtige Grundregel: Belasst
es nicht dabei, nur einzelne Licks zu lernen, sondern probiert mit
jeder neuen Technik weitere Einsatzmöglichkeiten.
Vielleicht leichter gesagt
als getan...? Diese erste Möglichkeit, die hier aufgezeigt
ist, ist natürlich nur eine von vielen, um „schön-schräge“
Licks zu kreieren, mit denen man einmal die ausgetretenen Pentatonik-Pfade
verlassen kann (übrigens auf der E-Gitarre genauso zu spielen
wie auf der Akustischen). Und deswegen gibt es im nächsten
Heft auch noch mehr praktische Methoden zum Thema „Inside-Outside“.
Bis dahin, euer Gregor Hilden
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