Modern Blues
„Inside – Outside“
Von Gregor Hilden


Herzlich willkommen zu meinem ersten Workshop in der AKUSTIK GITARRE. Und erst einmal sorry für die Verspätung... Seit dem Erscheinen dieses Magazins im Jahre 1994 werde ich immer wieder gebeten, doch auch mal einen Workshop einzurichten, um darin Spieltechniken vorzustellen, wie sie auf meinen CDs oder auch ganz allgemein im modernen Blues/Jazz zu hören sind. Nun denn – hat etwas gedauert, aber jetzt ist es so weit. Angespornt durch meinen letztjährigen Gitarrenkurs für die Mediterranen Music School in Südfrankreich und die vielen Nachfragen wird künftig in der AKUSTIK GITARRE an dieser Stelle ein Workshop eingerichtet, der sich mit dem Thema Improvisation in Blues und Blues-verwandtem beschäftigen wird.

Sehr viele Fragen kamen in letzter Zeit zu einem Thema, welches ich persönlich auch als hochinteressant betrachte: „Wie improvisiere ich "outside’“? Mit „outside“ sind diese Art von Solo-Licks gemeint, die sich mit ihrem zunächst etwas
"schrägen“ Klangcharakter deutlich von den typischen pentatonischen oder diatonischen Läufen unterscheiden, vor allem aber wegen ihrer harmonischen Komplexität auch schwerer zu entwickeln oder herauszuhören sind als gängige Blues- oder Rock-Licks.
Um kreativ „outside“ spielen zu können, sollte man sich zunächst einmal folgende wichtige Grundregeln verinnerlichen, ohne die eine solche Improvisation schnell „in die Hose gehen“ kann, sprich: dass unsere herrlichen „Aufhorcher-Licks“ einfach nur „falsch“ klingen.

1.Auch wenn dieser Grundsatz zunächst banal klingen mag: Die „Outside“-Passagen müssen 100 % „souverän“ eingebracht werden! Und das bedeutet nicht etwa, dass man beim Spielen eines solchen Parts nur besonders cool aussehen soll (wenngleich dies sicherlich auch nicht schadet). Nein, die „falschen“ Töne müssen mit der gleichen Selbstverständlichkeit gespielt werden wie die melodischen Linien, was vor allem auch den Anschlag der rechten Hand betrifft.

2.Gerade zu Anfang (aber auch wenn man bereits mehr Routine mit der Materie besitzt) ist es wichtig, zunächst nur kurze Strecken „outside“ zu spielen, um dann wieder punktgenau in der Grundtonart zu landen. Auf diese Weise wird der Verblüffungs-Effekt noch mehr verstärkt, als wenn man kontinuierlich „outside“ spielt (wenngleich auch dies für geübte Spieler durchaus möglich und interessant ist...).

3.Das eigene Ohr muss sich an die ungewohnten Melodien erst einmal gewöhnen, der Zuhörer selbstverständlich auch. Deswegen: Nicht übertreiben. Eine feine Würze, gekonnt eingebracht, ist allemal besser als eine zu stark gesalzene Suppe.


Doch wie geht es denn nun? Wie komme ich auf solche Tonfolgen? Die zumindest theoretisch einfachste Formel lautet: „Spiele einfach in der falschen Tonart“... Ich hoffe mal, dass die „Akademiker“ unter den Lesern jetzt nicht empört aufschreien werden. Ich werde in dieser Workshop-Reihe grundsätzlich versuchen, komplizierte theoretische Sachverhalte aus der Harmonielehre außen vor zu lassen, und nicht etwa mit „hyper-mixolydisch alterierten Substitutionen“ zu quälen, sondern versuchen die Dinge so zu vermitteln, wie ich sie selbst gelernt habe, durch probieren, hören und praktizieren – dabei auch mehr mit einem visuellen Ansatz auf dem Griffbrett als mit einem akademischen! Der besagte Satz mit der „falschen Tonart“, stammt im Übrigen auch gar nicht von mir, sondern von dem großartigen US-Gitarristen Danny Gatton, bei dem ich diesen Tipp vor Jahren zum ersten Mal gehört hatte.

Doch nun konkret: Jeder, der sich schon mal mit einer Improvisation beschäftigt hat, kennt die simple Moll-Pentatonik, bzw. die „Blues-Tonleiter“ (Moll-Pentatonik mit weiteren Tönen). Das erste, einfache „Inside-Outside-Inside-Lick“ (Abb. 1) wird nach diesem Rezept gespielt: wir beginnen mit Tönen aus der A-Moll-Pentatonik in der fünften Lage (Zeigefinger der rechten Hand ist am 5. Bund des Griffbretts positioniert) und verlassen „zwischenzeitlich“ diese Position, um ganz dreist einen Bund weiter in der Bb-Moll-Pentatonik zu spielen, und kehren zum Schluss dieses kleinen Licks zurück zur A-Moll-Pentatonik. Damit sich diese Frechheit nicht nach einem „Fehler“ anhört, müssen sämtliche der oben aufgeführten Grundsätze erfüllt werden!! Einen optimalen Eindruck bekommt man daher auch erst, wenn ihr euch dieses und die folgenden Beispiele auf der AG-Begleit-CD anhört, wo ich sie eingespielt habe. Dieses erste Beispiel kann man im Übrigen immer dann schön einsetzen, wenn man im Blues von dem ersten (Tonika-) Akkord zum zweiten (Subdominant-) Akkord wechselt. In diesem Lick kann man sich auch gleich mit den verschiedenen Verzierungsformen bekannt machen, die ich gerne einsetze und die ein flüssiges, leicht-elegantes Spiel (legato) unterstützen: „S“ gleich „slide“, „H“ gleich „hammer-on“; „P“ gleich „pull-off“.
„Wissenschaftlich gesehen“ sind in diesem Lauf eigentlich nur zwei Noten tatsächlich nicht in der A-Bluestonleiter vertreten: dass Bb und das F. Aber wie schon gesagt, ich möchte hier lieber „praktisch orientiert“ und visuell herangehen. Somit gleiten wir in dem Abschnitt, der mit „Outside“ gekennzeichnet ist, einfach mit dem Ringfinger in die Bb-Moll-Pentatonik und gehen am Ende der Outside-Passage mit dem Zeigefinger per Slide zurück zu Am – landen mit dem letzten Ton übrigens vorbildlich auf dem „D“, dem Grundton für die Subdominante.

Das nächste wichtige Ziel ist nun, mit diesem einen gelernten Lick, bzw. mit dieser Methode (!) eigene Linien zu kreieren. Naheliegend wäre z.B., diesen oder einen ähnlichen Lauf mal in einer Oktav-Position mit einem anderen Fingersatz zu probieren (Abb. 2). Oder aber: mit anderen Tönen anfangen - aber zum gleichen Zeitpunkt in die „falsche Tonart“ gehen (Abb. 3), hier mal im Shuffle-Rhythmus. Oder aber: die gleichen Töne in einem anderen harmonischen Kontext zu probieren (z. B. im parallelen Dur). Oder aber: Nicht zum Bb (einen Halbton höher) zu wechseln, sondern einen Halbton tiefer zum Ab (Abb. 4). Und und und…
Hier kommt im Übrigen die vierte wichtige Grundregel: Belasst es nicht dabei, nur einzelne Licks zu lernen, sondern probiert mit jeder neuen Technik weitere Einsatzmöglichkeiten.

Vielleicht leichter gesagt als getan...? Diese erste Möglichkeit, die hier aufgezeigt ist, ist natürlich nur eine von vielen, um „schön-schräge“ Licks zu kreieren, mit denen man einmal die ausgetretenen Pentatonik-Pfade verlassen kann (übrigens auf der E-Gitarre genauso zu spielen wie auf der Akustischen). Und deswegen gibt es im nächsten Heft auch noch mehr praktische Methoden zum Thema „Inside-Outside“. Bis dahin, euer Gregor Hilden