Delikatess-Duo
Frank Haunschild & Norbert Gottschalk
Von Michael Lohr


Frank Haunschild & Norbert Gottschalk: „Infiziert vom Jazz“

Zwei studierte Musiker - ein Jazz-Pop-Folk-Duo von sagenhafter Eleganz, zauberhafter Leichtigkeit, sicherem Geschmack, verblüffender Raffinesse. Nach Fertigstellung ihrer zweiten CD „Bridges“ entstand dieses Gespräch mit Frank Haunschild und Norbert Gottschalk an einem entspannten Samstagnachmittag bei Haunschild zu Hause im Siebengebirge.

Womit hat denn für euch die Musik begonnen?
Haunschild: Mit klassischem Gitarrenunterricht - so etwa, bis ich fünfzehn war. Den habe ich eigentlich nur so nebenbei gemacht. Aber dann, irgendwie, hat es mal Klick gemacht.

Wodurch?
Haunschild: Ich habe A-Moll entdeckt. Diesen Lagerfeuer-Akkord mit offenen Saiten. Und dann habe ich den immer im Badezimmer geschrammelt, weil es da so schön hallte und ich mich im Spiegel beobachten konnte. A-Moll im Badezimmer - ein Schlüsselerlebnis! Dann kamen immer mehr Akkorde dazu, Texte, Songs, eine Folk-Band... Das war mit achtzehn. Schließlich habe ich durch „The Girl From Ipanema“ und Bossa Nova überhaupt zum Jazz gefunden.

Und ihn dann gleich studiert?
Haunschild: Sobald die erste Jazz-Abteilung einer deutschen Musikhochschule eröffnet war - Köln 1981; vorher gab es dort nur den „Jazz-Workshop“. 40 Studenten haben mit mir angefangen. Ich kenne heute noch jeden und freue mich immer wieder, jemanden davon zu sehen, z.B. im Fernsehen. Man sieht sie überall; alle haben es geschafft.

Und davor?
Haunschild: Da war ich freiberuflich Musiker, Lehrer an Musikschulen - ohne jede Ausbildung - damals ging das noch. Dann Zivildienst.

Und nach deinem Abschluss?
Haunschild: Ich habe, seit ich mit 18 zu Hause ausgezogen bin, ausschließlich von der Musik gelebt: Unterrichten, spielen, komponieren, Bücher schreiben. Ich schreibe Kolumnen, teste Gitarren und Verstärker, gebe Workshops usw. - ein sehr vielfältiger Beruf, auch schwierig, weil man sich gerne auf etwas konzentrieren würde. Aber man muss alles machen, um insgesamt davon leben zu können.

Und bei dir, Norbert?

Gottschalk: Ich habe im Kindergarten schon musiziert, Blockflöte usw. Und dann wollte ich irgendwann mal eine Gitarre und bekam ein Plastikding mit nur noch einer Saite drauf. Aber auf der habe ich rumgeritten, „Dead End Street“ von den Kinks gespielt und unter Verlust eines Schuljahres geübt, bis ich besser war als meine Freunde - und immer dazu gesungen, ganz automatisch, nicht dass man auf Al Jarreau macht, sondern einfach die Stimme einbringt. Mit 16 habe ich dann Beatles-Sachen probiert, das war schon mal Klasse: mehrstimmiger Gesang, Übergänge, die ich fleißig rausgehört und gesungen habe. Dann hab ich mal in einer Band gespielt, auch E-Bass, und war irgendwann infiziert vom Jazz - witzigerweise durch Zigeuner-Jazz, bei dem mich dann schnell diese monotone Rhythmusgitarre nervte. Man sucht also Anderes, informiert sich, hört den Namen Wes Montgomery - und plötzlich wird da eine Tür aufgetreten. Und dann entdeckt man Akustisches wie Charlie Byrds Bossas - und schon ist man bei Jobim und hat eine Welt aufgetan. Da ist mit Wanderakkorden nichts mehr zu machen.....

Und ab 18 hast du auch nur noch von der Musik gelebt?
Gottschalk: Ausschließlich. Ich hab zwar zwischendurch einen Ingenieurstudiengang belegt, weil meine Eltern meinten, ich sollte was Anständiges machen.... Aber gelebt habe ich von Musik, in allen möglichen Formationen, auch im Kabarett. Jetzt mache ich ausschließlich die Musik, die mir Spaß macht. Aber in diesen Musikjobs kann man sein Handwerkszeug entwickeln - und das ist auch gut.

Und das Geld?
Haunschild: Streckenweise war es hart.

Gottschalk: Jeder ist irgendwo käuflich. Aber es gibt Grenzen, jenseits derer man das weder körperlich noch seelisch durchhält. Dann spiele ich lieber für weniger Geld vor einem Publikum, das wegen uns kommt und wegen der Sachen, die wir wirklich gerne und gut machen, anstatt für viel Geld „Gildo hat euch lieb“ zu singen. Man muss sich fragen: Kann und will ich das machen - sogar längerfristig?

Haunschild: Ich will das gar nicht verteufeln. Es gibt auch Leute, die das wegstecken können. Ich kann das nicht - eine mir gleichgültige Musik machen, bloß um meine Miete zu bezahlen - was ja ein sehr legitimer Grund wäre.... Ich kann nur die Musik machen, an die ich glaube und die ich gerne und gut mache - und so möchte ich es auch halten.

Immerhin bist du ja auch noch Buchautor.
Haunschild: Die Bücher - ja, die spielen eine große Rolle dabei. Das erste Mal habe ich eine Arbeit tun können (und das war sehr viel Arbeit) und habe nach getaner Arbeit (das Buch erscheint und verkauft sich immer weiter) jedes halbe Jahr einen Tantiemenscheck bekommen. Fünf Jahre habe ich Bücher geschrieben, aber als ich Norbert kennen gelernt habe, beschlossen damit aufzuhören. Ich hätte das ewig weitermachen können, wollte aber wieder zurück auf die Bühne, weil mir unheimlich was fehlte: der direkte Kontakt zur Musik, zu Kollegen, zum Publikum.

Und wie kam es zum Duo?
Haunschild: Wir haben ja witzigerweise zusammen studiert; Norbert fiel mir auf als der einzige Sänger, der damals wirklich Bebop-Linien scatten konnte. Aber wir hatten kaum etwas miteinander zu tun. Zusammen kamen wir, als wir beide Dozenten waren in Köln. Wir haben als Kollegen auf Sitzungen gemerkt, dass wir oft ähnlich denken. Dann haben wir ein Sextett gegründet - und feststellen müssen, dass der Markt dafür keine Chance bietet. Aber dabei sind wir uns nahe gekommen und haben 1995 dieses Duo gegründet. Seitdem arbeiten wir kontinuierlich an unserem Programm.

Inwiefern schlägt sich dies nun auf eurer neuen CD nieder?
Haunschild: Wir haben natürlich sehr viele Konzerte gespielt. Und dadurch haben sich neue Sachen ergeben - hauptsächlich, dass Norbert viel mehr Gitarre spielt als früher, wo es hieß: Gitarre: Frank, Gesang: Norbert. Inzwischen suchen wir mehr die verschiedenen Sounds, die zu zweit zu machen sind, und schon hat man viel mehr Flexibilität. Zum Beispiel kann ich jetzt ein begleitetes Solo spielen. Andererseits beziehen wir immer mehr die akustische Gitarre ein. Wir besitzen beide sehr schöne akustische Gitarren.....

...welche?
Haunschild: Jeder hat eine Taylor, ich noch eine Maton. Dadurch ergeben sich auch wieder neue Kombinationen aus E-Gitarre, Akustischer, Nylon- oder Stahlsaiten....


Hat sich auch stilistisch etwas getan?

Haunschild: Wir wollten ja schon auf der ersten Platte die Jazz-Elemente verbinden mit Pop- und Folk-Sachen - was nicht so einfach ist: unterschiedliche Spielweisen, unterschiedliche Gitarren, typische Sounds. Und diese Grenzen zwischen den Stilistiken wollten wir noch durchlässiger machen. Einfacher ist es eher, einen Stil in Reinkultur - straight-ahead Jazz, Folk, Boss Nova usw. - zu spielen, denn man bewegt sich in sicheren Grenzen: Man hat bestimmte Klischees, einen bestimmten Sound, eine Gitarre, die dazu passt. Sehr viel schwieriger wird es, wenn man versucht, diese Grenzen ein bisschen auf zu stoßen, auch in den Köpfen der Zuhörer.

Aber im Prinzip war das doch live schon angetestet....
Haunschild: Zum Teil schon. Wir haben uns aber auch Dinge überlegt, im Studio aufgenommen und mussten das live auch genauso rüberbringen. Das ist spannend. Oder umgekehrt: Sachen, die sich live ergeben, nehmen wir auf.

Gottschalk: Wir haben überhaupt wieder versucht, den Live-Charakter beizubehalten. Viele Sachen sind „first takes“.

Haunschild: Und einiges hatten wir noch nie gemacht. Es wäre ja auch langweilig, immer in derselben Machart neue Stücke zu präsentieren. Wir suchen zumindest immer nach Neuem.

Hat die inflationäre Ausbreitung der Tuck & Patti-Besetzung, die euch auch inspiriert hat, hervorgehoben hat, solche Weiterentwicklungen angestoßen?
Gottschalk: Ich muss sagen, das Ur-Duo sind für mich nicht Tuck & Patti, sondern definitiv Ella Fitzgerald & Joe Pass. Die haben für mich gezeigt, wo der Hammer hängt. Und Mundell Lowe und Sarah Vaughan. Lowe spielt immer noch.... Überhaupt diese reduzierte Form: nur Gitarre und Gesang.... Sechs Saiten, mit vier (mit Daumen fünf) Fingern. Da muss man aussuchen, was wirklich wichtig ist, in welchen Tonarten man spielt, wo mal leere Saiten sind usw. Wir versuchen schon, besonders Frank, alles Mögliche zu nutzen, was eine Gitarre bietet. Bei „I Wish You Love“ haben wir durchlaufenden Jazz-Bass, woanders eher Folkartiges - Jazz wird es dadurch, dass Frank durch die Tonarten improvisiert wie kaum jemand anders, so leicht, dass gar nicht auffällt, wie schwer das Stück ist....

Haunschild: So sollte es auch sein - angestrengt wirkende Musik ist nicht das Ziel.

Gottschalk: Auf einem Workshop wollte neulich eine Studentin ein tolles Stück machen. Ihre Altistin hat ihr dann gesagt: Mit diesem schweren Stück wirst du dich die nächsten zehn Jahre beschäftigen müssen. Und es stimmte. Man kann das nicht im Vorbeigehen machen, weil die Stücke eine Stimmung haben, eine gewisse Aussage, eine passende Tonart....Man muss sich reinfinden.

Haunschild: Beim Hören einer Probenaufnahme merkt man ganz schnell auch körperlich, ob sich einem bei der Musik das Gefieder sträubt. Aber erst dann, wenn man in ein Stück hineinschlüpft wie in einen ausgetretenen Schuh, spürt man: Das ist es! Wir haben den Ehrgeiz, nur Sachen von dieser Qualität aufzunehmen.

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 1 - 2002