Ästhet: Augustin Wiedemann

Von Thomas Muttray Kraus (Text und Fotos)

Alljährlich verlassen Dutzende von Gitarristinnen und Gitarristen nach jahrelangen Studien die klassischen Ausbildungsstätten, Musikhochschulen und Konservatorien, mit diversen Diplomen in der Tasche. Das spielerische Niveau ist sehr hoch. Weit weniger hoch sind für die meisten Nachwuchsklassiker die Aussichten, tatsächlich als Solist in der Musikwelt Fuß zu fassen.

Dem aus Deggendorf in Niederbayern stammenden Augustin Wiedemann ist just dies gelungen. Überdies gelang ihm der Durchbruch auf Anhieb, bereits mit seiner ersten CD. Sein Erfolgsrezept: Stil, Eigenwilligkeit, Selbstbewusstsein und überragendes Können. Dazu kommen eine starke, sympathische Bühnenpräsenz - und glückliche Zufälle, wie jener, der ihn zu seiner Plattenfirma Arte Nova führte. Mit "4 Miles 2 Davis - Guitar Music Of The 90s" erscheint jetzt Wiedemanns CD Nummer 2. Wie der Titel schon sagt, stammen alle darauf zu hörenden Kompositionen aus den 90er Jahren (des 20. Jahrhunderts).

Ganz unten im Booklet deiner neuen CD steht ein Satz, den man eigentlich von einem Klassikgitarristen nicht erwartet hätte ... "Donald Fagen and Walter Becker for being the first musical kick". Wie ist denn das zu verstehen?
Augustin Wiedemann: Als ich so 12, 13 Jahre alt war, habe ich mir in Südtirol eine Steely-Dan-Platte gekauft, "Pretzel Logic", und die hat mich völlig umgehauen. Das hat mein Leben verändert.

Was hat dich dabei umgehauen - die Stücke oder die Gitarren?
Augustin Wiedemann: Die hatten natürlich schon Wahnsinnsgitarristen dabei, Denny Dias und Jeff Baxter, die Creme de la Creme der amerikanischen Studiomusiker. Was mich jedoch so fasziniert hat, war die Qualität der Songs, die Perfektion, die Arrangements. Diese werden bei Steely Dan fast rührend genau eingehalten - fast wie bei einem klassischen Stück. So Sachen wie "Aja" sind mit das Größte, was es für mich im 20. Jahrhundert an Musik gab! Die Musik von Steely Dan hat mich sehr Zeit begleitet. Auch als ich schon lange klassische Gitarre gespielt habe.

Wann hast du damit begonnen?
Augustin Wiedemann: Mit 15. Ich hab jedoch vorher schon ziemlich viel gespielt, Folkpicking. Dafür hatte ich in Mano Maniak auch einen sehr guten Lehrer. Der ist wie ich ein Deggendorfer, der jetzt in München lebt. Ein super Bluesmusiker. Viel habe ich mir jedoch auch selber angeeignet, die ganzen Sigi-Schwab-Sachen usw.

Was hat es dir gebracht, autodidaktisch zu lernen?
Augustin Wiedemann: Einige Einsichten - wobei das allgemein meine jetzigen Einsichten sind, nach meinem Studium usw.: dass es wichtig ist, zuerst einmal ein Problem überhaupt zu erkennen. Wie wichtig es ist, eine eigene musikalische Vorstellung aufzubauen. Das versuche ich auch meinen Schülern zu vermitteln.

Hat du Vorbehalte gegenüber dem Gitarrenunterricht?
Augustin Wiedemann: Nein, überhaupt nicht. Aber gegen eine bestimmte Einstellung, die ich bei vielen jungen Gitarristen, Studenten gesehen habe. Das ist so eine Konsumentenhaltung. Viele meinen, einen "Guru" zu brauchen. Das war auch während meines Studiums bei Eliot Fisk so erfrischend: der hat jedes Mal was anderes gesagt, du konntest ihn 20mal fragen, und er gibt dir 20 verschiedene Fingersätze, 20 verschiedene musikalische Lösungen. Das hat mir gefallen! Der sagt auch nie: Mach das so, weil ich das so mache! Nie, nie! Ich habe andere gehört und gesehen, auch bei Meisterkursen, da war das ganz anders. Die machten sich zum Maß aller Dinge. Was dabei rauskommt, sind doch nur schlechte Kopien. Viele fahren jedoch wahnsinnig drauf ab, dass wer kommt und sagt: Ich bin die Wahrheit, der Weg und das Gitarrespielen.

Eliot Fisk gilt aber doch als einer der größten Gurus?
Augustin Wiedemann: Er ist einer der größten Meister. Guru ist für mich jemand, der sein Können und sein Wissen ausnutzt, um Macht über andere aufzubauen. Ein Meister ist für mich jemand, der am reifsten, am weitesten ist. Eine der größten Aufgaben für einen Schüler sehe ich darin, immer den Kopf frei zu behalten für das, was er eigentlich will. Dass er sich immer wieder auch von dem lösen kann, was er von den großen Meistern gesagt bekommt. Ich freue mich sehr über "ausgeflippte Ideen"

Den vollständigen Artikel finden Sie in AKUSTIK GITARRE 1 / 2001