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Seit November 2000 ist
das Städtchen Elsdorf bei Köln wohl kein weißer
Fleck mehr auf der gitarristischen Landkarte Deutschlands: Die International
Guitar Night gastierte
hier und hinterließ einen rundum positiven Eindruck.
Peter Finger eröffnete
den Abend mit einem der entspanntesten und schönsten Sets,
die er je gespielt haben dürfte. Eine grazile Lakewood auf
dem Schoß, verblüffte er die Zuhörer zunächst
mit einem seiner Höchstgeschwindigkeitstitel, um sie dann einem
Wechselbad aus ausgelassenen älteren Titeln ("Vive La
Vie" in einer beeindruckenden neuen Bearbeitung mit angefunkter
Coda) und elegischen neueren Kompositionen auszusetzen. Bis zu diesem
Punkt waren die Zuhörer so hin- und hergerissen von den unerhörten
spieltechnischen Möglichkeiten
für sechs Saiten einerseits und der emotionalen Tiefe und unmittelbaren
Zugänglichkeit von Fingers Musik andererseits, dass er sie
nun an die schwierigeren, osteuropäisch oder gar von kaukasischer
Volksmusik beeinflussten neueren Titel heranführen konnte.
Unter Beifallsstürmen überließ Finger schließlich
Michael Langer die Bühne.
Und wieder kam zur großen
Freude des Publikums jemand, der musikalische Souveränität
und klassische Technik mit einem weiten stilistischen Horizont und
einem unverkrampft kommunikativen Auftreten verband. Lässig
setzte der Wiener sich mit einem getappten Funk auf Nylonsaiten
über alle akademisch anerkannten Spieltechniken hinweg, ließ
den "Chattanooga Choo Choo" als jazzig angehauchten Ragtime
über die Saiten dampfen und schnallte sich für Stings
"Fragile" und Michael Jacksons "Man In The Mirror"
rasch die Aufsehen erregende Frameworks-Gitarre um. Was nun nach
der Pause an Steigerungen oder anderen Klangfarben wohl noch kommen
könnte, hielt das Publikum schon in gewisser Spannung.
Und es kam - mit Dean Magraw - ganz anders, als sich viele hätten
vorstellen können. Denn nun wurde die Gitarre auf einmal mit
einem Plektrum angeschlagen, und der seidig-klare und dennoch volle
Klang einer Martin Dreadnought setzte in den Händen des Mannes
aus Minnesota völlig andere Gefühlsakzente. Weit jenseits
allen Akkordschrammelns hat Magraw das aus dem Bluegrass stammende
Flatpicking dank
großer intonatorischer Bandbreite und stilistischer Offenheit
zu einer Weltmusik-Kunstform weiterentwickelt: Sein Spiel war auch
in den tiefen Lagen so ausgeprägt und durchdacht, dass man
fast den Höreindruck eines Fingerstylisten mit Basslinien und
klarer harmonischer Bewegung gewann - eines Fingerstylisten allerdings,
dessen Ton eher an die berauschende Klarheit eines Tony Rice erinnerte.
Ähnlich wie Tony Rice schöpft auch Dean Magraw aus der
Folklore einerseits, die er mit sensiblen Zwischentönen anreichert,
und einem Jazz-Faible andererseits, was sich z.B. in Bearbeitungen
von Charles-Mingus-Titeln äußert.
Gelinde gesagt undankbar war die Aufgabe von Franco Morone als Letztem
des Abends. Doch der Italiener brachte die Zuhörer schon mit
dem relaxten Blues-Groove seiner Hommage an J.J. Cale binnen Sekunden
auf seine Seite und ließ dann Titel folgen, die zwischen seiner
Liebe zur Musik Irlands und der auf seiner letzten CD gefundenen
Zuneigung für italienische Volksmusik-Themen pendelten. Wer
sich von diesem Mix nach dem Konzert zum Kauf der "Melodies
Of Memories" verleiten ließ, könnte nachträglich
noch eine leicht positive Überraschung erlebt haben: Die Titel
klingen auf der CD, wo Morone sie auf einer Ryan-Gitarre (natürlich
über Mikrofone) eingespielt hat, deutlich wärmer und runder
als auf der Bühne.
Als sich dann das Quartett zur Zugabe zusammenfand, mit einer locker
groovenden Spontanversion von Sonny Rollins' "St. Thomas",
endete ein Abend in der gitarristischen Provinz mit einem Sieg des
Acoustic-Music-Teams auf der ganzen Linie. Gut 150 Menschen hatten
eine Musik kennen gelernt, die aus sechs Saiten immer wieder neue
Welten zaubert - ohne akademische Steifheit oder pseudovolkstümliche
Anbiederung. Mit einem riesigen Schlussapplaus zeigte das offene
und begeisterungsfähige Publikum in Elsdorf, dass es diese
unterhaltsame Gitarrenlektion mehr als zu schätzen wusste.
Michael Lohr
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