Vorgestellt


Groove-Klassiker
Michael Langer


„A great overall groove!“. Dieses schmeichelhafte Statement stammt vom US-Magazin „Guitar Player“ und beschreibt einen Gitarristen, der in der Klassik verwurzelt ist und nach wie vor streng-seriöse Konzerte abliefert.

Der österreichische Nylon-Stringer Michael Langer fühlt sich heute dem populären Musizieren ebenso verpflichtet wie der traditionell klassischen Welt. Berührungsängste sind ihm fremd. Das könnte erklären, warum ausgerechnet ein Gitarrenspieler aus dem kaffeehaus- und schlagsahnegeschwängerten Wien - historisch gesehen aus einer zutiefst traditionsbehafteten Musikstadt - in den USA mehrfach ausgezeichnet wurde. 1989 war er als bis dato einziger Nichtamerikaner Gewinner des „American Fingerstyle Guitar Festivals“ in Milwaukee, 1993 schließlich kürte ihn der „Guitar Player“ im Rahmen des „Ultimate Guitar Contest“ zum besten Gitarristen der Kategorie „Fingerstyle“. Was lässt nun Langer seine klassischen Wurzeln mit den Roots auf der anderen Seite des Atlantik verbinden, mit den Synkopen, dem Swing und den Bendings? Vielleicht ist die Antwort ganz einfach: Fingerstyle bedeutet per Definition, dass die Gitarre mit den Fingern gespielt wird. Wo also ist das Problem? Langer war von Anfang an Fingerstylist, und dass er nun mit seinen Nylonsaiten auf einem anderen Kontinent gelandet ist, dass er Alpenglühen gegen die tiefe Bläue von „dirty tones“ eingetauscht hat, ist weniger verwunderlich, als es zunächst den Anschein hat.

Du bist ausgebildeter Klassiker, gleichzeitig aber dafür bekannt, die verschiedensten Richtungen einzuschlagen.
Michael Langer: Ich habe als E-Gitarrist begonnen und später ein klassisches Stück gehört, ein Tremolostück von Tarrega, das mich so gefesselt hat, dass ich auf wundersame Weise die Aufnahmeprüfung am Konservatorium in Wien gemacht habe. Danach war ich lange Jahre ausschließlich mit Klassik beschäftigt, bis meine Wurzeln schließlich wieder zum Vorschein kamen, unter anderem in Form von Vorbildern. Da war zum Beispiel Guy van Duser, ein amerikanischer Nylonstring-Ragtime-Gitarrist, bei dem ich hörte, dass die Klassikgitarre wirklich swingen kann. Danach bin ich auf Leute gestoßen wie Michael Hedges oder Tuck Andress, mit dem Unterschied, dass ich konsequent bei der Nylonstring-Gitarre geblieben bin. Ich habe keinen Bezug zu Stahlsaiten. Ich fasse sie an, und es ist kalt und hart. Die Grooves dieser Steelstring-Spieler wollte ich auf meine Art umsetzen, und so ist es schließlich ein ziemlich wildes Stilgemisch geworden. Klassik, Blues, Folklore, Jazz - manchmal lasse ich es so, wie es eigentlich sein soll, manchmal werfe ich es wüst durcheinander.

Wie hast du deinen individuellen Stil herausgearbeitet?
Michael Langer: Ich höre mir Musik an und entscheide, ob es mich berührt. Je älter ich werde, desto mehr Gespür bekomme ich für Energie in der Musik. Früher war ich beeindruckt, wenn jemand schnell gespielt hat, heute suche ich nach ganz anderen Dingen. Ich bin entfanatisiert und viel aufnahmebereiter als früher.

Wenn man an Nylonstring-Gitarre und Groove denkt, fällt einem unwillkürlich brasilianische Musik ein. Hast du da Erfahrungen gesammelt?
Michael Langer: Ich hatte in Wien eine Band mit Bass, Schlagzeug und Perkussion. Die Musiker waren aus Brasilien und Costa Rica. Wir haben viel gespielt, das war eine tolle Zeit. Die Zusammenarbeit mit Perkussionisten war für mich sehr wichtig, um die Erfahrung von Groove zu machen. Es ist entscheidend, das zu spüren, auch körperlich, im Gegensatz zum Rubato-Spiel und den großen Bögen der Klassik. Das Wissen, wo hat was seinen Platz, der bewusste Umgang mit diesen Ausdrucksmitteln, das Vermögen, mit Dynamik und Timing zu arbeiten - darauf kommt es an.

Wie löst du das Problem von stilistischer Vielfalt auf der einen und künstlerischer Geschlossenheit auf der anderen Seite?
Michael Langer: Das ist schwer zu beantworten. Ich sauge Einflüsse auf, achte aber von Anfang an darauf, dass es nicht zu einer Kopie wird. Ich transkribiere nicht Note für Note, sondern achte eher auf die Atmosphäre. Das ist wie eine Form von Filter, und über den Rest denke ich nicht wirklich nach. Wenn man sich ständig selbst analysiert, wird alles etwas zu kopflastig. Ich übe schon extrem sorgfältig und achte auf die kleinsten motorischen Feinheiten der Finger, aber beim Spielen gelingt es mir, das wieder auszuschalten. Irgendwann hört das Denken auf und das ist auch gut so.

Du hast ganz regulär Klassik studiert, bist inzwischen selbst Professor und spielst auch rein klassische Werke. Wie empfindest du mit deinem heutigen Background die Klassikwelt?
Michael Langer: Was das Spielen angeht: Ich komme gerade von einer Tournee aus Polen zurück, wo ich das Rodriguez-Konzert aufgeführt habe. Wie ich die Klassikwelt empfinde? Ich bin jemand, der polarisiert. Entweder mögen mich die Leute total, oder sie lehnen mich ebenso vehement ab. Es gibt überall die Verfechter der reinen Lehre, es gibt die „Klassik-Polizei“, die „Jazz-Polizei“ ... Das sind Puristen, die eine sehr eingegrenzte Richtung verfechten und nichts anderes zulassen. Mittlerweile kann ich damit recht gelassen umgehen.

Wie war es 1989 auf dem „Fingerstyle Guitar Festival“ Milwaukee?
Michael Langer: Davon habe ich über eine Annonce erfahren, habe eine Kassette hingeschickt und bin als einer von acht Teilnehmern zum Finale eingeladen worden. Ich flog also rüber - unter Zeitdruck, weil ich direkt zurückmusste. In der Jury waren Leute wie John Renbourn, Guy Van Duser und Pierre Bensusan. Zu meinem eigenen Erstaunen habe ich gewonnen. Das war so erstaunlich, weil ich damals selbst noch sehr auf der Suche war, ein Lernender war und noch tief in der Klassik verwurzelt. Im Jahr darauf hatte ich eine Tour in den USA, bis heute war ich dreimal drüben.

Der Produzent deiner ersten CD war Hans Theessink, selbst Gitarrist und Sänger. Wie bist du auf ihn gestoßen?
Michael Langer: Nach dem Festival in Milwaukee habe ich eine Demo-CD aufgenommen - mit der Meinung, dass die Welt auf mich wartet (lacht). Die habe ich an Plattenfirmen verschickt, darunter auch an Major-Labels. Jeder Gitarrist weiß, was dann kommt und was man sich dann anhören muss. Es war eigentlich deprimierend, weil die Leute der kommerziellen Seite der Sache nichts abgewinnen konnten. Auch Hans Theessink hatte meine CD bekommen, es gefiel ihm, und er schrieb mir einen sehr netten Brief zurück. Wir spielten einige Konzerte in Österreich, und seine Plattenfirma veröffentlichte meine erste CD, praktisch die Weiterentwicklung meines Demos. Hans ist ein ganz lieber Mensch und offen für die verschiedensten Richtungen. Diese Zusammenarbeit ist inzwischen sehr konkret geworden. Wir haben ein Trio in Österreich gegründet, RTL 3, mit Peter Ratzenbeck, Hans Theessink und eben Michael Langer. Es läuft wunderbar an, wir spielten z.B. ein Open Air in Wien vor 100.000 Leuten auf der Hauptbühne. Jeder hat einen kurzen Solo-Spot, dann spielen wir zu dritt und schaffen es, dass sich diese sehr unterschiedlichen Stile wirklich treffen. Eine CD ist auch schon aufgenommen (siehe auch „Referenz“).

Du hast dir eine Gitarre nach deinen Vorstellungen bauen lassen. Was waren die Kriterien?
Michael Langer: Ich war schon immer auf der Suche nach einer akustischen Gitarre, die auch in verstärktem Zustand einer klassischen Gitarre ähnelt. Nach langen Jahren bin ich schließlich bei Theo Scharpach gelandet, einem niederländischen Gitarrenbauer. Das Abnahmesystem besteht aus einem Piezo-Tonabnehmer unter dem Steg, einem Mikrofon im Korpus der Gitarre, einem Custom-Made-Vorverstärker und der dazugehörigen Elektronik einschließlich Aktivboxen. Das Ganze ist ein in sich geschlossenes System. Die Gitarre selbst hat ein sehr langes Sustain und einen warmen Ton. Auch verstärkt klingt sie weich und doch transparent. Ich bin sehr zufrieden.
Meine Saiten sind von Thomastik. Sie heißen Klassik C und sind aus Carbon. Sie haben eine recht starke Spannung, aber nicht unbedingt den typischen Carbon-Klang, sondern viel Wärme. An Effekten verwende ich live ein Delay von T.C. Electronics und einen ganz leichten Hall. Im Studio ändert sich alles. Ich spiele eine wunderbare Konzertgitarre von Matthias Damann, nehme sie traditionell mit zwei Mikrofonen auf.

Kannst du etwas über deinen Anschlag sagen?
Michael Langer: Ich benutze die klassische Technik, bei der man die Saite mit der Fingerkuppe trifft und dann über den Nagel abgleiten lässt. Für mich ist beim Spielen die Klangfarbe am wichtigsten, dem ordne ich alles unter. Da kann es schon mal passieren, dass ich knallhart nur mit dem Nagel anschlage oder einen weichen Ton durch eine schräge Anschlagrichtung erzeuge. Das ist praktisch die klassische Technik, erweitert um die Erfordernisse einer popularmusikalischen Artikulation. Es kann auch mal „schmutzig“ klingen. Dann kommt man von der „reinen Lehre“ ab zu rüderen Spieltechniken. Außerdem benutze ich den Wechselschlag mit dem Daumen und verschiedene Perkussionseffekte.

Wie arbeitest du an der Geschwindigkeit von Bewegungsabläufen?
Michael Langer: Ich bin überzeugt, dass man nur dann schnell spielen kann, wenn man lernt, langsam zu üben. Bewusstes Üben ist wichtig. Du kannst auch in langsamem Tempo Geschwindigkeit üben. Nimm eine einfache Tonleiter und benutze verschiedene Punktierungen. Dadurch bleibt man im langsamen Tempo, kann mitdenken, übt aber jeweils auf einer Saite die schnelle Bewegung der rechten Hand. Ich übe selten schnell. Wenn du deinen Input schnell „reinfuddelst“, ist die Information ungenauer, als wenn du langsam und präzise übst. Dann ist auch der Output ebenso ungenau.

Welche Entwicklung hast du bei dir selbst feststellen können, als du die zweite CD „Crossing Over“ aufgenommen hast?
Michael Langer: Ich denke, es ist individueller geworden, noch mehr meinem eigenen Stil zugeordnet. Als Gast war der Perkussionist Stephan Maaß dabei. In dieser Duo-Besetzung spielen wir auch sehr viel live. Die Solo-Titel wurden im Studio live ohne Overdubs aufgenommen, ansonsten gab es einige Percussion-Overdubs. Stephan beherrscht die Orchestrierung seines Instrumentariums von der tiefen Djembe bis zu den Obertönen der Becken sehr gut. Wir proben eigentlich gar nicht so viel, sondern sind immer am Spielen.

Wie entstehen deine Stücke? Arbeitest du auch am Computer?
Michael Langer: Unterschiedlich. Die schönsten Sachen entstehen als Melodien im Kopf und werden dann auf der Gitarre ausgearbeitet. Am Computer arbeite ich viel, aber nicht kompositorisch, sondern zum Aufschreiben der Noten.

Wie viel von deinen Stücken ist improvisiert, wie viel ist durchkomponiert?
Michael Langer: Das ist eher ein Prozess. Ich arbeite beim Aufnehmen intensiv an den Arrangements. Und dann gibt es die glücklichen Momente, in denen man sich lösen kann. Im Konzert ist das wieder ganz anders, da kann schon mal ein improvisierter Chorus vorkommen. Ein solcher Teil setzt sich dann aus bestimmten Bauteilen zusammen. An einem schlechten Tag sind das Klischees, an einem guten ist es originell. Das versuche ich festzuhalten. Dann ist es schon keine Improvisation mehr - bis zum nächsten Mal, wo ich mich davon löse. Es ist ein kontinuierlicher Arbeitsprozess. Im Trio „RTL“ gibt es richtige Improvisationsteile, aber das ist eher Single Note Playing, also das, was in Jazz oder Blues eigentlich normal ist. Das ist etwas anderes als wenn du solo spielst, aber orchestral denkst.

Was steht denn an Projekten für die nähere Zukunft an?
Michael Langer: Meine neue CD „Homespun Groove“ ist gerade fertig geworden. Sie ist komplett solo eingespielt. Das eigentliche Thema sind Arrangements, nur vier Stücke sind von mir. Die stilistische Bandbreite ist weit, und ich bin sogar ein klein wenig stolz darauf. Zu hören sind Bearbeitungen von Fusion-Stücken, zum Beispiel von Spyro Gyra oder den „Yellowjackets“, im Pop-Bereich von Sting, und sogar drei Stücke von O´Carolan habe ich auf meine Art arrangiert. Von Kapsberger, einem Gitarrone-Spieler des Frühbarock, habe ich drei Stücke gefunden, die toll in mein Programm passen. Ich bin wild durch die Jahrhunderte gesegelt. Die härteste Nummer war „Jerry´s Breakdown“ von Jerry Reed, virtuoses Fingerpicking, unter das ich zusätzliche Bässe gelegt habe. Das ist ein Beispiel für meinen orchestralen Ansatz. Diese Aufnahmen waren ein sehr kreativer Prozess und haben einen ganzen Monat gedauert. Ich nehme auf und ändere dann oft noch das Arrangement. Das kann ich mir erlauben, weil ich mein eigenes Heimstudio habe.

.........

Kasten Ende

Das vollständige Interview lesen Sie in AKUSTIK GITARRE 1/00