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In Concert Bruce Cockburn 30 Jahre ist es nun her, dass
ein knuddelig aussehender junger Kanadier mit Hippie-Brille, einem Bündel
So viele, dass in der öffentlichen Wahrnehmung zwangsläufig immer welche unter den Tisch fallen mussten: christlicher Mystiker und linksliberaler Agitator, introvertierter Poet der kanadischen Identitätssuche und Weltreisender in humanitären Angelegenheiten, Friedensapostel und Waffensammler. Wer Cockburns Alben aus den 70ern nicht kennt, hat dessen kreativste und originellste Phase verpasst, den Kanadier als akustischen Gitarrenvirtuosen in Reinkultur nie so recht erlebt und damit keine Erklärung für die eigentliche Tiefe und Ausstrahlung dieses Mannes. Diese speist sich nämlich aus seiner instrumentalen und kompositorischen Kompetenz - im Gegensatz zu so manchem engagierten Liedermacher ist Cockburn in erster Linie ein stilistisch polyglotter Vollblutmusiker, ein überdurchschnittlicher Komponist, der noch dazu vom ersten Tag an auf seiner Gitarre eine komplette Band ersetzt hat. Als in Köln nur ein Mikrofon, zwei Gitarrenständer, eine Monitorbox und eine Bodhran auf der Bühne standen, schwante auch den unkundigen Zuschauern, dass der Mann aus Ottawa solo aufzutreten gedachte, und zwar erstmals abendfüllend im Rheinland seit seinem 60-Minuten-Konzert bei den Leverkusener Jazz-Tagen 1988. Eventuellen Zweiflern an einem solchen Konzept entzog Cockburn allerdings augenblicklich mit dem mitreißenden Intro zu Creation Dream die Argumente; als er dann noch zwischen den beiden Strophen eine flüssige, süffige Improvisation über das gesamte Griffbrett hinlegte, ohne eine Zehntelsekunde im Bass-Groove nachzulassen, waren die Nichtgitarristen bass erstaunt über so viel Drive, während die Experten begannen, das Spiel des Kanadiers zu analysieren: Mit einer phänomenalen Leichtigkeit insbesondere der Zupfhand, die er mit dem kleinen Finger auf der Decke abstützt, zaubert Cockburn perkussive Dynamik und harmonische Komplexität aus seiner Gitarre hervor. Eine Band? Wozu, wenn man sechs Saiten hat? Unkritische Euphorie wäre angesichts Cockburns derzeitiger künstlerischer Situation allerdings fehl am Platze - das störende Ausmaß an Sprechgesang über wunderbaren Grooves und Harmonien insbesondere auf seiner aktuellen CD belegt, dass er seine ausufernde Lyrik formal nicht mehr auf tragfähige Melodiebögen modellieren kann oder will. Dann der Wunsch, der Mann möge doch die Liebe, die er auf die Solo-Arrangements neuerer Titel verwendet, älteren Klassikern oder selten live gespielten Perlen seines Repertoires (z.B. Badlands Flashback) angedeihen lassen. Nach einer halben Stunde Bruce Cockburn solo live zweifelt man nicht mehr daran, dass er auch noch die komplexeste Komposition ohne Band vollkommen verlustfrei nur mit Gitarre über die Rampe bringen würde. Der Wahnsinnsgroove des bluesigen Let The Bad Air Out, die charakteristische Kadenz zu If I Had A Rocket Launcher - man hat das Gefühl, es fehlt kein Ton (nicht einmal das Schlagzeug) gegenüber den Band-Arrangements. Gerne hätte man mehr alte Titel gehört wie das ekstatische Dialogue With The Devil von 1972 - Cockburn kredenzte hingegen weitgehend Titel seiner beiden jüngsten CDs. Dabei bleibt allerdings die Begeisterung, mit der er jeden seiner Titel mittels eines wahrhaft einfallsreichen Gitarrenparts zu veredeln sucht, schlicht und einfach ansteckend und adelt auch eher Mittelmäßiges wie Pacing The Cage und When You Give It Away. Dass ein raffiniertes Konzept die Grundlage eines faszinierenden Personalstils bildet, zeigten in Köln insbesondere die Instrumentaltitel: Obwohl Cockburn den ganzen Abend ohne extreme Griffpositionen auskommt und praktisch nur mit einfachen Bass-Drones arbeitet, wirken seine mit ungeheurem Drive und großer Sicherheit vorgetragenen Kompositionen keineswegs primitiv, sondern tiefgründig schillernd in vielen stilistischen Schattierungen - Mistress Of Storms und Down To The Delta von seinen letzten beiden Alben etwa, in Köln ausgelassen zelebriert, müssen sich vor keinem zeitgenössischen Gitarrenstück verstecken. Im Gegenteil: Cockburns Instrumentals haben oft sogar deutlich mehr kompakte Emotion und auch Wiedererkennungswert. Als ein entspannter, wunderschöner Abend mit dem trotz weißer Haare noch lausbubengesichtigen Kanadier nach drei begeistert beklatschten Zugaben zu Ende geht, fragt man sich, ob Cockburns Gitarristik nicht viel mehr Schule machen sollte. Vieles sieht nicht besonders schwierig aus, viele Stücke sind über kaum mehr als zwei Akkorde (wenn auch in besonders schönen vieldeutigen Umkehrungen in teils offenen Tunings) konzipiert. Cockburns poetische Begabung, sein waches Interesse an der Welt, seine zurückhaltend-gewinnende Persönlichkeit, seine Spiritualität und seine zupackende Stimme hätte man dann freilich noch immer nicht erworben. Und gerade und eben erst in der Summe all dieser Facetten bleibt der Mann - trotz kreativer Formschwankungen im Studio - zumindest live ein Juwel, wie ein wunderbar leichter und immer noch zu kurzer Kölner Abend bewies. Michael Lohr |