Raul Midón - Unsichtbar von Stefan Franzen


Der Mann der aus der Wüste kam: Von New Mexiko über Florida an den Hudson führte der Weg von Raul Midón. Dabei hat der blinde Gitarrist und Songwriter nicht nur geographische, sondern auch stilistische Breiten durchmessen: Flamenco- und Jazz-Student, Hintergrundstimme für Shakira, Erfinder einer einzigartigen Schlagtechnik und der ominösen Mundtrompete. Midón ist ein Charakterkopf, der weitaus mehr verdient hat als den notorischen Vergleich mit Stevie Wonder.

Raul Midon
Raul Midón: Musik als mächtige Energie

„Musik ist eine unsichtbare Energie. Ich habe oft darüber sinniert: Wo kommt sie her? Was ist sie genau?“ Der Mann mit dem Käppi und der dunklen Brille beugt sich vor und senkt seine Baritonstimme ein wenig: „Musik ist etwas Spirituelles, etwas Mystisches, das sich wie ein Wunder durch ein Instrument und eine Stimme manifestieren kann.” Instrument und Stimme - mit beiden ist Midón auf quasi mehrfache Weise ausgestattet, ja beinahe gesegnet. Der 40-jährige besitzt vokales Charisma und seelenvolle Tiefe, weitet seine Stimmenkunst zu Improvisationen aus, die dem Klang einer Trompete täuschend ähnlich sind. Und auf der akustischen Gitarre kann er durch ausgefeiltes, zahnradartiges Ineinandergreifen der beiden Hände eine ganze Band mimen.

Geboren wird Raul in Embudo, New Mexiko, als Sohn eines Afro-Amerikanerin und eines argentinischen Tänzers. Der Vater besitzt eine Plattensammlung, die dem Sprössling Wege in alle nur denkbaren Richtungen weist. Diese erfährt er, der blind auf die Welt kam, umso intensiver über seinen Hörsinn. „Nicht Rock’n’Roll oder Jazz war die erste Musik, die mich als Kind in den Bann gezogen hat. Es war der argentinische Folk, Gruppen wie Los Chalchaleros oder Los Fronterizos. Bis heute zehre ich davon in meinen eigenen Songs. Doch mein Vater hatte alles Mögliche in seinem Schrank, Stan Getz, Charlie Parker, Miles Davis. Speziell die Neue Musik von Stockhausen oder Xenakis haben mir die Ohren geöffnet.” Der junge Midón beginnt Gitarre zu spielen, bei Flamencolehrern und später auch bei dem Jazzer Bruce Dunlap aus Santa Fé. Doch er merkt früh, dass die Zeit reif ist für einen Ortswechsel: Raus aus der Wüste, rein ins tropische Vergnügen. Miami heißt das Zauberwort.

STARTPUNKT MIAMI, NEXT STOP NEW YORK
Floridas qurilige Multikulti-Metropole halt für ihn zweierlei parat: Zum einen perfektioniert er an der Akademie seine „dreifaltige“ Stilistik auf der Gitarre: Jazz, Flamenco und Klassik studiert er bei Tutoren wie Randall Dollahon, Robert Bluestone oder Pedro Cortes. In Bars und Clubs spielt er erstes eigenes Material. Zum anderen aber betritt er die Studios als Backgroundsänger für Stars wie Shakira und Enrique Iglesias die das soulige Organ des jungen Mannes schätzen. „Damals dachte ich, okay, das ist es, ich werde professioneller Background-Sänger”, erinnert er sich. „Es hat mir Spaß gemacht in dieser Phase, aber irgendwann wurde es langweilig, weil ich nicht unbedingt mit allem einverstanden war, was ich da singen musste. Da merkte ich, dass das Gitarrenspiel und meine eigenen Songs nicht nur Hobby bleiben sollten. Und wenn dein Stil mit jazzigem Vokabular angefüllt ist, was machst du da? Du gehst natürlich in die Welthauptstadt des Jazz!”

... der vollständige Text befindet sich in Heft 6/07 ab Seite 66! Aktuelle Ausgabe bestellen...