Tracy Chapman von Stefan Woldach

Es wurde mucksmäuschenstill auf den Rängen des altehrwürdigen Wembley-Stadions, als eine junge Songwriterin ganz allein mit ihrer Gitarre auf der Bühne stand und die Fans mit ‚Talking About A Revolution’ in ihren Bann zog. Die unbekannte Sängerin und Gitarristin aus Cleveland, Ohio, verstand es, mit der Intensität ihrer Performance, mit eindringlichen Texten und einer verbindlichen Stimme und sozialem Engagement zum Sprachrohr jener zu werden, die sich nicht selbst artikulieren können.

Der bewegende Auftritt 1988 beim Konzert zu Ehren des inhaftierten südafrikanischen Oppositionsführers Nelson Mandela gilt als Geburtsstunde für die engagierte Songwriterin, die mit ihrer entwaffnenden Offenheit einräumt, „nie gewagt“ habe daran zu glauben, einmal 35 Millionen Platten zu verkaufen und mit vier Grammies dekoriert zu werden. Mit den Gedichten von Kurt Vonnegut und dem Soul von Aretha Franklin, Marvin Gaye und James Brown aufgewachsen, schreibt die schüchterne, aber zielstrebige Frau leise Lieder mit großer Wirkung. Diejenigen, die ihren Folk-Songs aufmerksam zuhören, vermögen zwischen den Zeilen lesen, über die Unwägbarkeiten und Ungerechtigkeiten des Lebens, über jene, die kein Sprachrohr haben oder zu schwach sind, um gehört zu werden. Selbst auf ihrem letzten Werk ‚Let It Rain’ fand die 39-Jährige keine lauten Worte. Dabei gäbe es Gründe zur Mahnung in diesen Tagen genug. Und sie hofft zu jedem ihrer Alben, dass in Zeiten der konsumsüchtigen Spaßgesellschaft ein paar Nachdenkliche überlebt haben. Wer jedoch glaubt, die Frau mit dem entwaffnenden Lächeln und dem wachen Blick sei eine pessimistische Grüblerin, liegt falsch, wie sich im Gespräch herausstellt. Auch ihr neues Werk ‚Where You Live’ ist kein Album, das man nur verregneten Sonntagen hören sollte. Im Gegenteil.
Pierre Bensusan
Tracy Chapman: Künstlerin der Momentausnahme

Warum hat Tracy Chapman, als eine der wichtigsten Stimmen gegen soziale Ungerechtigkeit, nicht am „Live 8“-Event teilgenommen?
Chapman:
Ich bin gefragt worden, aber ich habe abgelehnt.

Wieso das denn?
Ich fand es unmöglich, dass so ein Ereignis, das zu einem großen Teil den afrikanischen Kontinent betrifft, stattfindet, ohne dass afrikanische Künstler daran teilnehmen. Deswegen habe ich mich dagegen entschieden. Versteh mich nicht falsch: Ich hoffe, dass Live 8 einen sehr positiven Effekt haben wird. Ich hoffe stark, dass sich viele Menschen für den Schuldenerlass der so genannten Dritten Welt einsetzen und ihren jeweiligen Politikern Druck machen.

Besitzt Musik heutzutage noch die Kraft und vor allem den Ehrgeiz, die Welt zu verändern? In den Sechziger- und Siebzigerjahren besaß sie zumindest den Anspruch. Heute hat Musik jedoch zunehmend Konkurrenz bekommen, durch Klingeltöne, Handys und Internet, Fashion und Style.
Das stimmt. Es gibt aber auch Untersuchungen, die herausgefunden haben, dass Musik – gerade in der Werbung – heute eine wichtige Kraft geworden ist und Menschen mit bestimmten Formen von Musik bestimmte Qualitäten und Emotionen assoziieren und damit auch auf intellektueller Ebene eine Verbindung zu einem Song herstellen. Dort liegt die Kraft der Musik, eine Kraft, die sie mit allen anderen Künsten teilt. Und wenn diese Kraft und dieser Effekt erkannt werden, gibt es hoffentlich auch Wege, sie einzusetzen. Wie eben bei Live 8. Musik wird immer auch eine soziale Komponente besitzen.

... der vollständige Text befindet sich in Heft 6/05 ab Seite 38! Aktuelle Ausgabe bestellen...