Extravagant: Claudio Pagelli Akustikgitarre „Jazzyflat“ von Andreas Schulz


Spannend ist das Leben als Autor von Testberichten für AKUSTIK GITARRE. Wieder ist ein Instrument in meine Hände geflattert, das ich normalerweise nie kennengelernt hätte. Eine Pagelli Akustikgitarre, ein ganz spezielles Stück aus der Schweiz. Nicht nur die Optik ist extravagant. Auch Materialien und bautechnische Details werden diesen Test zu einer spannenden Angelegenheit machen.
Claudio Pagelli "Jazzyflat"
Exquisite Mischung aus Akustik- und Jazzgitarre: Claudio Pagelli „Jazzyflat“

Pagelli Gitarrenbau – das sind Claudio und Claudia Pagelli. Claudia ist zum großen Teil für die Designs zuständig; Claudio versucht, diese Ideen in spielbare gut klingende Instrumente zu verwandeln. Die Pagellis bauen etwa 10 Instrumente im Jahr - und schrecken vor nichts zurück. Gebaut wird quer durch die Gitarren- und Bass-Landschaft: Elektrische, akustische, Bässe, Semi-Acoustics und Jazzgitarren. Das Pagelli-Design ist gerne „schräg“ – und das im wahrsten Sinn des Wortes. Seine Korpusformen sehen aus, als hätten fehlgeleitete Urkräfte die Proportionen bekannter Korpusformen gestaucht, gezerrt und hin und her gerüttelt. Bemerkenswert ist die Vorliebe für rundliche Linienführung, die gern auch asymmetrisch ausfallen darf. Die meisten Instrumente sind Sonderanfertigungen für einzelne Kunden, deren Gestalt, Materialien und Verzierungen in allen Details gemeinsam besprochen werden. Doch nicht nur das Äußere der Pagelli-Gitarren sorgt für Aufmerksamkeit. Die Archtops der Jazzability-Familie wurden von keinem Geringeren als Bob Benedetto in den höchsten Tönen gelobt. Claudio Pagelli hat übrigens selbst als professioneller Gitarrist und Recording-Engineer gearbeitet.

Konstruktion
Die Korpusform der Pagelli-Acoustic hat großformatige Bögen und weit geschwungene Rundungen. Ein ebenso runder Cutaway erlaubt den Zugang bis zum letzten Bund; das obere Korpushorn ist weiter gezogen als gewöhnlich. Auch die hintere Zarge ist unsymmetrisch und oben kürzer als unten. Den optischen Gegensatz bilden der zackige Steg und die schlanke, elegante Kopfplatte. Dies ist eine Pagelli – man erwarte also bitte kein rundes Schallloch. Die Form entspricht eher einem stark verrundeten schräg stehenden Dreieck. Die Öffnung ist mit Ebenholz eingefasst. Die Decke der Pagelli-Acoustic besteht aus Haselfichte. Diese hat aufgrund der unregelmäßigen Maserung und der zufällig auftretenden Querstreifen eine aufregende Optik und passt gut zu der ungewöhnlichen Formgebung. Die Decke ist aus zwei Stücken bookmatched zusammengefügt und mit einem Ebenholzfurnier eingefasst. Claudio Pagelli scheint ein Faible für Ebenholz zu haben – besteht doch der gesamte Korpus aus diesem Material. Tatsächlich ist dies die erste Gitarre mit einem Ebenholzkorpus, die ich je in der Hand hatte. Auch dieses Holz unterstützt das Aussehen der Gitarre durch seine wilde Maserung und die hellen Unregelmäßigkeiten v.a. auf dem Boden. Sämtliche Hölzer sowie ihre Verarbeitung sind von höchster Qualität. Die Optik mit ihren Gegensätzen von hell und dunkel sowie der wilden Maserung ist exklusiv. Der Ebenholz-Steg ist zwar ebenfalls verrundet, setzt aber einen markanten zackigen Akzent auf die Gitarre. Die Saiten werden mit Pins festgeklemmt. Claudio Pagelli lackiert aus klanglichen Gründen so dünn wie möglich. So sind einige Poren sichtbar, die Qualität der Hochglanz-Lackierung ist aber sehr gut.
Der Hals besteht aus einem einzigen Stück geflammten Ahorn. Ich kann mich nur wiederholen: Holzauswahl, Optik und Verarbeitung sind exzellent. Die Rückseite der Kopfplatte ist wieder mit Ebenholz furniert, auch die Abdeckplatte des Halsstabes auf der Kopfplattenvorderseite besteht aus diesem Holz. Die schwarzen dauergeschmierten Mechaniken stammen aus dem Hause Schaller und besitzen – perfekt – Stimmflügel aus Ebenholz. Die Form der Kopfplatte ist elegant und passt bestens zum Design der „Jazzyflat“. Das Griffbrett besteht wieder aus Ebenholz, die Bundierung umfasst 19 medium Jumbo-Bünde. Abrichtung, Entgratung und Bundoberflächen sind optimal. Die Halsform entspricht einem gleichmäßig abgerundeten D. Der Hals liegt im soliden Mittelfeld: weder ausnehmend dünn noch dick eignet er sich für alle Techniken und wird Akustiker ebenso begeistern wie Elektriker. Die Saitenabstände betragen 3,7 cm am Sattel und 5,8 cm am Steg; das bedeutet viel Platz für die rechte Hand beim Zupfen und genügend Platz beim Greifen. Somit ist die Jazzyflat von den Maßen her für alle akustischen Spieltechniken geeignet, ohne Gitarristen vor Probleme zu stellen, die andere Hals- und Saiten-Dimensionen gewohnt sind. 19 Bünde, das bedeutet auf der hohen e-Saite eine Reichweite bis zum h und somit einen Bund weniger als das Standardmaß. Dafür sind alle Töne auch wirklich erreichbar und können in normaler Handhaltung gespielt werden, wenn´s sein muss auch bei hohen Tempi in den obersten Lagen.

Pickup und Elektronik
Die Pagelli Jazzyflat ist mit einem Schertler Bluestick Tonabnehmer bestückt. Dessen Signal liegt an der Buchse in der hinteren Zarge an. Da Claudio Pagelli keine Onboard-Elektronik verwenden wollte, wird der Pickup zusammen mit einem externen Preamp genutzt, dem Schertler Acoustic Preamp „PRE-A-II“. Dieser ist in einem stabilen schwarzen Metallgehäuse untergebracht und wird von einem externen Netzteil mit Spannung versorgt. Clever: der Preamp kann den Pickup über eine Phantomspeisung ebenfalls mit Spannung versorgen, eine Batterie in der Gitarre ist somit hinfällig. Die Anschlüsse umfassen Input (symmetrische Klinke/XLR-Kombibuchse), Output (XLR) und Dry-Out (XLR). Letzterer ist zum Anschluss an ein Mischpult gedacht und wird von der Lautstärkeeinstellung nicht beeinflusst. Außerdem kann man bei Brummschleifen mit Ground-Lift die Masse abtrennen. Die Regelmöglichkeiten umfassen Gain (Eingangsempfindlichkeit), Bass, Treble, Resonance (zur Bekämpfung von Feedbacks) und Volume (Ausgangslautstärke). Gain- und Volume-Regler sind gerasterte Potis, die Klangregler haben einen spürbaren Mittelpunkt, um neutrale Verläufe schnell einstellen zu können. Das System macht einen robusten und professionellen Eindruck, etwas nervig ist nur das zusätzlich nötige Netzteil.

... der vollständige Text befindet sich in Heft 6/04 ab Seite 72! Aktuelle Ausgabe bestellen...

Technische Details
Modell Pagelli Jazzyflat
Herkunft Schweiz
Bauweise asymmetrische Korpusform
Body Ebenholz massiv
Decke Haselfichte massiv
Bindings Ebenholz
Hals Ahorn geflammt
Griffbrett Ebenholz
Bünde 19 medium Jumbo
Hals-Korpus-Übergang 14. Bund
Saitenabstand Sattel/Steg 37 mm/58mm
Mechaniken schwarz mit Ebenholz-Stimmflügeln
Steg Ebenholz
Finish Hochglanz natur
Preis ca. 7.000,- € incl. Luxus-Koffer