David Crosby & Graham Nash: Buddys von Stefan Woldach


Es gibt nicht viele Musiker, die einen derart prägnanten Sound geschaffen haben, wie die kalifornischen Folk-Pioniere Crosby, Stills, Nash & Young. Unverwechselbar ihre Songs, Stimmen, Harmonien und Arrangements. Nach 28 Jahren haben David Crosby und Graham Nash, zwei Viertel des legendären Kleeblatts, erstmals wieder ein gemeinsames Album aufgenommen. Vorhang auf zur Zeitreise.
David Crosby & Graham Nash
„Ein Musiker, der sagt, sein Leben müsse sich im Aufruhr befinden, um arbeiten zu können, lügt!

Flowerpower, Love & Peace und Freedom waren die Schlagwörter der ausgehenden Sechzigerjahre, Autoren wie Timothy Leary und Jack Kerouac avancierten zu Kultfiguren der Hippie-Bewegung. In dieser Atmosphäre lernen sich die beiden Musiker David Crosby und Graham Nash kennen, beide musikalisch „vorgebildet“ durch die Byrds und The Hollies. Pikanterweise findet das folgenreiche Treffen im Haus von Joni Mitchell statt. „Beim ersten Musik machen“, berichtet Crosby später, „schlug mir das Herz bis zum Hals. Es war das Richtigste, was ich je gehört hatte.“ Was folgt, ist Musikgeschichte: Grammys, Woodstock, Hall of Fame. Aus den Hollies, den Byrds und Buffalo Springfield entsteht 1968 das bekannteste Folk-Quartett der Welt: Crosby, Stills, Nash & Young. 1969 mit einem Grammy dekoriert und seit ihrem Auftritt beim legendären Woodstock-Festival vor allem als kritische Kommentatoren ihrer Zeit berühmt geworden, sangen sie über Reizthemen wie Kriegstreiberei, Rassenhass, Generationskonflikt, Liebe und Leben. Songs wie ´Love The One You´re With´ und Alben wie ´Déjà Vu´ und ´4 Way Street´ werden zu Klassikern, die die Aufbruchstimmung der Flower-Power-Generation formuliert und ihr aus dem Herzen spricht. Parallel sorgen die Protagonisten der Folk-Supergroup nicht nur in wechselnden Konstellationen, sondern auch Solo für Furore, legten aber auch aufgrund ausgeprägter Egoismen und tief schwelender Streitigkeiten immer wieder lange Pausen ein. Zuletzt nahm man 1991 das Album „Looking Forward“ auf. Als Duo haben Graham Nash (geb. 2. Febr. 1942) und David Crosby (geb. 14. Aug. 1941) bisher drei Alben eingespielt.

Auch heute noch entwickelt Crosby, der Mann mit der stattlichen Leibesfülle, dem mächtigen Walrossbart und dem verschmitzten Blick, einen erstaunlichen Enthusiasmus, wenn es ums Musik machen geht. Besonders mit seinem „buddy“ Graham Nash, mit dem er nach 28 Jahren das schlicht betitelte Album „Crosby & Nash“ eingespielt hat. Dass dies ein Doppelalbum mit 20 Tracks wurde, darf als Beleg dafür gewertet werden, dass die beiden Folk-Oldies noch immer eine Menge Spaß zusammen haben. Kann man auch hören.

David, seit eurem letzten Album sind fast 3 Jahrzehnte vergangen. Wie alt oder neu sind die Stücke? Sind das neue, vergessene oder unveröffentlichte Tracks?
David Crosby: 95 Prozent der Songs sind brandneu. Lediglich „My Country ´Tis Of Thee“ hatte ich früher schon mal veröffentlicht. Die einzigen alten Songs sind „Samurai“, der schon seit Jahren bei mir in der Schublade liegt, aber nie aufgenommen wurde, und Graham hatte „Palm Tree“ und „Other Side Of The Town“, die er schon vor Jahren schrieb. Alle anderen Lieder haben wir in den vergangenen Monaten zusammen ausgearbeitet. Es war, kreativ betrachtet, ein tolles Jahr für uns.

Dies ist euer drittes gemeinsames Album. Was hattet ihr euch vorgenommen, was für ein Bild, was für ein Konzept, hattet ihr im Kopf?
David Crosby: Nun, wir sind seit jeher der Meinung, dass man ein Album nur dann aufnehmen sollte, wenn man von allen Songs überzeugt ist. Als Graham und ich darüber nachdachten und uns gegenseitig Ideen vorspielten, wussten wir: Wir sind in der komfortablen Position ein tolles Album anzugehen. Wir hatten genug Zeit im Studio und stellten dort sogar fest, dass die Aufnahmen derart schnell gingen, dass wir am Ende 20 Stücke aufgenommen hatten! Wir gingen danach zu unserer Plattenfirma und meinten, wir hätten da ein Problem - zu viele Songs. Aber die sagten sofort: Dann macht eben ein Doppelalbum!

Mit „Don´t Dig Here“ und „They Want It All“ zeichnet ihr ein düsteres Bild über die Reichen und Mächtigen Amerikas. Versteht ihr euch noch immer als soziales Gewissen Amerikas?
David Crosby: Wir versuchen es. Ich finde nicht, dass es unser wichtigster Job ist. Aber es ist ein wichtiger Teil davon. Wir sind eben wie Troubadoure oder Narren, die den Mächtigen entgegenhalten: ‚Schaut mal her! Das hier ist verdammt noch mal nicht in Ordnung!’ Wir suchen uns keinen bestimmten Standpunkt aus und graben nicht nach Brennpunkten und Konflikten. Wir reagieren nur auf die Welt, die uns umgibt.

In den Sechzigerjahren wart ihr Idole der damaligen Generation und hattet eindeutige Botschaften: Freiheit, Liebe, Frieden. Welche Botschaft transportieren Crosby & Nash heute?
David Crosby: Wir stehen für die gleichen Werte wie damals: Freiheit der Meinungsäußerung, Freiheit, sein Leben so zu leben, wie du es für richtig hältst, Freiheit gegen seine Regierung zu rebellieren, die Freiheit, die Gesellschaft zu verändern, die Freiheit, unsere Kinder vor Leid zu schützen.

Du hast kürzlich gesagt: „Ich schreibe heute meine besten Songs, singe besser als je zuvor und war auch noch nie so zufrieden.“ Sind Schmerz, Leid, Sorgen und Schuld Antriebsfedern anspruchsvollen Songwritings?
David Crosby: Das sehe ich überhaupt nicht so. Ich glaube vielmehr, dass Künstler das oft als Ausrede dafür benutzen, ein Lotterleben mit Drogen und Alkohol zu feiern. (lacht) Alles nur Ausreden! Ein Musiker, der sagt, sein Leben müsse sich im Aufruhr befinden, um arbeiten zu können, der lügt! Er braucht eine Entschuldigung. Ich kann nur sagen: Je ruhiger und organisierter mein Leben verläuft, desto besser geht es mir, und um so bessere Songs schreibe ich auch.

Obwohl dir auch in Zeiten deiner eigenen Drogensucht hervorragende Stücke gelungen sind...
David Crosby: (grinst) Oh ja, sicher. Es sind zum Teil ganz gute Songs in den wilden Zeiten entstanden.

Damals wie heute ist in euren Songs eine Vielzahl an Melodien verwoben, durch die Akkordverbindungen, Melodielinien und die Harmonien im mehrstimmigen Gesang. Wie arrangiert ihr eure Songs?
David Crosby: Gar nicht! (lacht) Das ist ja das Gute! Wir lassen es einfach passieren. Derjenige von uns, der sich für die Lead-Stimme befähigt fühlt, fängt einfach an, der andere probiert die zweite Stimme. Das läuft instinktiv. Wir arbeiten nun schon unser gesamtes Leben mit mehrstimmigem Gesang. Wir planen nicht. Wir hören zu. Und daraus entwickeln sich zweite Stimmen, Gegenmelodien, Akkorde. Wenn wir es mögen, machen wir weiter. Wenn nicht, probieren wir etwas anderes. Weder Graham noch ich sind ausgebildete Musiker. Keiner von uns kann Noten lesen oder schreiben.

Denkt ihr zuerst an Gesang oder an Gitarren?
David Crosby: Das hängt davon ab. Grundsätzlich ist beides möglich. Ich wünschte, ich könnte dir eine spannendere Antwort geben. Aber die Wahrheit ist, dass unser Songwriting auf allen nur denkbaren Möglichkeiten basiert.

Ihr habt früher grundsätzlich live aufgenommen. Galt diese Philosophie auch diesmal, angesichts moderner Produktionstechniken?
David Crosby: Wenn du Magie einfangen willst – etwas, das wirkliche Kommunikation zeigt – dann musst du deine Geschichte erzählen, so lange sie frisch ist und die Spannung des Zusammenspiels transportiert. Daran haben wir seit den Anfangstagen hart gearbeitet.

Die Songs klingen sehr „laid back“, es wirkt, als seinen die Aufnahmen völlig mühelos entstanden...
David Crosby: Das ist genau das richtige Wort! Es war eine der unkompliziertesten Aufnahmen, die ich erlebt habe. Es ging alles unglaublich schnell. Ich musste mal an einem Nachmittag zum Zahnarzt. Als ich zurückkam, hatte Graham einen Song fertig geschrieben und bereits mit den Jungs aufgenommen!

Du hast in den Sechzigerjahren eine Martin D-18 und eine D-45 gespielt, deine beiden wichtigsten Bühnengitarren. Besitzt du sie noch?
David Crosby: Sicher. Ich habe sie auch auf diesem Album gespielt. Die D-45 auf fast allen Songs, dazu eine McAlister, die Roy McAlister persönlich für mich gebaut hat. Diese Gitarre habe ich auf dem „How Does It Shine“ gespielt. Daneben kam noch meine Olson-Gitarre zum Einsatz. Olson ist ein exzellenter Gitarrenbauer, der unter anderem die Instrumente für James Taylor baut.

... der vollständige Text befindet sich in Heft 6/04 ab Seite 26! Aktuelle Ausgabe bestellen...

Diskografie
Crosby & Nash:
Whistling Down The Wire 1976, Wind On The Water 1975, Crosby & Nash 1972

David Crosby Solo:
Live 2000, King Biscuit Flower Hour – Live 1999, It´s All Coming Back To Me Now 1995, Oh, Yes I Can 1989, If I Could Only Remember My Name 1971.

Graham Nash Solo:
Songs For Survivors 2002, Innocent Eyes 1986, Earth & Sky 1980, Wild Tales 1973, Songs For Beginners 1973.

Crosby, Nash & Stills (And Young):
Looking Forward 1999, After The Storm 1994, Live It Up 1990, American Dream 1988, Daylight Again 1982, CSN 1977, So Far 1974, Four Way Street – Live 1971, Déjà Vu 1970, Crosby, Stills & Nash 1969

David Crosby & Graham Nash: „Crosby – Nash“, 2004, Sanctuary
Es geht auf die Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts zu, zurück zu Love, Peace & Freedom. Dort treffen wir auf die Woodstock-Veteranen, inzwischen in Würde ergraut, aber nicht minder engagiert, wenn es darum geht, politisch oder umweltbewusst Stellung zu beziehen. Auch musikalisch hat sich – Kritiker befürchten es, Fans hoffen es – so gut wie nichts verändert: Akustische Folksongs, herrlich in Szene gesetzt (wundervoll hier „Lay Me Down“ oder auch das Traditional „My Country ´Tis Of Thee“) überzeugen mit sehr direkten, offenen und traumhaft perligen Gitarrensounds. Da klingt einfach die ganze Erfahrung durch, das wirkt, ausgewogen, dynamisch, wohl temperiert und einfach unnachahmlich „laid back“. Obendrauf gibt’s dann das Markenzeichen – den typischen Satzgesang, samtig und unverkennbar, wie man ihn auch von CSN&Y kennt. Fans früherer Alben wie „Déjà Vu“ oder „4 Way Street“ dürften angesichts der wunderbaren Handarbeit begeistert sein. Ob der Zeitsprung, oder besser gesagt, der Generationssprung gelingt, bleibt offen. Die zu spät Geborenen, die Love-Ins, Flowerpower und die Hippie-Bewegung nur vom Hörensagen kennen, werden die rüstigen Folkies wohl eher nicht erreichen. Aber wer weiß?