Carlo Marchione von Harald Wittig

Der gebürtige Römer Carlo Marchione (*1964) gehört zu den bedeutendsten Gitarristen seiner Generation. Wegen seiner vollkommenen Beherrschung des Instrumentes, seines profunden musikalischen Wissens und nicht zuletzt wegen seiner stilistischen Offenheit ist er auch außerhalb der Gitarrenwelt hoch angesehen.

Carlo Marchione: "Andere Stile als Erweiterung des eigenen Horizonts."

So wurde Marchione die seltene Ehre zuteil, sowohl ihm legendären Tschaikowsky–Konservatorium in Moskau wie auch in der Philharmonie von St. Petersburg zu konzertieren. Seine Debüt–CD mit den zwölf Violinfantasien von Telemann wurden von der Kritik geradezu enthusiastisch gefeiert. In seinen Konzerten beeindruckt er Fachkritik wie Publikum mit der seltenen Fähigkeit, die Gitarre wirklich polyphon zu spielen und dabei jeder musikalischen Situation mühelos gewachsen zu sein. Darüber hinaus genießt er einen ausgezeichneten Ruf als Lehrer. Neben der Leitung zahlreicher Meisterklassen und Kursen an Akademien und auf Festivals wurde er gleich an drei europäischen Hochschulen (Leipzig, Maastricht und an der Musikakademie Ino Mirkovic in Lovran/Kroatien) zum Professor berufen. Beim Wettbewerb in Heinsberg saß er der professionellen Jury vor und eröffnete das Festival selbst mit einem grandiosen Konzert, in dem er seine Meisterschaft eindrucksvoll unter Beweis stellte. Trotz der anstrengenden Juryarbeit fand Marchione am letzten Festivaltag Zeit für ein Gespräch, in dem er Auskunft über seine musikalischen Vorlieben und seine Projekte gab.

Nachdem du so viele begabte junge Gitarristen angehört und bewertet hast – wie fühlt man sich dabei? Tut es einem mitunter nicht ein wenig Leid für jene, die nicht weiterkommen?
Carlo Marchione: Ja. Ich habe da – wie wir alle, die wir in der Jury sitzen - schon gemischte Gefühle, wenn wir junge Leute, die sehr begabt sind, bewerten müssen. Andererseits: Sie haben sich hier angemeldet. Sie wissen, was sie erwartet. Es ist ein Wettbewerb. Man muss sich, wenn man sich darauf einlässt, dem Urteil einer Jury stellen. Das gehört zum Musikerdasein.

Lass uns ein wenig über deinen musikalischen Werdegang sprechen: Wie fing es bei dir an mit der Gitarre?
Mein Vater spielte Gitarre, er war Amateurmusiker. Er spielte auch andere Instrumente wie Violine oder Mandoline. Eigentlich versuchte er sich an allen möglichen Instrumenten, ohne diese wirklich spielen zu können! (lacht) Ich habe auch einen älteren Bruder, der ebenfalls Amateurgitarrist ist. Er spielte vor allem Pop-Musik wie die Beatles und andere. Ich hatte also von zu Hause aus schon mit der Gitarre zu tun. Wobei ich zunächst keine besondere Beziehung zum Instrument hatte. Das änderte sich erst, als wir eine Reise nach Spanien machten. Das war 1974, ich war zehn Jahre alt. In Spanien waren all diese Flamencospieler. Sie trafen sich auf der Straße und spielten. Ohne dass es da organisierte Konzerte gegeben hätte. Diese Art zu spielen, diese reine Musikalität, hat mich so nachhaltig beeindruckt, dass ich nach unserer Rückkehr anfing, Gitarre zu spielen.

Hast du da nur Klassik gelernt oder auch Flamenco?
Die ersten drei Jahre lernte ich parallel klassische Gitarre und Flamenco. Ich halte dies im Nachhinein für sehr wichtig. Denn auch wenn man das in so frühen Jahren noch nicht ermessen kann, so erweitert doch die Beschäftigung mit anderen Stilen den eigenen Horizont erheblich. Man erhält eine vielfältigere Sicht - auf die Welt der Musik mit all ihren Bereichen, sei es nun Klassik, Flamenco oder auch Jazz.

... der vollständige Text befindet sich in Heft 5/05 ab Seite 106! Aktuelle Ausgabe bestellen...