Eliot Fisk: Moderner Romantiker von Alexander Schmitz


Er sieht aus wie der ewige Student, der typisch amerikanische Ivy-League-Absolvent, der teils abgeklärt, teils noch erstaunlich naiv in die Welt hineinlächelt, mit diesem langen Gesicht, als wolle es ständig in lautes Lachen ausbrechen. Und wenn er spielt, ihn die Musik hinreißt, dann hebt es ihn ein bisschen hoch von seinem Hocker, und er macht eher den Eindruck eines verzückten Rockers oder Jazzers. Irgendwas „Halbstarkes“ scheint ja auch in ihm zu stecken, obwohl der lange, dunkle Schopf längst futsch ist, etwas unvergänglich Jugendliches.
Elliot Fisk
„Die große romantische Tradition mit dem Besten der Moderne zu verbinden“


Oder ist das einfach diese spezifisch amerikanische Unbefangenheit, die ihn musikalisch-technische Anforderungen an sich selber stellen lässt, vor denen so gut wie jede(r) seiner Kolleg(inn)en in die Knie gegangen wäre? Wohl lebenslang wird ihn das Image des Wunderknaben begleiten, des „Mild Maniac“, der auf der Gitarre ganz schön oft Dinge macht, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Henze, Maw, Bolcom, Tippett, Carter, Montsalvatge, Petrassi, Takemitsu hier, Paganini, Bach, Mozart, de Falla oder Mendelssohn dort - mit seiner Nonchalance hat Eliot Fisk es fertig gebracht, zwei musikalische Welten zu umarmen, die neue und die alte. Das kann nur ein Welt-Meister wie er, der gern auf Risiko spielt und Herausforderungen liebt.

Vor allem aber liebt er einen – Andrés Segovia. Und deshalb wird ihm allzu leicht das Mäntelchen des identitätsschwachen Epigonen übergestülpt, des willkommenen Wasserträgers romantischer Tradition, der der berüchtigten postmodernen Sachlichkeit die dringend benötigte Wärme entgegensetzen kann. Mit Stolz weist er zwar darauf hin, der „letzte direkte Schüler Segovias“ zu sein. Aber mit seiner Berufung, die „große romantische Tradition mit dem Besten der Moderne zu verbinden“, ist er nicht nur Lordsiegelbewahrer, sondern ein Januskopf dazu und als solcher durchaus auch ein Revoluzzer, ein Derwisch, wenn's sein muss. Die Schulter getätschelt hat der Alte aus Linares zwar vor ihm auch schon dem Australier John Williams und gesagt, der sei sein „Kronprinz“. Doch, so der Kritiker Byron Belt, seit den Tagen des „verehrten Andrés Segovia hat kein Gitarrenvirtuose sich mit solcher Hingabe der Förderung der Sache seines Instruments angenommen als Eliot Fisk… Von der Musik des Barock bis zu der unserer Tage – Fisk bringt einen ausgeprägten Sinn für Stil ein, der in der festen Überzeugung wurzelt, dass Musiker sich zum einen aller Kunst bewusst sein und zum anderen interessieren müssen für das Wohin jedes einzelnen Aspektes zeitgenössischer Kultur und Gesellschaft.“ Ein Januskopf eben
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Erfolge
Seinen Master-Degree erwirbt Eliot ein Jahr nach seinem Summa-cum-Laude-Bachelor 1977 an der Yale University, wo er Musik bei dem großen Cembalisten Ralph Kirkpatrick und bei Albert Fuller studierte. Schon seit seinem siebten Lebensjahr hatte er Gitarrenunterricht, und das bei solch illustren Lehrern wie William Viola, Alirio Diaz und Oscar Ghilia. Unmittelbar nach Abschluss des Studiums trägt man ihm an, an der Yale School of Music das Guitar Department zu gründen. Schon 1974, zwei Jahre vor seinem Debütkonzert in der Alice Tully Hall in New York, ist er Segovia vorgestellt worden, der sich dann mehrere Jahre lang des viel versprechenden Schützlings annehmen wird. 1980 gewinnt Eliot den Internationalen Wettbewerb für Klassische Gitarre im italienischen Gargagno, und 1981 gibt Segovia zu Protokoll, er halte Eliot „für einen der brillantesten, intelligentesten und begabtesten jungen Künstler unserer Zeit, und das nicht nur als Gitarrist, sondern als Instrumentalist generell. Seine klare, bewegliche Technik, sein nobler Stil, mit dem er die Schönheit der klassischen Kompositionen ebenso interpretiert wie die vielfältige Musik von heute, all das platziert ihn ganz oben in unserer künstlerischen Welt.“ Das sind deutliche Worte, und das sind natürlich auch Türöffner. In Europa nimmt Fisk dann für die EMI vier Soloalben auf, von denen zwei in Deutschland zu höchsten Ehren kommen („Platte des Monats“ und Top-Ten-Notierungen). Und dann geht es die Erfolgsleiter immer weiter himmelan.

So wird beispielsweise für keinen anderen lebenden Großmeister der Klassikgitarre so viel Repertoire-Bereicherung betrieben, werden so viele Werke geschrieben wie für den 1954 in Philadelphia geborenen Sohn jüdischer Eltern, der selbst das Repertoire unablässig bereichert durch mittlerweile Hunderte eigener Transkripte. Er hat Bach für sechs Saiten umgetüftelt, Domenico Scarlatti, Locatelli, Haydn, Mozart. Mendelssohn, Grandos, Albéniz, Frescobaldi, Schubert und Schumann, Granados, Soler und jede Menge andere. Ins Weiße Haus wird er eingeladen, um für die Clintons zu spielen, und nach Granada, um der spanischen Königsfamilie ein Ständchen zu zupfen. Vier Kontinente erspielt er sich, und das Who's Who seiner musikalischen Partner sagt alles über die stupende Weite seines Horizonts. Mit der Flötistin Paula Robison spielt er zahlreiche Alben ein; auch noch regelmäßig tritt er kammermusikalisch mal mit den Flamencisten Paco Peña und Cañizares, mal dem Kastagnetten-Champion Lucero Tena, mal mit türkischen und mal mit chinesischen Musikern auf. Mit Gidon Kremer spielt er, mit Ruggiero Ricci, mit Kontrabassist Gary Karr und dem Julliard Quartet ebenso wie mit dem Jazz-Virtuosen Joe Pass, den Sängern Hermann Prey, John Aler und Robert White, Kim Kashkashian, Viola, der Sängerin Victoria de los Angeles oder der Sängerin/Tänzerin Ute Lemper.

Aktivitäten
Seine jährlichen „Dienstpläne“ sind an Vielfalt denn auch kaum zu überbieten. Heute sitzt Fisk (der - wie Dieter Kreidler, Konrad Ragossnig oder auch Alvaro Pierri - Gitarren von Bernd Holzgruber spielt) vorm Louisville Orchestra, morgen vor der Arlington Symphony, übermorgen für ein Werk von Castelnuovo-Tedesco vorm Las Cruces Symphony Orchestra in New Mexico. Dann geht er mit den Barcelona-Symphonikern auf Tour, spielt auf diversen Festivals, absolviert zwischendrin schnell eine Solo-Tour durch die USA; und dann bleibt noch immer Zeit fürs Transkribieren und Ausprobieren ihm zugedachter Stücke. 1987 wird er für einen Grammy nominiert, im Jahr darauf widmet der Neutöner-Proteus Luciano Berio ihm (nun endlich auch für Gitarre) die elfte seiner absolut superben und ausschließlich von Weltklasse-Solisten bezwingbaren Solo-“Sequenzas“. 1992 spielt Eliot in Bonn den „Chemin V für Gitarre und Orchester“ ein, am Pult sein Schöpfer Berio. Im Auftrag der Carnegie Hall schreibt George Rochberg 1991 für Fisk und Robison sein „Muse of Fire“. Robert Beaser komponiert den beiden seine wunderschönen „Mountain Songs“. Und vor denen ist es schon Segovia höchstselbst, der dem Komponisten Ernesto Halffter mit Nachdruck ans Herz legte, zusammen mit Eliot sein „Concierto for Guitar and Orchestra“ aufzumöbeln. Gemeinsam mit Christobal Halffter schreibt er des Letzteren Sonate für Solo-Violine für die Gitarre um. Und 1996 übergibt gar Emilia Segovia, die Witwe des Meisters, dem passioniertesten aller Segovianer bis dahin völlig unbekannte Eigenkompositionen ihres Mannes, Erstaufführungs- und Aufnahmerechte inklusive. Das Resultat wird das Album „Segovia – Canciones Populares“, das prompt die Billboard-Charts erobert. Im Januar 2004 spielt er im New Yorker Lincoln Center erstmals Rochbergs neues Werk „Eden: Out of Time & Out of Space“. Er führt erstmals Robert Beasers lang erwartetes „Concerto for Guitar and Orchestra“ auf und spielt im Sommer 2004 in Stuttgart mit Leo Brouwer Beatles und zusätzlich dem Stuttgarter Kammerorchester das „Concierto de Toronto“. Und ebenfalls noch in der Saison 2004/2005 wird in Boston ein neues Werk für Gitarre und Orchester von Bertrand Rands erstaufgeführt. Und so geht das immer weiter.

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Ausgewählte Diskografie
J.S. Bach
“The Six Sonatas for Violin and Harpsichord, BWV 1014 - 1019
Transcribed by Eliot Fisk for Violin, Guitar, and Cello
with Benjamin Hudson, violin, Gyorgy Vognar, violincello
(GOOD International)

„The Artistry of Eliot Fisk“
(Musical Heritage Society)

J.S. Bach
„The Sonatas & Partitas for Solo Violin“
BWV 1001 – 1006; J.S. Bach: Partita III in E Major, BWV 1006 Prelude
(MusicMasters)

„Canciones Latinas“
mit Paula Robison, flute
(MusicMasters)

J. S. Bach
„Trio Sonatas“ mit Albert Fuller, Harpsichord
(MusicMasters)

Paganini: „24 Caprices“
(MusicMasters)

„Bell'Italia: Four Centuries of Italian Music“
(MusicMasters)