Lyrischer Kritiker - Paul Simon von Michael Lohr

„Man hat mir alles gegeben, was ich wollte / ich bin erst die dritte Generation nach dem Schiff.“ Nur wenigen Songwritern gelingen Zeilen von solch tief dankbarer Verwunderung und großer inhaltlicher Spannweite.

Paul Simon
Paul Simon: Gebildeter Analytiker zwischen Musik und Poesie
Aber diesem Mann, dessen Großvater einst als jüdischer Einwanderer in New York erstmals amerikanischen Boden betrat, haben Natur und Familie eben fast alles in die Wiege gelegt, was ein herausragender Song-Poet braucht: Ein lyrisches wie melodisches Ausnahmetalent, Sensibilität für viele Stilrichtungen, kompositorische Eleganz und Sinn fürgeschmackssichere, gefühlvolle Studioproduktionen. Und wenn es sein müsste, hätte er sich mit seinem ganz passablen Gitarrenspiel auch als „poet and a one-man band“ durchschlagen können.

Doch für den letzten Schritt zum Erfolg hat Paul Simon immer einen starken Partner gebraucht - einen, der seine brillante Kreativität, intellektuelle Tiefe und sein makelloses Handwerk ergänzt. Und zwar um eine kraftvoll emotionale Komponente, die den berühmten Funken unwiderstehlich überträgt. Zunächst war das die einzigartige Stimme des Nachbarsjungen Art Garfunkel, mit dem der kleine New Yorker Hymnen der Sechziger maßschneiderte. Später, nach der Trennung des Duos wegen kleiner Irritationen und Eifersüchteleien, waren es rootsige Ensembles und Solisten, die seinen Soloalben ein Feuer aus Gospel, Rhythm & Blues, Jazz oder Ethno-Rhythmen verliehen: Die Dixie Hummingbirds, Stefan Grossman, die Muscle Shoals Rhythm Section, Ladysmith Black Mambazo, Rai Phiri oder die Gruppe Olodum.

Auf sich allein gestellt, wandte sich Paul Simon, der sich im Duo manchmal nicht genügend gewürdigt sah („Art hat keine Zeile davon geschrieben“), mit seinem Solodebüt 1971 bewusst ab vom Aufwand der Simon & Garfunkel-Produktionen und landete einen Volltreffer. Vom ansteckenden Reggae ‚Mother And Child Reunion’ bis zum kauzigen ‚Papa Hobo’ war das eine Sammlung einfallsreicher Songs – Titel: ‚Paul Simon’ - deren schlanke Grooves und trockenen Mutterwitz man sich kaum aus dem Mund des engelsgleichen Art Garfunkel vorstellen konnte. Dadurch ermutigt, setzte er diesen Kurs zwei Jahre später mit dem umwerfenden ‚There Goes Rhymin’ Simon’ fort: Zwischen dem flotten, selbstironischen ‚Kodachrome’ und der ratlosen Hymne ‚American Tune’ lagen hochmelodiöse Titel, die dem New Yorker anscheinend völlig mühelos aus der Feder flossen.

Auf noch höherem Niveau, aber teils auch beklemmend, skizzierte das vielfach ausgezeichnete ‚Still Crazy After All These Years’ 1975 eine private und gesellschaftliche Krise. Der Kompositionsunterricht, den Simon genommen hatte, um seinen musikalischen Horizont zu erweitern, ermöglichte ihm eine modernere, dunklere Musik für jenen Sarkasmus, der auch die bekanntesten Songs prägt: ‚My Little Town’ endet mit einem Amoklauf („leaving nothing but the dead and dying back in my little town“); und bei ‚50 Ways To Leave Your Lover’ kommen die Trennungstipps selbstlos von einer neuen Partnerin, die ihre Lippen schürzt zum Kuss.

... der vollständige Text befindet sich in Heft 4/06 ab Seite 36! Aktuelle Ausgabe bestellen...