Paulino Bernabe, Madrid: Constructor de Guitarras von Franz Holtmann


Der am 2. Juli 1932 in Madrid geborene Paulino Bernabe ist fraglos eine lebende Legende. Von den großen spanischen Gitarrenbauern, die Maßstäbe setzen und ihre handwerkliche Kunst in Kommunikation mit den bedeutenden Gitarristen ihrer Zeit entwickeln konnten, sind heute nur noch wenige unter uns, geschweige denn noch handwerklich aktiv. Dennoch ließ der große alte Mann mit dem heiter selbstbewusstem Wesen bei seinen weitgereisten Gästen erst gar keine historisch anmutende Schwere aufkommen. Mit Gleichmut, aber mit nie ruhenden Händen gab der Grande des spanischen Konzertgitarrenbaus Auskunft über die vielen Aspekte seiner Arbeit.
Paulino Bernabe Senior
Paulino Bernabe Senior

Vom Gitarristen zum Gitarrenbauer

Im Alter von 17 Jahren begann Paulino Bernabe bei Daniel Fortea, einem Schüler Francisco Tarregas, Gitarre zu studieren. Während der folgenden vier Jahre reifte in ihm die Erkenntnis, dass ein Leben als Gitarrist mit viel Mühsal und wenig Brot zu tun habe. Gleichzeitig kam er mit Gitarrenbauern in Verbindung, die alle Hände voll hatten, um der seinerzeit rasch wachsenden Nachfrage nach guten Instrumenten für die aufstrebende Gemeinde der klassischen Gitarristen gerecht zu werden und ein entsprechend gutes Leben führten. Um nun den steinigen Weg eines vermeintlich mittelmäßigen Gitarristen zu vermeiden, besann er sich auf seine handwerklichen Talente und fasste einen folgeschweren Entschluss. Mit einem von ihm gefertigten Werkstück unter dem Arm, einem beispielhaften Holzmosaik, stellte er sich eines Tages in der berühmten Ramirez-Werkstatt vor. Die gestandenen Gitarrenbauer dort waren beeindruckt: „Wenn der so etwas zu Hause am Küchentisch macht, was wird er erst leisten, wenn wir ihm etwas beigebracht haben, und mit gutem Werkzeug?“ 1954 wurde Paulino also Lehrling bei Ramirez und dank seines Talentes, seiner manuellen, aber auch organisatorischen Fähigkeiten dauerte es nicht lange, bis er in der renommierten Manufaktur zum Werkstattleiter aufstieg. 1969, nach 15 erfolgreichen Jahren, verließ er Ramirez, um seine eigenen Vorstellungen vom Gitarrenbau zu realisieren und ließ sich mit eigener Werkstatt in Madrid nieder. Rückblickend meint er, die Ausbildung zum Gitarristen sei ein wesentlichen Punkt gewesen innerhalb seiner späteren Profession, da er immer gehört und auch gefühlt habe, was er mache. „Ich baue Instrumente und keine Möbel, und das ist etwas grundlegend anderes. Natürlich gibt es dieses künstlerischen Mehr, das wie beim Gitarrespielen selbst über das rein Handwerkliche hinausgeht. Es ist letztlich ein Zusammenspiel der Sensibilität der Hände mit dem Gefühl und dem Gehör. Was es aber letztlich ausmacht, ist die Leidenschaft für den Gitarrenbau, z.B. eine Decke in die Hand zu nehmen und ihre Qualität zu spüren, ja eigentlich schon zu hören, wie sie im fertigen Instrument klingen wird.“

Werkstatt und Holzlager

In der Loto 15, einer kleinen Straße etwas außerhalb des Stadtzentrums, entstehen die weltberühmten Instrumente in einem unscheinbaren Haus, das mit den heruntergelassenen Jalousien hinter vergitterten Fenstern keineswegs auf seine inneren Werte schließen lässt. Hier, wo einst auch die ganze Familie wohnte, arbeit Paulino Bernabe heute mit seinem Sohn gleichen Namens an den begehrten Gitarren. Im Erdgeschoss stehen in zwei Räumen drei Werkbänke für die handwerklichen Arbeiten bereit. Der Keller aber entpuppt sich als eine geradezu phantastische Ressourcenquelle, denn er beherbergt ein Holzlager mit den verschiedensten Materialien, die zum Teil noch aus dem vorletzten Jahrhundert stammen, und da steht auch die alte Werkbank, auf der so viele der großartigen Gitarren des Meisters entstanden sind. Auch die Maschinen für die gröberen Arbeiten, wie das Sägen, Fräsen, Zargenbiegen, etc. sind hier untergebracht. Dieser Ort, der wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit anmutet, ist mit seiner ausgeglichenen Temperatur und kontrollierten Luftfeuchtigkeit ein idealer Platz für die Ablagerung der hochwertigen Hölzer. Grundsätzlich ist das ausgeglichen trockene Klima in Madrid für die langfristige „Reifung“ der Tonhölzer sehr förderlich und nach Bernabes Aussage mit ein Grund für die Präsenz zahlreicher bedeutender Gitarrenbauer dort.

Arbeitsauffassung

Handwerkliche Perfektion, filigran abgestimmte Konstruktion und definitiver Materialeinsatz sind die Grundpfeiler, auf die der Meister seine kunstvolle Arbeit stellt. Auf die Frage, ob er nicht gelegentlich noch einmal eine seiner früheren Gitarren in die Hand nimmt, winkt er ab. Die fände er nicht mehr so gut, seine neuen wären viel besser. Heute wüsste er noch besser, was eine gute Gitarre ausmache. Die Bernabes beschreiben ihre Arbeitsweise als extrem langsam und detailversessen. „Wir haben das Glück, über die ältesten und besten Materialien zu verfügen, die überhaupt denkbar sind, und technisch gesehen ist kaum noch etwas zu verbessern.“ Bernabe hat über die Jahre viel mit Beleistungsvarianten experimentiert und sein System immer weiter fortgeschrieben. Heute verwendet er ein relativ komplexes Mehrfach-Beleistungspattern, das neben vier vom Schallloch wegstrebenden Leisten weitere drei fächerartige Balken aufweist. Das Geheimnis der Deckenkonstruktion umfasst, neben dem bestmöglichen Deckenholz selbst, richtig altes Holz, das hier auch für die haltgebende Konstruktion Verwendung findet; es liegt ebenso in den unterschiedlichen Abmessungen der Leisten und deren feine Kalibrierung durch die Bearbeitung. Im Gegensatz zu vielen Familienbetrieben, wo Vater und Sohn eine getrennte Modellentwicklung betreiben, arbeiten die beiden Paulinos seit 25 Jahren zusammen und machen grundsätzlich alles gemeinsam.

... der vollständige Text befindet sich in Heft 4/04 ab Seite 102! Aktuelle Ausgabe bestellen...