Jim Croce: Charaktervoll von Michael Lohr


Als am 20. September bei Natchitoches (Louisiana) ein kleines Charter-Flugzeug beim Start einen Baum streifte und abstürzte, erlitt auch die Musikwelt einen herben Verlust. Alle Insassen starben - unter ihnen ein Mann, der gerade seinen ersten Nummer-1-Hit hatte erleben dürfen und die Aufnahmen an seinem dritten echten Album abgeschlossen hatte: Jim Croce.
Jim Croce
„Wir spielten alles, was die Leute hören wollten.“

Das Leben, das an diesem Südstaatenabend ausgelöscht wurde, hatte im Januar 1943 in Pennsylvania begonnen - in einer Familie, deren Vater hauptsächlich Blues, Swing, Dixieland und Ragtime hörte. Freilich hatten die Eltern nichtkünstlerische Vorstellungen von Jims Zukunft: Der älteste Sohn des ältesten Sohnes italienischer Einwanderer war ausersehen, als erstes Familienmitglied ein College zu absolvieren, daraufhin ein nettes Mädchen aus der italienischen Gemeinde zu heiraten und ihr ein amerikanisches Mittelklasseglück im italienischen Viertel zu bieten.
Als der kleine Jimmy früh schon als Sänger mit angenehmer Stimme und Entertainer mit einnehmendem Humor auffiel, ließen ihn die stolzen Eltern in Familie, Freundeskreis und Kirche auftreten; doch trotz Akkordeonstunden entwickelte sich bei dem Jungen dann musikalisch lange praktisch nichts. „Nur Penner bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Musik,“ merkte Croce senior streng an, als der Sohn am College begann, Energie in künstlerische Neigungen zu investieren. Mit 16 hatte Jim bei einem seiner später legendären Jobs (angeblich in einem Spielzeugladen) zwei ältere Farbige kennen gelernt, die sich ständig zu Country-Blues-Sessions ins Kabuff zurückzogen. Sie waren bereit, den völlig faszinierten Jungen zu unterrichten, wenn der mit eigener Klampfe käme. In die studentische Folk- und Blues-Bewegung hineinwachsend, sog Croce am College auf, was dort in der Luft lag: die Arbeiterballaden eines Woody Guthrie, den anarchischen Humor eines Lenny Bruce, Bob Dylans geniale Mischung aus amerikanischem Folk und moderner Lyrik.

Selbstverständlich nahm Jim Croce die guten Ratschläge seiner Eltern nicht an. Als angehender Diplom-Psychologe erarbeitete er ein Soloprogramm und trat damit, gerade 20, im New Yorker Greenwich Village auf. Aber mit dem dort angesagten Repertoire für das liberal-intellektuelle Amerika der Kennedys und Dylans lag er falsch bei seinem ersten langfristigen Engagement: Im „Riddle Paddock“ von Lima, Pennsylvania, waren die etwa 60 Plätze in leicht entzündlichem Mischungsverhältnis gefüllt mit Schafhirten, stiernackigen Bauarbeitern, örtlichen Kneipengestalten, Hippies und College-Studenten.
Aber Croce mochte das und lernte dort wirklich sein Handwerk, indem er Musik und Bühnenpersönlichkeit diesen Besonderheiten anpasste: Er fesselte das Publikum mit langen, humorvollen Geschichten oder lehrte sie die Entstehungsgeschichte seiner Lieblingsballaden. Solche Bars waren so gefährlich, dass Croce für den Rest seiner Karriere „die Gitarre schneller von der Bühne in Sicherheit bringen konnte als irgendjemand sonst. Deswegen spiele ich bis heute auch ohne Gitarrengurt.“

Zu Jim Croces Leben zwischen Studium (Mitte der 60er) und Ruhm (1972/73) kursieren teils widersprüchliche Angaben. Sicher ist, dass Jim seine spätere Frau Ingrid 1963 traf, als sie für eine Studenten-Show vorsang; ab dem gemeinsamen Musizieren zwei Wochen später waren sie für den Rest seines Lebens zusammen. Sicher ist auch, dass er seinen späteren Produzenten Tommy West am College kennen lernte und eine von Croces Studentenbands („Wir spielten alles, was die Leute hören wollten.“), ausgewählt wurde für eine Kulturaustausch-Tournee in den Nahen Osten, die in Jims Entscheidung für eine Musikerkarriere mündete. Da er aber als Bandmusiker seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte, ergab sich eine fast groteske Abfolge fruchtlos-deprimierender Jobs: als Werbeakquisiteur bei einem schwarzen R & B Radiosender in Philadelphia. Gitarrenlehrer in Ferienlagern. Unterricht für verhaltensauffällige Kinder (Messerstichnarben an den Händen blieben als Souvenir). Manchen Quellen zufolge auch vier Jahre Arbeit in einem Krankenhaus. Angebliche Überbrückung finanzieller Engpässe auch durch schrittweisen Verkauf von Croces Sammlung wertvoller alter Gitarren.
Als Ingrid 1968 ein Kunstcollege besuchte, ließen sich die Croces jedenfalls von Tommy West überreden, es in New York als Folk-Duo ernsthaft zu versuchen. Eine Albumproduktion („Jim & Ingrid Croce“) wurde 1969 ein solcher Flop, dass davon, wie Croce gerne sagte, „sechs Stück in einem PX in Thailand verkauft wurden“ und aus der Restauflage Rohmaterial für andere Platten gewonnen wurde. Auf Tourneen fuhr das Ehepaar manchmal 24 Autostunden von einem College-Gig zum nächsten - eine Erholung gegenüber seinem New Yorker Alltag, wo man praktisch pleite in einem Loch in der Bronx darauf wartete, dass etwas geschah.
Im Oktober 1970 geschah wirklich etwas: Jim Croce teilte Tommy West mit, dass er sein Bestes gegeben habe, aber nun rausmüsse aus New York. In Lyndell, Pennsylvania, wo Jim dann als Bauarbeiter und Lastwagenfahrer schuftete, lernten die Croces einen anderen, ebenfalls gerade mit einer Plattenproduktion bei Cashman & West gefloppten jungen Mann näher kennen. Maury Muehleisen, den Jim gelegentlich begleitet hatte, zog mit ein, und diese enge persönliche und musikalische Freundschaft katapultierte Jims Songs auf Anhieb in eine neue Dimension. Nicht einmal sechs Monate nach Jim Croces Rückzug aufs Land (und keine zwei Wochen nach der Neuigkeit, dass Ingrid schwanger war) erhält Tommy West ein Band mit Titeln, die Croce in den vorangegangenen Monaten geschrieben und eingespielt hat. Die bevorstehende Vaterschaft und die schnellen Früchte der Zusammenarbeit mit Maury Muehleisen haben den frustrierten Folkie offenbar dermaßen elektrisiert, dass er beschloss, „jede Energie, die ich aufbringen konnte, dazu zu benutzen, wieder in die Musik einzusteigen. Ich war absolut überzeugt von den Sachen, die ich damals schrieb.“

Den Produzenten in New York muss bei den neuen Croce-Songs der Schlag getroffen haben. Darunter befanden sich „Operator“, „Walkin´ Back To Georgia“, „You Don´t Mess Around With Jim“ und „Time In A Bottle“ – jedes dieser Stücke übertraf alles, was Jim Croce davor geschrieben hatte und erklang noch dazu völlig unverwechselbar. Hier hatte einer ganz offensichtlich seinen Stil, seine Stimme gefunden.
Auf den Aufnahmen mit Ingrid Croce klang Jim meist wie eine Gordon-Lightfoot-Kopie – was Melodieführung, Akkordspiel auf der 12saitigen und Arrangements betraf. Auch die Texte verloren sich, in Gordon Lightfoots Fußspuren trottend, ohne dessen dezente nordische Naturmystik, in sympathisch-belangloser Amerika-Romantik: „When I was a boy/ in the days of the train/ I´d sit by the tracks/ on a longer summer day. And I’d wave to the brakeman,/ and he’d wave back at me/ while the thunderclouds rolled/ out of East Tennessee.”

Alle Schwierigkeiten, Niederschläge und Fehlversuche aus Jim Croces bisherigem Musikerleben waren darin ausgespart gewesen, als ziehe er einen sauberen Trennungsstrich zwischen realem Leben und künstlerisch geeigneten Themen. Ausgeblendet schien darin auch die Fähigkeit, eine wilde Kneipenhorde auf dem Land zu unterhalten mit einem breiten Musikmix – und das, obwohl Croce für Village Voice schon immer ein Privatmusikwissenschaftler gewesen war, „dessen Interesse das komplette Spektrum amerikanischer Musik abdeckte, von den Childs-Balladen und Volksliedern der Appalachen über die Schlager des Ersten Weltkriegs bis hin zum Rhythm & Blues der 50er Jahre und dem Jazz.“ Croce selbst hat sich einmal bezeichnet als „Musikpsychologen, Rausschmeißer mit Musik als Waffe oder eine Live-Jukebox, je nach Publikum“ – je nachdem, wer gekommen war, zog er aus seinem Buch mit insgesamt ca. 2500 Songs aus den genannten Stilrichtungen das Entsprechende hervor. „Ich kann eine richtig gute Version von „Okie from Muskogee“ bringen, und die habe ich auch in einigen Bars gebraucht, in denen ich gespielt habe.“

Im Nachhinein scheint das deprimierende New-York-Erlebnis 1969/70 bei Jim Croce thematische Blockaden beseitigt zu haben, während Maury Muehleisen ihm wohl die Tür zu all den Stilrichtungen öffnete, die er eigentlich schon lange draufgehabt hätte. Nun kamen in rascher Abfolge die Songs, die im lakonischen Jargon eines trockenen Realismus’ Geschichten von Geldnot, Verlust und Selbstzweifeln erzählten; gleichzeitig gelangen Jim Croce humorvoll schillernde Charakterstudien von Typen aus der Arbeiterklasse, die mit unzerstörbarem Selbstbewusstsein durchs Leben gehen („Rapid Roy“, „Speedball Tucker“). Die großen Städte porträtierte er als Haifischbecken („New York ´s Not My Home“, Box #10“) und pries dagegen das beschaulichere Leben auf dem Land („Alabama Rain“, „Walkin´ Back To Georgia“); die Liebeslieder trafen einen dazu passenden, melancholischen, aber unsentimentalen Ton.

Der qualitative Quantensprung erschließt sich augenblicklich, wenn auf den zahlreichen Anthologien älteres Material auf neueres trifft. Der Rhythm-&-Blues-Touch von „Mississippi Lady“ beispielsweise, wie ihn Croce vorher nie zugelassen hat, weckt den Hörer schlagartig. In „Rapid Roy“ liefert er sein Meisterstück ab – eine Art akustischer Rock ´n Roll mit Maury Muehleisens großartiger Leadgitarre über einen Text, der vor pointierter Anschaulichkeit und trockenem Wortwitz nur so strotzt. Dabei war Jim Croces Romantizismus keineswegs verloren gegangen – er wurde nur origineller eingesetzt: „Time In A Bottle“ kreist um eine Melodie wie von Gordon Lightfoot – aber im Gitarrenduett mit dem versierten Muehleisen nimmt das Arrangement eine andere Richtung als bei dem großen Kanadier, und einige Zeilen von existentialistischer Prägnanz werden sich nach Croces Tod als fast prophetisch herausstellen: „But you never seem/ to find enough time/ to do the things/ you wanna do/ once you find them.“ Jedenfalls witterte Tommy West eine einmalige Chance, seinem Schützling in der anlaufenden Welle von sensiblen Folk-Rock-Songwritern wie James Taylor eine ganz eigene Nische zu verschaffen. West und Cashman bewiesen Geschmack und Instinkt genug, die sparsamen Songs mit gerade so viel Bass, Schlagzeug und gelegentlichen Streichern aufzupeppen, dass ihre Grooves betont und ihre kommerzielle Potenz ausgeschöpft wurden, ohne dabei den folkig-schlichten Reiz mit Mainstream-Soße hinwegzuspülen. Dass Jim Croces Stimme „ehrlich war, zart und doch leidenschaftlich“ (wie es Ingrid Croce in Erinnerung geblieben war vom ersten Mal, wo sie ihn hatte singen hören), tat ein Übriges.

... der vollständige Text befindet sich in Heft 4/04 ab Seite 50! Aktuelle Ausgabe bestellen...

Discographie:

Die drei Originalalben mit jeglichem Croce-Klassiker („You Don´t Mess Around With Jim“, „Life And Times“ und „I Got A Name“), sind praktisch nur noch auf Dutzenden von Kompilationen erhältlich, die das Material dieser Alben in unterschiedlicher Zusammensetzung und Vollständigkeit (oft lieblos) recyceln. Empfehlenswert: zwei liebevoll zusammengestellte und aufgemachte Sammlungen, die außer den kompletten genannten Alben auch eine Reihe früherer Aufnahmen bieten: „50th Anniversary Collection” und „The Definitive Collection”. Wer „The Faces I’ve Been” noch ergattern kann, bekommt dazu noch mehr Einblick in den Humor und das breite Repertoire des frühen Jim Croce.