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Als am 20. September bei Natchitoches (Louisiana) ein kleines Charter-Flugzeug
beim Start einen Baum streifte und abstürzte, erlitt auch die Musikwelt
einen herben Verlust. Alle Insassen starben - unter ihnen ein Mann, der
gerade seinen ersten Nummer-1-Hit hatte erleben dürfen und die Aufnahmen
an seinem dritten echten Album abgeschlossen hatte: Jim Croce.
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| „Wir spielten alles, was die
Leute hören wollten.“ |
Das Leben, das an diesem Südstaatenabend
ausgelöscht wurde, hatte im Januar 1943 in Pennsylvania begonnen
- in einer Familie, deren Vater hauptsächlich Blues, Swing, Dixieland
und Ragtime hörte. Freilich hatten die Eltern nichtkünstlerische
Vorstellungen von Jims Zukunft: Der älteste Sohn des ältesten
Sohnes italienischer Einwanderer war ausersehen, als erstes Familienmitglied
ein College zu absolvieren, daraufhin ein nettes Mädchen aus der
italienischen Gemeinde zu heiraten und ihr ein amerikanisches Mittelklasseglück
im italienischen Viertel zu bieten.
Als der kleine Jimmy früh schon als Sänger mit angenehmer Stimme
und Entertainer mit einnehmendem Humor auffiel, ließen ihn die stolzen
Eltern in Familie, Freundeskreis und Kirche auftreten; doch trotz Akkordeonstunden
entwickelte sich bei dem Jungen dann musikalisch lange praktisch nichts.
„Nur Penner bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Musik,“ merkte
Croce senior streng an, als der Sohn am College begann, Energie in künstlerische
Neigungen zu investieren. Mit 16 hatte Jim bei einem seiner später
legendären Jobs (angeblich in einem Spielzeugladen) zwei ältere
Farbige kennen gelernt, die sich ständig zu Country-Blues-Sessions
ins Kabuff zurückzogen. Sie waren bereit, den völlig faszinierten
Jungen zu unterrichten, wenn der mit eigener Klampfe käme. In die
studentische Folk- und Blues-Bewegung hineinwachsend, sog Croce am College
auf, was dort in der Luft lag: die Arbeiterballaden eines Woody Guthrie,
den anarchischen Humor eines Lenny Bruce, Bob Dylans geniale Mischung
aus amerikanischem Folk und moderner Lyrik.
Selbstverständlich nahm Jim Croce die guten Ratschläge seiner
Eltern nicht an. Als angehender Diplom-Psychologe erarbeitete er ein Soloprogramm
und trat damit, gerade 20, im New Yorker Greenwich Village auf. Aber mit
dem dort angesagten Repertoire für das liberal-intellektuelle Amerika
der Kennedys und Dylans lag er falsch bei seinem ersten langfristigen
Engagement: Im „Riddle Paddock“ von Lima, Pennsylvania, waren
die etwa 60 Plätze in leicht entzündlichem Mischungsverhältnis
gefüllt mit Schafhirten, stiernackigen Bauarbeitern, örtlichen
Kneipengestalten, Hippies und College-Studenten.
Aber Croce mochte das und lernte dort wirklich sein Handwerk, indem er
Musik und Bühnenpersönlichkeit diesen Besonderheiten anpasste:
Er fesselte das Publikum mit langen, humorvollen Geschichten oder lehrte
sie die Entstehungsgeschichte seiner Lieblingsballaden. Solche Bars waren
so gefährlich, dass Croce für den Rest seiner Karriere „die
Gitarre schneller von der Bühne in Sicherheit bringen konnte als
irgendjemand sonst. Deswegen spiele ich bis heute auch ohne Gitarrengurt.“
Zu Jim Croces Leben zwischen Studium (Mitte der 60er) und Ruhm (1972/73)
kursieren teils widersprüchliche Angaben. Sicher ist, dass Jim seine
spätere Frau Ingrid 1963 traf, als sie für eine Studenten-Show
vorsang; ab dem gemeinsamen Musizieren zwei Wochen später waren sie
für den Rest seines Lebens zusammen. Sicher ist auch, dass er seinen
späteren Produzenten Tommy West am College kennen lernte und eine
von Croces Studentenbands („Wir spielten alles, was die Leute hören
wollten.“), ausgewählt wurde für eine Kulturaustausch-Tournee
in den Nahen Osten, die in Jims Entscheidung für eine Musikerkarriere
mündete. Da er aber als Bandmusiker seinen Lebensunterhalt nicht
bestreiten konnte, ergab sich eine fast groteske Abfolge fruchtlos-deprimierender
Jobs: als Werbeakquisiteur bei einem schwarzen R & B Radiosender in
Philadelphia. Gitarrenlehrer in Ferienlagern. Unterricht für verhaltensauffällige
Kinder (Messerstichnarben an den Händen blieben als Souvenir). Manchen
Quellen zufolge auch vier Jahre Arbeit in einem Krankenhaus. Angebliche
Überbrückung finanzieller Engpässe auch durch schrittweisen
Verkauf von Croces Sammlung wertvoller alter Gitarren.
Als Ingrid 1968 ein Kunstcollege besuchte, ließen sich die Croces
jedenfalls von Tommy West überreden, es in New York als Folk-Duo
ernsthaft zu versuchen. Eine Albumproduktion („Jim & Ingrid
Croce“) wurde 1969 ein solcher Flop, dass davon, wie Croce gerne
sagte, „sechs Stück in einem PX in Thailand verkauft wurden“
und aus der Restauflage Rohmaterial für andere Platten gewonnen wurde.
Auf Tourneen fuhr das Ehepaar manchmal 24 Autostunden von einem College-Gig
zum nächsten - eine Erholung gegenüber seinem New Yorker Alltag,
wo man praktisch pleite in einem Loch in der Bronx darauf wartete, dass
etwas geschah.
Im Oktober 1970 geschah wirklich etwas: Jim Croce teilte Tommy West mit,
dass er sein Bestes gegeben habe, aber nun rausmüsse aus New York.
In Lyndell, Pennsylvania, wo Jim dann als Bauarbeiter und Lastwagenfahrer
schuftete, lernten die Croces einen anderen, ebenfalls gerade mit einer
Plattenproduktion bei Cashman & West gefloppten jungen Mann näher
kennen. Maury Muehleisen, den Jim gelegentlich begleitet hatte, zog mit
ein, und diese enge persönliche und musikalische Freundschaft katapultierte
Jims Songs auf Anhieb in eine neue Dimension. Nicht einmal sechs Monate
nach Jim Croces Rückzug aufs Land (und keine zwei Wochen nach der
Neuigkeit, dass Ingrid schwanger war) erhält Tommy West ein Band
mit Titeln, die Croce in den vorangegangenen Monaten geschrieben und eingespielt
hat. Die bevorstehende Vaterschaft und die schnellen Früchte der
Zusammenarbeit mit Maury Muehleisen haben den frustrierten Folkie offenbar
dermaßen elektrisiert, dass er beschloss, „jede Energie, die
ich aufbringen konnte, dazu zu benutzen, wieder in die Musik einzusteigen.
Ich war absolut überzeugt von den Sachen, die ich damals schrieb.“
Den Produzenten in New York muss bei den neuen Croce-Songs der Schlag
getroffen haben. Darunter befanden sich „Operator“, „Walkin´
Back To Georgia“, „You Don´t Mess Around With Jim“
und „Time In A Bottle“ – jedes dieser Stücke übertraf
alles, was Jim Croce davor geschrieben hatte und erklang noch dazu völlig
unverwechselbar. Hier hatte einer ganz offensichtlich seinen Stil, seine
Stimme gefunden.
Auf den Aufnahmen mit Ingrid Croce klang Jim meist wie eine Gordon-Lightfoot-Kopie
– was Melodieführung, Akkordspiel auf der 12saitigen und Arrangements
betraf. Auch die Texte verloren sich, in Gordon Lightfoots Fußspuren
trottend, ohne dessen dezente nordische Naturmystik, in sympathisch-belangloser
Amerika-Romantik: „When I was a boy/ in the days of the train/ I´d
sit by the tracks/ on a longer summer day. And I’d wave to the brakeman,/
and he’d wave back at me/ while the thunderclouds rolled/ out of
East Tennessee.”
Alle Schwierigkeiten, Niederschläge und Fehlversuche aus Jim Croces
bisherigem Musikerleben waren darin ausgespart gewesen, als ziehe er einen
sauberen Trennungsstrich zwischen realem Leben und künstlerisch geeigneten
Themen. Ausgeblendet schien darin auch die Fähigkeit, eine wilde
Kneipenhorde auf dem Land zu unterhalten mit einem breiten Musikmix –
und das, obwohl Croce für Village Voice schon immer ein Privatmusikwissenschaftler
gewesen war, „dessen Interesse das komplette Spektrum amerikanischer
Musik abdeckte, von den Childs-Balladen und Volksliedern der Appalachen
über die Schlager des Ersten Weltkriegs bis hin zum Rhythm &
Blues der 50er Jahre und dem Jazz.“ Croce selbst hat sich einmal
bezeichnet als „Musikpsychologen, Rausschmeißer mit Musik
als Waffe oder eine Live-Jukebox, je nach Publikum“ – je nachdem,
wer gekommen war, zog er aus seinem Buch mit insgesamt ca. 2500 Songs
aus den genannten Stilrichtungen das Entsprechende hervor. „Ich
kann eine richtig gute Version von „Okie from Muskogee“ bringen,
und die habe ich auch in einigen Bars gebraucht, in denen ich gespielt
habe.“
Im Nachhinein scheint das deprimierende New-York-Erlebnis 1969/70 bei
Jim Croce thematische Blockaden beseitigt zu haben, während Maury
Muehleisen ihm wohl die Tür zu all den Stilrichtungen öffnete,
die er eigentlich schon lange draufgehabt hätte. Nun kamen in rascher
Abfolge die Songs, die im lakonischen Jargon eines trockenen Realismus’
Geschichten von Geldnot, Verlust und Selbstzweifeln erzählten; gleichzeitig
gelangen Jim Croce humorvoll schillernde Charakterstudien von Typen aus
der Arbeiterklasse, die mit unzerstörbarem Selbstbewusstsein durchs
Leben gehen („Rapid Roy“, „Speedball Tucker“).
Die großen Städte porträtierte er als Haifischbecken („New
York ´s Not My Home“, Box #10“) und pries dagegen das
beschaulichere Leben auf dem Land („Alabama Rain“, „Walkin´
Back To Georgia“); die Liebeslieder trafen einen dazu passenden,
melancholischen, aber unsentimentalen Ton.
Der qualitative Quantensprung erschließt sich augenblicklich, wenn
auf den zahlreichen Anthologien älteres Material auf neueres trifft.
Der Rhythm-&-Blues-Touch von „Mississippi Lady“ beispielsweise,
wie ihn Croce vorher nie zugelassen hat, weckt den Hörer schlagartig.
In „Rapid Roy“ liefert er sein Meisterstück ab –
eine Art akustischer Rock ´n Roll mit Maury Muehleisens großartiger
Leadgitarre über einen Text, der vor pointierter Anschaulichkeit
und trockenem Wortwitz nur so strotzt. Dabei war Jim Croces Romantizismus
keineswegs verloren gegangen – er wurde nur origineller eingesetzt:
„Time In A Bottle“ kreist um eine Melodie wie von Gordon Lightfoot
– aber im Gitarrenduett mit dem versierten Muehleisen nimmt das
Arrangement eine andere Richtung als bei dem großen Kanadier, und
einige Zeilen von existentialistischer Prägnanz werden sich nach
Croces Tod als fast prophetisch herausstellen: „But you never seem/
to find enough time/ to do the things/ you wanna do/ once you find them.“
Jedenfalls witterte Tommy West eine einmalige Chance, seinem Schützling
in der anlaufenden Welle von sensiblen Folk-Rock-Songwritern wie James
Taylor eine ganz eigene Nische zu verschaffen. West und Cashman bewiesen
Geschmack und Instinkt genug, die sparsamen Songs mit gerade so viel Bass,
Schlagzeug und gelegentlichen Streichern aufzupeppen, dass ihre Grooves
betont und ihre kommerzielle Potenz ausgeschöpft wurden, ohne dabei
den folkig-schlichten Reiz mit Mainstream-Soße hinwegzuspülen.
Dass Jim Croces Stimme „ehrlich war, zart und doch leidenschaftlich“
(wie es Ingrid Croce in Erinnerung geblieben war vom ersten Mal, wo sie
ihn hatte singen hören), tat ein Übriges.
... der vollständige Text befindet sich
in Heft 4/04 ab Seite 50! 
Discographie:
Die drei Originalalben mit jeglichem Croce-Klassiker („You Don´t
Mess Around With Jim“, „Life And Times“ und „I
Got A Name“), sind praktisch nur noch auf Dutzenden von Kompilationen
erhältlich, die das Material dieser Alben in unterschiedlicher Zusammensetzung
und Vollständigkeit (oft lieblos) recyceln. Empfehlenswert: zwei
liebevoll zusammengestellte und aufgemachte Sammlungen, die außer
den kompletten genannten Alben auch eine Reihe früherer Aufnahmen
bieten: „50th Anniversary Collection” und „The Definitive
Collection”. Wer „The Faces I’ve Been” noch ergattern
kann, bekommt dazu noch mehr Einblick in den Humor und das breite Repertoire
des frühen Jim Croce.
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