WS Story: Tuck Andress - Fingerstyle Jazz Guitar von Andreas Schulz


Auch auf der neuen Tuck&Patti-CD ,I Remember You' erweist sich Tuck Andress als kongenialer Begleitgitarrist, der auf bemerkenswerte Weise gängige Jazzgitarren-Standards kreativ mit neuen Ideen vermischt. Auffallend bei dieser Produktion ist wieder einmal der höhenreiche, fast akustische Klang, den er seiner Archtop entlockt. Tuck arbeitet intensiv mit einem Lautstärkepedal, mit dessen Hilfe er den Gitarren-Sound weitreichend in Echtzeit beeinflusst. Stellenweise erinnert das an das kreative Pedalieren
eines guten Hammond-Orgel-Spielers. Manchmal allerdings erscheint es beim Hören der kompletten CD auch etwas übertrieben, und man wünscht sich einen konstanteren Klang ohne die ständigen und bisweilen abenteuerlichen Lautstärke-Fahrten.

Zum Nachspielen haben wir Auszüge aus zwei Jazz-Standards bearbeitet. Von Duke Ellington stammt die berühmte Ballade ,In A Sentimental Mood' (Abb. 1). Sie wird normalerweise in D-Moll gespielt. Tuck hat sich für E-Moll entschieden, da diese Tonart gitarristisch entschieden bessere Möglichkeiten bietet. Die Original-Akkordfolge ist weitgehend erhalten, das Besondere an Tucks Interpretation ist also nicht die Reharmonisation, sondern der ideenreiche Umgang mit den bestehenden Akkorden. Für neugierige Jazz- und Akustikgitarristen ist dies eine wahre Fundgrube an originellen Techniken und farbenprächtigen Voicings. Man beachte die eingestreuten Flageoletts in
den Takten 5, 9 und 10. Wie man am Notenbild sieht (und bei manchen Griffen in den Fingern spürt), liebt Andress ungewöhnliche Voicings, manchmal mit engen Intervallen (Am9 in Takt 7), manchmal mit weiten Intervallen (E7#9 in Takt 14). Interessant auch die Kombination wie in Takt 11: Dieser E7-Alteriert-Akkord dürfte nur den wenigsten Gitarristen geläufig sein und bietet einen sehr charaktervollen Klang. An einigen Stellen spielt Andress fünfstimmige Akkorde unter Einbeziehung des kleinen Fingers der
Anschlaghand. Das muss man gezielt üben - oder eine der Stimmen weglassen und mit D-Z-M-R anschlagen.

Das zweite Beispiel ist wieder ein Jazzstandard: ,Embraceable You', gespielt in einem Medium-Swing-Tempo (Abb. 2). Sehr schön ist das Intro mit einem Turnaround in Bb über dem Pedalton F - eine Technik, die sehr pianistisch klingt. Unsere Transkription ist bewusst übersichtlich gehalten. An vielen Stellen baut Andress Ghost-Notes und bewusste Nebengeräusche ein, die den Swing-Groove unterstützen. Immer wenn auf den Zählzeiten <2und <4eine Pause ist, sollte ein leichtes Anlegen der Finger hörbar sein (ein sanft gespielter ,Slap'). Auch viele Basstöne auf Zählzeit <1werden durch eine kurze, manchmal abgedämpfte Leersaite im Bass vorbereitet. Diese darf nicht so laut sein, dass man ihre Tonhöhe wahrnimmt, sie hat nur rhythmische Funktion.

Andress' Arrangements sind nicht einfach zu spielen. Geht beim Üben taktweise vor, erarbeitet euch zunächst die Griffe, dann die Bewegungen der Anschlaghand. Unbedingt in langsamem Tempo anfangen; dieses Material ist nicht mit Picking-Patterns zu meistern, sondern bietet in jedem Takt neue Herausforderungen.

... der vollständige Text incl. Noten und Tabs befindet sich in Heft 3/08. Aktuelle Ausgabe bestellen...