Mike Keneally: Außergewöhnlich von Carina Prange


Oops, das kam unerwartet: Setzte Mike Keneally mit seinem schon vom Titel her bizarren Soloalbum „Nonkertompf“ noch schräg-elektronische, fragmentarische Akzente, so hat der ehemalige Zappa-Gitarrist mit seinem neuen Album „Wooden Smoke“ zu ruhigeren, akustischen Klängen gefunden. Hier beweist der Amerikaner, dass gutes Songwriting, seine vertrackten, überbordenden Ideen und ausgeglichenes, technisch versiertes Gitarrenspiel perfekt zusammengehen.
Mike Keneally
„Ideen habe ich immer bündelweise“

In die zusätzlichen Rollen des Komponisten, Sängers und Produzenten schlüpft Mike Keneally scheinbar mühelos. Für „Wooden Smoke“ hat sich der humorvolle Eigenbrötler einige ausgesuchte Gäste eingeladen – u.a. Marcelo Radulovich, zuständig für Melodika und Geräuscheffekte, Rick Musallam an der zweiten Gitarre und Bassist Bryan Beller, mit dem Keneally auch seine Clinics für Taylor Guitars bestreitet. Seit knapp einem Jahrzehnt endorst Keneally die edle Gitarrenmarke und ist ein begeisterter Fan dieser Instrumente – eine echte Mutation vom Progressive-Rock-Avantgardisten zum Akustik-Experimentalisten.

Was hat dich zu dem Album „Wooden Smoke“ inspiriert? Es scheint ja in totalem Gegensatz zu deinem experimentellen, elektrischen Vorgänger „Nonkertompf“ zu stehen. Was ist auf einer akustischen Platte machbar, was auf einer elektrischen nicht umsetzbar ist?
Mike Keneally: „Wooden Smoke“ entstand zu einer Zeit relativer Gelassenheit und innerer Ruhe – nach Jahren des emotionalen Aufgewühltseins. Die akustische Gitarre war als Instrument perfekt geeignet, um dazu passend zu komponieren, und die Musik fiel mir sozusagen zu. Akustische Musik klingt luftiger, sanfter und bietet – verglichen mit elektrisch verstärkter Musik – viel mehr Möglichkeiten zum subtilen musikalischen Ausdruck. Eine Atmosphäre, wie ich sie auf „Wooden Smoke“ schaffen wollte, basiert deshalb auf akustischen Instrumenten. Aber ich habe unterschwellig auch allerhand an elektronischen Klangfarben verwendet. Für mich bestand der Reiz darin, beides auf spannende Weise miteinander zu verquicken.

Die Lyrics auf „Wooden Smoke“ erscheinen oftmals wie Kindheitserinnerungen. Du verwendest kryptische, aber einfache Bilder. Gibt es außerdem bei dir eine spezielle Beziehung zu Bäumen und Holz?
Mike Keneally: In vielen meiner Songs sind Kindheitserinnerungen und Bezüge hierauf eingewoben. Ich gebe mich gerne der Nostalgie hin, das ist echt eine Schwäche von mir. Und für Bäume und Wald empfinde ich eine geradezu unmäßige Leidenschaft. Damit ich mich wohl fühle, braucht ein Raum nur irgendwie holzgetäfelt zu sein – egal wie geschmacklos. Und zwischen Bäumen fühle ich mich im Einklang mit der Welt. Im Schwarzwald, in der Nähe von Freiburg wandern zu gehen, hat für mich etwas Magisches.

Was war die Ursache oder der Auslöser dafür, 1992 eine Solokarriere zu starten?
Mike Keneally: Ich hatte bereits eine Menge an Stücken rumliegen – langsam fing es an, sich zu stapeln. Übrigens hatte ich in den 80ern bereits einige Aufnahmen auf eigene Faust veröffentlicht – allerdings nur auf Kassette. Den eigentlichen Anstoß, das Album „Hat“ aufzunehmen und Anfang der 90er meine Solokarriere ernsthaft in Angriff zu nehmen, gab es, als Freunde von mir, Jeff und Suzanne, ihr eigenes Label gründeten: „Immune Records“. Als sie mich fragten, ob ich ein Album für Immune machen wollte, mit Jeff als Techniker und in seinem Studio ... – dazu konnte ich selbstverständlich nicht nein sagen!

Du hast eine erfolgreiche Serie rein akustischer Konzerte hinter dir – wie wäre es einmal mit einem Album, vollkommen solo eingespielt, nur deine Gitarre und Gesang, weiter nichts?
Mike Keneally: Mein Bassist Bryan Beller und ich haben darüber nachgedacht, ein akustisches Duo-Album aufzunehmen. Immerhin treten wir bei den Taylor Clinics sowieso zusammen auf und haben als Akustikduo bereits einen ausgeprägten Stil entwickelt. Das werde ich sicherlich machen, noch bevor ich ein rein akustisches Soloalbum aufnehme – wenn überhaupt. Nun, eine interessante Idee ist es auf alle Fälle.

Du hast einmal gesagt, es sei manchmal schwerer, einen einfachen Popsong mit einer Melodie zu schreiben, an die man sich erinnern kann, als etwas Kompliziertes und Experimentelles. Du jonglierst mit einer Vielzahl von außergewöhnlichen Ideen. Gibt es auch manchmal kreative Einbrüche?
Mike Keneally: Ideen habe ich immer bündelweise, das ist nicht das Problem. In letzter Zeit hapert es eher an der Zeit, um mich mit den Ideen auseinander zu setzen, ihnen die fertige Musik abzuringen. Ich habe so viel um die Ohren, so viele Projekte gleichzeitig, und die Dinge des täglichen Lebens – da ist es kein Wunder, wenn von den ganzen musikalischen Einfällen, die kommen und gehen, einiges unter den Tisch fällt. Ich scheine das Glück zu haben, dass meine musikalische Inspiration nicht nachlässt – woher auch immer sie kommen mag. Dafür bin ich sehr dankbar!

Aktuelle Produktion
Die CD „Wooden Smoke“ ist ein komplexes, vielseitiges und brillantes Werk – so viel gleich vorweg. Natürlich wird bei Mike Keneally stets seine Mitarbeit in den Bands von Frank Zappa und Steve Vai erwähnt; das vorliegende Album jedoch ist, hiervon abgesehen, unter eigenem Namen bereits sein neuntes. Acht gesungene und sechs Instrumentalstücke erzählen Geschichten voll Sanftmut, Übermut, Harmonie und von einer Eigenwilligkeit und Spontaneität, die die Songs nie zum glatten Popalbum verkommen lassen. Mit Ironie und herzhaftem Biss führt Keneally durch seine Gedankenwelten – seine Musik hat Ecken und Kanten, und Ideen hat er wie am laufenden Band.

... der vollständige Text befindet sich in Heft 3/04 ab Seite 46! Aktuelle Ausgabe bestellen...

Diskografie:
Hat (Immune Records,1992)
Boil That Dust Speck (Immune Records, 1994)
Giant Tracks- A Tribute To Gentle Giant (HyberNation, 1997)
The Tar Tapes Vol. 1 (Immune Records, 1997)
The Tar Tapes Vol. 2 (Immune Records, 1998)
Nonkertompf (Exowax Recordings, 1999)...