Bob Dylan - Die Kraft der Worte von Michael Lohr


Bob Dylan „Ich hatte 18 Whiskey straight. Ich glaube, das ist Weltrekord!” soll der walisische Dichter Dylan Thomas gesagt haben. Dann fiel er in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. Was er hinterließ, als er sich auf einer Lesereise 1953 in New York fast planmäßig zu Tode trank, waren neben drei Kindern unzählige Gedichte, von denen einige zum Hinreißendsten gehören, was der Mensch je mit dem Geschenk der Sprache angefangen hat.

Bob Dylan
Bob Dylan: Songwritergenie mit einfachsten musikalischen Mitteln

Ein jüdischer Junge aus tiefster amerikanischer Provinz stand gerade an der Schwelle zur Pubertät, als jener gefeierte wie berüchtigte Poet starb. Bilder und Vita des Walisers müssen Robert Zimmermann in der Bergwerksstadt Hibbing im Nordosten Minnesotas am Oberen See in der miefigen Eisenhower-Ära dermaßen fasziniert haben, dass er des Dichters Vornamen zum Familiennamen seines künstlerischen Pseudonyms machte. Eine schöne Geschichte – wenn sie denn wirklich so eindeutig wäre. Denn nichts ist bei Bob Dylan gradlinig gestrickt: Er selbst hat auch Marshall Matt Dillon aus der Western-Serie „Rauchende Colts“ als Paten ins Spiel gebracht. Und so beginnt die Ambivalenz schon bei der Wahl des Künstlernamens: Ob Dylan sich beruft auf ein aufrechtes Mannsbild, das tugendhaft für Gerechtigkeit im Wilden Westen sorgt, oder auf einen versoffenen Bohemien, der auf Verantwortung pfiff – man darf es sich aussuchen.
Selbstverständlich ist der Poet Dylan Thomas nicht der einzige Einfluss auf den künftigen Ur- und Übervater aller Liedermacher. Zur High-School-Zeit hatte Zimmermann, von Elvis inspiriert, in Rock’n’Roll- und Rockabilly-Bands musiziert. An der University of Minnesota geriet er dann in den Sog der Folk-Begeisterung damaliger Studentenkreise. Dort wurde unter anderem Woody Guthrie verehrt. Der Autor tausender unnachahmlich schlichter Songs war als junger Mann daheim in Oklahoma Augenzeuge einer sozialen Katastrophe geworden, wie sie John Steinbeck in ‚Früchte des Zorns’ beschreibt: Zehntausende Farmer, ruiniert durch die Auswirkungen von Weltwirtschaftskrise und Trockenheit, waren in einem verzweifelten Treck als Erntehelfer nach Kalifornien gezogen, nur um dort das Überangebot an billigen Obstpflückern weiter zu verschärfen. Guthrie, durch diese kapitalistische Krise zum Gewerkschaftler geworden, beschwor in seinen Songs Kraft, Zähigkeit und Behauptungswillen des kleinen Mannes, dem Amerika eigentlich gehörte: ‚This Land Is Your Land’.

UNTERWEGS
Zugleich sog Robert Zimmermann Jack Kerouacs ‚On The Road’ auf. Die end-, ziel- und mittellosen Fahrten einiger Aussteiger aus dem selbstzufriedenen Amerika der Fünfzigerjahre auf der Suche nach tiefen Erlebnissen (Sex, Drogen, Jazz) waren Traum und Erweckungserlebnis für Tausende Teenager an den Universitäten. Als John F. Kennedy im Herbst 1960 gewählt wurde, waren die Keime einer Jugendrebellion zwar längst gesät, doch sie reiften unter der Oberfläche, existierten nebeneinander her. Auf der politischen Ebene nahm der charismatische junge Präsident die Menschen mit auf seine „Suche nach einer besseren Welt“ (Kennedy-Buchtitel). Doch quasi inoffiziell ging ihm einer zur Hand, der diese Ansätze verschmolz zu einem kraftvoll-mythischen Ganzen, das die Jugend auf unterschiedlichen Ebenen ansprach und wachrüttelte.
Dylan, der schmale, blasse junge Mann, schlug in New Yorks Folk-Szene ein, als sei mit ihm die Sprache neu erfunden worden. Mit einer handfest erfundenen Landstreicherbiographie, im Gepäck eine Gitarre, auf der er Folksongs wie von Woody Guthrie und Rambin Jack Elliott begleitete, im Mund Verse, wie man sie noch nie gehört hatte, und alsbald auch mit einem lächerlich niedrig dotierten Plattenvertrag bei Columbia in der Tasche, debütierte er zunächst mit Fremdkompositionen. Doch schon mit dem zweiten Album ‚The Freewheelin’ Bob Dylan’ sorgte er für einen Urknall. Es schien, als reiße jemand der verlogenen Nachkriegsgesellschaft die Maske vom Gesicht, spräche exakt das aus, was man kaum zu denken gewagt hätte, was einem aber auf den Nägeln brannte.

... der vollständige Text befindet sich in Heft 2/08 ab Seite 58! Aktuelle Ausgabe bestellen...