Von Blackbird bis Jenny Wren - Die akustische Seite des Paul McCartney von Michael Lohr

Henry Perowne, Ende 40, ist ein ganz rationaler, wenig kunstsinniger Neurochirurg in Ian McEwans neuem Roman ‚Saturday’. Wie Perowne, mit einer Juristin zur Frau, einen hochtalentierten Blues-Gitarristen als Sohn und eine Lyrikerin als Tochter zeugen konnte, ist ihm selbst bei
Paul McCartney
all seinem Wissen um die Macht der Gene schleierhaft. Soweit die Fiktion. In der Wirklichkeit könnte sich ein gewisser James McCartney weiter nördlich in England mitunter eine ähnliche Frage gestellt haben: Wie konnten ein Liverpooler Baumwollhändler und eine Krankenschwester einen der größten Melodienerfinder der Menschheitsgeschichte in die Welt setzen?

Die Tatsache selbst wird bekräftigt mit jedem neuen Album, das Sohn Paul herausbringt. Komponieren, so hat der noch kürzlich gesagt, sei für ihn natürlich und automatisch wie Autofahren. Die Melodie zu ‚Yesterday’ hat er sogar geträumt. Einen Fototermin seiner Frau Linda nahm er einmal zum Anlass, während der Wartezeit einen kompletten Song zu schreiben (das Resultat ‚Somedays’ ist auf ‚Flaming Pie’ zu hören). Und: Wenn er wüsste, wie man das mache, könne er wahrscheinlich gar nicht mehr schreiben - das Mysterium bilde einen Kern des Antriebs.

Hand aufs Herz: Auf sechs Saiten ist Paul McCartney zumindest zu Beatles-Zeiten nur punktuell in Erscheinung getreten. Permanentes Gitarristenüberangebot der Band und chronischer Bassistenmangel brachten ihn früh an die vier Saiten, was bei dem bei weitem vielseitigsten Musiker des Quartetts den autodidaktischen Ehrgeiz eines zukünftigen Multiinstrumentalisten verstärkte. Mehrfach hat der legendäre, klassisch ausgebildete Produzent George Martin den jungen McCartney als einen der besten Musiker bezeichnet, die ihm je begegnet war: Ein guter Sänger, ein Allround-Gitarrist, ein Bassist mit Sinn für melodiös-kontrapunktische Linien, ein hervorragender Schlagzeuger (die besten Drum-Parts auf vielen Beatles-Alben hat Paul eingespielt!) und ein Pianist von Studioformat. Als Perfektionist und umtriebiger Antreiber machte er sich am Ende bei den anderen Beatles allerdings reichlich unbeliebt. Doch seinem Gespür für die Ausgestaltung von Liedern verdanken zahlreiche Beatles-Songs ihr unverkennbares Format.

Als neben John Lennon einziger im Studio anwesender Beatle machte Paul McCartney den nicht ganz so starken Einfall seines Kollegen ‚The Ballad Of John And Yoko’ zu einem überhaupt genießbaren Pop-Song. Aus George Harrisons nettem Einfall ‚Here Comes The Sun’ machte er nicht nur erst einen vollwertigen Song, sondern gleich eine zeitlos leichte und doch kraftvolle Hymne. Und schließlich war McCartney der Architekt der genialen zweiten Seite von ‚Abbey Road’. Die Idee, eine Reihe viel versprechender, aber unfertiger Songs zu einem kontrastiven Medley zu verknüpfen, kam von ihm. Zusammen mit George Martin konzipierte er die Überleitungen sowie die perfekt inszenierte Hinleitung zum grandiosen Finale, das alle Beatles-Weisheit zusammenfasst: „And in the end the love you take / is equal to the love you make.“

... der vollständige Text befindet sich in Heft 1/06 ab Seite 32! Aktuelle Ausgabe bestellen...