Django Reinhardt (23.01.1910 -16.05.1953): Innovator von Ralf Bauer


Vielleicht bedarf es des Bruchs mit den gesellschaftlichen Konventionen, oder wenigsten einer gehörigen Portion an Egozentrik, neue Wege einzuschlagen, um die Kunst voran zu treiben, sie in sonst unerreichbare Höhen zu treiben und Exempel zu statuieren. Als grundlegende Bedingung sei dies freilich nicht zu verstehen, doch lehrt uns die Geschichte, dass doch oft gerade diese „ich-bezogenen“ Charaktere zu außerordentlicher Kreativität fähig sind.
L'or de Django
L'or de Django - eine Empfehlenswerte Compilation erschien 2003 als Doppel-CD mit 42 sorgsam remasterten Tracks bei Dreyfus Jazz

Django Reinhardt jedenfalls blieb es nicht erspart, sich der elitären High Society der Pariser und globalen Jazzszene anzupassen, dem Spagat seines Zigeunerstolzes und den Erwartungen seines Umfeldes gerecht zu werden, ohne, und dies schien ihm zeitlebens undenkbar, Zweifel an seiner Persönlichkeit aufkommen zu lassen. Er war ein „Manouche“, wie sich die Romas in Frankreich bezeichnen, geprägt von einem unbändigen Freiheitsdrang und steter Sprunghaftigkeit. Einen Trumpf allerdings hatte Jean Baptiste Reinhardt seit Jugendjahren im Ärmel - seine geniale Musikalität. Sie hob ihn stets ab von all den anderen und ermöglichte ihm, sonstige Defizite geschickt zu überdecken. Dass es ihm an Gentlemanship mangele und es nicht genüge, nur gut zu spielen, ließ er sich jedoch nicht lange nachsagen, hüllte sich in elegante Anzüge, trug feine Seidentücher und machte sein Menjoubärtchen zum Markenzeichen. Wie ein Bruder stand dem mitunter kindlich naiven Gitarristen sein Weggefährte Stéphane Grappelli zur Seite, lehrte den Analphabeten wenigstens seinen Namen zu schreiben und genoss, als einziger „Nicht Sinti“, Reinhardts Vertrauen. An Cleverness mangelte es dem Zigeunerjungen, der bereits als Kind in Paris eine Straßenbande anführte, jedenfalls nicht, und als er schließlich zur Nummer eins unter den europäischen Jazzgitarristen avancierte, wusste er dieses Pfund stets in die Waagschale zu legen. Geradezu herrisch degradierte er um seiner Ziele willen seine Mitmusiker zu Statisten, drückte seiner Musik jenen unverkennbaren Stempel auf, der heute noch so unlöslich mit ihm assoziiert wird. „Stilbildend“ klingt abgedroschen - eine Floskel; geben wir lieber Djangos Sohn Babik das Wort: „Django has influenced musical gypsy culture, he brought jazz into gypsy culture“. „Zigeunerswing“ oder „Djangogitarre“ - wer weiß nicht, was damit gemeint ist?

Die Prewar-Phase
Während in den 30er Jahren Charlie Christian und Eddy Lang in den USA die Sologitarre im Jazz etablierten, führt Django Reinhardt die alte Welt in die solistischen Geheimnisse der akustischen Gitarre ein. Schon früh löst er sich von den traditionell französischen Wurzeln der „Bals Musettes“, wo er bereits im Kindesalter Akkordeonisten auf dem 6-saitigen Banjo begleitete, wechselt zur Gitarre und fokussiert seine musikalischen Interessen auf den zeitgleich in Amerika aufkommenden Swing. Im Gegensatz zu Christian, der als einer der Ersten die Lautstärkevorteile der elektrischen Gitarre für sich zu nutzen sucht, zieht Reinhardt zunächst das nuancenreichere Spiel auf der akustischen Gitarre vor. Untrennbar ist seit dem der - unter Supervision des italienischen Konzertgitarristen und Luthiers Mario Maccaferri - von Selmer gebaute Gitarrentyp mit Django Reinhardt verbunden.
1929 sammeln und spielen befreundete Musiker im Pariser „Ca Gaze“ für den tief getroffenen Reinhardt, der sich nach einem Feuer in seinem Wohnwagen schwere Brandverletzungen an der Greifhand zuzog. An kleinem Finger und Ringfinger bleiben die Sehnen für immer verkürzt, die Hand ist verkrüppelt, die Zukunft ungewiss. Zu Beginn der 30er ist er zurück, spielt in unterschiedlichen Combos, lernt den Akkordeonisten und Bassisten Louis Vola kennen und träumt von einer eigenen Band. Er trägt die Idee eines reinen Saitenensembles an den Freund und Förderer Emile Savitry, sowie Pierre Noutry vom „Hot Club de France“, einer neu gegründeten Institution zur Förderung des Jazz in Frankreich. Savitry, der sich später gern als Entdecker Reinhardts verstand, macht Django mit den Platten von Duke Ellington, Louis Armstrong und Joe Venuti bekannt. 1932 hört Reinhardt in Paris erstmals den Violinisten Stéphane Grappelli, der gemeinsam mit dem Saxophonisten André Ekyan auftritt. Unterdessen schickt Pierre Noutry erste Aufnahmen an die Musikkritiker Hugues Panassié, John Hammond in den USA und Jost van Praag in Holland – doch nur Letzterer äußert sich positiv. Zwei Jahre später dann schließt sich Reinhardt zunächst Ekyan und Grappelli an, bis es schließlich im Herbst 1934 zum ersten Konzert des „Quartett du Hot Club de France“ kommt. Mit von der Partie sind Roger Chaput (git), Stéphane Grappelli (vio) und Francis Luca (b), der wenig später durch Louis Vola ersetzt wird. Djangos Bruder Joseph (git) komplettiert die Band schließlich zum legendären „Quintette du Hot Club de France“, das an der „Ecole Normale“ sein Debüt gibt. Die Rollen sind klar verteilt: zwei Solisten, Reinhardt und Grappelli, werden von einer kompakt aufgestellten Rhythmusgruppe getragen, der Begriff „Hot Jazz“ ist geboren und das Quintett erlangt peu à peu Breitenwirkung. Das anfangs skeptische Ultraphone Label spielt 1934 Aufnahmen in unterschiedlichen Besetzungen ein - und schreibt damit Jazzgeschichte. Überhaupt mischen sich aus einem Fundus europäischer und amerikanischer Musiker interessante Konstellationen; Vokalisten wie beispielsweise Bert Marshall oder Freddy Taylor werden vom „Quintette du Hot Club de France“ begleitet, und natürlich sind auch Reinhardt und Grappelli als Solisten begehrte Gäste anderer Bands. Das Quintett firmiert mitunter als „Stéphane Grappelli and his Hot Four“, für Roger Chaput ist teils Pierre Ferret an der Rhythmusgitarre zu finden, und auch sonst wird hier und da experimentiert; doch im Stil bleibt man sich treu. Decca nimmt das Quintett unter Vertrag, Klassiker wie der „Limehouse Blues“ oder Gershwins „Got Rhythm“ werden eingespielt. Auch eigene Titel mischen sich alsbald ins Repertoire, „Swing Guitars“ oder „Sweet Chorus“ liefern phantasievolle Solis, bereichert durch Reinhardts typische Octave Runs, Bendings und gefühlvolle Vibratos. Superlative sind hier durchaus am Platz - seiner Zeit weit voraus formt Django, ohne jede Scheu vor Neuem und frei jeglicher Berührungsängste, eine bislang unbekannte Stilistik von ungeheuerer Dichte und treibendem Drive. Duke Ellington bringt es Jahre später auf den Punkt, indem er Reinhardt die Unfähigkeit unterstellt, einen unschönen Ton spielen zu können. Überhaupt entwickelt sich das „Quintette du Hot Club de France“ im Laufe der 30er Jahre hin zu seinem musikalischen Höhepunkt. Allein 1937 entstehen unter Django Reinhardts Mitwirkung über 100 Einspielungen in unterschiedlichen Besetzungen; längere Engagements im „Big Apple“ und Auftritte im Rahmen der Weltausstellung kommen hinzu. Zu erwähnen wären unbedingt die Recordings mit Coleman Hawkins und Benny Carter, den er bereits im Jahr zuvor in Barcelona begleitete. Reinhardt scheint von unerschöpflicher Kreativität und Ideenreichtum beflügelt, mit ersten Soloaufnahmen (u. a. „Improvisation No 1“ oder „Parfum“) etabliert er die Gitarre als Soloinstrument außerhalb der Klassik. Aber auch seine Begleitqualitäten dürfen nicht übersehen werden, „Alabama Bound“ oder „I’ve Found My Baby“ im Duett mit Grappelli sind beste Beispiele dieser Zeit, sie stellen beeindruckend unter Beweis, dass Reinhardt es trotz seiner Behinderung an der Greifhand verstand, variable Harmonien zu gestalten. Dass die Chemie zu dieser Zeit stimmt, hört man förmlich aus den Takes heraus, nicht nur bei Reinhardts/Grappellis Eigenkomposition „Minor Swing“, in dem sich die Musiker durch gegenseitige Anfeuerungen zu Höchstleistungen treiben; die Spielfreude ist unverkennbar. Reinhardt und Grappelli fühlen, denken und spielen die selbe musikalische Sprache, untrennbar stehen die beiden Namen bis heute. Im Frühjahr 1939 ist Duke Ellington in Paris und besucht ein Konzert des „Quintettes“, es entstehen vier Aufnahmen mit dessen Musikern. Der drohende Krieg verhindert die geplante Welttournee, das Quintett, gerade in London aktiv, wird gesprengt, nachdem Reinhardt aufgrund Englands Kriegsvorbereitungen nach Paris zurückkehrt und Grappelli in London verbleibt. Gershwins „The Man I Love“ bleibt vorerst die letzte Einspielung in traditioneller Besetzung.

1940 bis 1953
Reinhardt ist gern gesehener Gast in unterschiedlichen französischen Besetzungen, die unter dem amerikanischen Einfluss meistens dem Orchester-Swing zugewandt sind. Ihm selbst fällt es leicht sich einzupassen, seine improvisatorischen Fähigkeiten sind von jeher bestechend. Ein Jahr später wird das „Quintette du Hot Club de France“ mit Hubert Rostaing (kla) und Pierre Fouad (dm) reaktiviert, das grundlegende Konzept des reinen Saitenensembles ist damit aufgegeben, die Rhythmusgitarre verliert an Bedeutung. Natürlich orientiert sich Reinhardt dabei an aktuellen Strömungen, der Sound wirkt zunehmend moderner und glatt gestrichen, ohne aber an gitarristischer Qualität einzubüßen. Ansonsten wendet sich der Meister verstärkt der Komposition zu, die Anerkennung wächst und im November 1945 werden gar Orchesteraufnahmen mit Musikern Glenn Millers eingespielt. Ein Jahr nach Kriegsende reist Reinhardt zu seinem ehemaligen Weggefährten und Freund Stéphane Grappelli nach London. Die ersten gemeinsamen Aufnahmen mit einer englischen Rhythmusgruppe sind aus dem Stand heraus von ausgezeichneter Qualität – mehr noch, sie spiegeln geradezu den optimistischen Zeitgeist der Nachkriegszeit wieder und die Freude des Wiedersehens. Es entstehen neue Reinhardt-Kompositionen: u.a. „Nuages“, vielleicht eines der wichtigsten Django Stücke überhaupt, und mit Grappelli an der Violine in diesen Versionen weitaus eindringlicher als die 1940er Aufnahme. Auf Einladung Duke Ellingtons reist Django Reinhardt schließlich im November 1946 nach Amerika. Die erste Enttäuschung bleibt nicht aus, als dem ohne jegliches Gepäck angereisten Reinhardt der erwartete „Große Empfang“ versagt bleibt. Die ersten Konzerte mit Ellington, u. a. in Cleveland, Chicago oder St. Louis, verlaufen dennoch positiv. Auch drei Titel werden in diesem Zuge aufgenommen, Reinhardt fügt sich auf der elektrisch verstärkten Archtop nahtlos ins „Ellington Orchestra“ ein. Die Tour soll mit zwei Konzerten in der New Yorker Carnegie Hall enden - das erste wird ein voller Erfolg, zum zweiten erscheint Reinhardt erst gegen 23 Uhr. Dadurch verliert er bei den disziplinierten Amerikanern einiges an Sympathien, enttäuscht und deprimiert kehrt der sensible Musiker nach Paris zurück.
Reinhardt hat dann, beeinflusst von den Bildern van Goghs und Gauguins, selbst zu malen begonnen, eine alternative Ausdrucksform, die es ihm erlaubt sich zurückzuziehen. 1947 zeigt eine Ausstellung in Paris seine Werke.
Der Jazz entwickelt sich einstweilen weiter, der Bebop gewinnt zunehmend die Oberhand über den Swing und konfrontiert Django Reinhardt mit einer neuen Generation junger Musiker und komplexeren Anforderungen. Er sieht sich Veränderungen konfrontiert, soll sich nun anpassen und findet sich dabei in ungewohnter Rolle wieder. Deshalb setzt er einem Neuanfang mit dem klassischen „Quintette du Hot Club de France“ in ursprünglicher Besetzung nach einiger Zeit ein Ende, er sieht keine Möglichkeit der Weiterentwicklung und Veränderung. 1949 reist Reinhardt mit seinem Partner Grappelli nach Rom, sie werden von einer italienischen Rhythmusgruppe begleitet. In den RAI-Studios entstehen dabei eine Unmenge erfrischender Einspielungen, insgesamt rund 70 Titel von weitgehend exzellenter Qualität. Gegen Ende dieser Sessions entsteht mit „Manoir de mes Rêves“ der letzte Titel im Duett mit Stéphane Grappelli. Eine einzigartige und unnachahmliche Ära in der Geschichte des Jazz geht mit diesem wunderbaren Stück zu Ende. Leidenschaft und Wehmut quirlen hier förmlich aus beiden heraus, als ob die Aufnahme im „Drehbuch des Lebens“ als Abschiedsstück festgeschrieben gewesen wäre.
Reinhardt zieht sich im Folgenden nach Samois sur Seine zurück, angelt und malt; er erlebt seinen psychischen und damit auch seinen musikalischen Tiefpunkt – er vermag kaum noch zu spielen. Dann jedoch trifft der Jazzpromoter Norman Granz auf Django, 1953 im Pariser „Ringside“; Tourneen nach USA, Europa und Japan werden geplant, es kommt zu einem gemeinsamen Konzert mit Dizzy Gillespie und einigen Auftritten in der Schweiz, in England und Belgien. Reinhardt scheint sich im „Neuen Jazz“ gefunden und seine Spielfreude wieder zu haben; doch sämtliche Pläne zerschlagen sich – er stirbt am 16. Mai 1953 an den Folgen einer Gehirnblutung.

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