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Vielleicht bedarf es des Bruchs mit den gesellschaftlichen Konventionen,
oder wenigsten einer gehörigen Portion an Egozentrik, neue Wege einzuschlagen,
um die Kunst voran zu treiben, sie in sonst unerreichbare Höhen zu
treiben und Exempel zu statuieren. Als grundlegende Bedingung sei dies
freilich nicht zu verstehen, doch lehrt uns die Geschichte, dass doch
oft gerade diese „ich-bezogenen“ Charaktere zu außerordentlicher
Kreativität fähig sind.
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| L'or de Django - eine Empfehlenswerte
Compilation erschien 2003 als Doppel-CD mit 42 sorgsam remasterten
Tracks bei Dreyfus Jazz |
Django Reinhardt jedenfalls blieb es nicht
erspart, sich der elitären High Society der Pariser und globalen
Jazzszene anzupassen, dem Spagat seines Zigeunerstolzes und den Erwartungen
seines Umfeldes gerecht zu werden, ohne, und dies schien ihm zeitlebens
undenkbar, Zweifel an seiner Persönlichkeit aufkommen zu lassen.
Er war ein „Manouche“, wie sich die Romas in Frankreich bezeichnen,
geprägt von einem unbändigen Freiheitsdrang und steter Sprunghaftigkeit.
Einen Trumpf allerdings hatte Jean Baptiste Reinhardt seit Jugendjahren
im Ärmel - seine geniale Musikalität. Sie hob ihn stets ab von
all den anderen und ermöglichte ihm, sonstige Defizite geschickt
zu überdecken. Dass es ihm an Gentlemanship mangele und es nicht
genüge, nur gut zu spielen, ließ er sich jedoch nicht lange
nachsagen, hüllte sich in elegante Anzüge, trug feine Seidentücher
und machte sein Menjoubärtchen zum Markenzeichen. Wie ein Bruder
stand dem mitunter kindlich naiven Gitarristen sein Weggefährte Stéphane
Grappelli zur Seite, lehrte den Analphabeten wenigstens seinen Namen zu
schreiben und genoss, als einziger „Nicht Sinti“, Reinhardts
Vertrauen. An Cleverness mangelte es dem Zigeunerjungen, der bereits als
Kind in Paris eine Straßenbande anführte, jedenfalls nicht,
und als er schließlich zur Nummer eins unter den europäischen
Jazzgitarristen avancierte, wusste er dieses Pfund stets in die Waagschale
zu legen. Geradezu herrisch degradierte er um seiner Ziele willen seine
Mitmusiker zu Statisten, drückte seiner Musik jenen unverkennbaren
Stempel auf, der heute noch so unlöslich mit ihm assoziiert wird.
„Stilbildend“ klingt abgedroschen - eine Floskel; geben wir
lieber Djangos Sohn Babik das Wort: „Django has influenced musical
gypsy culture, he brought jazz into gypsy culture“. „Zigeunerswing“
oder „Djangogitarre“ - wer weiß nicht, was damit gemeint
ist?
Die Prewar-Phase
Während in den 30er Jahren Charlie Christian und Eddy Lang in den
USA die Sologitarre im Jazz etablierten, führt Django Reinhardt die
alte Welt in die solistischen Geheimnisse der akustischen Gitarre ein.
Schon früh löst er sich von den traditionell französischen
Wurzeln der „Bals Musettes“, wo er bereits im Kindesalter
Akkordeonisten auf dem 6-saitigen Banjo begleitete, wechselt zur Gitarre
und fokussiert seine musikalischen Interessen auf den zeitgleich in Amerika
aufkommenden Swing. Im Gegensatz zu Christian, der als einer der Ersten
die Lautstärkevorteile der elektrischen Gitarre für sich zu
nutzen sucht, zieht Reinhardt zunächst das nuancenreichere Spiel
auf der akustischen Gitarre vor. Untrennbar ist seit dem der - unter Supervision
des italienischen Konzertgitarristen und Luthiers Mario Maccaferri - von
Selmer gebaute Gitarrentyp mit Django Reinhardt verbunden.
1929 sammeln und spielen befreundete Musiker im Pariser „Ca Gaze“
für den tief getroffenen Reinhardt, der sich nach einem Feuer in
seinem Wohnwagen schwere Brandverletzungen an der Greifhand zuzog. An
kleinem Finger und Ringfinger bleiben die Sehnen für immer verkürzt,
die Hand ist verkrüppelt, die Zukunft ungewiss. Zu Beginn der 30er
ist er zurück, spielt in unterschiedlichen Combos, lernt den Akkordeonisten
und Bassisten Louis Vola kennen und träumt von einer eigenen Band.
Er trägt die Idee eines reinen Saitenensembles an den Freund und
Förderer Emile Savitry, sowie Pierre Noutry vom „Hot Club de
France“, einer neu gegründeten Institution zur Förderung
des Jazz in Frankreich. Savitry, der sich später gern als Entdecker
Reinhardts verstand, macht Django mit den Platten von Duke Ellington,
Louis Armstrong und Joe Venuti bekannt. 1932 hört Reinhardt in Paris
erstmals den Violinisten Stéphane Grappelli, der gemeinsam mit
dem Saxophonisten André Ekyan auftritt. Unterdessen schickt Pierre
Noutry erste Aufnahmen an die Musikkritiker Hugues Panassié, John
Hammond in den USA und Jost van Praag in Holland – doch nur Letzterer
äußert sich positiv. Zwei Jahre später dann schließt
sich Reinhardt zunächst Ekyan und Grappelli an, bis es schließlich
im Herbst 1934 zum ersten Konzert des „Quartett du Hot Club de France“
kommt. Mit von der Partie sind Roger Chaput (git), Stéphane Grappelli
(vio) und Francis Luca (b), der wenig später durch Louis Vola ersetzt
wird. Djangos Bruder Joseph (git) komplettiert die Band schließlich
zum legendären „Quintette du Hot Club de France“, das
an der „Ecole Normale“ sein Debüt gibt. Die Rollen sind
klar verteilt: zwei Solisten, Reinhardt und Grappelli, werden von einer
kompakt aufgestellten Rhythmusgruppe getragen, der Begriff „Hot
Jazz“ ist geboren und das Quintett erlangt peu à peu Breitenwirkung.
Das anfangs skeptische Ultraphone Label spielt 1934 Aufnahmen in unterschiedlichen
Besetzungen ein - und schreibt damit Jazzgeschichte. Überhaupt mischen
sich aus einem Fundus europäischer und amerikanischer Musiker interessante
Konstellationen; Vokalisten wie beispielsweise Bert Marshall oder Freddy
Taylor werden vom „Quintette du Hot Club de France“ begleitet,
und natürlich sind auch Reinhardt und Grappelli als Solisten begehrte
Gäste anderer Bands. Das Quintett firmiert mitunter als „Stéphane
Grappelli and his Hot Four“, für Roger Chaput ist teils Pierre
Ferret an der Rhythmusgitarre zu finden, und auch sonst wird hier und
da experimentiert; doch im Stil bleibt man sich treu. Decca nimmt das
Quintett unter Vertrag, Klassiker wie der „Limehouse Blues“
oder Gershwins „Got Rhythm“ werden eingespielt. Auch eigene
Titel mischen sich alsbald ins Repertoire, „Swing Guitars“
oder „Sweet Chorus“ liefern phantasievolle Solis, bereichert
durch Reinhardts typische Octave Runs, Bendings und gefühlvolle Vibratos.
Superlative sind hier durchaus am Platz - seiner Zeit weit voraus formt
Django, ohne jede Scheu vor Neuem und frei jeglicher Berührungsängste,
eine bislang unbekannte Stilistik von ungeheuerer Dichte und treibendem
Drive. Duke Ellington bringt es Jahre später auf den Punkt, indem
er Reinhardt die Unfähigkeit unterstellt, einen unschönen Ton
spielen zu können. Überhaupt entwickelt sich das „Quintette
du Hot Club de France“ im Laufe der 30er Jahre hin zu seinem musikalischen
Höhepunkt. Allein 1937 entstehen unter Django Reinhardts Mitwirkung
über 100 Einspielungen in unterschiedlichen Besetzungen; längere
Engagements im „Big Apple“ und Auftritte im Rahmen der Weltausstellung
kommen hinzu. Zu erwähnen wären unbedingt die Recordings mit
Coleman Hawkins und Benny Carter, den er bereits im Jahr zuvor in Barcelona
begleitete. Reinhardt scheint von unerschöpflicher Kreativität
und Ideenreichtum beflügelt, mit ersten Soloaufnahmen (u. a. „Improvisation
No 1“ oder „Parfum“) etabliert er die Gitarre als Soloinstrument
außerhalb der Klassik. Aber auch seine Begleitqualitäten dürfen
nicht übersehen werden, „Alabama Bound“ oder „I’ve
Found My Baby“ im Duett mit Grappelli sind beste Beispiele dieser
Zeit, sie stellen beeindruckend unter Beweis, dass Reinhardt es trotz
seiner Behinderung an der Greifhand verstand, variable Harmonien zu gestalten.
Dass die Chemie zu dieser Zeit stimmt, hört man förmlich aus
den Takes heraus, nicht nur bei Reinhardts/Grappellis Eigenkomposition
„Minor Swing“, in dem sich die Musiker durch gegenseitige
Anfeuerungen zu Höchstleistungen treiben; die Spielfreude ist unverkennbar.
Reinhardt und Grappelli fühlen, denken und spielen die selbe musikalische
Sprache, untrennbar stehen die beiden Namen bis heute. Im Frühjahr
1939 ist Duke Ellington in Paris und besucht ein Konzert des „Quintettes“,
es entstehen vier Aufnahmen mit dessen Musikern. Der drohende Krieg verhindert
die geplante Welttournee, das Quintett, gerade in London aktiv, wird gesprengt,
nachdem Reinhardt aufgrund Englands Kriegsvorbereitungen nach Paris zurückkehrt
und Grappelli in London verbleibt. Gershwins „The Man I Love“
bleibt vorerst die letzte Einspielung in traditioneller Besetzung.
1940 bis 1953
Reinhardt ist gern gesehener Gast in unterschiedlichen französischen
Besetzungen, die unter dem amerikanischen Einfluss meistens dem Orchester-Swing
zugewandt sind. Ihm selbst fällt es leicht sich einzupassen, seine
improvisatorischen Fähigkeiten sind von jeher bestechend. Ein Jahr
später wird das „Quintette du Hot Club de France“ mit
Hubert Rostaing (kla) und Pierre Fouad (dm) reaktiviert, das grundlegende
Konzept des reinen Saitenensembles ist damit aufgegeben, die Rhythmusgitarre
verliert an Bedeutung. Natürlich orientiert sich Reinhardt dabei
an aktuellen Strömungen, der Sound wirkt zunehmend moderner und glatt
gestrichen, ohne aber an gitarristischer Qualität einzubüßen.
Ansonsten wendet sich der Meister verstärkt der Komposition zu, die
Anerkennung wächst und im November 1945 werden gar Orchesteraufnahmen
mit Musikern Glenn Millers eingespielt. Ein Jahr nach Kriegsende reist
Reinhardt zu seinem ehemaligen Weggefährten und Freund Stéphane
Grappelli nach London. Die ersten gemeinsamen Aufnahmen mit einer englischen
Rhythmusgruppe sind aus dem Stand heraus von ausgezeichneter Qualität
– mehr noch, sie spiegeln geradezu den optimistischen Zeitgeist
der Nachkriegszeit wieder und die Freude des Wiedersehens. Es entstehen
neue Reinhardt-Kompositionen: u.a. „Nuages“, vielleicht eines
der wichtigsten Django Stücke überhaupt, und mit Grappelli an
der Violine in diesen Versionen weitaus eindringlicher als die 1940er
Aufnahme. Auf Einladung Duke Ellingtons reist Django Reinhardt schließlich
im November 1946 nach Amerika. Die erste Enttäuschung bleibt nicht
aus, als dem ohne jegliches Gepäck angereisten Reinhardt der erwartete
„Große Empfang“ versagt bleibt. Die ersten Konzerte
mit Ellington, u. a. in Cleveland, Chicago oder St. Louis, verlaufen dennoch
positiv. Auch drei Titel werden in diesem Zuge aufgenommen, Reinhardt
fügt sich auf der elektrisch verstärkten Archtop nahtlos ins
„Ellington Orchestra“ ein. Die Tour soll mit zwei Konzerten
in der New Yorker Carnegie Hall enden - das erste wird ein voller Erfolg,
zum zweiten erscheint Reinhardt erst gegen 23 Uhr. Dadurch verliert er
bei den disziplinierten Amerikanern einiges an Sympathien, enttäuscht
und deprimiert kehrt der sensible Musiker nach Paris zurück.
Reinhardt hat dann, beeinflusst von den Bildern van Goghs und Gauguins,
selbst zu malen begonnen, eine alternative Ausdrucksform, die es ihm erlaubt
sich zurückzuziehen. 1947 zeigt eine Ausstellung in Paris seine Werke.
Der Jazz entwickelt sich einstweilen weiter, der Bebop gewinnt zunehmend
die Oberhand über den Swing und konfrontiert Django Reinhardt mit
einer neuen Generation junger Musiker und komplexeren Anforderungen. Er
sieht sich Veränderungen konfrontiert, soll sich nun anpassen und
findet sich dabei in ungewohnter Rolle wieder. Deshalb setzt er einem
Neuanfang mit dem klassischen „Quintette du Hot Club de France“
in ursprünglicher Besetzung nach einiger Zeit ein Ende, er sieht
keine Möglichkeit der Weiterentwicklung und Veränderung. 1949
reist Reinhardt mit seinem Partner Grappelli nach Rom, sie werden von
einer italienischen Rhythmusgruppe begleitet. In den RAI-Studios entstehen
dabei eine Unmenge erfrischender Einspielungen, insgesamt rund 70 Titel
von weitgehend exzellenter Qualität. Gegen Ende dieser Sessions entsteht
mit „Manoir de mes Rêves“ der letzte Titel im Duett
mit Stéphane Grappelli. Eine einzigartige und unnachahmliche Ära
in der Geschichte des Jazz geht mit diesem wunderbaren Stück zu Ende.
Leidenschaft und Wehmut quirlen hier förmlich aus beiden heraus,
als ob die Aufnahme im „Drehbuch des Lebens“ als Abschiedsstück
festgeschrieben gewesen wäre.
Reinhardt zieht sich im Folgenden nach Samois sur Seine zurück, angelt
und malt; er erlebt seinen psychischen und damit auch seinen musikalischen
Tiefpunkt – er vermag kaum noch zu spielen. Dann jedoch trifft der
Jazzpromoter Norman Granz auf Django, 1953 im Pariser „Ringside“;
Tourneen nach USA, Europa und Japan werden geplant, es kommt zu einem
gemeinsamen Konzert mit Dizzy Gillespie und einigen Auftritten in der
Schweiz, in England und Belgien. Reinhardt scheint sich im „Neuen
Jazz“ gefunden und seine Spielfreude wieder zu haben; doch sämtliche
Pläne zerschlagen sich – er stirbt am 16. Mai 1953 an den Folgen
einer Gehirnblutung.
... der vollständige Text befindet sich
in Heft 1/05 ab Seite 30! 
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